Bildnachweis v. l. n. r.: Spielfigur „Blitzcrank“ aus „League of Legends“ (Quelle: Pixabay); Schutzbrief von Feist Hertz, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Leo Baeck Institute – New York | Berlin); Einsteinturm (Quelle: Wikimedia); Silberne Spielzeuglokomotive, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Jüdisches Museum Hohenems); „Der Vollkommene Pferdekenner“, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Leo Baeck Institute – New York | Berlin); Salvarsan-Ampulle, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Georg-Speyer-Haus); Stolpersteine für die Familie Frank in Aachen, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Volkshochschule Aachen); Siegel von Josel von Rosheim (© Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 56 U 15); Edikt von Kaiser Konstantin aus dem Jahr 321, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Biblioteca Apostolica Vaticana); Motorroller "Schwalbe KR51" der Firma Simson, Lizenz: CC-BY-NC-ND (AKF Fahrzeugteile GmbH; Foto: Leo Baeck Institute – New York | Berlin)

20.10.2021 | Von:
Melanie Holcomb

Jüdischer Hochzeitsring

Dieser Ring erinnert an eine einst blühende jüdische Gemeinde, deren Mitglieder zum Sündenbock gemacht und ermordet wurden, als die Region von der Pest heimgesucht wurde.

Aus dem Schatz von Colmar: ein jüdischer HochzeitsringAus dem Schatz von Colmar, Shared History Projekt. (© Musée de Cluny, Musée national du moyen âge, Paris (CL 20658))

Das Objekt

Zeremonieller jüdischer Trauring

Im Zuge der Renovierung einer Konditorei im elsässischen Colmar im Jahr 1863 wurde dieser prachtvolle Ring geborgen. Ungefähr 500 Jahre vor seiner Wiederauffindung war er zusammen mit anderen Wertgegenständen in einer Mauer versteckt worden. Rasch eigneten sich verschiedene Sammler der Stadt den Schatz von Colmar an, bis er in 1923 größtenteils an das Musée de Cluny in Paris verkauft wurde.

In den Zeiten vor Tresorfächern und Safes dienten Wände ebenso wie Kellerräume und Gärten als Verstecke von persönlichem Reichtum, ob in Form von Münzen, Silbergegenständen oder Schmuck. Doch von größerer Bedeutung als die Einmauerung des Horts von Colmar ist die schlichte Tatsache, dass er nie wieder hervorgeholt wurde. Der Ring ist Beleg, dass die Eigentümer des Schatzes der blühenden jüdischen Gemeinde von Colmar angehörten. Und die in die Münzen des Schatzes geprägten Daten verweisen mit schmerzhafter Genauigkeit auf das Schicksal ihrer Eigentümer – Mitte des 14. Jahrhunderts starben viele Juden an der Pest oder verloren ihr Leben in den durch den Schwarzen Tod ausgelösten Pogrome.


Historischer Kontext

Wer auch immer den Colmarer Schatz in einer Wand versteckte, schaffte es, ihn vor Plünderern zu schützen, hatte aber selbst kein Glück.

In ihren Dimensionen mögen sie klein sein, aber Ringe sind oft Ausdruck großen Ehrgeizes. Im Fall des Colmarer Rings umfasste dieser Ehrgeiz sowohl seine künstlerische Gestaltung als auch seine Symbolik. Betrachtet man ihn genauer, sieht man eine zierliche, von dutzenden winzigen Goldsäulen gebildete Arkade, überwölbt von einem sechseckigen Dach, das einst durchgängig mit abwechselnd roten und grünen Emaileinlagen geschmückt war. Die Idee eines Gebäudes auf einem Finger ist an sich bemerkenswert, und der den Entwurf fertigende Goldschmied sah sich eindeutig im Wettbewerb, mit den ihm verfügbaren Mitteln, mit den großen Architekten seiner Zeit. Für uns stellen Ringe Einfassungen von Edelsteinen dar, doch dieser einer Gartenlaube ähnelnde Aufbau enthält stattdessen Text. Jeder der sechs goldenen Buchstaben des hebräischen Ausdrucks "masel tov" nimmt eine eigene Dachschräge ein und der hebräische Glückwunsch für das frisch verheiratete Paar wird im Wortsinne von den Dächern gerufen.

