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Die „Vulkangruppe(n)“: Ein neuer Linksterrorismus? Eine Analyse zu Anschlägen zwischen Sabotage und Terrorismus

Armin Pfahl-Traughber

/ 11 Minuten zu lesen

Mit einem Anschlag auf die Energieversorgung in Berlin rückte die linksextreme Vulkangruppe in den Fokus der Aufmerksamkeit, die sich schon 2011 gegründet haben soll. Was ist bislang bekannt?

Eine digitale Anzeige mit dem Fahndungsaufruf für Hinweise zum Anschlag auf das Stromnetz im Süden von Berlin am 03. Januar.

Ein Anschlag in Berlin führte am 3. Januar 2026 dazu, dass Bewohner der Stadt tagelang keinen Strom hatten. Betroffen davon war das Gaskraftwerk in Lichterfelde, denn es ist für die Energieversorgung von um die 45.000 Haushalte zuständig. Zu der Aktion bekannte sich eine „Vulkangruppe“. Auch frühere Anschläge gingen auf eine solche Gruppierung zurück, wobei deren genaue Hintergründe den Sicherheitsbehörden offenbar nicht bekannt sind. Gleichwohl lassen sich einige Ausführungen zu der Gruppe oder den Gruppen machen, blickt man auf die einschlägigen Bekennerschreiben und entsprechenden Taten. Indessen müssen alle Darstellungen dazu als vorbehaltlich wahrgenommen werden, denn auch andere Hintergründe sind potentiell möglich. Viel spricht viel für einen linksextremistischen Akteur, der dabei ein besonderes Handlungsfeld für sich entdeckt hat. Die folgenden Ausführungen wollen hierzu die bisherigen Erkenntnisse einordnen. Dabei geht es auch um eine analytische Einschätzung hinsichtlich der Frage eines neuen Linksterrorismus.

Erste Anschläge im Namen der „Vulkangruppe(n)“

Am Beginn steht der Blick auf frühere Praktiken in diesem Sinne, denn seit 2011 agiert eine Gruppe oder agieren mehrere Gruppen mit ähnlichen Selbstbezeichnungen. Man darf darin eine Anspielung auf seinerzeitige Ereignisse in Island sehen. Denn dort kam es zum Ausbruch mehrerer Vulkane. Dies führte zeitweilig zur Einstellung des Flugbetriebs, befürchtete man doch Gefahren für die Sicherheit. Ersten Anschlägen folgten auch Bekennerschreiben, die Anspielungen auf isländische Vulkane enthielten. Beispiele dafür waren „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ oder „Das Hekla-Empfangskomitee“. Deren erste Aktivitäten bis 2013 richteten sich gegen die Bahninfrastruktur, wovon insbesondere die Stromversorgung für den Verkehr betroffen war. Es gab aber auch Bekennerschreiben mit Erklärungen, die gegen den damaligen Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gerichtet waren. Formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten führten in den Sicherheitsbehörden dazu, dass man von einem relativ einheitlichen Personenkreis von Verantwortlichen ausging.

Folgende Anschläge als Fortsetzung bisheriger Praktiken

Zunächst schien es sich bei den Anschlägen um eine abgeschlossene Entwicklung zu handeln, denn zwischen 2013 und 2018 gab es keine Aktivitäten. Danach kam es aber zu einer Fortsetzung. Diverse Gemeinsamkeiten sprechen aber als Indizien dafür, dass es sich um denselben Personenkreis handelte. Die Anschläge seit 2018 richteten sich erneut gegen die Stromversorgung, bzw. die öffentliche Infrastruktur als primäres Ziel. Warum Jahre zwischen den Anschlägen vergingen, ist unklar. Gleichwohl knüpften die Akteure jeweils direkt oder indirekt an vorherige Handlungen an, in zwei Fällen auch durch ein anderes Ziel. So war davon eine Baustelle der Tesla-Werke betroffen, wodurch es 2021 und 2024 zur zeitweisen Einstellung der Produktion kam. Erstmals wurden dabei derartige Anschläge auch außerhalb von Berlin begangen, nämlich in Brandenburg und dort in Grünheide.

