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Wo häufen sich Straftaten? | Innere Sicherheit | bpb.de

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Wo häufen sich Straftaten?

Nicole Bögelein Gina Rosa Wollinger

/ 8 Minuten zu lesen

Es gibt Orte, die den Menschen mehr Angst bereiten als andere. Diese Angsträume decken sich nicht immer mit den Orten, wo mehr Kriminalität registriert wird.

Im Schaubild lassen sich Hinweise entdecken, an welchen Orten häufig Straftaten registriert werden. Überlege einmal: Auf welche Tatorte deuten zum Beispiel die vielen Menschen hin? Interner Link: Schaubild herunterladen (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Die größte Sorge vor Kriminalität haben Menschen nachts allein im öffentlichen Raum. Viele Menschen meiden etwa fast menschenleere Plätze oder unbeleuchtete Parks vor allem nach Einbruch der Dunkelheit. Die soziale Kontrolle sinkt, was heißt, dass hier nicht mehr eine auf die andere Person achten kann.

Orte, wo Menschen sich unsicher fühlen, werden auch als Angsträume bezeichnet. Hier häufen sich physische und soziale Unordnungserscheinungen. Manche dieser Plätze sind gekennzeichnet von Müll und Vandalismus wie Graffitis an den Wänden oder zerschlagenen Scheiben. Darüber hinaus sind an diesen Orten gehäuft Menschen zugegen, die verelendet sind und betteln. Hier findet teils exzessiver Drogen- und Alkoholkonsum statt.

Angsträume und Kriminalitätsgeschehen decken sich nicht unbedingt

Tatsächlich aber sind diese Orte nicht immer kriminalitätsbelastet. Dort wird also nicht immer ein höheres Gesamtkriminalitätsaufkommen registriert. In der Regel ist das Kriminalitätsaufkommen dort weitaus geringer als etwa in Einkaufsstraßen, wo es vor allem gehäuft zu Diebstahlsdelikten kommt.

Ein Tatort, an dem sich die Ängste mit den tatsächlichen Zahlen paaren, sind Bahnhöfe. Das hat unter anderem mit einer erhöhten Polizeipräsenz zu tun, die dort stärker kontrolliert und so mehr aufdeckt. Außerdem werden dort viele Diebstahlsdelikte registriert, da man im dichten Gedränge am ehesten eine Geldbörse entwenden kann. Je nach Größe der Stadt und des Bahnhofs, gibt es hier auch viele Geschäfte, wo Ladendiebstahl verübt werden kann. Gewaltdelikte und Sexualdelikte nahmen 2024 an deutschen Bahnhöfen und in Zügen zu, die Straftaten insgesamt aber ab. So registrierte die Bundespolizei 2024 etwa rund 27.000 Gewaltdelikte und rund 2.300 Sexualdelikte, ein Anstieg von 6 beziehungsweise 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Menschen, die auf der Straße leben oder offen Drogen konsumieren, halten sich oft an Bahnhöfen auf. Sie lösen bei Reisenden häufig Unwohlsein aus und werden dabei viele Male als gefährdete Gruppe übersehen. Sie haben weniger Möglichkeiten, sich vor Sicherheitsrisiken zu schützen, und damit auch ein erhöhtes Risiko, Gewalt zu erfahren.

Was häufige Tatorte sind

Ungefähr drei von zehn Gewaltstraftaten ereigneten sich 2024 im öffentlichen Raum. Bei zwei von zehn Straftaten war der Tatort eine Wohnung. Eine von zehn Straftaten fand im Verkehrsbereich statt. Dann folgten – in dieser Reihenfolge – die Tatorte Sport- und Freizeiteinrichtungen, Geschäfte, Betriebe, Bildungseinrichtungen, Gaststätten sowie Asylunterkünfte und Aufnahmeeinrichtungen. Zieht man das Dunkelfeld mit ein, so ereigneten sich 20 Prozent der Körperverletzungen ohne Waffe im eigenen Zuhause. Demnach findet außerdem mit 71 Prozent der überwiegende Anteil Interner Link: sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigungen im eigenen Haushalt oder im Haushalt von anderen statt. Fälle von Körperverletzungen durch Gruppen oder Einzeltäterinnen und -täter treten häufiger im öffentlichen Raum als in der Wohnung auf. Straftaten, die gehäuft im Internet stattfinden, sind Beleidigungen, Gewaltandrohungen oder das Zeigen von Geschlechtsteilen.

