Lokaljournalismus

31.1.2012 | Von:
Christine Kröger

Idealismus und Selbstausbeutung

Einblick: Warum Lokaljournalismus mehr Recherche braucht

Die Zusammenarbeit muss nicht auf das eigene Haus beschränkt bleiben, auch medienübergreifend lassen sich Recherchekapazitäten bündeln und optimieren. Dabei gilt es allerdings häufig, Konkurrenzdenken zu überwinden. Daher bieten sich für solche Kooperationen verschiedenartige Medien wie Print plus Rundfunk, Magazin plus Tageszeitung oder überregionale Zeitung plus Regionalzeitung an. So hat der Weser-Kurier vor der niedersächsischen Landtagswahl Anfang 2008 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunk die Broschüre "Rechtsabbieger. Die unterschätzte Gefahr: Neonazis in Niedersachsen" herausgegeben und flächendeckend an den weiterführenden Schulen des Landes verteilen lassen.

Was hilft gegen den Recherchemangel?

Bisher galt investigative Recherche als Domäne weniger Nachrichten- und TV-Politmagazine – wie Spiegel oder Monitor. Seit einigen Jahren denken jedoch immer mehr Journalisten – und glücklicherweise auch ihre Chefredaktionen und Verlagsleitungen – darüber nach, wie sie die Qualität ihrer Berichte verbessern können. Die Branche beginnt, investigative Recherche zu schätzen und sie sich zu "leisten". Eine ganze Reihe von Redaktionen wie die der Süddeutschen Zeitung oder die Welt haben eigenständige Ressorts für Recherche gegründet. Auch die taz und Die Zeit kündigte Ende 2011 an, solche Ressorts einzurichten. Für die Blätter der WAZ-Mediengruppe arbeitet bereits seit 2009 ein Team aus Redakteuren und Reportern investigativ. Dennoch sind solche Ressorts in den Redaktionen von Lokal- und Regionalzeitungen noch die große Ausnahme.

Für diese Ressorts sind Redakteure gefragt, die sich intensiv mit Möglichkeiten, Instrumenten und Techniken der Recherche beschäftigt haben. Das ist keine Banalität, denn an solchen Redakteuren herrscht in den Redaktionen von Lokal- und Regionalzeitungen (noch) großer Mangel. Ursache ist, dass Recherche in der Journalistenausbildung zu wenig bis gar nicht gelehrt wird. So wird in manchem vierwöchigen Kursus für Redaktionsvolontäre der Recherche ein einziger Tag gewidmet, während das Verfassen einer unterhaltsam zu lesenden Reportage an drei Tagen geübt wird. Und im Redaktionsalltag der Volontäre findet Recherche aus den genannten Gründen ebenfalls kaum statt.

Der Bremer Weser-Kurier hat daher 2010 ein Pilotprojekt gestartet und ein eigenständige Ressort Recherche und Ausbildung gegründet. Er ist damit eine der ganz wenigen Regionalzeitungen mit einem eigenständigen Rechercheressort und macht Recherche zugleich zu einem wichtigen Teil der journalistischen Ausbildung. Die ersten Erfahrungen sind gut. Die Nachwuchsjournalisten erleben als positiv, sich "mehr als einen halben Tag lang" eines (komplexen) Themas annehmen zu können. Selbst Volontäre, die ihre Vorliebe bislang eher in unterhaltsamen "Erzählstücken" sahen, "beißen sich fest", hinterfragen kritisch, provozieren (und freuen sich am) Widerspruch – und legen ihre "Ehrfurcht" vor Amt- und Würdenträgern ab. Letzteres ist nicht weniger als die Grundlage für kritischen Journalismus.

Warum brauchen Lokalzeitungen mehr Recherche?

Politiker und Wissenschaftler beklagen seit Jahren, dass immer weniger Bürger sich für Politik interessieren und die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung wächst. Genau darin liegt eine große, wenn nicht die größte Gefahr für unsere Demokratie. Und über genau diese hat die Presse zu wachen.

Gegenüber den wenigen überregionalen Politmagazinen in Print und Fernsehen, die vor allem von Menschen wahrgenommen werden, die ohnehin politisch interessiert sind, haben Regional- und Lokalblätter mindestens zwei Vorteile: Sie erreichen die meisten Bürger und sie verfügen über lokale Kompetenz. In den Lokal- und Regionalredaktionen weiß man, dass der Bürgermeister der Schwager von Bauunternehmer X ist, der auffallend viele Aufträge von der Kommune erhält, oder dass Nachbarn in der Kneipe X stadtbekannte Neonazis ein- und ausgehen sehen. Derlei Wissen haben Lokal- und Regionalzeitungen überregionalen Medien voraus, und dieses Wissen müssen sie viel mehr nutzen, als sie es bisher tun. Nicht nur, um ihrer Wächterfunktion gerecht zu werden, sondern auch aus purem Eigennutz – um ihre Existenz zu sichern. Die Zukunft der Lokal- und Regionalzeitung steht und fällt mit der Qualität ihrer Berichte.

Weiterführende Links

http://www.netzwerkrecherche.de/
http://www.anstageslicht.de

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