Lokaljournalismus

29.10.2015

„Viele leben in ihrer eigenen Realität“

Wie gehen Journalisten mit der aggressiven Stimmung um, die ihnen auf Pegida-Demonstrationen entgegenschlägt? Ein von Demonstranten angegriffener Fotograf des MDR, der anonym bleiben möchte, rät zu Vorsicht, hält Personenschutz aber nicht für nötig.

Der Teilnehmer einer Demonstration gegen Pegida unterhält sich am 19.10.2015 in der Altstadt in Dresden (Sachsen) mit einem Polizeibeamten. Vor einem Jahr war Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) in Dresden erstmals auf die Straße gegangen. Foto: Jan WoitasDer Teilnehmer einer Demonstration gegen Pegida unterhält sich am 19.10.2015 in der Altstadt in Dresden (Sachsen) mit einem Polizeibeamten. Vor einem Jahr war Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) in Dresden erstmals auf die Straße gegangen. Foto: Jan Woitas (© picture-alliance/dpa)

Der Artikel erschien in der drehscheibe Sonderpublikation Angekommen in Deutschland (1,33 MB).

Herr Schultz, kürzlich wurden Sie auf einer Pegida-Demonstration tätlich angegriffen. Wie kam es dazu?


Ich war mit zwei Kollegen unterwegs, um auf der Demonstration zu fotografieren. Als wir vor dem Landtag standen, tauchte ein Demonstrant auf und fragte uns abfällig, wo wir eigentlich herkämen. Ein Kollege antwortete darauf salopp, wir kämen vom Weihnachtsmarkt. Dann begann der Unbekannte, uns zu schubsen, schließlich kamen noch zwei weitere Demonstranten hinzu, umstellten uns und griffen irgendwann nach der Kamera meines Kollegen. Als er das verhindern wollte, bekam er einen Schlag ins Gesicht, ich wurde getreten. Mein Kollege rief die Polizei, woraufhin die Drei im Demozug verschwanden.

Haben Sie den Eindruck, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber Journalisten in letzter Zeit gestiegen ist?

Natürlich ist nicht jeder Pegida-Mitläufer potentiell gewalttätig, aber die Stimmung erscheint mir schon aufgeheizter als zu Beginn der Demonstrationen. Auch die Feindlichkeit gegenüber der Presse nimmt zu. So hat der besagte Kollege einige Tage nach dem Übergriff am Rande einer Pegida-Demo noch einmal Schläge abbekommen – und wurde anschließend von der Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling in einem Facebook-Post verspottet.

Wie sollten Journalisten mit der gestiegenen Gewaltbereitschaft umgehen?

Ich werde auch weiterhin auf die Demonstrationen gehen, allerdings immer gemeinsam mit zwei, drei Kollegen, damit man sich gegenseitig im Blick hat. Sinnvoll ist es auch, sich in der Nähe der Polizei aufzuhalten. Ein Team vom ZDF hatte bei der letzten Pegida-Demonstration sogar Personenschützer dabei, aber solche Maßnahmen können ja nicht die Lösung sein. Das wäre ein Armutszeugnis.

Haben Sie auf anderen Demonstrationen ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ich war schon auf NPD-Kundgebungen und Demonstrationen am 1. Mai unterwegs, aber da ist das Polizeiaufgebot meist so groß, dass man als Journalist nichts zu befürchten hat. Pegida-Demos sind eine ganz andere Sache: Das sind mittlerweile Massenveranstaltungen, auf denen Gewalttäter die Sicherheit haben, schnell in der anonymen Masse abtauchen zu können.

Hätten Journalisten im Umgang mit Pegida etwas anders machen müssen?

Natürlich müssen wir selbstkritisch sein und uns fragen, was wir besser hätten machen können. Aber so geladen, wie die Stimmung momentan ist, können Journalisten selbst nicht viel ausrichten. Viele Pegida-Anhänger leben in ihrer eigenen Realität. Es stimmt zum Beispiel einfach nicht, dass der MDR und andere Sender nie kritische Beiträge zur Flüchtlingsthematik veröffentlicht haben. Auch hat es viele Versuche gegeben, so neutral wie möglich über Pegida zu berichten. Aber das blendet ein Teil der Mitläufer aus, weil es nicht in ihr Weltbild passt.

*Name von der Redaktion geändert

Interview: Julia Lorenz


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