Anschlagsobjekte aus dem Bereich der „kritischen Infrastruktur“

Die hauptsächlichen Anschlagsobjekte gehörten primär zur „Kritischen Infrastruktur“. Diese Formulierung steht für eine Sammelbezeichnung, die auf die gesellschaftliche Daseinsversorgung durch entsprechende Einrichtungen verweist. Es geht dabei auch um die Aufrechterhaltung des Gemeinwesens, etwa durch die Energie- und Wasserversorgung. Die Bezeichnung „kritisch“ wirkt etwas irritierend, sie meint hier die für die öffentliche Sicherheit bedeutsame Systemrelevanz. Bei den erwähnten Anschlägen ging es insbesondere um die Energieversorgung, die auch für die breite Bevölkerung und nicht nur für bestimmte Unternehmen relevant war und ist. Diesem Aspekt kommt noch große Bedeutung zu, ist er doch für den Gesichtspunkt der „Vermittlung“ überaus wichtig. Denn ein Abschneiden von der Energiezufuhr ist von alltäglicher Relevanz, etwa auch für Krankenhäuser, Pflegeheime oder Sozialeinrichtungen. Damit einhergehende Folgen wurden offenkundig als Kollateralschäden in Kauf genommen.

Ideologische Aussagen in öffentlichen Erklärungen

So stellt sich auch die Frage nach dem politischen Hintergrund der Taten, wobei man angesichts genauerer Kenntnisse zu den Tätern nur mit nachvollziehbaren Vermutungen arbeiten kann. Ein Ansatzpunkt bilden die ideologischen Aussagen in den öffentlichen Erklärungen, fanden sich doch nach den Anschlägen jeweils Bekennerschreiben auf einer linksextremistischen Internetseite. Bereits hier müssen hinsichtlich der Authentizitätsfrage aber bestimme Einschränkungen gemacht werden, denn auf solchen Internetseiten können auch Veröffentlichungen ohne besondere Prüfung erfolgen. Blickt man auf diese Bekundungen oder Selbstbezeichnungen, so handelt es sich um militante Linksextremisten in einem anarchistischen Sinne. „Einige Anarchist:innen“ als Bezeichnung unter einer solchen Erklärung steht dafür. Gleiches gilt angesichts einer bekundeten Frontstellung, die sich gegen einen angeblich „repressiven Staat“ wendet. Auch spricht eine antikapitalistische Einstellung, welche sich gegen „die Reichen“ richtet, für eine derartige Zuordnung.

Aussagen in einem Bekennerschreiben als Fallbeispiel

Um einen genaueren Einblick in die bekundeten inhaltlichen Positionen zu vermitteln, sei dazu das Bekennerschreiben zum einleitend erwähnten Fall thematisiert. Überschrieben ist es mit „Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit. Nur Mut. Militante Neujahrsgrüße 2026“ und als Autor hinter „von“ ist genannt: „Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen“. Darin heißt es zur Begründung: „Die Sabotage des Gaskraftwerks ist u.a. eine notwendige Maßnahme gegen den Ausbau der fossilen Gaskraftwerke in Deutschland.“ Demnach will man gegen eine derartige Ausrichtung der Energieversorgung protestieren. Außerdem steht in der Erklärung: „Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten. Wir können das Ende der imperialen Lebensweise einleiten. Wir können den Raubbau an der Erde stoppen.“ Diese Ausführungen deuten ein angeblich ökologisches Motiv an, wobei insbesondere in der „fossilen Energiegewinnung“ eine Gefahr gesehen wird. Deren Auswirkungen wolle man mittels „Handarbeit“ stoppen, womit der erwähnte Anschlag auf die Energieversorgung gemeint ist.

