Dossierbild Geschichte im Fluss

2.7.2013 | Von:
Michał Olszewski

Ein Fluss ohne Boden

Die obere Weichsel wird durch zahlreiche Zuflüsse aus den Schlesischen Beskiden gespeist. In den vergangen Jahren gab es dort immer wieder Hochwasserkatastrophen. Warum nur? Weil die Behörden nicht auf den Klimawandel reagieren und immer mehr Bauflächen auf Überschwemmungsgebieten ausweisen, meint der Autor.

Das Flüsschen Raba, ein rechter Zufluss der Weichsel, ist mit seinem Kiesbett ein richtiger Gebirgsbach. Doch Kies ist begehrt.Das Flüsschen Raba, ein rechter Zufluss der Weichsel, ist mit seinem Kiesbett ein richtiger Gebirgsbach. Doch Kies ist begehrt. (© Wikimedia)

Spurensuche nach dem Hochwasser



Orte, die man am liebsten vergessen würde, gibt es in Südpolen etliche. Nach dem letzten Hochwasser 2010 reiste ich dorthin, um die Zerstörungen in Czechowice-Dziedzice zu begutachten. Für Hydrologen ist dieser Ort aus vielerlei Gründen besonders interessant. Die Nähe zum Gebirge, die seit dem Mittelalter bestehenden Teiche, der Stausee von Goczałkowice und ein dichtes Netz von Bächen und Flüssen bewirken, dass die Region selbst in Dürreperioden nicht an Wassermangel leidet. Lokale Überschwemmungen traten hier schon immer auf, selten jedoch mit schwerwiegenden Folgen.

Hochwasser an der oberen Weichsel im Jahre 2010.Hochwasser an der oberen Weichsel im Jahre 2010. (© Wikimedia)
Doch im Mai 2010 verwandelte sintflutartiger Regen das Gebiet in ein apokalyptisches Gelände. Vom Bahndamm der Trasse Zebrzydowice–Trzebinia erblickte man gewaltige Seen, aus denen hier und da hilflose Häuser oder mit Sandsäcken umringte Inseln emporragten. Das Wasser überflutete neue Villensiedlungen, Felder, Weiler und alte Vorstadtsiedlungen. Die verzweifelten Einwohner versuchten, eigenständig Dämme zu schlitzen, damit das Wasser schneller abfließen könnte. Normalerweise fließen dort drei harmlose Flüsschen: Jasienica, Wapienica und Iłownica; die Weichsel liegt einige Kilometer weiter im Norden.

Längst wurde in dieser Gegend das Wasser vom Menschen gezähmt. Die Flüsse und Bäche fließen geradeaus, Mäander kommen nicht vor, der Querschnitt von Flussbett und Dämmen bildet ein wohlgeformtes Trapez. Die Tradition der Flussregulierung reicht zurück in die Zwischenkriegszeit. Auf Satellitenbildern lassen sich Flussläufe mit einem Lineal nachzeichnen. Das Hochwasser ließ sich vermutlich also nicht vermeiden. Aufgrund der Begradigung wuchs die Scheitelwelle der drei Flüsschen bedrohlich an. Sie mussten schließlich über die Ufer treten.

Damals, 2010, suchte ich mit Robert Wawręty, einem Experten vom Towarzystwo na Rzecz Ziemi (Verein für die Erde), der sich mit dem Monitoring der polnischen Hochwasserschutzpolitik befasste, nach der Stelle inmitten der überfluteten Felder und Häuser, an der die Wasserbauer den Fehler gemacht haben. Weiter im Süden deutete nichts auf die Katastrophe hin. Die Flüsschen Jasienica, Wapienica und Iłownica flossen in ihren begradigten Ufern, die Dämme brachen nicht, der Wasserspiegel sank augenscheinlich und die größte Gefahr war vorüber.

Bemerkenswert war, dass die Höhe der Dämme immer gleich war – egal, ob dahinter bestellte Felder, ein Wald oder Bebauung lagen. Das Wasser kann nicht in die Breite gehen. Und da das Flussbett schnurgerade verläuft – die Mäander verschwanden schon vor langer Zeit – floss das Wasser immer schneller ins Tal hinab.

Das Ergebnis konnten wir an der Wapienica bestaunen: Wir kamen an die Stelle, wo das Wasser auf eine kleine Stahlbrücke traf. Die Brücke wurde zu einer Sperre, so dass sie sich unter dem Druck des Wassers bog, aber nicht brach. Es brach aber der Deich davor. In ihm klaffte eine Lücke, die gerade von einem Bagger zugeschüttet wurde. Die umliegenden Felder waren ebenso überflutet worden wie die Häuser.

Hochwasserschäden 2010 in Bielsko-Biała.Hochwasserschäden 2010 in Bielsko-Biała. (© Wikimedia)
Eine Standardreaktion in einer solchen Situationen die Klage über fehlende Mittel zur Reparatur und Erhöhung der Deiche. Doch im Fall der Gegend um Bielsko-Biała lässt sich nicht sagen, dass mangelnde Regulierung schuld am Hochwasser war. Amtlichen Angaben zufolge wurden vor dem Hochwasser intensive Wasserbauarbeiten durchgeführt. Für die Erhöhung der Deiche an der Iłownica und ihre Regulierung gab man in den Vorjahren 1,5 Millionen Złoty, etwa 400.000 Euro aus, an der Wapienica weitere 2,5 Millionen Złoty. Selbst für die Regulierung der Jasienica war Geld vorhanden.

