Lokaljournalismus

16.10.2013 | Von:
Hans-Josef Vogel

"Macher, Macht und Medien: Demokratie braucht leistungsfähigen Lokaljournalismus"

Keynote auf dem BLITZ-Forum Lokaljournalismus am 16. Mai 2013 in Hamburg

Fünf Mal: die Bedeutung der Lokalzeitung

Ich möchte kurz fünf Punkte zum Thema "Bedeutung des Lokaljournalismus und der Lokalzeitungen" ansprechen.

1. Stadtbürgerschaftliches Engagement wird ohne Lokalzeitung schwinden

Wir wissen aus Studien der USA, dass in Regionen ohne Lokalzeitung das bürgerschaftliche Engagement und das Engagement in städtischen Organen abnehmen. Die "taz" berichtet am 26.01.2013: "’Immer mehr amerikanisches Leben geschieht im Schatten’, hat Tom Rosenstiel, Medienforscher im Pew Research Center bereits 2009 vor einem Komitee im US-Kongress erklärt. Untersuchungen in Städten, die schon länger keine Tageszeitung mehr haben, zeigen, dass dort die Wahlbeteiligung sinkt, dass weniger Menschen bereit sind, öffentliche Ämter zu übernehmen und dass auch andere Formen von öffentlicher Aktion nachlassen. In den neuen Nachrichtenwüsten der USA schauen keine ReporterInnen mehr Ratsleuten und Bauunternehmen auf die Finger. Die vielerorts entstehenden und meist von den LeserInnen finanzierten Onlineportale haben selten genügend Personal, um die Lücken zu füllen.“ Entsprechende Beobachtungen machen wir zurzeit auch in Mecklenburg-Vorpommern, wo es "lokale Nachrichten“ nicht mehr oder nur eingeschränkt gibt.

2. Ordnen, Erklären und Bewerten werden wichtiger

In Umbruchzeiten bedarf es, was auch in einem Laboratorium wichtig ist: Ordnung im inhaltlichen Sinne – neue Ressourcen, neue Sprache mit Blick auf globale Stadtgesellschaften und Medienformen vom Laptop bis zum Smartphone – Erklärung und Bewertung der Geschehnisse.

Damit sind wir nach Sascha Lobo bei der "DNA“ einer Zeitung – egal ob sie gedruckt ist oder digital erscheint, egal ob die Zeitung von Verlagen herausgegeben oder – und das ist neu und spannend zugleich – von Bürgerinnen und Bürgern im Internet produziert wird. Sascha Lobo macht in der "Zeitungs-DNA“ die Zeitung als die "Kontext-Maschine“ aus. Ja, Lokalzeitung oder Tageszeitung sind "Zusammenhangs-Maschinen“, "Orientierungs-Maschinen“. Sie produzieren das, wonach dem wir uns richten können: Nachrichten. "Nach-Richten“ für unseren Alltag, für unsere Straße, für unsere VHS, für unseren Sportverein, für unseren Arbeitsplatz.

Vergessen wir nicht: Die "DNA“ der Zeitung haben wir quasi verinnerlicht. Zeitung ist in uns drin. Es ist kaum möglich, Nachrichten zu denken und nicht auch Zeitung zu meinen – selbst für die meisten Internet-Fans, die das oft gar nicht mehr bemerken. Ein Rundfunkjournalist ruft wie selbstverständlich die Pressestelle einer Verwaltung oder eines Unternehmens an, auch wenn sie sich "Medienstelle“ nennt. Und die Einteilung in "Ressorts“ – eine Erfindung des Mediums "Zeitung“ – hat ganz offenkundig auch im Internet Zukunft.

3. Die Lokalzeitung wird Chancen größerer Multiperspektiven nutzen

Auslage mit deutschsprachigen TageszeitungenAuslage mit deutschsprachigen Tageszeitungen (© picture-alliance/dpa)
Es ist auch heute immer noch die leistungsfähige Lokalzeitung, die Stadtgespräche initiiert, organisiert und moderiert. Es ist immer noch die gedruckte Zeitung, deren Beiträge zur "Dokumentation“ oder zur Imitation "ausgeschnitten“ oder "ausgerissen“ werden. Beim (verordneten) Sterben oder besser – beim Reden über das Zeitungssterben – wird meist auch vergessen: Die Lokalzeitung hat die größte Reichweite eines Mediums in der Stadt. Und sie kann durchaus mehr an Nachrichten für die ausländischen Bürgerinnen und Bürger leisten. Zumindest die digitale Zeitung hat hier alle und dann auch noch kostenarme Möglichkeiten.