Annahmen zu ideologischen Hintergründen und Relevanzen

Derartige Ausführungen erlauben noch weitere Deutungen zum personellen Hintergrund. Dabei verstehen sich die folgenden Einordnungen lediglich als korrigierbare Hypothesen angesichts des bisherigen geringen Wissens: Demnach hätte man es mit linksextremistischen Akteuren zu tun, wofür insbesondere die thematisierten Feindbilder sprechen. Es deutet sich darüber hinaus eine Ausrichtung an einem „Öko-Anarchismus“ an, welcher für Deutschland in dieser Form eher neu ist, gleichwohl im englischsprachigen Raum mit höherer Relevanz bereits länger existiert. Auffällig ist in der Anschlagserklärung der Sprachgebrauch, da nicht, wie sonst üblich, die „Kapitalisten“, sondern pauschal die „Reichen“ als Feindbild adressiert werden. Dies spricht für eine ideologische Ausrichtung mit dem gemeinten „öko-anarchistischen“ Bezug, der in Deutschland über keine größere Tradition verfügt. Demnach dürfte es sich bei den Gemeinten um eine Gruppe handeln, welche auch im gewaltorientierten Linksextremismus bislang eher von marginaler Relevanz ist.

Ausrichtung an anarchistischen Deutungen und Strategien

Ideengeschichtlich betrachtet kann eine Ausrichtung an bestimmten anarchistischen Deutungen und Strategien vermutet werden: Bei dem erstgenannten Aspekt geht es um eine besondere Auffassung, die als „Anarcho-Primitivismus“ und „Insurrektionalismus“ bezeichnet wird. Gemeint ist damit eine Einstellung, die gerade im technischen Fortschritt etwas Verwerfliches sieht. Eine derartige Haltung besteht aber offenbar nicht durchgängig bei den „Vulkangruppe(n)“, eher weniger bei der Gruppe von 2011 und eher mehr bei der Gruppe von 2026. Zumindest existiert in den jeweiligen Bekennerschreiben eine derartige Differenz, die aber mangels genauerer Erklärungen keiner näheren Untersuchung unterzogen werden kann. Demgegenüber steht eine Aufstandsoption für einen „Insurrektionalismus“, also das kontinuierliche Agieren als „Erhebung“. Davon wurde bereits als „Direkte Aktion“ im frühen 20. Jahrhundert gesprochen, wobei es um politische Botschaften durch gewalttätige Handlungen ging. Eine inhaltliche Übereinstimmung ist hier größer.

Inhaltliche Differenzen in öffentlichen Statements

Derartige Deutungen stehen indessen nicht für ein geringeres Gefahrenpotential, kann doch gerade die Gewaltintensität aufgrund einer empfundenen Isolation ansteigen. Bei dem erwähnten Anschlag kam noch eine formale Distanzierung hinzu, welche ebenfalls auf einer linksextremistischen Internet-Plattform von einer „Vulkangruppe der Jahre 2011“ (sic!) vorgenommen wurde. Darin heißt es: „Unser früheres Handeln wird benutzt, um aktuelle Angriffe zu legitimiren (sic!), zu erklären oder politisch aufzuladen. Das weisen wir zurück.“ Damals habe man gegen „deutsche Kriegsbeteiligung und Waffenexporte“ agieren wollen, „nicht gegen gesellschaftliche Grundversorgung, nicht gegen Menschen im Alltag.“ Gerade der letztgenannte Aspekt dürfte die Distanzierung erklären, waren doch von dem Anschlag auch viele „weniger wohlhabende Menschen“ betroffen. Offenkundig sah hierbei die ältere Gruppe auch ein Problem der Vermittlung. Aufgrund dieser Differenzen ist in der vorliegenden Erörterung auch die Rede von den „Vulkangruppe(n)“.