Straftaten sind zudem eher ein Interner Link: städtisches als ein ländliches Phänomen. Das liegt nicht nur daran, dass in der Stadt bestimmte Menschen leben – die Bevölkerung ist dort etwa jünger, also in einem Alter, in dem höhere Kriminalitätsraten festzustellen sind. In Städten ergeben sich auch mehr Tatgelegenheiten als auf dem Land, zum Beispiel im Rahmen von Großereignissen wie Fußballspielen oder Volksfesten. Wenn zu diesen Anlässen Menschen, die ländlich leben, in der Stadt Straftaten verüben, werden auch diese als städtische Fälle registriert. Weiterhin gibt es in der Stadt eine Konzentration sozialer Problemlagen sowie weniger soziale Kontrolle, die durch die städtische Anonymität bedingt ist.

Täterinnen und Täter und Kriminalitätsursachen

Junge Männer treten in der Statistik am häufigsten als Täter auf. Die Alters-Kriminalitäts-Kurve besagt, dass die Belastung je 100.000 der entsprechenden Altersgruppe bei jungen Menschen am höchsten ist. Dies gilt für beide Geschlechter, jedoch ist bei Männern die Zahl deutlich höher. Das gilt sowohl für die polizeilich registrierte als auch für die nicht-registrierte Kriminalität im Dunkelfeld. Interner Link: Kriminalität steigt in jungen Jahren sprunghaft an, ist in der Regel aber bagatellhaft und hört auch von selbst – das heißt, ohne polizeiliches oder strafrechtliches Eingreifen – wieder auf.

Ursachen für Kriminalität sind am besten bei der Jugend erforscht, da hier regelmäßig Täterinnen und Täter befragt werden und man daraus ableiten kann, welche Faktoren zu Delikten führen. Als Risiken – gerade für Gewaltdelikte – zeigen sich das Erleben von Gewalt in der Erziehung und sich abweichend verhaltende Freundinnen und Freunde. Weitere Einflussfaktoren sind etwa ein Elternhaus mit geringen ökonomischen Ressourcen, eine niedrigere Schulform sowie ein Männlichkeitsbild, das Gewalt legitimiert. Auf den ersten Blick steht auch eine Migrationsgeschichte mit mehr Gewalttaten in Verbindung. In Analysen zeigt sich aber, dass diese nicht ursächlich ist, sondern – neben der Tatsache, dass diese Gruppe jünger ist, eher männlich und häufiger in der Stadt lebt – verschiedene oben genannte Risikofaktoren bei dieser Gruppe häufiger zusammentreffen.

Risikofaktor Radikalisierung

Mit Sicherheit in Verbindung gebracht wird häufig auch der Begriff Radikalisierung. Als Radikalisierung beschreibt man den Prozess, bei dem eine Person immer radikalere Einstellungen annimmt. Gewalt wird von diesen Personen häufig als legitimes Mittel angesehen, um politische, pseudo-religiöse, oder andere ideologische Ziele zu erreichen. Zum Teil sind sie auch bereit, selbst Gewalt auszuüben. Der Prozess der Radikalisierung kann im äußersten Fall in terroristische Gewalttaten münden. In den letzten Jahren bestimmte die Sorge vor Interner Link: rechtsextremer Gewalt und Interner Link: islamistischem Terrorismus die Debatte in Deutschland.

Das Internet und die sozialen Medien werden unter anderem als Ort von Radikalisierungsprozessen diskutiert. Dies führte in den vergangenen Jahrzehnten zu zahlreichen gesetzlichen Änderungen, die bei einem Verdacht auf Terrorismus mehr Überwachung und frühzeitiges sicherheitsbehördliches Eingreifen ermöglichen.

Welche Gruppen überwiegend betroffen sind

Sowohl im Hellfeld als auch im Dunkelfeld sind gerade junge Menschen stärker von Straftaten betroffen. Die Opfergefährdungszahl, also der Anteil der geschädigten Menschen einer Altersgruppe je 100.000, liegt für Gewalttaten und für Eigentumsdelikte bei jungen Menschen deutlich höher als bei anderen Altersgruppen. Zum Teil erklärt sich das durch die höhere Anzahl der Täterinnen und Täter in jungem Alter. In Taten sind nämlich häufig Menschen verwickelt, die ähnlich alt sind.

Frauen sind deutlich stärker gefährdet, Opfer von partnerschaftlicher Gewalt und von sexualisierter Gewalt zu werden. Männer werden häufiger Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum, Frauen eher im häuslichen Umfeld. Menschen, die als „anders“ oder „fremd“ wahrgenommen werden, also nicht fraglos der Mehrheitsgesellschaft zugerechnet werden, werden häufiger Opfer von Angriffen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Die Polizei berichtet, dass die Straftaten gegen Polizei und Rettungskräfte steigen. Hierbei handelt es sich in der Regel um leichtere Formen der Gewalt, sogenannte Widerstandsdelikte. In diesem Bereich gibt es vermutlich höchstens ein sehr kleines Dunkelfeld, weil die Polizei solche Vorfälle stets anzeigt.

