Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

3.3.2010 | Von:
Klaus Farin

Hausbesetzer II

Die Hausbesetzer gaben das Prinzip der Gewaltfreiheit zu großen Teilen auf. Zur "Müsli-Fraktion" hatte sich nun eine autonome "Molli-Fraktion" gesellt, die den Häuserkampf zu einem "Guerillakrieg gegen das Schweine-System" ausweiten wollte.

Hausbesetzungen richteten sich gegen die aktuelle Wohnungsmarktpolitik. Hier eine Räumung 1981 in West Berlin.Hausbesetzungen richteten sich gegen die aktuelle Wohnungsmarktpolitik. Hier eine Räumung 1981 in West Berlin. (© AP)

Spektakulärstes Zeichen der neuen Jugendrebellion wurde die 1980/81 explodierende "Instandbesetzer"-Bewegung. Die erste Welle der Hausbesetzungen Anfang der Siebzigerjahre hatte zu keiner grundsätzlich neuen Wohnungspolitik geführt. 1980 gab es nach offiziellen Schätzungen in der Bundesrepublik mehr als eine Million Wohnungssuchende, gleichzeitig standen Tausende Häuser leer – häufig aus Spekulationsgründen. So existierte beispielsweise in Berlin, dem Mekka der neuen Besetzerbewegung mit zeitweise mehr als 200 besetzten Häusern, eine Mietpreisbindung für Altbauten, die die Mieten sehr niedrig und auch für sozial Schwache erschwinglich hielt. Abriss und Neubau dagegen ermöglichten Vermietern weit höhere Einnahmen. Um die Genehmigung dafür zu erhalten, mussten Vermieter allerdings nachweisen, dass der "Verfall der Bausubstanz" so weit fortgeschritten war, dass ein Abriss dringend notwendig schien. Um dies zu erzielen, erwiesen sich zahlreiche Vermieter und Spekulanten als sehr fantasievoll. "Dächer wurden so geschickt abgedeckt, dass der Regen innen an der Wand herunterlaufen kann, Fenster werden herausgeschlagen, damit Feuchtigkeit und Schwamm schneller vorwärts kommen, Wasserrohre werden aus den Wänden gerissen, schöne alte Kachelöfen mit der Spitzhacke demoliert, Löcher in Fußböden geschlagen, Feuer brechen aus unerklärlichen Gründen aus ..." (Bacia/Scherer 1981, S. 99) So wurden allein in Berlin jährlich etwa 3000 Altbauwohnungen durch Abriss zerstört.

Da die Hausbesetzer also auf ein viele Menschen betreffendes und empörendes Problem aufmerksam machten, fiel das Echo der Bevölkerung erstaunlich positiv aus. Das ist umso erstaunlicher, da die Hausbesetzer das Prinzip der Gewaltfreiheit, das die Alternativbewegung der Siebzigerjahre geprägt hatte, zu großen Teilen aufgaben. Zur "Müsli-Fraktion" hatte sich nun eine autonome "Molli-Fraktion" gesellt, die den Häuserkampf zu einem "Guerillakrieg gegen das Schweine-System" ausweiten wollte. Pflastersteine wurden zu Argumenten, während oder nach Demonstrationen wurden gezielt Scheiben von Banken, Konzernen und Behörden eingeworfen, ein Teil der Szene suchte nun vorrangig die militante Konfrontation mit der Polizei, die ihrerseits häufig unnötig brutal gegen Besetzer vorging. Am 22. September 1981 gibt es sogar einen Toten: Der Hausbesetzer Klaus Jürgen Rattay wird während einer Protestdemonstration gegen die gerade erfolgte Räumung eines Hauses von Polizisten auf eine dicht befahrene Straße gedrängt und dort von einem Bus überfahren. Auf den Leichenbegleitschein schreibt ein Polizist unter Angaben zur Person: "berufsmäßiger Chaot". Die Zeiten wurden härter.

Dennoch ergaben diverse Meinungsumfragen jener Jahre, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung Hausbesetzungen akzeptierten. Kirchengemeinden, Mietervereine, Gewerkschaftsgruppen und zahlreiche Prominente übernahmen "Patenschaften" für besetzte Häuser, Berliner Professoren hielten dort Vorlesungen, 43 Prominente, darunter der Theologe Helmut Gollwitzer, die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, der Staatsrechtler Professor Fritz Eberhard, Mitautor des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, bezogen demonstrativ Zimmer in besetzten Häusern. Immer mehr Besetzer führten Verhandlungen mit dem Ziel der Legalisierung ihrer Aktivitäten. Dies wiederum entzweite die Szene. "Die Häuser, die 1980/81 nicht nur in Berlin und Hamburg, sondern auch in Kiel, Bremen, Hannover, Hildesheim, Köln, Stuttgart, Nürnberg, Konstanz und vielen anderen Städten besetzt wurden, waren politische und soziale Laboratorien eines anderen Lebens. Sie boten eine Möglichkeit, in größeren Gruppen (umsonst) zusammenzuleben und verschiedene Formen der Kollektivierung auszuprobieren. Die Küchen und Plena waren Orte politischer Diskussionen und erbitterter Auseinandersetzungen um die zwischenmenschlichen Umgangsformen. Für viele der BesetzerInnen waren die Häuser "dem System" abgerungene Freiräume, in denen die Revolutionierung der Lebensverhältnisse im Hier und Jetzt begonnen werden konnte. Diese hohe symbolische Aufladung des Hausbesetzens führte zu tief greifenden Auseinandersetzungen und Spaltungen, als ein Teil der BesetzerInnen in Berlin die Häuser auf dem Weg über Verträge mit der Stadt zu legalisieren versuchte." (Haunss 2004, S. 116) So wurde es in Berlin "immer schwieriger, ein funktionierendes informelles Netz zwischen den Häusern aufrechtzuerhalten. Das lag auch dran, dass die verschiedenen Fraktionen sich gegenseitig austricksten, Vollversammlungstermine falsch bekannt gaben oder nur in "ihrem" Teil der Szene weiterreichten, um auf diese Art bei Entscheidungen klare Mehrheiten für ihr Konzept zu erzielen." (Bacia/Scherer 1981, S. 126f.) Dennoch: Im November 1984 wird das letzte – und 78. – besetzte Haus mit einem Vertrag legalisiert. Ein Teil der vorrangig gewaltorientierten Szene hatte sich da bereits abgesetzt, zu neuen Orten wie der Frankfurter Startbahn West: "Also der Buttmann Mob setzt sich am Freitagabend langsam Richtung Frankfurt in BEWEGUNG. In Wessiland auffer Autobahn trifft man dauernd Leute, die auch nach Frankfurt fahren; es sind ne ganze Menge, die im Vorüberfahren mit der Faust grüßen. Bei Kassel überholen wir zwei bis drei Hundertschaften Pigs, die das gleiche Ziel haben. Wir freuen uns schon." (zitiert nach Lindner 1996, S. 369)



Literatur

Bacia, Jürgen/Scherer, Klaus-Jürgen: Passt bloß auf! Was will die neue Jugend- bewegung? Berlin 1981.

Haunss, Sebastian: Identität in Bewegung. Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulen-bewegung. Wiesbaden 2004.

Lindner, Werner: Jugendprotest seit den fünfziger Jahren. Dissens und kultureller Eigensinn. Opladen 1996.


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