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Fluss und Überfluss

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Fluss und Überfluss

Eva-Maria Stolberg

/ 10 Minuten zu lesen

Die Frühe Neuzeit war die goldene Zeit der Weichsel. Ihre Städte wie Krakau, Warschau, Thorn und Danzig blühten auf. Die Weichsel der Kaufleute brachte europäisches Bewusstsein hervor. In Architektur und Kunst ist es wieder zu bewundern.

Der Wawel, die Königsburg in Krakau. (Wikimedia, Arkadiusz Frankowicz) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Prolog

Entlang der Weichsel, der Lebensader ostmitteleuropäischer Flusslandschaften, säumt sich eine Reihe historisch gewachsener Städte wie Danzig, Thorn, Warschau und Krakau. Sie markieren die Weichsel als wichtigen Handelsweg. Mehr noch: Sie gingen kooperierende wie auch rivalisierende Handelsbeziehungen ein. Dank eines selbstbewussten multiethnischen Bürgertums, das sich aus Deutschen, Polen und Juden zusammensetzte, entwickelte sich die Weichsel in der frühen Neuzeit zu einem Bild des "Überflusses".

Der als Teil der Natur zirkulierende Kreislauf eines Flusses galt in der Geschichte immer wieder als Metapher für eine florierende Wirtschaft. Seit dem 13. Jahrhundert wurden im europäischen Ost-Westhandel wichtige Handelsgüter wie Getreide, Holz, Fisch und Salz transportiert. Die Städte reihten sich wie eine Kette von Perlen entlang der Weichsel. Die Hanse bewirkte eine weitere Intensivierung des internationalen Austausches zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Auf den Märkten der Weichselstädte kamen die Einwohner mit Fremden zusammen. Fernhandel und interkulturelle Begegnungen bestimmten in der frühen Neuzeit das städtische Leben an der Weichsel. Gleichzeitig breitete sich im 14. Jahrhundert in den Städten entlang des Weichselbogens das deutsche Stadtrecht aus, das dem internationalen Handel eine verbindliche, einheitliche Rechtsstruktur verlieh und zudem das politische Bewusstsein der Weichselstädte stärkte.

Im Unterschied zum dörflich und agrarisch geprägten Umland entwickelten sich Danzig, Thorn, Warschau und Krakau zu Metropolen, das heißt zu in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht herausragenden Zentren – sie hatten nicht zuletzt ihr kosmopolitisches Ambiente dem Fluss zu verdanken. Stadt und Fluss gingen eine fruchtbare Symbiose ein.

Lebendiges Weltkulturerbe

Danzig, Thorn, Warschau und Krakau – und die Weichsel – sind mit ihrer Geschichte heute für jeden Reisenden ein prägendes Element der ostmitteleuropäischen Kulturlandschaft. Dass die Weichselstädte im wiedervereinigten Europa ihren alten Glanz zurückerhalten, lässt sich auch daran erkennen, dass die Metropole Krakau zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt wurde. Danzig wiederum ist der wichtige Schauplatz in den Werken Günter Grass, der den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Ein Blick auf die Architektur der Weichselstädte macht auch heute noch die ältere, frühneuzeitliche Geschichte für den europäischen Betrachter lebendig. Diese hat die nationalistischen Streitigkeiten zwischen Deutschen und Polen, wem nun die Städte an der Weichsel gehörten, überlebt. Interner Link: Der Nürnberger Meister Veit Stoß, der den berühmten Krakauer Marienaltar gestaltete, wird von deutschen und polnischen Katholiken verehrt. So schlägt die Architektur der Weichselstädte eine kulturelle Brücke zwischen Deutschen und Polen über die Jahrhunderte hinweg.

