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Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD

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Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD

Frank Decker

/ 3 Minuten zu lesen

In Ostdeutschland erreicht die AfD im Schnitt doppelt do hohe Stimmanteile wie im Westen. In Sachsen war sie bei der Bundestagswahl 2017 stärkste Partei. Zwei Drittel der AfD-Wähler sind männlich, ihre Wähler weisen eine größere Nähe zu rechtsextremen Überzeugungen auf als Wähler anderer Parteien.

Teilnehmer einer Kundgebung der AfD in Chemnitz: In Ostdeutschland erreicht die AfD im Schnitt doppelt so hohe Stimmanteile wie im Westen. Ihre Wähler sind überwiegend männlich und zwischen 35 und 59 Jahre alt. (© picture-alliance/dpa)

Die AfD ist die erste erfolgreiche Neugründung einer Partei im Mitte-Rechts-Lager des bundesdeutschen Parteiensystems. Gemessen am Ausmaß und an der Schnelligkeit ihrer Etablierung stellt sie auch die beiden linken Neuankömmlinge - die Grünen in den achtziger und die PDS/Linke seit den neunziger Jahren. Bei allen Landtagswahlen seit Mitte 2014 gelangte sie über die Fünfprozenthürde, bei der Bundestagswahl 2017 übertraf sie das bis dahin beste Ergebnis einer Rechtsaußenpartei aus dem Jahre 1969 (NPD: 4,3 Prozent) auf Anhieb um fast das Dreifache.

In Ostdeutschland (einschließlich des früheren Ost-Berlins) erreicht die AfD im Schnitt doppelt so hohe Stimmanteile wie im Westen. In absoluten Zahlen entfielen bei der Bundestagswahl 2017 dennoch fast zwei Drittel ihrer Stimmen auf die alten Bundesländer - das ist fast derselbe Wert wie bei der Linken. In vier der fünf ostdeutschen Länder wurde die AfD mit Werten zwischen 18,6 und 22,7 Prozent zweitstärkste Kraft, in Sachsen landete sie mit 27,0 Prozent sogar knapp vor der CDU auf Platz eins. Hier konnte sie zugleich drei Direktmandate gewinnen. Im Schnitt noch etwas bessere Ergebnisse verbuchte sie seit 2016 in Ostdeutschland bei den Landtagswahlen.

Im Westen erreichte die AfD ihre höchsten Landesergebnisse bei der Bundestagswahl in Bayern (12,4 Prozent), Baden-Württemberg (12,2 Prozent) und Hessen (11,9 Prozent), am schlechtesten schnitt sie in Hamburg und Schleswig-Holstein ab (7,8 bzw. 8,2 Prozent). Ihre besten Einzelergebnisse erzielte sie in den an der Grenze zu Tschechien gelegenen Wahlkreisen in Niederbayern, in Heilbronn und Pforzheim sowie im Main-Taunus-Kreis. Bei den seither stattgefundenen Landtagswahlen konnte die AfD lediglich in Hessen (Oktober 2019) mit 13,1 Prozent nochmals leicht zulegen, während sie in Bayern (Oktober 2018), Bremen (Mai 2019) und Hamburg (Februar 2020) hinter ihre dortigen Bundestagswahlergebnisse zurückfiel. Auch das Europawahlergebnis (Mai 2019) blieb mit 11,0 Prozent gemessen an den eigenen Erwartungen enttäuschend.

Aktuelle Wahlergebnisse der AfD

Wahlergebnisse bei den letzten Wahlen zu Landesparlamenten, dem Bundestag und dem Europäischen Parlament

Wahl Datum Prozentualer Anteil Stimmenanzahl
Anteil Gewinn
Verlust
Stimmen Gewinn
Verlust
Niedersachsen 15.10.2017 6,2% 6,2% 235.853 235.853
Bayern1 14.10.2018 10,2% 10,2% 1.388.622 1.388.622
Hessen 28.10.2018 13,1% 9,1% 378.692 251.786
Bremen2 26.05.2019 6,1% 0,6% 89.939 25.571
Europäisches Parlament 26.05.2019 11,0% 3,9% 4.104.453 2.034.439
Brandenburg 01.09.2019 23,5% 11,4% 297.484 177.407
Sachsen 01.09.2019 27,5% 17,7% 595.671 436.060
Thüringen 27.10.2019 23,4% 12,8% 259.382 159.837
Hamburg3 23.02.2020 5,3% -0,8% 215.306 473
Baden-Württemberg 14.03.2021 9,7% -5,4% 473.485 -336.079
Rheinland-Pfalz 14.03.2021 8,3% -4,3% 160.293 -108.335
Sachsen-Anhalt 06.06.2021 20,8% -3,4% 221.487 -51.009
Berlin 26.09.2021 8,0% -6,2% 145.712 -85.613
Bundestag 26.09.2021 10,3% -2,3% 4.803.902 -1.074.213
Mecklenburg-Vorpommern 26.09.2021 16,7% -4,1% 152.775 -15.077
Saarland 27.03.2022 5,7% -0,5% 25.719 -7.252
Schleswig-Holstein 08.05.2022 4,4% -1,5% 61.141 -25.570
Nordrhein-Westfalen 15.05.2022 5,4% -1,9% 388.768 -237.988

Fußnote: 1 Bayern: Gesamtstimmen (bis zu zwei Stimmen je Wähler)

Fußnote: 2 Bremen: Personen- und Listenstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Fußnote: 3 Hamburg: Landesstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Quelle: Der Bundeswahlleiter und Landeswahlleitungen.

