Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

3.3.2010 | Von:
Klaus Farin

Geschichte

In der jugendlichen Fußballfangemeinde gab es schon immer Fans, die sich nicht prügeln wollten, und andere, die keinem Kampf aus dem Weg gingen, vor allem, wenn die eigene Ehre oder die des Vereins auf dem Spiel standen. Wenn sich Männer in großen Ansammlungen bei Festivitäten zusammenballen, sind Chauvinismus und Gewalt meist nicht fern. Traditionell gesehen besonders dann, wenn die versammelten Männlichkeiten aus proletarischem Milieu stammen, und das war bei den jugendlichen Fußballfans bis in die Achtzigerjahre hinein in der Regel der Fall.

Beim Oberligaspiel FC Carl Zeiss Jena gegen FC Berlin im April 1990, klettern vermummte Fans über das Tribünenschutzgitter. Trotz eines großen Polizeiaufgebotes kam es zu Ausschreitungen.Beim Oberligaspiel FC Carl Zeiss Jena gegen FC Berlin im April 1990, klettern vermummte Fans über das Tribünenschutzgitter. Trotz eines großen Polizeiaufgebotes kam es zu Ausschreitungen. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (CC, Bundesarchiv, Bild 183-1990-0408-011 / Fotograf: Kasper, Jan Peter)
Die Hooligans der ersten Generation waren ausnahmslos fanatische Anhänger ihrer Vereine. Sie waren jahrelang als "Kutte" ins Stadion gepilgert - jeder Zentimeter behängt und bestickt mit den Insignien ihrer Identität -, hatten mit ihrem Verein gefiebert und gefeiert, getrauert und gehasst: den Schiedsrichter wegen seiner eklatanten Fehlentscheidungen, die gegnerischen Fans wegen ihrer protzigen Selbstzufriedenheit nach dem unverdient gewonnenen Spiel.

Anfang der Achtzigerjahre spaltete sich die Fangemeinde. Die "Hooligans" separierten sich plötzlich von den Kutten, legten die sichtbaren Identifikationssymbole ab und bildeten eigene Gruppierungen derjenigen, die sich auf jeden Fall und unabhängig vom Spielverlauf in der "dritten Halbzeit" mit Gleichgesinnten des gegnerischen Vereins messen würden. Die Ursachen für diesen Spaltungsprozess sind vielfältig. Da wäre einmal die Kommerzialisierung der Vereine, die eine Identifikation immer schwieriger machte: Der Fußball war zum millionenschweren Medien-Event avanciert, Fernsehanstalten und Sponsoren brachten nun das Geld, der Fan stellte aus Sicht der neuen professionellen Vereinsmanager nur noch eine visuell notwendige Staffage dar. Auch die Spieler hatten sich verändert, zumindest die Stars unter ihnen verdienten nun richtig viel Geld und wechselten dafür je nach Marktangebot von Saison zu Saison den Verein, heute bei Schalke oder Dortmund, morgen bei Bayern München - kein Problem. Doch wie soll man sich mit einem Verein identifizieren, wenn selbst die Spieler es nicht tun, die Idole von heute morgen schon beim Hassgegner spielen?

