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Lokaljournalismus

1.3.2011 | Von:
Bart Brouwers
Jan Steeger

Praxis: Hyperlokale Grenzgänger

Bart Brouwers fordert von Journalisten ein neues Selbstverständnis

Der niederländische Journalist Bart Brouwers vom Medienhaus Telegraaf Media Group arbeitet daran, mit der Internetplattform Dichtbij.nl ein landesweites Netzwerk für hyperlokale Nachrichten und Daten aufzubauen. Dieses setze seiner Meinung nach aber voraus, dass sich das Selbstverständnis von Journalisten wandelt.

Mit der Plattform Dichtbij.nl soll ein hyperlokales Netzwerkes für die Niederlande  entstehen. Ein Projekt bei dem Journalisten, Community-Manager und Sales-Manager in Teams zusammen arbeiten.Mit der Plattform Dichtbij.nl soll ein hyperlokales Netzwerkes für die Niederlande entstehen. Ein Projekt bei dem Journalisten, Community-Manager und Sales-Manager in Teams zusammen arbeiten. (© Zeitungsverlag Waiblingen)

Herr Brouwers, warum fordern Sie, dass Journalisten ihre Einstellung zum eigenen Beruf radikal ändern müssen?

Früher hatten wir Journalisten das Informationsmonopol und haben es uns deshalb in unseren Burgen bequem gemacht. Das können wir heute nicht mehr. Die Informationen sind heute überall, jeder Bürger kann über das Internet seine Nachrichten verbreiten. Die Information ist demokratisiert. Um als Journalisten weiterhin an diesen Informationen teilzuhaben und sie zu begleiten, müssen wir unsere Burgen zu Marktplätzen umbauen. Wir sind nicht mehr die Sender. Die Bürger haben Informationen und wollen sie teilen. Wir können unsere journalistischen Fähigkeiten einsetzen, um ihnen dabei zu helfen.

Das versuchen Sie gerade bei Dichtbij.nl, einer hyperlokalen Plattform, umzusetzen. Welche Idee steckt dahinter?

Es ist sehr einfach geworden, von überall auf der Welt Informationen zu bekommen. Aber je einfacher das ist, desto wichtiger wird auch die lokale Umgebung. Denn für mich ist vor allem das relevant, was um mich herum geschieht. Früher habe ich meine Informationen immer von den Lokalzeitungen bekommen, aber jetzt ist es für mich viel einfacher, über das Internet an relevante lokale Informationen zu kommen. Medien müssen aber genau da sein, wo ich meine Informationen bekommen will. Dort setze ich mit den hyperlokalen Projekten an – neue, bessere, einfache Podien, um Informationen zu teilen. Das ist nicht nur hyperlokal, sondern auch hyperpersonal und hypersozial.

Wie sieht die Umsetzung von Dichtbij.nl konkret aus?

Derzeit laufen an vier Orten Pilotprojekte. Dort haben wir jeweils professionelle Journalisten, Community-Manager und Sales-Manager zusammengebracht und Verschiedenes ausprobiert. In Eindhoven haben wir eine sehr kommerziell ausgerichtete Plattform, in Woerden eine Community- getriebene und in den anderen beiden Orten, Zwolle und Heino, experimentieren wir mit der automatischen Verarbeitung von lokalen News. Die vier Projekte bringen wir jetzt auf der neuen Plattform Dichtbij.nl zusammen, die über das ganze Land ausgedehnt wird.

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Dichtbij.nl - Hyperlokales Netzwerk in den Niederlanden

Dichtbij.nlist ein Netzwerk lokaler und hyperlokaler Webseiten in den Niederlanden, herausgegeben von der Teelegraph Meedia Group. Nach einer Pilotphase des Projektes 2011 werden Ende 2012 bereits 46 von 86 Regionen in den Niederlanden durch lokale Seiten abgedeckt. Dabei unterteilt sich der Großteil dieser Regionen noch einmal in bis zu 16 einzelne Orte. Nach dem Anspruch „hyperlocal, hyperpersonal, hypersocial“ zu berichten, agieren die Dichtbij.nl-Redakteurinnen und -redakteure zugleich als Community-Manager für die User, die eigene Inhalte beisteuern. Zwei Millionen Besucher (Unique Visitors) erreichen die Webseiten im Monat, 110.000 Besucher sind registriert. Eine große Rolle spielen zudem neue Finanzierungswege: So nutzt Dichtbij.nl gesponserte Beiträge auf der Seite. Seit 2012 folgt das Unternehmen auch dem Weg des „reverse publishing“: neben den Websiten erscheinen in zwölf Regionen wie Rotterdam oder Zoetermeer auch gedruckte Ausgaben von „Dichtbij“

Was bleibt bei Dichtbij.nl noch für Journalisten zu tun?