Seit der Antike spielten Ringe eine Rolle bei Vertragsabschlüssen; die darin enthaltenen Siegel dienten zur Identifizierung der Beteiligten und zur sprichwörtlich gewordenen Besiegelung des jeweiligen Geschäfts. Über eine fast genauso lange Zeit werden Ringe mit Liebe und Ehe in Verbindung gebracht; oftmals wird das wechselseitige Versprechen des Paars durch zwei ineinander verschränkte Hände symbolisiert oder durch das Abbild des Hochzeitspaars. Der Ring aus Colmar ist eine seltene mittelalterliche Form (die in späteren Jahrhunderten noch feiner ausgearbeitet wurde), die Anfang des 14. Jahrhunderts in aschkenasischen Gemeinden beliebt gewesen zu sein scheint. Der in der Formsprache der Architektur gestaltete Ring schafft eine Beziehung sowohl zum neuen Zuhause des Hochzeitspaars und zum Tempel von Jerusalem – letzteres gemahnte die Festgesellschaft an dessen Zerstörung auch im Augenblick des größten Glücks.

Ohne den Ring wäre nie festgestellt geworden, dass der Hort von Colmar, dessen Bestandteil er ist, einstmals einer jüdischen Familie gehört hat. Zwar wurde der Schatz in einer Straße gefunden, die im Mittelalter "Judengasse" hieß, doch wohnten im jüdischen Viertel von Colmar wie auch in denen anderer elsässischer Städte auch viele Christen; die Juden der Stadt waren nicht verpflichtet, nur in diesem Quartier Wohnung zu nehmen. Zusätzlich zum Hochzeitsring umfasst der Schatz weitere 13 einfacher gearbeitete Ringe, eine mit Edelsteinen besetzte Brosche eine silberne Schnalle und silberne Teile von Frauengürteln, Knöpfe und sonstige Kleidungsverzierungen, einen silbernen Schreibgriffel, einen winzigen Silberschlüssel, ein Paar Anhänger in Buchstabenform (heute verloren), ein Doppelgefäß, zwei Silberbarren, 384 Silbermünzen und einen Goldflorentiner.

Auf den ersten Blick lässt sich keines dieser Stücke des Schatzes einem christlichen oder jüdischen Umfeld zuordnen; alle spiegeln sie den den Angehörigen der wohlhabenden Elite dieser Region gemeinsamen Geschmack wieder. Allerdings haben jüngere Forschungen ergeben, dass der Hochzeitsring möglicherweise nicht der einzige Gegenstand ist, der die besonderen Vorlieben mittelalterlicher Juden und ihren Bedarf an Schmuck widerspiegelt. Auf einem Ring ist ein Stern mit einem Halbmond zu sehen, ein von elsässischen Juden übernommenes Emblem. Der silberne Schlüssel geht auf das Verbot zurück, am Sabbat Gegenstände zu heben – auch Schlüssel. War er jedoch aus Edelmetall gefertigt, galt er als Schmuckstück und nicht als zu tragender Gegenstand. Der einzelne Goldflorentiner entsprach den Anforderungen, die für Juden bei der Zahlung von Schutzgeldern an den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches galten.

Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts hatten sich in Colmar Juden niedergelassen. Damals wie heute blühten in der Region der Weinanbau und das Handwerk und die Juden waren wesentlicher Teil des städtischen Handels. Im Jahr 1328 weihte die Gemeinde ihre neu gebaute Synagoge ein, mit der die fünfzig Jahre zuvor abgebrannte Synagoge ersetzt wurde. Um diese herum fanden sich die anderen für das jüdische Leben wesentlichen Bauten: eine Mikwe, ein Versammlungsraum und eine Schule. Ein Friedhof, auf dem auch Menschen aus anderen Orten der Region beerdigt wurden, befand sich in der Nähe.

