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14.10.2020

Welternährungstag: Pandemie verschärft Hunger

Jedes Jahr am 16. Oktober machen die Vereinten Nationen auf die Ernährungssituation und den Hunger weltweit aufmerksam. Obwohl die Zahl der Hungernden insgesamt zwischenzeitlich leicht zurückgegangen war, wächst sie seit 2014 wieder stetig. Die Corona-Pandemie könnte diese Entwicklung weiter verschärfen.

Mann mit Mund-Nasen-Schutz hält frisch geerntete Maiskolben in einem Maisfeld in Venezuela, 13.09.2020Ökonomische Bedingungen und politische Instabilität bleiben eine Hauptursache für Hunger. Die Corona-Krise verschärft das Problem weltweit – auch in Venezuela (Bild). (© picture-alliance/AP, Matias Delacroix)

Fast 690 Millionen Menschen weltweit litten im vergangenen Jahr an dauerhafter Unterernährung – das geht aus dem aktuellen Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) hervor. Jedes Jahr am 16. Oktober soll der Welternährungstag auf die globale Ernährungssituation und den Hunger aufmerksam machen. Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie ruft die FAO dazu auf, Ernährungssysteme weltweit widerstandsfähiger, nachhaltiger und krisenfester zu gestalten.

Den Welternährungstag gibt es seit November 1979. Er wurde auf Beschluss der Vereinten Nationen eingeführt und wird jeweils am Jahrestag der Gründung der FAO begangen. In diesem Jahr markiert der Welternährungstag gleichzeitig auch das 75-jährige Gründungsjubiläum der Organisation. Die FAO hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft, einer besseren Ernährungssituation sowie zur Überwindung von Hunger und Unterernährung beizutragen. Gemeinsam mit den Vereinten Nationen trägt die FAO das World Food Programme (WFP), das als humanitäre Organisation insbesondere in Konflikt- und Krisenregionen Nothilfe leistet und in diesem Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Zahl der hungernden Menschen steigt

Die FAO schreibt in ihrem gemeinsam mit IFAD, UNICEF, WFP und WHO herausgegebenen Jahresbericht 2020, dass die Zahl der chronisch hungernden Menschen seit 2014 wieder stetig steigt. Demnach waren im Jahr 2019 knapp 690 Millionen Menschen auf der Welt von Hunger betroffen – das waren 60 Millionen Menschen mehr als fünf Jahre zuvor. Ein ähnlicher Trend zeige sich bei der Zahl der Menschen, die unter schwerer Ernährungsunsicherheit leiden. 750 Millionen Menschen – und damit jede zehnte Person weltweit – waren davon betroffen.

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Wie misst man Hunger?

Es gibt unterschiedliche Indikatoren für Hunger. Nach Definition der FAO leidet ein Mensch an chronischem Hunger oder Unterernährung, wenn die tägliche Energiezufuhr für einen längeren Zeitraum unter dem Bedarf liegt, der für ein normales, aktives und gesundes Leben benötigt wird.

Von Ernährungsunsicherheit spricht die FAO, wenn der Zugang zu nährstoffreichen und ausreichenden Nahrungsmitteln nicht dauerhaft sichergestellt ist – zum Beispiel, weil die Nahrung nicht verfügbar ist oder weil Personen nicht über ausreichend Ressourcen verfügen, um sie zu erhalten. Schwere Ernährungsunsicherheit bedeutet, dass eine Person mindestens einen Tag des Jahres ohne Essen verbringen muss.

Neben chronischem Hunger sind Menschen auch von akuten Hungerkrisen betroffen, zum Beispiel aufgrund von Konflikten oder Naturkatastrophen. Im Jahr 2019 betraf das laut eines Berichts des WFP rund 135 Millionen Menschen in 55 Ländern.

Weitet man den Fokus noch ein wenig und betrachtet die Zahl derer, die nicht regelmäßig Zugang zu ausreichend gesunden und nahrhaften Lebensmitteln hatten, ergibt sich noch eine größere Dimension des Hungerproblems: etwa zwei Milliarden Menschen hatten im Jahr 2019 damit zu kämpfen, also gut jeder vierte Mensch auf der Erde. Damit sei die Welt nach Angaben der FAO weit davon entfernt, das zweite der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen zu erreichen – nämlich den Hunger auf der Welt bis 2030 zu beenden.