Mit dem Weizen fing es an

Über die Weichsel wurden Getreide und Holz zur Ostsee transportiert und von dort aus ins Ausland verschifft. Vor allem galt das Weichselland als Kornkammer Ostmitteleuropas. Das so genannte "Riesenkorn" wurde als Saatgut in Westeuropa (England, Frankreich, Niederlande), aber auch in Deutschland eingeführt und war dort unter dem Namen "Polnischer Weizen" bekannt. Eine andere Bezeichnung – "Korn aus Kairo" – deutet auf die biblische Fülle. Die wirtschaftliche Blütezeit dank des Handels mit Getreide und anderen Gütern ist in zahlreichen zeitgenössischen Kupferstichen festgehalten worden – wie etwa in dem Kupferstich von Ägidius Dickmann aus dem Jahr 1617.

Auch Holz gewann als Exportgut an zunehmender Bedeutung, da infolge der europäischen Überseeexpansion die große Nachfrage im Schiffsbau bedient werden musste. Auf den Wochenmärkten Danzigs, Thorns, Krakaus und Warschaus wurde mit Tuchen aus Flandern und Seide aus Persien gehandelt. Zu den Kunden gehörten nicht nur städtische Patrizier, sondern auch der polnische Hochadel. Im Übrigen schlossen sich städtisches und adliges Lebensgefühl in der polnischen Adelsrepublik nicht aus. Die lukrativen Geschäfte brachten aber schnell eine Rivalität zwischen den preußischen Weichselstädten und Krakau mit sich.

Das 15. Jahrhundert war eine Zeit der Ambivalenz: einerseits wirtschaftliche Prosperität, andererseits Kriege, oft aus ökonomischen Gründen geführt. Symbolisiert wird dies durch das Danziger Krantor, das in der Stadt für die Mittlerrolle zwischen See- und Flusshandel ebenso steht wie für die Wehrhaftigkeit. Das Krantor hatte zwei Geschütztürme mit 29 Schießluken, die den gesamten Binnenhafen abdeckten, und in der Mitte ein doppeltes Hebewerk, das von zwei großen Tretradpaaren betrieben wurde.

Hatte bisher der Deutsche Orden mit seinen Kähnen und Schiffsleuten die Weichsel beherrscht, so ging diese Rolle seit dem Dreizehnjährigen Krieg (1454-1466) an Danzig über. Die Kriegslage war damals für einen ungestörten Weichselhandel aber wenig günstig. Thorn, Kulm und Danzig waren Gegner des Ordens. Nach den ersten Verlusten begann Danzig nach 1455 seinen Einfluss auf die Weichsel im Alleingang auszudehnen. Man schickte die Weichselkähne zu Geleitzügen von Thorn aus stromabwärts. Sie wurden von Weichselkriegsschiffen, den "schwimmenden Basteien" begleitet, die man bei Bedarf in Danzig anfordern konnte. Zehn Jahre lang hat dieses Konvoi-System bestanden und allein 1465 6.800 Tonnen Getreide nach Danzig befördert.

Das weichselaufwärts gelegene Krakau besaß durch seine Handelskontakte zum Schwarzen Meer einen wirtschaftlichen Vorteil. So hatten die Krakauer Kaufleute die Oberhand im Orienthandel, sie setzten ihre Orientwaren bis Brügge ab. Krakaus Mittlerrolle im Ost-West-Handel brach jedoch im ausgehenden 15. Jahrhundert ab, als der Vorstoß der Osmanen in die Schwarzmeerregion den Warenstrom unterband. Hinzu kamen wiederholte Beutezüge der Krimtataren bis vor die Tore Krakaus, so in den Jahren 1498/1499.

Erster europäischer Binnenmarkt

Krakau mit der Marienkirche am Marktplatz. (© Uwe Rada)

In der Frühen Neuzeit stieg die Schicht der Kaufleute in den Weichselstädten schnell zur wirtschaftlichen Elite auf, die auch politisches Mitspracherecht in Anspruch nahm. Diese Entwicklung trug zugleich zum Entstehen eines europäischen Bewusstseins des Stadtbürgertums bei, das dem Geist des Merkantilismus verhaftet war. Die Lage an der Weichsel verstärkte die Anziehungskraft dieser Metropolen auf die ländlich geprägte Umgebung.

