Lokaljournalismus

29.2.2012 | Von:
Heike Groll

Vergessene Themen

Einblick: Defizite und Initiativen

Dass der Rückzug aufs risikoarme Dokumentieren von Terminen sich auf lange Sicht nicht eignet, um zahlende Leser einer Qualitätszeitung zu finden, haben Lokalzeitungsmacher mit Weitblick erkannt. Das Killerargument "Das will doch keiner lesen" in der Redaktionskonferenz aufzuhebeln, heißt auch, dem Leser mehr zuzutrauen. Beispiel Soziales: Kaum eine Redaktion, die nicht über das Engagement der örtlichen "Tafel" berichtet, das Schicksal eines Obdachlosen aufzeichnet oder Personalmangel in den Altenheimen der Stadt thematisiert. Solche Beiträge sind wichtig, weil sie Leser emotional berühren und Interesse für die Themen wecken. Journalisten müssen darüber hinaus deutlich machen, dass soziale Schieflagen auch strukturelle Ursachen haben, die auch den "normalen" Leser betreffen. Dass dies nicht in einer trockenen Pflichtaufgabe münden muss, hat die Münchener tz 2001 mit einer Serie über den Alltag in Pflege- und Altenheimen bewiesen. Unter dem Titel "die tz kämpft für die Würde unserer Senioren" hat sie gute und schlechte Pflegebeispiele vorgestellt, Politiker, Sozialverbände, Heimleitungen, Altenpfleger, betroffene Senioren und Angehörige zu Wort kommen lassen und mit praktischen Tipps ergänzt – und das Thema "Pflegenotstand" so aus der Tabu-Ecke geholt.

Eigene Themen zu setzen kann viele Formen annehmen. Die Initiative "Franken 2020", die 2008 von jungen Journalisten des Fränkischen Tags, der Bayerischen Rundschau und des Coburger Tageblatts konzipiert wurde, hat es sich beispielsweise zur Aufgabe gemacht, das Thema demographischer Wandel aus verschiedensten Perspektiven zu beleuchten und nicht nur das Grundproblem zu skizzieren. Stattdessen wurden durch Themenseiten zu Familienleben, Leben im Alter, Wertewandel, täglicher Berichterstattung, einem Online-Dossier und einer öffentlichen Podiumsdiskussion bewusst Lösungen und Chancen gesucht. Veränderungen und ihre Möglichkeiten die für Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur entstehen, wenn sich die Bevölkerungsstruktur in der Region ändert.

Die Geschichten hinter den Terminen zu suchen, über Menschen zu berichten, die sonst nie zu Wort kommen, nicht zu verkünden, sondern zu erklären. Solcher Qualitätsjournalismus entsteht nicht durch Zufall. Er muss geplant werden, dafür sind die Lokalredaktionen verantwortlich – und sie sind nicht auf sich allein gestellt, wenn es gilt, vernachlässigte Themen aus dem Schatten zu holen. So weist zum Beispiel die Initiative Nachrichtenaufklärung regelmäßig auf ihrer Einschätzung nach blinde Flecken in der Berichterstattung hin (z.B. 2011 auf Schadstoffe an Schulen in Nordrhein-Westfalen oder mangelhafte ärztliche Versorgung in Altenheimen). Die gemeinnützige Initiative step21 regt mit dem Projekt "Weiße Flecken" Jugendliche aus Deutschland, Österreich, Polen und Tschechien an, selbst journalistisch aktiv zu werden und verschwiegene Themen und Falschmeldungen von Lokalzeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus aufzudecken.

Journalistenwettbewerbe wie der Deutsche Lokaljournalistenpreis, ausgerichtet von der Konrad-Adenauer-Stiftung, oder der Wahl-Award der Bundeszentrale für politische Bildung für gelungene Wahlberichterstattung zeichnen die besten Arbeiten lokaler Medien aus, dokumentieren sie und bieten so einen Fundus an Anregungen zum Nachmachen. Sie greifen damit das Motto der "drehscheibe" auf, die Lokaljournalisten seit 30 Jahren als Planungsinstrument zur Verfügung steht: Der Pressedienst sammelt gute Ideen aus den Lokalredaktionen, um sie weiter zu tragen. Hier erklären Lokalzeitungsmacher, wie sich Themen wie Rechtsradikalismus, Wahlen, Mauerfall, Umwelt, Integration oder Energie lokal aufbereiten lassen. Daraus ist ein bundesweites Netzwerk unter dem Dach der Bundeszentrale für politische Bildung entstanden. Denn: Was Menschen in einer heterogenen Gesellschaft miteinander verbindet, das finden sie am ehesten in ihrem direkten Lebensumfeld. Hier haben sie auch die größten Möglichkeiten, das politische und gesellschaftliche Leben selbst mitzugestalten. Indem die Lokalzeitung Themen aus dieser Lebenswelt auf die öffentliche Agenda setzt, Debatten anstößt und das Tagesgespräch bestimmt, stiftet sie Gemeinschaft und ermöglicht bürgerschaftliche Teilhabe. Wenn die Lokalzeitung diese Aufgabe nicht erfüllt – wer sollte es sonst tun?

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