Auswirkungen auf die Gesellschaft

Dem eigentlichen Bekennerschreiben nach hatte die Gruppe von 2026 sehr wohl berücksichtigt, dass es zu massiven Auswirkungen auf einfache Bürger kommen würde. Der Ausfall der Heizung hätte etwa zu Hotelaufenthalten bei den „Reichen“ geführt, während sich die ärmeren Bewohner so etwas nicht als Notlösung hätten leisten können. Es ist in der Erklärung bezogen auf „weniger wohlhabende Menschen“ auch die Rede von bloßen „Unannehmlichkeiten“, was von Älteren und Ärmeren in ihrer besonderen Lebenssituation sicherlich als bloßer Zynismus wahrgenommen wurde. Die Dimension der Folgen sind nur schwer vorstellbar, aus allgemeinen Daten können nur einschlägige Vermutungen abgeleitet werden. In Berlin hatten um die 45.000 Haushalte keine Heizung und keinen Strom in einer extrem kalten Winterphase. Auch angesichts der hohen Betroffenheit von vielen Menschen entstand so eine beschwerliche und dramatische Situation. Derartige Dimensionen waren erwartbar und offenbar auch Kalkül bei den Taten.

„Kommando Angry Birds“ als ähnliches Phänomen

Ein ähnliches Agieren wie in Berlin lässt sich ebenso für andere Regionen konstatieren. Als Beispiel dafür sei die Gruppierung „Kommando Angry Birds“ in Nordrhein-Westfalen genannt, welche ab 2023 Anschläge auf bedeutende Bahnverbindungslinien zwischen größeren Städten durchführte. Dadurch kam es zu massiven Beeinträchtigungen des Schienenverkehrs, etwa zwischen Duisburg und Düsseldorf. Da dort sowohl große Anteile des Fern- wie Nahverkehrs durchfahren, kam es mit wenig Aufwand bei der Tat zu großen Wirkungen. Außerdem wurden technische Anleitungen für derartige Anschlagspraktiken verbreitet, um andere Gruppierungen zu Nachahmungstaten zu motivieren. Genauere Belege für Kooperationen mit den „Vulkangruppe(n)“ liegen offenbar nicht vor, gleichwohl besteht angesichts vieler Gemeinsamkeiten für derartige Kontakte eine begründete Vermutung. Gleiches dürfte für Gruppen aus dem Münchener Raum gelten, erfolgen dort doch seit 2018 immer wieder Anschläge auf die Infrastruktur mit hohem Sachschaden.

Klimabewegung und „Vulkangruppe(n)“ im Zusammenhang

Die erwähnten Aktivitäten beziehen sich thematisch auf ein bestimmtes Handlungsfeld einer Protestbewegung, womit die Klimabewegung und deren Kontext zu den „Vulkangruppe(n)“ thematisiert werden soll. Diesen Ausführungen muss die Feststellung vorangestellt werden, dass es sich bei einer sozialen Bewegung immer um ein komplexes Phänomen handelt. Die meisten Akteure der Klimabewegung dürften derartige Praktiken ablehnen. Gleichwohl gab es in der Bewegung auch bekannte Repräsentanten, die bereits länger für eine Praxis der Sabotage plädierten. Genau in diesem inhaltlichen Kontext bestehen Schnittmengen, also auch einige Gemeinsamkeiten mit der/den „Vulkangruppe(n)“. Mittlerweile kommt der Klimabewegung als Protestphänomen keine so große Relevanz mehr zu. Es wurde aber auch früher innerhalb der Bewegung versäumt, hierzu eine klare Position zu beziehen. Insofern bemühen sich die gewaltorientierten Gruppen darum, als deren konsequente Nachfolger wahrgenommen zu werden. In der kriselnden Protestbewegung dominiert bei Anschlägen auf die Infrastruktur eher Schweigen.