Das Bild der prosperierenden Stadt mit dem Fluss zu verbinden, liegt auf der Hand, da Metropolen selbst durch eine Vielzahl von wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen wie auch künstlerischen Strömungen beeinflusst werden. In den Weichselstädten formierte sich in der Frühen Neuzeit quasi ein europäisches Selbstverständnis. Charakteristisch darüber hinaus war, dass sich die wirtschaftlichen Aktivitäten der Weichselstädte überlappten: Die Weichselstädte griffen einerseits – gemeinsam und konkurrierend – auf die Ressourcen Masowiens, Groß- und Kleinpolens, aber auch Podoliens, Teilen Litauens und der Ukraine aus. Andererseits vernetzten sie sich mit den europäischen Märkten Ostseeraum, Russland, Deutschland, Westeuropa (England, Niederlande). Die Weichselstädte trugen so zur Entstehung eines europäischen Binnenmarktes bei.

Kaufleute und Reeder bezogen in ihr Wirtschaften stets den Fluss mit ein, die wirtschaftliche Konjunktur hing dabei oft genug von den Launen der Weichsel ab, wie dies 1725 anschaulich Johann Theodor Jablonski über die Stadt Thorn schrieb:

"Die alten Nachrichten und beglaubte Briefschafften melden, daß im vierzehenden und funffzehenden Jahrhundert die Thorner nicht allein dem Hanseebund eine ansehnliche Stelle vertreten, sondern auch eine starcke Handlung in der Ostsee geführet, und grosse Schiffe auf dem Weichselstrom bis an die Stadt gelangen können. Aber der gewaltige Strom seine Ufer hin und wieder eingerissen, und mehr Raums in die Breite gewonnen, hat er an der Tieffe hinwieder abnehmen müssen, dergestalt, daß diese sich nach und nach so weit verlohren, daß sie dergleichen schwere Schiffe, womit das Meer befahren wird, zu tragen nicht mehr fähig ist, und diese auch zu Danzig anders nicht mehr, als mit halber Ladung, bis in die Stadt gelangen können."

In der späteren Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und 20. Jahrhunderts wurde das gemeinsame wirtschaftlich-kulturelle Band der Weichselstädte durch den deutschen und polnischen Nationalismus zerschnitten. Darüber hinaus kam noch der konfessionelle Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus zum Tragen. Dem erfolgreichen protestantischen Wirtschaftsethos im Königlichen Preußen wurde die polnische "Misswirtschaft" im südlichen Weichselland gegenübergestellt. Anders die Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts, die im Kontrast zum aufkommenden Nationalismus romantisierend an die goldene Vergangenheit der Frühen Neuzeit erinnerte.

Thorn und die Weichsel (Pko, Externer Link: Wikimedia Commons) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Wasser als Ressource und repräsentatives Symbol

Immer wieder wurden die Weichselstädte von Überschwemmungen heimgesucht, und so bestimmten Stauwehre und Entwässerungsgräben das städtische Bild. In Mitleidenschaft gezogen wurden auch die Landstraßen. Diese mussten durch Baumanpflanzungen chaussiert werden. Im 16. Jahrhundert setzte ein reger Brückenbau über die Weichsel ein, der zudem erträgliche Zolleinnahmen versprach.

Die Metropolen an der Weichsel waren wirtschaftliche und kulturelle Vermittler zwischen Stadt, ländlichem Umland und dem Ausland. Am Beispiel der Weichselstädte der frühen Moderne kann man gut die Verflechtungen von regionaler, transnationaler und globaler Geschichte erforschen. Durch den Getreide und Tuchhandel wurden die Metropolen an der Weichsel zu Weltstädten. Dieser kosmopolitischer Flair spiegelt sich in der Architektur der Rathäuser, Patrizierhäuser und den Markt- und Tuchhallen wieder.

