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Die Brücke von Bratislava

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Die Brücke von Bratislava

Michal Hvorecky

/ 4 Minuten zu lesen

Als Jugendlicher träumte ich davon, im Café Bystrica über der Donau einer Österreicherin zu begegnen. Heute gibt es das Café nicht mehr, nur noch ein luxuriöses Restaurant. Doch die Brücke erzählt weiter ihre Geschichten.

Schon von weitem sichtbar: Die Brücke des Slowakischen Nationalaufstands (© Inka Schwand)

370 Häuser mussten weichen

Die Grenzen waren erst seit kurzem offen, und dies hier war die erste große Sause der Theaterszene, zu der Wiener in die Nachbarstadt Bratislava gekommen waren. Viele von ihnen waren zum ersten Mal in meiner Stadt, vielleicht sogar alle.

Als Bratislavaer bin ich sicher nicht unvoreingenommen, glaube aber trotzdem sagen zu können, dass eine der schönsten Brücken an der ganzen Donau in meiner Heimatstadt steht. Sie heißt Most SNP, Brücke des Slowakischen Nationalaufstands, und wurde 2001 in der Slowakei zum Bauwerk des 20 Jahrhunderts gewählt, auch wenn für sie 370 Häuser im historischen Zentrum gefallen sind – in Zuckermandel, Weidritz (Vydrica), sowie das ehemalige jüdische Ghetto, ein Teil des Fischplatzes (Rybne namestie) und der früheren Erzherzog-Friedrich-Straße, heute Suche myto.

Hochwasser an der Donau im Mai 2013 (© Inka Schwand)

Immer wenn ich das UFO sehe, weiß ich, dass ich zu Hause bin. An der Stelle, wo die Brücke steht, gab es zu Zeiten von Österreich-Ungarn eine Furt. Bratislava hatte damals nur einen einzigen Donauübergang und das am Südufer gelegene Petržalka, zu Deutsch Engerau, war noch ein eigenständiges Dorf, das dann während des so genannten Dritten Reiches sogar zu Deutschland gehörte.

Die Most SNP ist die größte Brücke der Stadt und die einzige ohne Pfeiler im Fluss. In ihrem Innern verlaufen Wasserleitungen, die das komplette Plattenbauviertel Petržalka versorgen. Unten gibt es Öffnungen, damit im Fall eines Rohrbruchs das Wasser abfließen kann und die Konstruktion nicht in Mitleidenschaft zieht.

Sozialistisches Ambiente

Im UFO gab es früher das Café Bystrica. Einige Leute glauben, dass es sich auch gedreht hat, vielleicht hat sie die Scheibenform zu dieser Vorstellung verleitet, aber tatsächlich sollte und konnte es sich nicht drehen.

Die Zeiten des Cafés sind vorbei, heute heißt das Lokal längst anders. Der neue Besitzer hat es zu einem Luxusrestaurant voller Designermöbel aller Weltmarken umgebaut, lauter teures, durchsichtiges Plastik und gerundete, fließende Tischformen, bizarre weiße Leuchten, die wie Engelsflügel aussehen – doch dafür, dass sie so groß sind, geben sie nur schwaches Licht. Ich bin ein paar Mal dort gewesen, vor allem, wenn jemand anderes gezahlt hat, denn obwohl ich heute in einer anderen Situation bin, kann ich mir einen Besuch dort nicht leisten.

Das Bystrica hat immer eine sozialistische Atmosphäre verbreitet. Der Aufzug im linken Pylon wurde von einem unwirschen Rentner in einer alten Livree gesteuert. Neben dem Eingang hing ein Mosaik aus Aufbau-Zeiten. Bedient wurde man von dreisten Kellnern, die den ganzen Abend kein Lächeln herausbrachten, dafür aber schnell einmal die Preise verdoppelten. Auf schmutzigen weißen Tischdecken thronten dicke Milchglas-Aschenbecher und aus Keramikvasen ragten Kunstblumen heraus.