Ambivalenzen bei der Anschlagspraxis der Gruppen

Blickt man auf die Anschlagsauswahl der „Vulkangruppe(n)“, so lassen sich dabei Ambivalenzen zur eigenen Einstellung ausmachen: Eigentlich beabsichtigen die Akteure doch, die fossile Energienutzung zu überwinden. Diese Einstellung würde nahelegen, gerade nicht gegen bestimmte Unternehmen vorzugehen. So gilt die Deutsche Bahn etwa als umweltfreundlichstes Verkehrsmittel. Gleichwohl richten sich die Anschläge gerade gegen die Bahn, was aber nicht die Frage nach der klimapolitischen Legitimation aufkommen lässt. Demgegenüber dominiert die Auffassung von einem großen Logistikunternehmen, das Bestandteil des negierten „Kapitalismus“ sein soll. Darüber hinaus erklärt sich die gezielte Beschädigung von Gleisanlagen und Kabelsträngen auch dadurch, dass diese Praktiken angesichts fehlender Sicherheitsmaßnahmen von den Tätern umso einfacher umgesetzt werden können. Derartige Ambivalenzen erfahren kaum öffentliche Kritik, dominiert doch auch hierzu eher diskursive Ignoranz in der breiteren Klimabewegung.

Einordnungen zur Frage eines möglichen Terrorismus

Nach den erwähnten Anschlägen setzte eine öffentliche Debatte darüber ein, ob es sich hier um eine neue Form des Linksterrorismus handele. Während einerseits eine Angemessenheit für die Einordnung nahegelegt wurde, wurde andererseits eine Gleichsetzung mit der früheren RAF verworfen. Beide Seiten ignorierten dabei das genaue Terrorismusverständnis: Damit sind in der Extremismusforschung bekanntlich Formen politisch motivierte Gewalt gemeint, die mit höherem Intensitätsgrad, intensiverer Planung, kontinuierlicher Praxis und geplanter Wirkung einhergehen. Blickt man auf die bisherigen Ausführungen, so sind viele Merkmale erfüllt. Diese Erkenntnis bedingt aber keine Gleichsetzung mit der RAF, die angesichts ihrer mörderischen Praxis eine spezifische Terrorismusform verkörperte. An deren Anfang standen kontinuierliche Anschläge gegen Einrichtungen, womit bereits für eine niedrigere Ebene die Merkmale von Terrorismus erfüllt waren. Dies gilt auch für den vorliegenden Fall.

Bilanzierende Einschätzung der „Vulkangruppe(n)“

Wie lassen sich in der Bilanz die thematisierten „Vulkangruppe(n)“ einschätzen? Eine Antwort auf diese Frage muss erneut an das Problem eines unsicheren Wissens erinnern. Wagt man dazu gleichwohl eine Bewertung, so würde diese in folgender Skizze bestehen: Es handelt sich um eher eigenständige kleinere Gruppen, die als informelles Netzwerk bestehen. Deren Akteure dürften aus der Autonomen-Szene kommen, aber auch Erfahrungen aus linken Protestbewegungen mitbringen. Eine Begrenzung politischer Handlungen auf eine legale Praxis lehnt man ab, was ebenso für eine Frontstellung gegenüber den etablierten linken Parteien steht. Aus dieser Grundhaltung heraus ergibt sich die Option, mit Anschlägen eine politische Veränderung voranzutreiben. Dies schließt konkrete Gewaltpraktiken mit ein, welche für einen linken Terrorismus stehen. Aufgrund der eher geringen Gewaltintensität, die bewusste Körperverletzungen oder Morde ausschließt, darf gegenwärtig hier von einem existenten, aber niedrigschwelligen terroristischen Phänomen gesprochen werden.

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Armin Pfahl-Traughber, Dipl.-Pol., Dipl.-Soz., Jg. 1963, ist hauptamtlich Lehrender an der Hochschule des Bundes in Brühl mit den Schwerpunkten Extremismus und Ideengeschichte, Lehrbeauftragter an der Universität zu Bonn mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Herausgeber des seit 2008 erscheinenden Jahrbuchs für Extremismus- und Terrorismusforschung (Brühl).