Lokaljournalismus

5.12.2011 | Von:
Daniel Süper

Heimvorteil: Was Leser wollen

Ortsbindung und die Interessen der Leser

Es stellt sich die Frage, ob sich im Zeitalter von "Globalisierung" und "Mobilisierung" überhaupt dauerhaft Menschen für lokale Inhalte interessieren werden. Schon heute sinken die Auflagen von Lokalzeitungen in Ballungsräumen stärker als in ländlichen Gebieten. Wenn das Interesse an Informationen lokaler Medien mit der Ortsbindung zusammenhängt, liegt eine wichtige Erklärung dafür auf der Hand: Je länger Menschen an einem Ort leben, desto länger haben sie Zeit, Wurzeln zu schlagen, ihn als "heimisch" wahrzunehmen. Wo – wie in vielen Großstädten – die Verweildauer vor Ort im Schnitt kürzer ist, sind die Voraussetzungen für echte Ortsbindung schlechter als anderswo. Wo wiederum die Voraussetzungen für Ortsbindung schlechter sind, haben auch lokale Medien mit ihren Informationsangeboten schlechtere Karten.

Zur lokalen Apokalypse besteht dennoch kein Anlass. Menschen haben auch im 21. Jahrhundert einen Geburtsort, einen Arbeitplatz, ein Zuhause. Sie sind keine virtuellen Wesen, sondern real ortsgebunden und erfüllen damit die Eingangsvoraussetzungen, um Heimatliebe und Interesse für ihre Nahwelt entwickeln zu können. Das Bedürfnis nach Heimat könnte gerade in schnelllebigen Zeiten sogar noch wachsen. Einen Beleg geben die zahlreichen Ratgeber zur "Entschleunigung" oder die unüberschaubare Zahl an Natur- und Landleben-Magazinen am Kiosk. Auch auf wissenschaftlicher Seite, nicht nur in der Gesellschaft- und Sozialforschung, gibt es heute für diese Annahme eine ganze Reihe von Vertretern.

Redakteure in Lokalmedien sollten damit wissen, dass Sie auch im 21. Jahrhundert und dem Zeitalter sinkender Lokalzeitungsauflagen mit einer wertvollen Ware handeln. Wer lokale Nachrichten aus Orten oder Ortsteilen als "provinziell" belächelt, mag am Stammtisch punkten – aber nicht bei den Lesern. Dabei gibt es klare Hinweise, dass medienübergreifend offenbar die gleichen lokalen Stoffe funktionieren. Ein spannendes Thema bleibt eben ein spannendes Thema – egal auf welchem Kanal. Die Aufbereitung allerdings muss medienspezifisch sein. Eine tolle Zeitungsreportage beispielsweise kann auf einer Webseite womöglich beim Publikum durchfallen: einfach, weil sie nicht webgerecht aufbereitet ist.

Wenn Stoffe "heimatgerecht" zugeschnitten werden, sollten Redaktionen sich nicht automatisch an Verwaltungsgrenzen oder Einzugsgebieten von Lokalredaktionen orientieren. Das tun ihre Leser in den "persönlichen Heimatkarten" auch nicht. Lokalredakteure haben das oft in der Tat "im Gefühl", weil sie selbst aus der Gegend stammen, über die sie berichten. Insofern muss der Bauch kein schlechter Ratgeber sein – auch wenn viele Wissenschaftler mit ihm wenig anfangen können. Nur reichen Bauchentscheidungen alleine nicht aus. Eine große Hilfe könnten für lokale Medien raumbezogene Forschungen sein. Raumbezogen heißt: Nicht auf das Große Ganze schauen, sondern auf das kleine Ganze. Nur wer weiß, wo sich die Lebenswelt des Publikums befindet, kann seine Wünsche erfüllen.

Literatur

Möhring, Wiebke, Dieter Stürzebecher (2008): Lokale Tagespresse: Publizistischer Wettbewerb stärkt Zeitungen. In: Media Perspektiven, 2/2008, S. 91-101,

Daniel Chmielewski (2011): Lokale Leser. Lokale Nutzer. Informationsinteressen und Ortsbindung im Vergleich. Eine crossmediale Fallstudie. Köln.

Creative Commons License

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