Ein Beispiel: Thema "Bürgerinnen und Bürger mit ausländischen Wurzeln“ – und der Anteil liegt in Deutschland bei rund 20 Prozent. Tageszeitungen und elektronische Medien weisen hier enorme Defizite auf. Es gibt kaum Berichte über gelungene Integration. Es gibt kaum Berichte über die Migrationsvereine und deren Arbeit, über die lokale ethnische Wirtschaft, über muslimische Feiertage und Feste, über die Situation von Älteren in den Migrationsfamilien. Es werden kaum Serviceinformationen von und für die Gemeinschaften der zugewanderten Bürgerinnen und Bürger veröffentlicht. Ist es wirklich so schwer, diese Defizite abzustellen, eine größere Multiperspektive auf den Zeitungs- oder Internetseiten zu schaffen und neue Leserinnen und Leser für das immer spannender werdende Lokale zu gewinnen, auch wenn sie ausländische Wurzeln haben? Den 20 Prozent Menschen mit Migrationsbezug in der Bevölkerung stehen nur zwei bis drei Prozent Berichterstattung in den Medien gegenüber.

Was ist mit einer Kinder-Lokalzeitung? "Dein SPIEGEL“ wird von meiner Tochter und mir gelesen. Und wenn tatsächlich 20 Prozent der 15-Jährigen nicht einmal mehr lesen können, um einen Beruf zu erlernen? Was sollen sie dann allein mit Texten machen? Mit Zeitungen anfangen? Auch hier lohnt das Nachdenken und Ausprobieren.

4. Transparenz und Kritik, Kreativität und Kooperation

Selbstverständlich braucht die überkommene, aber oft noch praktizierte "Hinterzimmer-Kommune“ auch zukünftig Transparenz und Kritik. Selbstverständlich brauchen Stadtpolitik und Stadtverwaltung das öffentliche Mitdenken vieler und damit einen kritischen, hinterfragenden Lokaljournalismus. Selbstverständlich werden Kommunen zukünftig die Bürgerinnen und Bürger, die tatsächlichen "Macher“ einbeziehen und damit Teilhabe neu verstehen. Lokalzeitung kann eine Menge tun, um Teilhabe einzufordern. Sie kann Teilhabe aber auch in ihren vielfältigen Äußerungen darstellen und sie selbst nutzen.

Lokale Kreativität, Kommunikation und Kooperation bedürfen gerade in Umbruchzeiten einer öffentlichen Plattform, Transparenz und Repräsentation der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und vor allem der Machtlosen, die am Rande stehen.

5. Chronisten-Aufgabe

Die Chronisten-Aufgabe ist eine immens kulturelle Aufgabe, deren Bedeutung wir erst erkennen, wenn sie nicht mehr geleistet wird. Wer kommt der Chronisten-Aufgabe im Internet nach? Wer kommt ihr nach, wenn es keine Tageszeitungen – lokal oder digital – mehr gibt? Wer dokumentiert und archiviert digitale Bürgerzeitungen?

Wird sich das Internet tatsächlich immer erinnern können? Oder wird es eine "digitale Demenz“ geben? Und wie steht es um die Auffindbarkeit in globalen Netzen?


Der Lokaljournalismus fasziniert Leser und Macher gleichermaßen -- auch noch in Zeiten des medialen Umbruchs. Beim 20. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung/ bpb in Bremerhaven war diese Feststellung der Ausgangspunkt für viele anregende Vorträge und Debatten. Mehr als 200 Teilnehmer diskutierten über die Herausforderung mobiler Berichterstattung, den zeitgemäßen Umgang mit den Lesern, die Berufschancen im 21 Jahrhundert und viele weitere Themen.

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Alles, was die Politikberichterstattung in den lokalen Medien (Tageszeitung) fördert, dient der politischen Bildung. Mit einem breit gefächerten Angebot an Veranstaltungen und Publikationen bietet die bpb deshalb Weiterbildung und Service für Journalistinnen und Journalisten.

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