Wovor Menschen Angst haben

Kommen wir noch einmal zurück zur eingangs erwähnten Kriminalitätsfurcht: Weit über 90 Prozent fühlen sich in ihrer Wohngegend und in ihrem Zuhause sicher. Das Sicherheitsgefühl unterscheidet sich jedoch nach Alter, Geschlecht und Migrationsgeschichte ebenso wie nach Ort und Uhrzeit.

In öffentlichen Verkehrsmitteln fühlen sich Menschen weniger sicher als in ihrer eigenen Wohngegend. Nachts sinkt das Sicherheitsgefühl, vor allem, wenn eine Person allein unterwegs ist, und bei Frauen stärker als bei Männern. Ältere und jüngere Menschen fühlen sich generell unsicherer. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in ihrer Wohngegend unsicherer, als Menschen ohne Migrationshintergrund. Frauen sorgen sich um die allgemeine Kriminalitätsentwicklung mehr als Männer, aber ähnlich stark davor, Opfer einer Straftat zu werden. Die Angst vor sexueller Belästigung ist laut einer bundesweiten Dunkelfeldbefragung 2020 bei Frauen viel höher als bei Männern; jede vierte Frau und jeder 14. Mann hat davor Angst. Die Delikte, vor denen die Befragten am häufigsten angaben, Angst zu haben, waren Betrug im Internet, Wohnungseinbruch, Sachbeschädigung, Diebstahl und Körperverletzung.

Welche vorbeugenden Maßnahmen es gegen Kriminalität gibt

Konsequente Strafverfolgung allein verhindert nicht unbedingt weitere Taten. Kriminalität präventiv zu begegnen bedeutet, Maßnahmen und Programme zu fördern, die bei den Ursachen ansetzen. Vorbeugende polizeiliche Maßnahmen können etwa die erhöhte Anwesenheit von Polizistinnen und Polizisten an Orten mit höherer Kriminalitätsrate sein. In einigen deutschen Städten arbeiten auch Polizei und Ordnungsamt als gemeinsamer Streifendienst zusammen, um ihre Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zu steigern und schneller eingreifen zu können. Zudem können beispielsweise Waffenverbotszonen oder Alkoholverbotszonen eingerichtet werden. Auch der Ausbau von Videoüberwachung wird zur Kriminalitätsbekämpfung eingesetzt. Doch gerade bei spontanen Gewaltdelikten im öffentlichen Raum ist die kriminalitätsreduzierende Wirkung dieser Maßnahme laut wissenschaftlichen Studien fraglich. Des Weiteren kann Prävention auch bedeuten, Projekte zum Umgang mit negativen Gefühlen und Streitigkeiten in der Kita und Schule zu fördern. Oder auch, Angebote wie das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ einzurichten, an das sich Frauen wenden können, die Gewalt ausgesetzt sind. Rufen sie hier an, werden sie beraten oder an Unterstützungsangebote weitervermittelt.

Kriminalprävention ist nicht nur Aufgabe der Polizei, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, an dem Menschen aus der Sozialen Arbeit, der Kinder- und Jugendhilfe sowie verschiedene Akteurinnen und Akteure auf der kommunalen Ebene zusammenwirken.

Straftaten häufen sich also …

An belebten Orten mit vielen Tatgelegenheiten, in der Stadt mit mehr Anonymität und Problemlagen sowie bei einer jüngeren Bevölkerung werden mehr Straftaten erfasst. Für Frauen ist oft die eigene Wohnung ein Ort, an dem sie Gewalt erleben. Männer erleben Gewalt eher draußen. Spezifische Gruppen erleben Vorurteilskriminalität. Auch das Internet ist ein Raum, in dem es zu Betrug oder Hasskriminalität kommt. Angsträume mit dunklen Ecken sind hingegen selten mit Straftaten belastet.

Weitere Inhalte

PD Dr. phil. Nicole Bögelein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie an der Universität zu Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Strafen und soziale Ungleichheit sowie Justiz und Institutioneller Rassismus. Gemeinsam mit Prof. Dr. Wollinger veröffentlicht sie den Kriminologie-Podcast „True Criminology“.

Prof. Dr. Gina Rosa Wollinger hat seit 2018 eine Professur für Kriminologie und Soziologie an der HSPV NRW am Studienort Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Wohnungseinbruchdiebstahl, Cybercrime und Viktimologie. Gemeinsam mit PD Dr. Bögelein veröffentlicht sie den Kriminologie-Podcast „True Criminology“.