Während der Fußball-WM 1998 in Frankreich: Der Polizist Daniel Nivel wird Opfer eines brutalen Übergriffs deutscher Hooligans. Foto: APWährend der Fußball-WM 1998 in Frankreich: Der Polizist Daniel Nivel wird Opfer eines brutalen Übergriffs deutscher Hooligans. Foto: AP
Ein entscheidender Faktor der Ablösung der Hooligans von den Fankurven war auch die Stigmatisierung der traditionellen, milieuspezifischen Verhaltensweisen durch Vereine und Polizei. Der Tod eines 16-jährigen Hamburger Fußballfans bei Auseinandersetzungen mit Bremer Fans durch einen Steinwurf im Oktober 1982 sowie die Ereignisse im Brüsseler Heysel-Stadion vom 29. Mai 1985, bei denen 39 Fußballfans zu Tode kamen und mehr als 400 zum Teil schwer verletzt wurden, führten dazu, dass sich in allen Bundesligastädten spezielle Polizeitruppen formierten mit dem Auftrag, die gewalttätigen Fans von den anderen zu trennen und massiv aus den Stadien zu verdrängen. Die dadurch notwendig gewordene Tarnung der Gewaltbereiten - Ablegen der Kutten und Ersetzen durch zivile oder sogar betont teure Kleidung, Anreise in privaten PKWs statt mit den offiziellen Fanbussen und -zügen etc. - führte zur Herausbildung einer eigenständigen Hooligankultur, die sich von Jahr zu Jahr mehr von den traditionellen Fankurven entfernte. Gefördert wurde diese Entwicklung auch dadurch, dass die Hooligans nach der Wegnahme des Fußballterritoriums ihren Nachwuchs nicht mehr ausschließlich im Stadion fanden - Einstiegsvoraussetzung: langjährige Zugehörigkeit zur Fankultur -, sondern durch die breite und spektakuläre Medienberichterstattung immer mehr Mitläufer angelockt wurden, die sich gerne stolz als "Hooligans" präsentierten, bisweilen aber nicht einmal den Weg zum Stadion fanden.

Die körperlichen Auseinandersetzungen ergaben sich nun nicht mehr automatisch beim Aufeinandertreffen der gegnerischen Fans und Hooligans, sondern mussten professionell verabredet und organisiert werden. Da sie aufgrund der polizeilichen Maßnahmen nicht mehr im oder rund ums Stadion stattfinden konnten, verlagerten sie sich immer mehr in die Innenstädte, was wiederum sowohl die Medienaufmerksamkeit als auch den Repressionsdruck steigerte - erst recht, als ein Teil der Hooligans begann, sich andere Gegner und Opfer zu suchen: "Mal so gesagt, wenn irgendwie im Fußball nichts abging, dann ging es halt auf der Kaiserstraße los, "komm Pakis oder Neger klatschen"", erinnert sich ein Frankfurter Hooligan (Matthesius 1992, S. 204). "Die Unterbindung der körperlichen Auseinandersetzungen im Fußballfanbereich nach 1986 führte so zu vermehrten und organisierten Gewalthandlungen gegenüber Ausländern und anderen Unbeteiligten außerhalb des Fußballfangeschehens." (a.a.O., S. 192) - Eine Entwicklung, die dazu führte, dass Hooligans zukünftig nicht nur aufgrund ihrer Gewaltbereitschaft stigmatisiert wurden, sondern zunehmend auch als rechtsextreme Jugendkultur eingeordnet wurden, zumal die militante Neonaziszene ihre Freude über die Neuzugänge offen zeigte und ihrerseits massiv Rekrutierungsversuche startete. Die polizeilichen Beobachter der Szene gehen heute - im Jahr 2004 - davon aus, dass etwa ein Drittel der Hooligans auch in der rechtsextremen Szene integriert sind.

Doch zurück zum ursprünglichen Kern und zur eigentlichen Frage: Was ist eigentlich so spannend daran, andere Leute zusammenzuschlagen? "Außenstehenden kann man das nicht erklären. Das muss man selbst mal mitgemacht haben", davon sind die meisten Fußballrabauken überzeugt. "Die haben sowieso ihre Vorurteile. Für die sind wir doch alles Rechtsradikale, asoziale Schlägertypen." Wer jetzt ganz genau hinhört, bemerkt, wie sich unter die berechtigte Empörung über die pauschale Stigmatisierung ganz leise ein trotziger Ton des Stolzes mischt. Es ist an der Zeit, einige Irrtümer zu korrigieren.



Literatur

Matthesius, Beate: Anti-Sozial-Front. Vom Fußballfan zum Hooligan. Opladen 1992.


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