Hinzu kommen die repräsentativen Schlossanlagen von Krakau und Warschau, in deren Bild sich die Weichsel harmonisch einfügt. Flusslandschaft und städtische Architektur ergeben ein harmonisches Ensemble. Anna, Tochter von Sigismund I., König von Polen und Großfürst von Litauen (1467-1548), gestaltete in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Warschauer Schloss zur Herrschaftsresidenz Kleinpolens – einer Anlage, die einen weiten Blick gewährt, der umso angenehmer ist, als sich dahinter das flache Land und die Wiesen, die die Weichsel bewässert, ausdehnen, was eine höchst reizvolle Aussicht eröffnet. Der terrassierte Aufgang vom Garten (Weichselseite) sollte einem majestätischen Hinaufschreiten anmuten und umgekehrt vom Schloss her dem Monarchen einen weiten Ausblick auf die Stadt ermöglichen. Wichtig war die Einbindung der Weichsel, Fluss der polnischen Nationswerdung, in die Szenerie der Residenzanlage.

Ähnliches gilt auch für die alte polnische Königsstadt Krakau, wo sich der Wawel über der Weichsel erhebt. Der Jagiellonenkönig Sigismund I. hatte ihn im 16. Jahrhundert von italienischen Architekten zu einem Renaissanceschloss umbauen lassen. Das 16. Jahrhundert markierte die Hochzeit der von der europäischen Renaissance geprägten Landschaftsarchitektur. Das Wawel-Museum zeugt mit seiner Sammlung flämischer Tapestrien von dem einst prosperierenden West-Ost-Handel. Für die Polen sind der Wawel und die Weichsel bis heute Symbole ihrer Nation. Dementsprechend hat der polnische Maler des 19. Jahrhunderts Stanisław Wyspiański (1869-1907) von dieser Symbiose Wawel-Weichsel als einem "natürlichen Reichtums" Polens gesprochen.

Das Wasser der Weichsel stellte allerdings auch eine wichtige Ressource für die frühe Industrialisierung dar. Neben der beschriebenen Landschaftsästhetik, gestaltet von den Landesherren, begann bereits im 16. Jahrhundert der unmerkliche Wandel zu einer Industrielandschaft einzusetzen. In der Umgebung von Krakau wurde das Wasser der Weichsel für die Gewinnung von Bodenschätzen (Bergbau, Salz), aber auch in der Holzwirtschaft genutzt. Dabei kam es zu Interner Link: umweltschädigenden Eingriffen in den Wasserhaushalt. So beklagten sich ländliche Anwohner, durch das Waschen der Erze würde das Wasser verunreinigt, die Fische vertrieben oder vergiftet. Gleichzeitig konkurrierten Landwirtschaft und Industrie um die wertvolle Ressource Wasser.

Knoten im Wegenetz

Ihre wirtschaftliche Bedeutung hatten die Weichselstädte nicht allein dem Fluss zu verdanken. Konkurrierend trat ein Netz von Fernstraßen hinzu wie zum Beispiel die sogenannte "Hohe Straße", die von Krakau nach Prag, Breslau, dann weiter nach Leipzig und Nürnberg führte. Vieh, Pelze, Häute, Tücher – von den Polen auch "Nürnberger Waren" genannt – gelangten auf die Märkte. Die Halbfertigprodukte wurden in den Städten an der Weichsel von deutschen und polnischen Handwerkern weiterverarbeitet. So blühte mit dem Fernhandel auch das heimische Handwerk auf. Die Fernstraßen wie auch die Weichsel integrierten das "Weichselland" in den europäischen Kommunikations- und Wirtschaftsraum der frühen Neuzeit.

Dementsprechend siedelten sich entlang der Weichsel und den Handelsstraßen Zollämter an. Am einträglichsten war der Getreidehandel, und im 18. Jahrhundert galt Polen als Europas Kornkammer. Polnische Aufklärer verglichen ihr Land mit Ägypten und die Weichsel mit dem Nil. Immer wieder setzten sich die Kaufleute über die Vielzahl von Wege- und Brückenzöllen hinweg, wie aus der Gesetzessammlung des Königreich Polens aus dem Jahr 1776 hervorgeht.