Es gibt immer noch klassische Aufgaben für Journalisten. Sie müssen sich auf die Nachrichten konzentrieren, weil wir uns nicht vollständig auf die Nutzer verlassen können. Die Leserschaft hat nicht die Fähigkeit des Journalisten, Nachrichten zu finden. Die Nutzer sehen viele Dinge, verbreiten und teilen sie. Doch wir müssen wertschätzen, was wir an Nachrichten bekommen, um sie besser zu machen. Auf diese Weise helfen wir den Nutzern. Wir wollen die Informationen so ungefi ltert wie möglich lassen, sie aber in einer Weise präsentieren, die am besten für die Leser ist. Die Fähigkeiten eines Journalisten sind dafür ausgesprochen wichtig. Zu den klassischen müssen allerdings neue hinzukommen. Der Journalist muss heute vermitteln können und imstande sein, das Wissen der Nutzer zu aktivieren. Und wir müssen auch mal zur Seite treten können, auch wenn uns das als Journalisten sehr schwer fällt.

Stammen die Erlöse nur aus dem Anzeigengeschäft?

Nein, wir haben zehn bis zwölf kleinere Geschäftsmodelle entwickelt – auch wenn das Anzeigengeschäft immer noch sehr wichtig ist. 50 Prozent der Einnahmen kommen über traditionelle Online-Werbung mit Buttons und Banner herein. Die andere Hälfte stammt aus anderen Quellen, zehn Prozent aus Ticketverkäufen und Events, die wir veranstalten. 40 Prozent machen wir, indem wir die redaktionelle und kommerzielle Seite auf verschiedene Weisen zusammenbringen. Das ist ein sehr heikles, sehr rutschiges und sehr gefährliches Feld. Vor allem für klassische Journalisten, die mit den hohen Mauern zwischen der redaktionellen und kommerziellen Seite groß geworden sind. Wir müssen die Mauern loswerden, ohne unsere Glaubwürdigkeit zu verlieren. Solange die Mauern da sind, sehen wir die Chancen nicht.

Wie könnte so etwas aussehen?

Zum Beispiel ein Expertenblog. Nehmen Sie einen Gärtner, der bei einem örtlichen Gartencenter arbeitet und alles übers Rosenschneiden und ähnliches weiß. Er bekommt einmal in der Woche einen Platz auf unserer Plattform, auf dem er als Experte schreiben und den Leuten Tipps zur Gartenarbeit geben kann. Diese bezahlten Beiträge enden dann mit dem Hinweis, in welchem Gartencenter der Autor arbeitet und wann dieses geöffnet hat. Der Text ist keine Anzeige, sondern mit der Expertise des Autors verknüpft.

Aber wie soll dann der Leser noch unterscheiden können, ob es sich um einen redaktionellen Text oder eine Anzeige handelt?

Wenn es eine Anzeige ist, die vom Anzeigenkunden stammt, wird der Leser es wissen, denn es steht darüber. Aber beim eben genannten Expertenblog werden wir dem Leser nicht sagen, dass dafür bezahlt wird. Dies würde beim Leser Fragen aufwerfen, die ihn nicht weiterbringen. Als Redakteur ist meine einzige Frage, ob der Text glaubhaft, nutzwertig und gut für den Leser ist. Und wenn ich als Chefredakteur sagen kann, dass der Text das alles ist, unabhängig davon, ob für ihn bezahlt worden ist, dann setze ich meine Unterschrift drunter und er wird veröffentlicht.

Interview: Jan Steeger

Das Interview ist zuerst erschienen in der Dokumentation des Forums Lokaljournalismus 2011


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