Lokaljournalismus

16.10.2013 | Von:
Hans-Josef Vogel

"Macher, Macht und Medien: Demokratie braucht leistungsfähigen Lokaljournalismus"

Keynote auf dem BLITZ-Forum Lokaljournalismus am 16. Mai 2013 in Hamburg

Zahlen & Fakten: Wie Bürger ihre Zeitung sehen

Ein Blick in eine Repräsentativbefragung, von TNS Emnid im Auftrag der "Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement“ (KGSt) im Jahr 2012 erstellt, zeigt für viele Überraschendes: Sieben von zehn Bürgern bekunden Interesse – sowohl generell an Politik als auch an Kommunalpolitik. Sehr interessiert sind rund 25 Prozent und mittelmäßig interessiert 46 Prozent. Wie steht es um die tatsächliche Mediennutzung der Bürgerinnen und Bürger in Bezug auf kommunale Themen? Lokalzeitungen (inklusive Anzeigenblätter) sind in punkto Reichweite und Nutzungsfrequenz ungeschlagen.

90 Prozent der Befragten geben an, sich aus Lokalzeitungen bzw. aus lokalen Anzeigenblättern informiert zu haben. 46 Prozent tun dies sogar fast täglich. Neben den Online-Auftritten deutscher Kommunen, die von 41 Prozent der Befragten bereits zu Rate gezogen werden, sind alle übrigen abgefragten Online-Kommunikationswege am ehesten den sogenannten "Partikularmedien“ zuzuordnen. Soziale Netzwerke (z.B. Facebook) sowie Internet-Foren zu kommunalpolitischen Themen erreichen lediglich maximal 28 Prozent der Bevölkerung. Bei Mikro-Blogging-Diensten wie Twitter sind es nur sechs Prozent. Allerdings nutzen Jüngere (unter 30 Jahre) zu kommunalen Themen zunehmend Online-Medien (58 Prozent). Doch 87 Prozent nutzen Lokalzeitungen oder lokale Anzeigenblätter. Online-Medien werden bislang ganz offenkundig nur ergänzend zur Lokalzeitung gelesen. Wird sich dies umdrehen?

Auffällig sind die Unterschiede in der Intensität der Nutzung: Bei der Frage, wie häufig man sich normalerweise auf verschiedenen benannten Wegen über seine Kommune informiert, geben von den unter 30-Jährigen 43 Prozent an, mehrmals in der Woche die Lokalzeitung bzw. Anzeigenblätter zu nutzen und 29 Prozent soziale Netzwerke. Bei den über 60-Jährigen nutzen 88 Prozent die Lokalzeitung bzw. Anzeigenblätter mehrmals in der Woche und drei Prozent die sozialen Netzwerke.

25 Prozent fordern den Ausbau der Informationsbestrebungen der Kommunen, und zwar über die bestehenden regionalen Tageszeitungen. Das ist ein sinnvoller Vorschlag, wenn bedacht wird, dass die Printmedien über die größte Reichweite und Nutzungsfrequenz bei den Bürgerinnen und Bürgern der Städte und Gemeinden verfügen. 19 Prozent wünschen sich eine bessere/zeitnahe Information und mehr Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz.

Bürgermedien = "Graswurzel“-Medien

Lokale Bürger-Internetzeitungen sind im Kommen. Sie schließen ganz offensichtlich eine Lücke im Lokaljournalismus, und das zuerst dort, wo Lokales von den Lokalzeitungen wortwörtlich vernachlässigt wurde und wird.

Die Bürger-Internetzeitungen haben kleine Redaktionen mit vorrangig engagierten Journalisten, aber auch zahlreichen kundigen und text- sowie bildgewandten Bürgerinnen und Bürgern. Die Leser können Artikel der Internet-Bürgerzeitungen kommentieren und Themenschwerpunkte wünschen oder selbst bearbeiten.

i

Info

Der Blogkosmos. Lokale Blogs: Konkurrenz und/oder Ergänzung?

In den Bürger-Internetzeitungen werden ausschließlich lokale bzw. hyperlokale (d.h. nur einzelne Quartiere betreffende) Nachrichten bevorzugt bearbeitet. Eben meine Straße, mein Laden, mein Zuhause, usw.

Meist leisten sie die alten "Ordnungsfunktionen“ der Tageszeitung nach Themen der Ressorts. Beispiele für digitale Bürgerzeitungen oder lokale Internetzeitungen sind: Leipziger Internet Zeitung, Das ist Rostock, Prenzlauer Berg Nachrichten, Jenapolis.

Diese Bürger-Online-Zeitungen liegen quer zu den bestehenden Tageszeitungen bzw. Lokalzeitungen. Das Problem ist: Jenseits des "Prenzlauer Bergs" bzw. jenseits "vom Waid dahoam" sind die Nachrichten der Bürgerzeitung kaum relevant. Die Bürger-Internetzeitungen werden zukünftig also eher komplementäre Funktionen ausüben.

Selbstbedienungsjournalismus als Vision?

Es wird aber auch der "Die Lokalzeitung ist tot“-Ansatz vertreten. Lokalzeitungen seien als "Gemischtwaren-Pakete“ im 21. Jahrhundert nicht mehr verkaufbar. Wer sich für "A“ interessiere, müsse auch "B“ kaufen. Geht es tatsächlich allein noch um "Informations-Selbstbedienung“ im "all-you-can-eat-internet“? Wir werden es erleben: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger stellen sich ihre eigene persönliche (Lokal-)Zeitung, ihren eigenen lokalen Nachrichtendienst zum Beispiel über Twitter selbst zusammen. Sie wählen dabei persönliche Schwerpunkte wie Kultur oder Sport. Aber im Grunde setzen diese neuen "Herausgeber“ ihres persönlichen "Twitter-Nachrichtendienstes“ auf den Lokaljournalismus, den sogenannten "Profi-Journalismus“. Und dennoch bekommen die "Twitter-Leser“ "Sachen“ mit, die sie ansonsten in der Lokalzeitung nicht erfahren. Schauen wir näher hin, sind viele "Twitter-Zeitungs-Leser“ "nebenbei“ auch klassische Zeitungsleser. Bei diesem neuen Ansatz der "Selbstbedienung“ braucht man also Lokaljournalismus, aber ohne Redaktionsschluss und Längenbeschränkung.

