30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Lokaljournalismus

2.3.2012 | Von:
Julia Neubarth
Christoph Neuberger

Der Blogkosmos

Lokale Blogs: Konkurrenz und/oder Ergänzung?

Blogs als Zeitungsersatz?

Prenzlauerberg-NachrichtenPrenzlauerberg-Nachrichten (© prenzlauerberg-nachrichten.de/)
So vielfältig wie das Themenspektrum sind auch die Anlässe für die Gründung lokaler Blogs. Häufig haben Blogger den Anspruch, Missstände lokaler Tageszeitungen zu kompensieren und Lücken in deren Berichterstattung zu füllen – zum Beispiel im Ruhrgebiet: Dort befassen sich Zeitungen zwar mit den einzelnen Städten, doch fehlte eine übergreifende Klammer. Dieser Aufgabe nehmen sich das Pottblog, die Ruhrbarone und pott2null.de an. Oft ist den Bürgern die lokale Berichterstattung der Printmedien nicht kleinteilig genug. Sie erfahren aus der Zeitung nicht genug über ihr Stadtviertel oder ihr Dorf. Deswegen gibt es für den Tübinger Süden oder den Norden des Berliner Stadtteils Neukölln jeweils ein lokales Blog. Mitunter sind auch Kürzungen oder Fusionen im Bereich der Lokalpresse Auslöser für die Gründung lokaler Blogs – so geschehen in Berlin: Als die Kreuzberger-Chronik, ein Monatsblatt, mit der Friedrichshainer-Chronik zusammengelegt wurde, gründete der Journalist und Buchlektor Thomas Heubner einfach ein gleichnamiges Blog für Friedrichshain.

In anderen Fällen sind die lokalen Blogs als direkte Konkurrenz zur Tagespresse gedacht: Die Tegernseer Stimme möchte eine bessere Alternative zum Heimatblatt sein. Auch Regensburg-Digital oder das Heddesheimblog und lokalnews.de entstanden aus Unzufriedenheit mit der Lokalpresse. "Was andere versprechen, das halten wir", verkündet Daniel Wildfeuer, Geschäftsführer von lokalnews.de. Allerdings erhielt lokalnews.de eine Anschubfinanzierung vom ortsansässigen Zeitungsverlag. Kritiker sahen darin eine Gefahr für die redaktionelle Unabhängigkeit[1].

Lokalzeitungen bekommen Konkurrenz im Netz durch Blogs – oder Blogs werden zu ihrem Ersatz, wenn Zeitungen verschwinden. Die Westküsten-Stadt Seattle ist ein Beispiel für das neue "Nachrichten-Ökosystem". Dort stellten 2007 und 2009 zwei Tageszeitungen ihr Erscheinen ein. Die einzig verbliebene Zeitung musste ihre Redaktion erheblich verkleinern. Zugleich entstand eine Vielzahl alternativer, hyperlokaler Nachrichtenangebote, wobei Seattle über günstige Voraussetzungen verfügt: eine hohe Internetreichweite, eine starke Bürgerbeteiligung und die große Rolle, welche die IT-Branche (Microsoft, Amazon, RealNetworks) in der Stadt spielt. Nach einer Studie des Institute for Interactive Journalism in Zusammenarbeit mit der University of Maryland[2] sind in den USA sogenannte "Citizen Media" vor allem dort entstanden, wo keine oder nur eine geringfügige lokale Berichterstattung in Zeitungen vorzufinden ist. Mittlerweile gibt es übergreifende Plattformen wie Patch, EveryBlock, Outside.in und Placeblogger, die lokale Nachrichten und Nachbarschaftsinformationen bündeln. In Deutschland ist myheimat.de die größte Plattform für lokale Leserreporter. Auch Regiowikis (die das kostenlose Wikipedia-Prinzip und die Software lokal nutzen) haben weite Verbreitung gefunden, die – meist abseits der Tagesaktualität – Wissenswertes aus der Region zusammentragen.

Blogger als Kritiker

ruhrbarone.deruhrbarone.de (© ruhrbarone.de)
Bisher sind lokale Weblogs nicht zu einem deutschlandweit gleich großen Phänomen herangewachsen. Trotzdem konnten sie vereinzelt bereits für Furore sorgen: In der badischen Kleinstadt Bruchsal tauchte während des Oberbürgermeister-Wahlkampfs 2009 das lokale Blog (bruchsal.org) als Kritiker des CDU-Kandidaten auf, der schließlich den sicher geglaubten Wahlsieg verfehlte. Den Anstoß für die öffentlichen Unmutsäußerungen der Bürger gab die Zurückhaltung der lokalen Monopolzeitung "Bruchsaler Rundschau". Auch die Ruhrbarone ließen sich nicht von Politikern einschüchtern: Sie legten sich im März 2010 mit dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers an, als sie CDU-interne Unterlagen ins Netz stellten. Diese Beispiele deuten an, welche Rolle den neuen Stimmen im Lokalen und Regionalen zuwachsen könnte: Sie könnten die kommunale Öffentlichkeit beleben, die an vielen Orten in Deutschland nur von einer Zeitung bestimmt wird: Im Jahr 2008 stand 42 Prozent der Bundesbürger nur eine Lokalzeitung zur Verfügung.