Hunger ist weltweit sehr ungleich verbreitet. Die große Mehrheit der Hungernden lebt in den so genannten Entwicklungsländern. Eine Folge aus der Reihe "Mit offenen Karten". (© 2018 Arte France)

Subsahara-Afrika ist immer stärker von Hunger betroffen

Regional ergeben sich laut FAO signifikante Unterschiede bei der Entwicklung der globalen Ernährungssituation. Mehr als die Hälfte der hungernden Menschen – rund 380 Millionen – lebte 2019 in Asien. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ist der Anteil von unterernährten Menschen an der Bevölkerung dort jedoch seit 2015 um 0,5 Prozentpunkte auf 8,3 Prozent gefallen. Für das Jahr 2030 erwartet die FAO, dass nur noch 6,6 Prozent der Menschen in Asien unterernährt sein werden. In absoluten Zahlen ausgedrückt beträfe dies dann 329 Millionen Menschen.

Auf dem afrikanischen Kontinent betrifft Hunger vor allem die Staaten südlich der Sahara. Demnach lag der Anteil von unternährten Menschen an der Bevölkerung in der Region bei 19,1 Prozent im Jahr 2019. Für das Jahr 2030 prognostiziert die FAO gar, dass 29,7 Prozent der Menschen in Subsahara-Afrika an Unterernährung leiden könnten. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung in vielen Staaten. Demnach könnten 2030 insgesamt 433 Millionen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent an Unterernährung leiden, doppelt so viele wie noch 2015. Damit wäre Afrika nicht nur prozentual, sondern auch in absoluten Zahlen der Kontinent, der am stärksten von Unterernährung betroffen wäre.

Auch in Lateinamerika und der Karibik sind immer mehr Menschen von Unterernährung betroffen – ihr Anteil an der Bevölkerung stieg von 6,2 im Jahr 2015 auf 7,4 Prozent im Jahr 2019 – oder von 38,8 Millionen auf 47,7 Millionen Menschen. Besonders hoch war der Anteil der hungernden Bevölkerung in den karibischen Staaten.

Vielfältige Ursachen für Hunger

Hunger ist ein strukturelles Problem, dessen Ursachen vielfältig sind. Hauptursache für chronischen Hunger ist extreme Armut: Den betroffenen Personen fehlt häufig das Geld, um sich mit ausreichend Nahrung zu versorgen oder sie verfügen nicht über die nötigen Ressourcen, um selbst ausreichend Nahrung anzubauen. Außerdem zählen Kriege und Konflikte, Naturkatastrophen, Ungleichheit, die Strukturen des Welthandels, schlechte Regierungsführung und der Klimawandel zu den Gründen. Auch die ungleiche Verteilung von Land kann Hunger auslösen. Manche Probleme sind regionalspezifisch, andere betreffen globale Strukturen wie z. B. Handelsbeziehungen.

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Bereits seit Jahrzehnten diskutieren nationale Regierungen und internationale Organisationen Strategien und Lösungen im Kampf gegen Hunger. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass weltweit genügend Nahrung hergestellt wird, um alle Menschen zu ernähren. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen verfolgt die Absicht, den Hunger weltweit zu beenden. Dazu sollen u. a. soziale Sicherungssysteme zur Armutsbekämpfung gestärkt, der Zugang zu lokalen Märkten erleichtert und eine nachhaltige Landwirtschaft gefördert werden.

Corona-Pandemie verstärkt Probleme

Die Corona-Pandemie könnte bestehende Probleme noch verstärken. Zwar gibt der FAO-Bericht zu bedenken, dass das volle Ausmaß der Pandemie-Folgen auf die Welternährungssituation bisher noch gar nicht abzuschätzen sei. Nach bisherigen Schätzungen jedoch könnten durch die wirtschaftlichen Effekte der Corona-Krise 83 bis 132 Millionen Menschen zusätzlich von Unterernährung betroffen sein. Dieser Wert werde sich zwar verringern, wenn im kommenden Jahr die Wirtschaftsleistung – so wie bisher prognostiziert – wieder wächst. Dennoch hält es die FAO für wahrscheinlich, dass die Zahl der Unternährten Ende 2021 höher liegen wird als in einer Welt, in der es keine Pandemie gegeben hätte. FAO-Direktor David Beasley warnte bereits im April im UN-Sicherheitsrat davor, dass Corona eine "Hunger-Pandemie" auslösen könnte.

Besonders drastisch haben sich die Verhältnisse für Kinder durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise verschlechtert. Laut Zahlen des UN-Kinderhilfswerks Unicef sind durch die Pandemie weltweit rund 150 Millionen Kinder zusätzlich von multidimensionaler Armut betroffen – das heißt, es mangelt ihnen und ihren Familien nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch am Zugang zu Ressourcen wie Bildung, Gesundheitsfürsorge, Nahrungsmitteln und sauberem Trinkwasser.

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