Eine andere Vorstellung zukünftiger Lokalzeitung ist eine Zeitung, die eine erneuerte soziale "Kontext-Maschine“ (Sascha Lobo) darstellt und mehr zu bieten hat als jedes Partikular-Medium. Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten, Orientierung, ganzheitliches Denken. Also:

Die Zeitung der Zukunft wird eine soziale "Kontext-Maschine“ sein. Das geht über Kommentarfunktionen und Facebook-Einbindungen weit hinaus. Wie sieht die neue (alte) "DNA“ der Zeitung zukünftig aus?

Die lokale Zeitung von Morgen

Wir brauchen Erprobungen von neuen Medien. Die Zeitung der Zukunft ist überwiegend eine Internet-Zeitung und zwar eine Mischung aus Community und öffentlicher Plattform für die Stadtgesellschaft. Die Ordnungsfunktionen liegt in den Händen der Leserinnen und Leser. Viele von ihnen tun dies schon heute, wenn sie ihre Follower (ihre Redakteure) auswählen. Das "Erklären“ wird von einer neuen Form von Redaktion – eben ohne Redaktionsschluss u.a. – geleistet. Es wird eine Art "Nachfolge-Redaktion“ geben – wahrscheinlich mit der Einbindung von unzähligen Bloggern, Gastautoren, "Leserreportern“ und sozialen Netzwerkern. Das Bewerten wird zwischen Leserinnen und Lesern und der Nachfolge-Einrichtung der heutigen Lokalredaktion geteilt oder gemeinsam geleistet. Diese neue "Kontext-Maschine“ kann in Anlehnung an Lobo folgendes Aussehen haben: Schnelle, kurze, tickerhafte Aufbereitung der Schlagzeilen/Themen – vielleicht zum Frühstück. Wie das "Handelsblatt Morning Briefing“.

Lokale Presse = lokale Demokratie



Das Grundgesetz stellt klar: Ohne freie Presse keine Demokratie. Ohne freie lokale Presse keine lokale Demokratie. Das heißt: Der lokale Beitrag einer freien Presse zum Prozess örtlicher Willensbildung ist für die moderne lokale Demokratie unverzichtbar. Und das Grundgesetz erwartet diese Beiträge zum und im Prozess der örtlichen Willensbildung und hat deshalb die Pressefreiheit grundrechtlich im Einzelfall und als Institut geschützt. Die Zeitung – gedruckt oder digital – ist also mehr als eine käufliche Ware; sie ist konstitutiv für die kleine und die große Demokratie. "Zwischen Qualität und Rendite“ war das 21. Forum Lokaljournalismus überschrieben. Erlauben Sie mir bitte einen zweiten Titel oder Untertitel hinzufügen: "Lebenselement lokaler Demokratie oder nur noch käufliche Ware?“

Wenn also (Verleger) Investoren mit dem im Lokalen erzielbaren Profit nicht (mehr) zufrieden sind, können wir sie daran erinnern, dass die Lokalzeitung von ihrer Idee, von ihrem Wesen her nicht Ware ist, sondern lebendiges und zugleich konstitutives Element lokaler Demokratie. Wir können auch auf das "unternehmerische Entdecken“ hinweisen und daran mitwirken. Also: Entscheiden wir uns für die lokale Demokratie und im Zweifel gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Die digitale Gesellschaft der Zukunft wird dazu genügend Möglichkeiten bieten.

Dieser Artikel ist eine leicht gekürzte Fassung des Vortrages von Herrn Vogel auf dem BLITZ-Forum Lokaljournalismus 2013 in Hamburg. Die vollständige Rede finden Sie im Magazin zum Forum auf drehscheibe.org.


Der Lokaljournalismus fasziniert Leser und Macher gleichermaßen -- auch noch in Zeiten des medialen Umbruchs. Beim 20. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung/ bpb in Bremerhaven war diese Feststellung der Ausgangspunkt für viele anregende Vorträge und Debatten. Mehr als 200 Teilnehmer diskutierten über die Herausforderung mobiler Berichterstattung, den zeitgemäßen Umgang mit den Lesern, die Berufschancen im 21 Jahrhundert und viele weitere Themen.

Mehr lesen

Massenmedien
Informationen zur politischen Bildung Nr. 309/2010

Massenmedien

Angebot und Vielfalt der Medien haben in den vergangenen Jahrzehnten einen dramatischen Wandel erfahren. Die Fülle an Informationen und die Schnelligkeit, mit der sie sich verbreiten, haben durch das Internet stark zugenommen. Dies hat auch Auswirkungen auf den Journalismus. Er muss sich wie die Nutzerinnen und Nutzer des Medienangebots neuen Herausforderungen stellen.

Mehr lesen

Alles, was die Politikberichterstattung in den lokalen Medien (Tageszeitung) fördert, dient der politischen Bildung. Mit einem breit gefächerten Angebot an Veranstaltungen und Publikationen bietet die bpb deshalb Weiterbildung und Service für Journalistinnen und Journalisten.

Mehr lesen