Obwohl Colmar den Juden der Region Zuflucht geboten hatte, als sie im Jahr 1338 von einem Mob angegriffen wurden, veränderte der Ausbruch der Pest das Klima. Im Dezember 1348 wurde ein Jude festgenommen und der Brunnenvergiftung beschuldigt – das Geständnis dieses Verbrechens wurde ihm unter Folter abgepresst. Kurz danach wurden die Juden Colmars außerhalb der Stadtmauern auf Geheiß der kommunalen Behörden ermordet – die entsetzliche Tat fand allenthalben im Rheinland Nachahmung.

Fast unverzüglich nach dem Massaker wurde der im jüdischen Viertel gefundene Besitz aufgeteilt und abverkauft. Mitte des 15. Jahrhunderts wurden die Bücher und Thorarollen der Gemeinde zerschnitten und als Pergamentmakulatur für die Herstellung christlicher Bücher verwendet. Die Gebäude wurden zu unbekannten Zeitpunkten abgerissen und durch Neubauten mit anderer Funktion ersetzt. Die Judengasse hieß noch über Jahrhunderte so, doch wurde auch sie 1945 zu Ehren eines Wohltäters der Stadt umbenannt. Der Schatz aber ist als bewegendes Zeugnis der Lebenskraft einer jüdischen Gemeinde des Mittelalters auf uns gekommen.

Mittelalterlicher jüdischer Hochzeitsring aus dem Musée de Cluny in ParisMittelalterlicher jüdischer Hochzeitsring aus dem Musée de Cluny in Paris Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (Wikimedia)

Persönliche Geschichte

Wer trug einst diesen erlesenen Ring?

Es gibt vermutlich kein persönlicheres Schmuckstück als einen Ring. Tatsächlich finden sich zahlreiche mittelalterliche Sagen, in denen ein Ring wie der Schuh von Aschenputtel die Identität seines Eigentümers bewies. Doch ist bei diesem Hochzeitsring der berührendste Aspekt die Anonymität seiner Trägerin. Er regt unsere Fantasie an, obwohl er uns mangels konkreter Informationen enttäuscht. Der Schatz erweckt insgesamt den Eindruck einer Familie mit erlesenem Geschmack und von relativem Wohlstand. Wir erahnen glückliche Zeiten: die Gravuren auf verschiedenen Schmuckstücken sprechen von Liebe, Verlobungen und natürlich Eheschließungen.

Die Gegenstände des in der Wand eingemauerten Schatzes, manche edler und manche bescheidener, sind wahrscheinlich über mehrere Generationen zusammengetragen worden. Wenn wir die vierzehn Ringe des Schatzes nach ihrer Entstehungszeit aufreihen würden, könnten wir an ihrer immer besser werdenden Qualität das stetig wachsende Vermögen der Familie ablesen. Dieses Wohlstandswachstum entspricht dem der Colmarer jüdischen Gemeinde insgesamt vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zum frühen 14. Jahrhundert.

Wer aber waren sie? Im Colmarer Schatz befanden sich einst Anhänger, die heute verloren sind, in Form der Buchstaben "A" und "R". Sind sie Hinweis auf den Namen eines Eigentümers, oder auf den eines oder einer geliebten Vorfahren oder Vorfahrin? Wer stand der Familie vor – ein Arzt, ein Tuchhändler, ein Experte im Weinbau oder ein Investor – alles von deutschen Juden in dieser Zeit ausgeübte Berufe. Waren sie Mitglieder der Kehillah, also der jüdischen Selbstverwaltung? Hießen sie vielleicht Seligmann, Vivitz, oder Bonami – alles jüdische Namen, die in den mittelalterlichen Urkunden von Colmar bezeugt sind? Am Ende können wir die Namen derer nicht in Erfahrung bringen, die den Schatz in Händen hielten, den Gürtel trugen oder den Hochzeitsring auf einen Finger steckten. Verschwunden im Dunkel der Geschichte, stehen sie stellvertretend für eine gesamte verlorene Gemeinde.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.

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