Bei der Bundestagswahl 2017 wählten von den Männern 16,3 Prozent die AfD, von den Frauen nur 9,2 Prozent. Fast zwei Drittel der AfD-Wähler sind damit männlich, wobei es zwischen dem Osten und Westen in der Verteilung keine Unterschiede gibt. Bezogen auf die Altersgruppen ist die AfD am erfolgreichsten bei den mittleren Jahrgängen der zwischen 35- und 59-Jährigen, wo sie gut 15 Prozent erreicht. In der jüngsten (18 bis 24) und ältesten Gruppe (über 70 Jahre) schneidet sie dagegen mit jeweils 8 Prozent deutlich schlechter ab (Zahlen der repräsentativen Wahlstatistik).

Bezogen auf die Sozialstruktur der AfD-Wählerschaft kommen die vorliegenden Untersuchungen zu teilweise disparaten Befunden, was darauf hindeutet, dass monokausale Erklärungsversuche hier zu kurz greifen. So führen z.B. weder eine hohe Arbeitslosenquote noch ein höherer Ausländeranteil per se zu einer größeren Wahlbereitschaft der AfD. Im Westen scheint die AfD vor allen dort zu punkten, wo die Wähler ein unterdurchschnittliches Haushaltsaufkommen aufweisen und/oder einer Tätigkeit in der Industrie nachgehen. Im Osten ist sie in ländlichen Regionen stark, die unter Abwanderung leiden und ökonomisch abgehängt zu werden drohen. Arbeiter und Arbeitslose sind unter den Wählern zwar überdurchschnittlich vertreten, machen aber nur ein Viertel der AfD-Gesamtwählerschaft aus, während die übrigen drei Viertel auf Angestellte, Beamte und Selbständige entfallen. Auch bei den formalen Bildungsabschlüssen dominieren die mittleren Ränge (Niedermayer / Hofrichter 2016).

Ein klareres Profil ergibt sich, wenn man die Einstellungsmerkmale der Wählerschaft betrachtet. Die AfD-Wähler weisen hier zum einen im Vergleich zu den anderen Wählern ein wesentlich höheres Unzufriedenheitsniveau, zum anderen eine größere Nähe zu rechtsextremen Überzeugungen auf. Protest- und Einstellungswahl gehen bei der AfD insofern Hand in Hand und decken sich mit dem Selbstverständnis einer "Anti-Establishment-Partei". Am deutlichsten ablesbar sind die Unterschiede zur politischen Konkurrenz bei der Bewertung der Migrations- und Flüchtlingspolitik, wo die rigorose Ablehnungshaltung der AfD von ihren Wählern nahezu einhellig geteilt wird (Hambauer / Mays 2018). Wie die seit 2016 wieder angestiegene Wahlbeteiligung zeigt, konnte die AfD damit auch viele frühere Nichtwähler mobilisieren.

Quellen / Literatur

  • Bebnowski, David (2015), Die Alternative für Deutschland. Aufstieg und gesellschaftliche Repräsentanz einer rechten populistischen Partei, Wiesbaden.

  • Decker, Frank (2016), Die "Alternative für Deutschland" aus der vergleichenden Sicht der Parteienforschung, in: Alexander Häusler (Hg.), Die Alternative für Deutschland, Wiesbaden, S. 7-23.

  • Hafeneger, Benno u.a. (2018), AfD in Parlamenten. Themen, Strategien, Akteure, Frankfurt a.M.

  • Hambauer, Verena / Anja Mays (2018), Wer wählt die AfD? Ein Vergleich der Sozialstruktur, politischen Einstellungen und Einstellungen zu Flüchtlingen zwischen AfD-WählerInnen und der WählerInnen der anderen Parteien, in: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft 12 (1), S. 133-154.

  • Häusler, Alexander / Rainer Roeser (2015), Zwischen Euro-Kritik und rechtem Populismus: Merkmale und Dynamik des Rechtsrucks in der AfD, in: Andreas Zick / Beate Küpper, Wut, Verachtung, Abwertung. Rechtspopulismus in Deutschland, Bonn, S. 124-145.

  • Hensel, Alexander u.a. (2017), Die AfD vor der Bundestagswahl 2017. Vom Protest zur parlamentarischen Opposition, Frankfurt a.M. (Otto Brenner Stiftung, Arbeitsheft 91).

  • Kemper, Andreas (2014), Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD - eine Expertise, Berlin (Friedrich-Ebert-Stiftung).

  • Lewandowsky, Marcel (2018), Alternative für Deutschland (AfD), in: Frank Decker / Viola Neu (Hg.), Handbuch der deutschen Parteien, 3. Aufl., Wiesbaden, S. 161-170.

  • Niedermayer, Oskar (2015b), Eine neue Konkurrentin im Parteiensystem? Die Alternative für Deutschland, in: ders. (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2013, Wiesbaden, S. 175-207.

  • Niedermayer, Oskar / Jürgen Hofrichter (2016), Die Wählerschaft der AfD: wer ist sie, woher kommt sie und wie weit rechts steht sie?, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 47 (2), S. 267-284.

  • Ruhose, Febor (2020), Die AfD vor der Bundestagswahl 2021. Wirkung - Perspektiven - Strategien, Wiesbaden.

  • Schroeder, Wolfgang / Bernhard Weßels, Hg. (2019), Smarte Spalter. Die AfD zwischen Bewegung und Parlament, Bonn.

Fussnoten

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Frank Decker für bpb.de

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Prof. Dr. Frank Decker lehrt und forscht am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Parteien, westliche Regierungssysteme und Rechtspopulismus im internationalen Vergleich.