Während unseres Besuches vor Ort trafen wir Frau Bronisława Wilczek. Sie besitzt etwa 120 Hektar Land am Fluss, namentlich an jener Stelle, an der die Iłownica in die Wapienica mündet. Frau Wilczek erzählte uns, dass nach dem Hochwasser von 1997 die Gemeinde auf ihren Feldern einen Polder errichten und sie für eventuelle Ernteverluste bei Überschwemmungen entschädigen wollte. Es blieb aber bei den Gesprächen, so dass das letzte Hochwasser nicht nur die Felder ruinierte, sondern die ganze Familie. Die Maisernte war verloren, und von einer Entschädigung konnte keine Rede sein, da die Versicherung so hohe Beiträge verlangte, dass sich das Ganze nicht rechnete. Interessanterweise wurde das Überschwemmungsrisiko einige hundert Meter weiter, bei einer ebenfalls gefluteten Eigenheimsiedlung, als normal eingeschätzt. Von einem erhöhten Hochwasserrisiko war keine Rede. Die neuen Hauseigentümer, die aus Schlesien hierhergezogen waren, waren von der Gemeindeverwaltung nicht über eine Gefahr unterrichtet worden.

Von solchen Beispielen könnte ich stundenlang erzählen. Von Gemeinden, in denen der Gemeindevorsteher unter dem Druck von Investoren Überschwemmungsgebiete bebauen ließ, um ein Jahr später von denselben Investoren bedrängt zu werden, Entschädigungen für Hochwasserschäden zu zahlen. Von Bächen, Flüssen und Flüsschen, die manchmal durch Wälder und manchmal durch Felder fließen, fernab von Gebäuden, die man aber begradigte oder deren Ufer man mit Wurzeln befestigte. Von Auenwäldern, die vor Überschwemmungen geschützt wurden, obwohl gerade sie das Wasser brauchen.

All diese Maßnahmen wurden, mit großem finanziellen Aufwand, nach den Zerstörungen der Hochwasser von 1997 und 2001 durchgeführt. Die Regionale Wasserbauverwaltung begradigte Flüsse, holzte Bäume ab, erhöhte die Deiche. Doch die paar Tage intensiven Regenfalls zeigen, dass die Maßnahmen die Situation oft nur verschlimmert hatten.

Viel Geld wurde also aus dem Fenster geworfen. Die Europäische Investitionsbank gewährte Polen nach 2001 ein Darlehen über 250 Millionen Euro für den Wiederaufbau der zerstörten Häuser, insgesamt wurden 385 Millionen Euro ausgegeben. Für dieses Geld wurden im Land tausende kleine Wasserbauprojekte durchgeführt, die von Umweltschützern und einem Teil der Wasserbauexperten im besten Falle als sinnlos, im schlechtesten als schädlich kritisiert wurden.

Wir und das Wasser



Wie ist es möglich, dass die Hochwasserschutzpolitik in Polen und der Wojewodschaft Kleinpolen genau das bewirkte, was sie vermeiden wollte?

Es gibt dafür mehrere Gründe, und alle – ich betone: alle – lassen sich in der Ortschaft Jeleśnia in den Schlesischen Beskiden ablesen. Es ist ein Ort am Rande der Umweltkatastrophe. Obwohl noch niemand eine detaillierte Wasserbilanz oder ein Schutzprogramm für das Gebiet erstellt hat, bestätigen alle Einwohner, dass das Wasser immer schneller aus dem Gebirge abfließt.

Warum? Der Bedarf an Wasser steigt. Es ist ein Grundproblem der modernen Welt, das sich hier offenbart. Gibt es keine Kanalisation, wird das Abwasser oft auf die Felder gekippt. Wird ein Haushalt aber an die Kanalisation und Wasserversorgung angeschlossen, führt das von einem Tag auf den anderen zu einem rasant steigenden Wasserverbrauch. So auch in Jeleśnia. Auch dort wollen die Menschen im Sommer im Schwimmbecken planschen und bei Dürre ihre Gärten gießen.

Das ist der eine Faktor. Der andere: Klimatische Veränderungen haben dazu geführt, dass sich dieselbe Menge an Regenwasser inzwischen anders verteilt als vor 15 oder 50 Jahren. Die Niederschläge sind seltener, dafür aber intensiver, dadurch wird das Versickern erschwert. In höher gelegenen Ortschaften wurden und werden Bäche massiv in Betonrinnen gefasst, was bei starken Niederschlag dazu führt, dass das Regenwasser nicht versickert, sondern in den Rinnen an Geschwindigkeit gewinnt.

Wenn dann immer neue Ferienhäuser, Pensionen und Zufahrtswege entstehen, wird das Gleichgewicht des Wasser zerstört. Dazu wird in den Flussbetten massiv Kies abgebaut, was wiederum zum Absenken des Grund- und Oberflächenwassers führt. Wenn man sich die flachen Flusspegel anschaut, fällt es schwer zu glauben, dass man vor dem Krieg an einigen Flüssen noch Holz per Floß transportierte.

Die Forstwirtschaft tut ihr Übriges. Der schnellere Wasserabfluss führte zur Schwächung der flach wurzelnden Fichtenwälder, die vom Buchdrucker-Käfer befallen wurden. Die Bekämpfung des Käfers erfordert befestigte und trockene Waldwege sowie die Reinigung ganzer Waldgebiete, wodurch das Wasser noch schneller abfließt. Die Regionale Wasserverwaltung in Krakau und das Staatliche Geologieinstitut untersuchten die Situation der Jeleśnia zwar nicht im Detail, aber in einem Dokument von 2007 finden sich bestimmte Hinweise zu den Veränderungen des Grundwasserspiegels im Gebiet der oberen Weichsel. Daraus geht hervor, dass sich dieser seit Beginn des 21. Jahrhunderts senkt und die Quellen weniger Wasser abgeben, wodurch die weniger tiefen Brunnen möglicherweise versiegen werden.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).