Lokaljournalismus

5.9.2012 | Von:
Horst Röper

Wer hat die Macht?

Ökonomische Voraussetzungen und Herausforderungen

Die Konzentration im Zeitungsmarkt steigt weiter

Sinnbildlich für die Pressekonzentration stand lange Zeit die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, kurz WAZ, in Essen. Die große Regionalzeitung im westlichen Ruhrgebiet hatte früh auf Expansion gesetzt und nach und nach in ihrem Verbreitungsgebiet konkurrierende Lokalzeitungen aufgekauft. Die kleinen Titel gingen in der Regel in der WAZ auf. Von einzelnen blieben die Titel für Lokalausgaben der WAZ erhalten. Alle Zeitungen erscheinen mit der überregionalen Berichterstattung der WAZ. Anfang der 70er Jahre setzte der Verlag zum großen Sprung an, als innerhalb kurzer Zeit nicht mehr wie zuvor kleine Lokalzeitungen übernommen wurden, sondern mit der Neuen Ruhr Zeitung, der Westfälischen Rundschau und der Westfalenpost Titel mit hohen Auflagen hinzukamen. Es waren vor allem diese Übernahmen aber auch einzelne Fälle in anderen Bundesländern, die die Politik alarmierten. Einstellungen und Verkäufe von Lokalzeitungen waren als eine normale Entwicklung gesehen worden. Der Verlust der Eigenständigkeit von hochauflagigen Titeln führte dann dazu, dass der Bundestag solche Fusionen unter den Vorbehalt der Zustimmung des Bundeskartellamtes stellte. Die Kartellrichter sollten den Wettbewerb im Zeitungsmarkt erhalten und damit auch die Vielfalt des Angebots. Konkurrierende Zeitungen im selben oder in einem benachbarten Gebiet können seitdem im Normalfall nicht mehr übernommen werden.

Die Zentrale der WAZ Medien Gruppe (Westdeutsche Allgemeine Zeitung u.a.), aufgenommen am Dienstag (06.09.2011) in Essen. Foto: Rolf Vennenbernd dpa/lnwDie WAZ Mediengruppe zählt mt einer Gesamtauflage von 1,2 Millionen verkauften Exemplaren zu den drei größten Verlagsunternehmen in Deutschland. (© picture-alliance/dpa)
Expansionswillige Verlage konzentrieren sich seitdem nicht mehr auf den Heimatmarkt, sondern kaufen auch Titel in anderen Bundesländern. Als nach dem Untergang der DDR die Zeitungsverlage in Ostdeutschland zum Verkauf standen, haben westdeutsche Großverlage entsprechend zugegriffen. Die WAZ beispielsweise hat gleich drei Zeitungen in Thüringen übernommen. Später folgten Übernahmen in Niedersachsen. Heute ist die WAZ mit einer Gesamtauflage von rund 1,2 Mio. verkauften Exemplaren die drittgrößte Verlagsgruppe in Deutschland.[3] Parallel dazu hat die WAZ als eine der ersten Verlagsgruppen auch in damals noch weitgehend unbekannte Anzeigenblätter, in Zeitschriften und später in den lokalen Hörfunk und das Internet investiert.

Noch breiter aufgestellt ist die Axel Springer AG. In seinen Anfängen war der heutige Medienkonzern ein Zeitungs- und Zeitschriftenhaus und ist mit einer Gesamtauflage von knapp 3,5 Mio. Exemplaren noch heute der größte Zeitungsverlag in Deutschland.[4] Allein 2,7 Mio. Exemplare gehen auf das Konto von BILD, der einzigen national verbreiteten Kaufzeitung. Den Markennamen BILD nutzt Springer längst auch für Zeitschriften (Auto Bild, Computer Bild etc.), für Deutschlands meist verkaufte Sonntagszeitung und für das Internet. In den letzten Jahren hat Springer keine Titel zugekauft, sondern Regionalzeitungen verkauft und konzentriert sich heute auf die beiden Metropolen Berlin (z.B. Berliner Morgenpost) und Hamburg (z.B. Hamburger Abendblatt) sowie auf die national verbreiteten Titel BILD, Die Welt und Welt kompakt und auf seine Sonntagszeitungen.

Die meisten der anderen großen Verlagsgruppen haben auch in den letzten Jahren weitere Zeitungen übernommen. Damit ist die Konzentration im Zeitungsmarkt weiter gestiegen. Die 10 auflagenstärksten Verlagsgruppen haben damit einen Marktanteil von knapp 60 Prozent.[5] Sechs von zehn verkauften Zeitungsexemplaren stammen letztlich von diesen Marktführern. Seit den 70er Jahren hat die Mehrzahl der bis dahin monomedialen Zeitungsverlage zudem in die Diversifizierung investiert: Im Verbreitungsgebiet ihrer Zeitungen wurden Anzeigenblätter lokale Zeitschriften gegründet oder gekauft, Beteiligungen am lokalen Hörfunk oder auch an TV-Stationen erworben und letztlich Online-Portale im Internet aufgebaut. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass in 49 Fallstudiengebieten, in denen insgesamt rund 70 Prozent der Bevölkerung leben, die jeweils führenden Zeitungsunternehmen durchschnittlich an 4,6 der insgesamt sechs lokalinformierenden Medientypen beteiligt sind.[6]

Ein vielfältiges Medienangebot soll in einer Demokratie gewährleistet sein

Solche Angebotsstrukturen entsprechen nicht dem Ideal. Nach dem Grundgesetz (Artikel 5) soll die Politik für ein vielfältiges Medienangebot sorgen. Diese Vielfalt ist gefordert, damit in den Medien beispielsweise alle politischen und gesellschaftlichen Strömungen zu Wort kommen. Der Bürger soll die Möglichkeit haben, sich aus einem möglichst breiten Medienangebot umfangreich zu informieren. Journalisten berichten objektiv, das heißt möglicht unabhängig von ihren eigenen Vorstellungen und Meinungen, aber sie bewerten unterschiedlich. Beispielsweise rückt der eine Journalist bei Berichten über eine Bundestagsdebatte den einen Redner in den Vordergrund, ein anderer den Beitrag eines anderen Politikers. Dem Ideal entspräche es, wenn über die Gesamtheit der Berichte letztlich alle wesentlichen Informationen von den Medien berücksichtigt würden. Ein solches Medienangebot ist für jede Demokratie unerlässlich.