Heute wäre dieses Retro-Design wieder in Mode, aber all das ist verschwunden. Ich mischte mich unter die Gäste, aber ich kannte niemanden. Ich war ohne Einladung gekommen. In meinen Ohren flossen unklare Stimmen zusammen, ein unablässiges Rauschen, mal starker, mal schwächer, wie die Meeresbrandung.

Vor allem im Sommer kommen die Touristen in die Donaustadt (© Inka Schwand)

Österreichischer Traum

Schon immer hatte ich mich danach gesehnt, mit einer Österreicherin zu gehen. Mein pubertärer Jungentraum war beeinflusst vom ORF-Fernsehen, von Radio Ö3, von Wurlitzer, der Mini-ZIB und überhaupt von allem, was für einen Deutsch sprechenden Bratislavaer hinter dem Eisernen Vorhang Wien ausgemacht hat.

Nach zwei Wodka stellte ich mir vor, wie ich auf der Party eine Österreicherin finde, sie auf Händen die 430 Stufen der Nottreppe im rechten Pylon bis ganz hinunter trage, sie am Donauufer in einen Paradeschlitten mit österreichischem Kennzeichen setze (in meinem Traum störte es mich nicht, dass ich überhaupt kein Fahrzeug besaß) und mit ihr auf ein österreichisches Schloss fahre, wo wir uns auf Österreichisch – das heißt ausgesprochen leidenschaftlich – küssen. Wir verspeisen ein Schnitzel in der Form von Österreich mit Kartoffelsalat und zum Dessert echte Sachertorte, wir trinken Almdudler und Grünen Veltliner aus der Wachau und lieben uns zur Musik von Mozart und Falco.

Ich trank schnell. Peu a peu richtete ich meinen Blick auf alle anwesenden jüngeren Österreicherinnen, aber die wandten sich angewidert von mir ab. Ich versuchte es dann aus Verzweiflung bei den älteren, aber nicht einmal bei denen konnte ich etwas ausrichten. Die raffinierte Atmosphäre des erotischen Kitzels nahm offensichtlich nur ich wahr. Wir Österreicher haben nichts zu sagen, außer dass wir unerträglich sind, fiel mir Thomas Bernhard ein.

Aufgewühlte Donau

Ich hielt es nicht länger in dem Trubel aus. Lieber stieg ich die paar Stufen zur Aussichtsplattform, dem höchsten Punkt der Brücke, hinauf und sah mich um. Es war tiefe Nacht. Die Lichter der Stadt und des Grenzstreifens blinkten gelb und orange in der Dunkelheit. Ich schaute zur österreichischen, dann zur ungarischen, dann zur slowakischen Seite. Die Nacht bot einen überraschend guten Ausblick. Der niedrige Himmel war von Wolken überflutet, nur weiter oben war er noch rein und schwarz, hier und da schien sogar ein Stern.

Dann starrte ich nur noch auf die Donau, ich konnte mich nicht von ihr losreißen. Dieser Anblick löste in mir Szenen von einer seltsamen Kraft aus, eine Erwartung, fast schon Wollust. Der Fluss zwang mich unausweichlich, an die Zeit zu denken. An das zweieinhalbtausend Jahre alte Bild von Heraklit.

Die Altstadt von Bratislava ist renoviert (© Inka Schwand)

Die aufgewühlte Donau war von dunkelgrauer Farbe, als sähe ich sie durch einen beschlagenen Kamerafilter. Eine Welle folgte auf die andere, sie zerfurchten den Kies, weiß schäumend schwappten sie ans Ufer und verschwanden. Die Gischtränder schienen silberne Stufen zu bilden.

Ich stand da und dachte daran, was in das Gedächtnis eines Flusses eingeschrieben sein konnte, der so viel Blut in sich trägt, so viele Tote, begrabene Träume und Misserfolge. Wie kann er mit solchen Erinnerungen weiterfließen, ungestört dahinströmen? Oder vielleicht gerade deswegen?

Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch

Fussnoten

Weitere Inhalte

Über den Autor: Michal Hvorecky, geboren 1976 in Bratislava, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller in der Slowakei. Auf Deutsch ist zuletzt sein Thriller "Tod auf der Donau" erschienen.