Lokaljournalismus

29.10.2015

"Ich möchte den Deutschen zeigen, wer wir sind"

In seiner Heimat Syrien arbeitete Qutaibah Alkassab als Journalist. Dann flüchtete er nach Deutschland. Derzeit absolviert der 35-Jährige ein Praktikum in der Lokalredaktion Rhein-Berg des Kölner Stadt-Anzeigers. Wie er Deutschland sieht und über welche Themen er hier berichten will, erklärt er im Interview.

Rosen überreichen drei junge Flüchtlinge aus Syrien am 10.09.2015 auf dem Anger in Erfurt (Thüringen) an Passanten. Rund 30 syrische Flüchtlinge bedankten sich mit Blumen und Plakaten bei den Deutschen für das herzliche Willkommen. Die Aktion fand in mehreren Städten Deutschlands statt. Foto: Martin SchuttRosen überreichen drei junge Flüchtlinge aus Syrien am 10.09.2015 auf dem Anger in Erfurt (Thüringen) an Passanten. Rund 30 syrische Flüchtlinge bedankten sich mit Blumen und Plakaten bei den Deutschen für das herzliche Willkommen. Die Aktion fand in mehreren Städten Deutschlands statt. Foto: Martin Schutt (© picture-alliance/dpa)

Der Artikel erschien in der drehscheibe Sonderpublikation Angekommen in Deutschland (1,33 MB).

Herr Alkassab, Sie sind seit Anfang Oktober Praktikant beim Kölner Stadt-Anzeiger. Mit welchen Themen befassen Sie sich?

Ich möchte hier vor allem über die Situation der syrischen Flüchtlinge schreiben. Am 10. Oktober gab es beispielsweise eine deutschlandweite Aktion, bei der sich die syrischen Flüchtlinge bei den Deutschen für die freundliche Aufnahme bedankt haben. Darüber habe ich berichtet. Daneben schreibe ich in einer wöchentlich erscheinenden Kolumne über meine eigenen Erfahrungen hier im Land.

Sie leben seit März 2014 in Deutschland. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Bevor ich herkam, war ich besorgt, wie die Deutschen mich und meine Familie aufnehmen würden. Zu Unrecht. Die Leute waren unheimlich nett – das hat mich sehr überrascht. Was mich andererseits aber auch überrascht hat, ist die Bürokratie. Mir ist klar, dass angesichts der hohen Flüchtlingszahlen vieles länger dauert. Dennoch ist es mitunter schwer zu verstehen.

In Ihrer Heimat Syrien haben Sie als Journalist für das Außenministerium gearbeitet. Was sind die größten Unterschiede zur deutschen Presselandschaft?

Hier in Deutschland können die Journalisten schreiben, was sie möchten. Bei uns in Syrien ist das komplizierter. Es gibt keine wirkliche Oppositionspresse. Selbst wenn man in den staatlichen Medien über unpolitische Themen wie etwa neu eröffnete Geschäfte schreiben will, braucht man immer erst die Erlaubnis der Regierung.

Wie wirkt sich das auf den Arbeitsrhythmus aus?

Ich bin natürlich erst ein paar Tage in der Redaktion. Aber ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland einfacher und schneller geht. Wenn man eine Idee hat, kann man losschreiben. In Syrien muss man erst lange über das Thema recherchieren. Wenn man beispielsweise über eine Firma schreiben will, muss man zunächst herausfinden, wem sie gehört und ob derjenige mächtig ist. Erst danach entscheidet man, ob man darüber schreibt oder es lieber sein lässt. In Syrien muss man immer an die Konsequenzen denken.

Das Thema Flüchtlinge bestimmt derzeit die deutsche Presse. Wie nehmen Sie die Berichterstattung wahr? Was gefällt Ihnen, was nicht?

Ich kann nur über die Berichterstattung über Syrer reden. Da gibt es positive und negative Aspekte. Toll finde ich, wie viele Menschen den Flüchtlingen helfen wollen und wie Zeitungen das begleiten. Negativ finde ich, dass Flüchtlinge in den Medien oft nur als Problem für Deutschland wahrgenommen werden. Es wird wenig darüber berichtet, wie es uns geht. Dass wir alles verloren haben und traurig sind, dass wir nicht in unserer Heimat sein können. Auch über die Situation in Syrien und über die Ursachen des Krieges wird zu wenig berichtet. Bei uns gibt es keine Sicherheit, keine Zukunft. Das sollte öfter thematisiert werden. Denn erst wenn man darüber schreibt, können die Deutschen uns verstehen.

Was wollen Sie anders machen?

Meine Berichterstattung verfolgt ein Ziel: Ich möchte aufklären. Viele Deutsche haben noch immer Angst vor den Syrern. Das möchte ich ändern. Ich möchte den Deutschen erklären, wer wir sind. Ihnen unsere Kultur näherbringen. Über die deutsche Flüchtlingspolitik möchte ich allerdings nicht schreiben – weil ich ja selbst ein Flüchtling bin.

Ihr Praktikum geht noch bis zum Dezember. Welche Pläne haben Sie für die Zeit danach?

Ich suche Arbeit. Entweder im Medienbereich oder in der syrischen Community, etwa als Dolmetscher. Ich würde sehr gern weiter als Journalist arbeiten, denke aber, dass das schwierig wird. Ich bin ja kein Muttersprachler.

Interview: Sascha Lübbe


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