Daher haben nach dem Nationalsozialismus schon die Westalliierten in Deutschland wesentliche Entscheidungen getroffen: Sie haben sich bei den Druckmedien für eine privat-wirtschaftliche Organisation eingesetzt und beim Rundfunk für öffentlich-rechtliche Anstalten, die weder von den Werbeeinnahmen abhängig sein sollten noch vom Staat. Diese Grundlegungen gelten bis heute. In den 80er Jahren sind nach und nach private Hörfunk- und Fernsehprogramme hinzugekommen. Obwohl viele dieser Programme im Informationsbereich Defizite ausweisen, ist auch mit ihnen das Gesamtangebot der Medien breiter geworden. Im internationalen Vergleich kann sich das Medienangebot insgesamt sehen lassen. Gerade für Informationen über internationale oder nationale Vorgänge kann der Bürger zwischen diversen Medien wählen.

Dies gilt auch für die regionale Ebene. Über die Landespolitik berichten beispielsweise in der Regel mehrere Regionalzeitungen, die regionalen Hörfunkprogramme (privat oder öffentlich-rechtlich) oder auch regionale TV-Magazine. Für die Lokalberichterstattung sieht das anders aus. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten unterhalten abgesehen von den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg keine lokalen Programme. Private Lokalprogramme sind nicht in allen Bundesländern zugelassen. Zudem sind gerade beim Lokalfernsehen die Werbeeinnahmen in der Regel so gering, dass für die relativ teueren Informationssendungen nur bescheidene Möglichkeiten bestehen. In diesen Programmen überwiegt die Unterhaltung.

Politik und Wissenschaft hoffen, dass das Internet demnächst diese Angebotslücken schließt. Das Internet wird gerade im Bereich der lokalen Information als „Vielfaltsreserve“ gesehen. In allen Städten und Gemeinden existieren im Internet inzwischen Portale mit lokaler Information von alternativen Anbietern genauso wie von Verlagen. Sie finanzieren sich allein über Werbung, da Angebote, für die der Nutzer bezahlt, sich im Markt zumindest noch nicht durchsetzen können. Die Werbeeinnahmen im Internet sind in den letzten Jahren zwar sprunghaft angestiegen. Der größte Teil dieser Einnahmen landet aber nicht bei den journalistischen Angeboten sondern bei den Anbietern von Suchmaschinen (z.B. Google.) Die lokaljournalistischen Angebote können sich daher nur relativ kleine Redaktionen leisten.

Noch sind daher die Lokalzeitungen auf lokaler Ebene der wichtigste Informationslieferant. Das gilt nicht nur für Deutschland. Das Problem der Pressekonzentration ist in vielen Ländern akut. In vielen EU-Staaten werden Zeitungen mit einer breiten Palette unterschiedlicher Maßnahmen gefördert, um ein vielfältiges Gesamtangebot zu sichern. In Deutschland gibt es solche gezielten Förderungen nicht, da die Politik vor dem Hintergrund negativer historischer Erfahrungen Eingriffe in den Medienmarkt scheut. Medien sollen nicht von staatlichen Zuschüssen abhängig werden, da diese ihre Unabhängigkeit einschränken könnten. Es existieren nur einzelne globale Erleichterungen für Medienunternehmen. Verlage müssen für ihre Vertriebserlöse beispielsweise nur sieben statt 19 Prozent Mehrwertsteuer zahlen.

Vor allem in den USA hat sich in den letzten Jahren ein dritter Finanzierungsweg neben den Einnahmen der Medienindustrie und der staatlichen Förderung etabliert: Unterstützungen durch Stiftungen. Diese fördern einzelne Medien direkt oder finanzieren Journalisten, deren Berichte den Medien zur Verfügung gestellt werden. Solche Hilfsmaßnahmen haben in Deutschland keinerlei Tradition.

Allein die Filmindustrie wird in Deutschland (ähnlich auch in anderen EU-Staaten) umfangreich mit Steuermitteln gefördert. Dabei geht es allerdings im Wesentlichen um Unterhaltung und nicht um die als sensibel betrachtete Information.

Auch weil in Deutschland Finanzierungshilfen über den dritten Weg fehlen, wird es für Zeitungsunternehmen und andere Anbieter lokaljournalistischer Angebote darauf ankommen, künftig auch im Bereich digitaler Nutzungen, im Internet, bei Apps und ähnlichem, Einnahmen für Nutzungen zu generieren.

Fußnoten

3.
vgl. dazu Röper, Horst: Zeitungsmarkt 2012: Konzentration erreicht Höchstwert. In: Media Perspektiven 5/2012, S. 268-285 , hier S. 274ff
4.
ebenda S.272f
5.
ebenda S. 273
6.
Die Studie hat das Formatt-Institut 2011 im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien erstellt (http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/BKM/2012-08-28-bkm-endbericht.html)
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Autor: Horst Röper für bpb.de
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