Jugendkriminalität im Allgemeinen und Jugendgewalt im Besonderen stehen regelmäßig im öffentlichen, politischen und medialen Interesse – insbesondere dann, wenn sich schwerwiegende Vorfälle unter Jugendlichen ereignen. Die Entwicklung der Jugendkriminalität wird dabei als eine Art „Fieberkurve“ der Gesellschaft wahrgenommen: Steigt diese, so deute es auf Fehlentwicklungen in Familien, Schulen, Städten oder Gemeinden hin, auf die gesellschaftlich zu reagieren sind. Sinkt die Jugendkriminalität und -gewalt, dann gelinge die Aufnahme der nächsten Generation in das gesellschaftliche Zusammenleben.
Jugendkriminalität im Hellfeld
Um Aussagen zur Jugendkriminalität in Deutschland treffen zu können, lassen sich zwei verschiedene Datenquellen heranziehen. So können polizeilich registrierte Straftaten analysiert werden, zu denen Jugendliche als Tatverdächtige ermittelt wurden. Ob eine Straftat polizeilich registriert wird oder nicht, hängt maßgeblich von der Anzeigebereitschaft der Bevölkerung ab. Diese variiert je nach Schwere der Straftat, Beziehung zum Täter beziehungsweise zur Täterin und Herkunft der Tatperson.
Der hierfür verwendete Begriff des Hellfelds verweist darauf, dass nur ein Teil aller strafbaren Handlungen den Strafverfolgungsbehörden zur Kenntnis gelangt. Die wichtigste Statistik zur Analyse des Hellfeldes ist die
Jugendkriminalität im Dunkelfeld
Ein je nach Delikt unterschiedlich großer Anteil an strafbaren Handlungen verbleibt im Dunkelfeld. Dunkelfeldstudien versuchen, sich der Zahl aller begangenen Straftaten von Jugendlichen unabhängig von polizeilicher Registrierung anzunähern. Meist wird im Rahmen dieser Studien nicht von Kriminalität, sondern von Delinquenz gesprochen. Als delinquent werden all jene Verhaltensweisen bezeichnet, die gegen das Gesetz verstoßen, aber nicht notwendigerweise verfolgt und sanktioniert werden, weil die
Das Verhältnis zwischen Hell- und Dunkelfeld variiert dabei nicht nur mit dem Delikttyp, sondern auch über die Zeit oder über den Ort hinweg. Ansteigende oder rückläufige Entwicklungen in der Hellfeld-Statistik ebenso wie Unterschiede zwischen Städten, Regionen oder Bundesländern können tatsächliche Veränderungen markieren. Sie können aber auch beispielsweise auf Veränderungen im Anzeigeverhalten, in den polizeilichen Ermittlungsaktivitäten, in der Registrierungspraxis der PKS und in gesetzlichen Rahmenbedingungen beruhen.
Definition Jugend
In der PKS wird als „jugendlich“ ausgewiesen, wer zwischen 14 und einschließlich 17 Jahre alt ist. Dies entspricht auch der Definition in Externer Link: § 1 des Jugendgerichtsgesetzes. Repräsentative Dunkelfeldstudien zur Jugenddelinquenz werden in der Regel als Befragungen an Schulen durchgeführt und konzentrieren sich auf Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe; nur vereinzelt erfolgen Befragungen in anderen Altersgruppen oder Befragungen der gleichen Personengruppe über mehrere Jahre hinweg.
Dunkelfeldstudien haben gegenüber Hellfeldstatistiken den Vorteil, dass sie neben Merkmalen einzelner Bevölkerungsgruppen wie etwa Geschlecht oder Herkunft Erkenntnisse zu Einflussfaktoren delinquenten Verhaltens liefern können. Diese stellen den Ausgangspunkt für präventive Maßnahmen dar: Wenn bekannt ist, weshalb sich Menschen delinquent verhalten, kann entsprechend gegengesteuert werden.
Gleichzeitig sind die Befunde nicht direkt vergleichbar mit den Befunden der PKS, da gesetzlich definierte Straftaten zum Teil nur schwer in verständliche Deliktsbeschreibungen zu übersetzen sind. Hinzu kommt, dass auch in anonymen Dunkelfeldbefragungen aus Angst vor Strafverfolgung oder Scham bestimmte Straftaten nicht angegeben werden. Darüber hinaus nehmen nicht alle für die Befragung ausgewählten Personen tatsächlich teil und es werden nicht alle Bevölkerungsgruppen – im Jugendalter beispielsweise die schulabsenten Personen, die etwa die Schule schwänzen – gleichermaßen gut erreicht.
Trotz dieser Herausforderungen weist die Forschung darauf hin, dass insbesondere Befragungen während des Schulunterrichts aufgrund ihrer höheren Anonymität im Vergleich zu mündlichen Befragungen zu verlässlicheren Ergebnissen führen.
Kriminelles Verhalten ist im Jugendalter verbreitet
Im Jahr 2024 wurden deutschlandweit 192.863 Jugendliche als Tatverdächtige eines Deliktes polizeilich registriert. Sechs Prozent aller in Deutschland lebenden Jugendlichen waren polizeilich dem Verdacht ausgesetzt, eine Straftat begangen zu haben. Das ist umgerechnet fast jede beziehungsweise jeder 17. Jugendliche. Kriminalität ist im Jugendalter also recht verbreitet, was mit dem lateinischen Begriff Ubiquität („überall verbreitet“) zum Ausdruck gebracht wird. Ubiquität der Jugendkriminalität bedeutet, dass im Jugendalter viele Personen – unabhängig vom Hintergrund oder der Herkunft – Normen überschreiten.
Dass kriminelles Verhalten im Jugendalter verbreitet ist, wird besonders deutlich, wenn man die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) über verschiedene Altersgruppen hinweg vergleicht. Dieser Wert gibt an, wie viele Personen pro 100.000 der Altersgruppe registriert wurden. Im Kindes- und im Erwachsenenalter sind die Belastungen deutlich niedriger als im Jugendalter beziehungsweise späten Jugendalter. Dies wird auch als Alters-Kriminalitäts-Kurve bezeichnet. Die meisten Menschen stellen kriminelles Verhalten dann im Lebensverlauf unabhängig von formellen oder informellen Sanktionen ein.