Finanzierung lokaler Blogs

Ein Fragezeichen aber bleibt: Bis heute lässt sich mit Lokalblogs nur in Ausnahmefällen Geld verdienen. Selbst einige der genannten Vorzeige-Projekte in Großbritannien und den USA haben Schwierigkeiten. Von den 863 lokalen Seiten von "Patch" sind längst nicht alle Ableger profitabel. Die 2010 als Pilotprojekte begonnenen lokalen Blogs des britischen Guardian in Edinburgh, Leeds und Cardiff wurden mittlerweile eingestellt.

In Deutschland ist die Tegernseer Stimme die seit April 2010 mit einer neunköpfigen Redaktion über die Gemeinden im Tegernseer Tal berichtet, wohl der erfolgreichste deutsche Vertreter seiner Art. Ihr gelingt es, Werbeumsätze von bis zu 10.000 Euro monatlich zu erwirtschaften. Dazu trägt erheblich der Anzeigenverkauf für die kostenlose Printausgabe bei. Auch ruhrbarone und die Friedrichshainer-Chronik besitzen einen Papierableger. Der Großteil der lokalen Blogs ist aber auf Spenden und Erlöse aus Online-Werbung angewiesen. Ein tragfähiges Finanzierungskonzept wird dringend gesucht. Dennoch können Blogs Kostenvorteile bieten: Sie benötigen keine große Redaktion und wecken nicht die Erwartung, das gesamte lokale Geschehen abzudecken. Breiter angelegte lokaljournalistische Internetprojekte sind in der Vergangenheit regelmäßig gescheitert - wie die ambitionierte Online-Zeitung Echo Münster. Das Münsteraner Blog blieb schließlich als Plattform für lokale Sportnachrichten erhalten. Das Blog, so scheint es, ist als schlankere Variante eher überlebensfähig.

Studien

Fancher, Michael R. (2011): Seattle: A New Media Case Study. In: PEJ: The State of the News Media 2011. http://stateofthemedia.org/2011/mobile-survey/seattle-a-new-media-case-study/

Schaffer, Jan (2007): Citizen Media: Fad or the Future of News? The rise and prospects of hyperlocal journalism. Washington, D. C.: J-Lab – The Institute for Interactive Journalism, Philip Merrill College of Journalism, University of Maryland. http://www.kcnn.org/research/citizen_media_report

http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/

Fußnoten

1.
Anmerkung: lokalnews wurde im April 2012 eingestellt. Als Grund nannten die Macher die hohen laufenden Kosten. Unter lokalnews.de der Domain findet sich nun das Web-Angebot des regionalen Wochenblatts. Die Hintergründe erläutert Daniel Wildfeuer im drehscheibe-Interview
2.
siehe: Studien: Fancher
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Julia Neubarth, Christoph Neuberger für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier Open Data

Hyperlokal

Das Medium Internet befindet sich im ständigen Wandel und verändert weiterhin den Journalismus: Sowohl das Handwerk, den Beruf des Journalisten, aber auch Form und Art, wie Nachrichten konsumiert werden. Auch Open Data spielt dabei eine Rolle, das aus seinen Datenbanken punktgenau Informationen liefern wird.

Mehr lesen

Ein Wordle aus dem Einführungstext des Dossiers.
Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Massenmedien
Informationen zur politischen Bildung Nr. 309/2010

Massenmedien

Angebot und Vielfalt der Medien haben in den vergangenen Jahrzehnten einen dramatischen Wandel erfahren. Die Fülle an Informationen und die Schnelligkeit, mit der sie sich verbreiten, haben durch das Internet stark zugenommen. Dies hat auch Auswirkungen auf den Journalismus. Er muss sich wie die Nutzerinnen und Nutzer des Medienangebots neuen Herausforderungen stellen.

Mehr lesen

Ob Landtagswahlen in drei Bundesländern, Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein oder die Bundestagswahl als politisches Top-Ereignis 2013: Für viele Politiker hat der Wahlkampf bereits begonnen. Und auch in den Redaktionen ist das Thema Wahlen längst auf der Agenda angekommen. Der drehscheibe-Wahlenblog zeigt interessante Umsetzungsideen, gibt Anreize für ungewöhnliche Darstellungsformen und begleitet die lokalen Redaktionen bei ihrem journalistischen Urnengang.

Mehr lesen auf drehscheibe.org