Seit seiner Einführung ist der Weichselzoll im 17. Jahrhundert fast jährlich ein Gegenstand von Auseinandersetzungen auf Land- und Reichstagen gewesen. Zahlreich waren die Klagen von Kaufleuten und Weichselschiffern über die Zollabgaben. Die Preisbildung wurde durch die Zölle in die Höhe getrieben und die willkürliche und unübersichtliche Zollpolitik förderte den Schmuggel auf der Weichsel. Ein Rückgang der Ausfuhren aus dem Exporthafen Danzig an der Interner Link: Weichselmündung war nicht immer durch schlechte Ernten bedingt, sondern auch durch die Schifffahrtsverhältnisse auf der Weichsel verursacht. So ist der Exportrückgang im Jahr 1604 durch ein katastrophales Niedrigwasser von 1603 verursacht, das die meisten Kähne auf der Weichsel festhielt; aus dem gleichen Grund zogen 1603 die Roggenpreise an.

Das Ende des goldenen Zeitalters

Der allzu euphorische Vergleich der Weichsel mit dem Nil darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Getreidehandel von dem Auf und Ab der Ernte abhing. Überschwemmungen der Weichsel und Dürrezeiten führten zu Ernteausfällen. Zur Zeit Karls V. stammten von 120.000 Tonnen der damaligen durchschnittlichen Getreideausfuhr Danzigs 50.000 Tonnen aus den Uferlandschaften an der Weichsel und dazu 25.000 Tonnen aus beiden Weichselwerdern, also der Deltalandschaft.

Getreidehandel war ein naturabhängiges Geschäft, das zudem durch die Kriege der Frühen Neuzeit zusätzliche Verschiebungen erfuhr. Die große Zeit des Getreidehandels war das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Zwischen 1618 und 1650 lagen die Rekordjahre der Danziger Getreideausfuhr und noch 1649 verließen über 200.000 Tonnen Getreide den Danziger Hafen. Interner Link: Der polnisch-schwedische Krieg (1600-1629) verursachte einen lang-anhaltenden Einbruch im Getreidehandel. Schon das Auftreten der Flotte Gustav Adolfs in der südlichen Ostsee hatte 1624 die Danziger Absatzmöglichkeiten gestört. Die Ereignisse des Jahres 1626 brachten den Weichselhandel vollends zum Erliegen, denn die Weichsel wurde zum Kriegsschauplatz. Kurz nachdem Anfang Juli 1626 die in schwedischen Diensten stehenden Zolleintreiber mit der Erhebung eines Seezolls vor dem Danziger Hafen begannen, erschienen vom Haff her schwedische Kriegsschiffe in der Weichsel, und Ende Juli hatten sie die strategisch wichtigste Stellung des Weichselunterlaufs, das "Danziger Haupt" unterbrochen. Damit waren sämtliche Mündungsarme der Weichsel in schwedischen Händen oder unter schwedischer Aufsicht. Die Schifffahrt auf der unteren Weichsel wurde durch Truppenbewegungen stark beeinträchtigt, denn beide Kriegsparteien beschlagnahmten die Weichselkähne, die hauptsächlich Schiffern aus den kleinen Städten entlang der Weichsel gehörten.

Epilog

Anders als bei Rhein und Donau ist bisher Interner Link: noch keine Geschichte der Weichsel geschrieben worden. Im Schnitt- und Kreuzungspunkt unterschiedlicher Nationen, Ethnien und Religionen gilt es einer spezifischen Identität des Weichsellandes, der Mentalität seiner Bewohner nachzuspüren. Ähnlich wie im Fall von Rhein und Donau stellte auch das Weichselland einen wirtschaftlichen und kulturellen Vermittlungsraum zwischen Nord und Süd, Ost und West dar – dies gilt insbesondere für die frühe Neuzeit, die Zeit vor den polnischen Teilungen. Die Weichselstädte der frühen Neuzeit standen für gelebte Multikulturalität und Weltoffenheit, an denen nicht zuletzt heute das Weltkulturerbe der UNESCO wieder anknüpft.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Eva-Maria Stolberg ist Historikerin an der Universität Duisburg-Essen. Sie ist Autorin des Standardwerkes Sibirien: Russlands Wilder Osten. Mythos und soziale Realität im 19. und 20. Jahrhundert. Bei Geschichte im Fluss schrieb sie bereits zum Thema "Heimat Fluss".