Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Björn Nölte am 23.10.2018

Von der Reservetinte zum Reserve-Hotspot

Björn Nölte arbeitet seit 15 Jahren als Lehrer. Täglich beobachtet er, wie die Digitalisierung seinen Arbeitsalltag verändert. Früher schleppte er zum Beispiel Bücher, heute nutzt er Mediatheken. Aber ist wirklich alles anders?

animierter Arm hält Waage mit Tablet auf der linken und Wifi_symbol auf der rechten SeiteOhne WLAN ist Unterricht im Jahr 2018 nicht mehr vorstellbar. Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (mohamed_hassan)

Im Jahr 2003 trat ich mit dem 2. Staatsexamen in der Tasche meine erste Lehrerstelle an. Heute, 15 Jahre später, ist es Zeit für einen Rückblick und Vergleich: Was hat sich seitdem verändert, ist wirklich alles anders geworden? Die Antwort ist ein klares Jein: Themen, Herausforderungen und Ziele haben sich nicht wesentlich verändert. Meinen heutigen Berufsalltag aber hätte ich mir damals so nicht träumen lassen.

Unterrichtsplanung: Aufmerksamkeitsarbeit vs. körperliche Arbeit

In der Unterrichtspraxis merke ich vor allem, dass sich meine Machtposition als Lehrer verändert hat. Früher mussten die Schülerinnen und Schüler mich alles fragen. Heute können sie sich viele Antworten selbst geben und kommen mit mir anders ins Gespräch: Padlet [1] statt Arbeitsblatt, individueller Lernweg statt Erfüllungsehrgeiz.

Die Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung und Informationsbeschaffung scheinen 2018 im Vergleich zum Jahr 2003 nahezu unerschöpflich. Darüber hinaus ist zum Beispiel Teamarbeit unter Lehrenden noch immer genauso möglich wie vermeidbar. Das bedeutet: Die Teamplayer aus dem Jahr 2003 sind es heute immer noch und auch in Zeiten der Digitalisierung machen die Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer einen Bogen um die – in meinen Augen – wünschenswerte Zusammenarbeit. Aber zum Glück werden die Anreize stärker: Materialtausch über die Cloud ist heute schon wieder Oldschool. Stattdessen adaptieren wir gegenseitig offene Lernarrangements innerhalb der gleichen Lernplattform. Ein Beispiel: Mein Kollege ist als Co-Lehrer in meinem Kurs auf einer Online-Lernplattform eingetragen und umgekehrt. Wird in seinem Kurs etwas von Schülerinnen oder Schülern beziehungsweise einer Lehrkraft eingestellt ("gepostet"), erhalte ich eine Push-Nachricht – und umgekehrt. Das hat Vorteile, kann aber auch in Stress ausarten, denn teilweise verliert man so den Überblick und es fällt schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Schülerinnen und Schüler können durch die digitalen Optionen auf noch vielfältigeren Wegen unterschiedliche Ergebnisse ansteuern. Wir kommen der Personalisierung dadurch einerseits noch näher, andererseits erfordert dieses Setting einen höheren Zeit- und Energieaufwand für die Lehrkraft. Im besten Fall arbeiten die Schülerinnen und Schüler sogar kursübergreifend zusammen – zeit- und ortsunabhängig mit Blick auf das Lernprodukt. Durch diese Synergieeffekte kann der Aufwand für die Lehrkraft auch wieder sinken.

In diesem Fall müssen wir Lehrenden einiges im Blick behalten: Unterrichtsplanung ist 2018 Aufmerksamkeitsarbeit – 2003 war es durchaus auch körperliche Arbeit. Früher haben wir Materialien, Bücher und Schülerhefte geschleppt und verteilt. Wir haben uns gefragt: Wer ist heute nicht da und muss die Materialien nachgeliefert bekommen? Heute mache ich mir darüber keine Gedanken mehr. Alle Materialien und Aufgaben stelle ich online auf die Lernplattform. Wer nicht da ist, kann alles bereits zu Hause, im Krankenhaus oder auf den Schulfahrten (von denen wir viele unternehmen) einsehen und bearbeiten. Ortsunabhängiges Arbeiten bedeutet auch: Für die Schülerinnen und Schüler ist Lernen immer weniger nur auf die Schule als Lernort beschränkt. Selbst erstellte Podcasts verwandeln Museumsgänge in aktive Lernorte. Die Lernenden arbeiten auch im Krankheits- oder sonstigen Abwesenheitsfall teilweise in der Stunde mit – natürlich alles im Rahmen des Möglichen und nur, solange die Genesung im Vordergrund steht. Institutionelle Zwänge von Ort und Zeit verhindert zum Teil jedoch noch, dass alle Möglichkeiten neuer Lernorte auch beschritten werden: Jüngst fragte mich ein Schüler, ob er seine Schreibaufgabe auch außerhalb der Schule erledigen könne, er würde meine Live-Rückmeldungen ja auch dort erhalten. Aufgrund der schulrechtlichen Lage konnte ich das nicht erlauben – obwohl ich es durchaus für sinnvoll gehalten hätte. Die Verfügbarkeit der Materialien entspannt nicht nur mich, sondern auch die Schülerinnen und Schüler. Der Stress der vermeintlichen ständigen Erreichbarkeit hält sich bei mir tatsächlich in Grenzen. Die vereinzelten digitalen Fragen beantworte ich gerne, sollte es mal zu viel werden, wissen meine Schülerinnen und Schüler, dass sie sich gedulden müssen. Nicht alle Lernenden gehen den Weg der neuen Möglichkeiten sofort mit. Nach dem Ansehen eines Videofeedbacks [2] fragte mich neulich eine Schülerin doch nach einer gewohnteren Form, weil ihr das Videofeedback noch "komisch" vorkomme. Ebenso verhält es sich manchmal bei projektartigen Arbeitsformen, die digital organisiert werden können.

2003 konnte ich große Befriedigung dadurch erlangen, am Kopierer in Windeseile gleichzeitig zu kopieren und dabei auszuschneiden, aufzukleben und so formvollendete Arbeitsblätter zu produzieren, während der Klassensatz durch den Kopierer jagte. Das Ganze allerdings jedes Schuljahr aufs Neue, da nur die wenigen wirklich Organisierten wussten, wo sie alle ihre differenzierten Arbeitsblätter abgelegt hatten. Ich gestehe, zu denen gehörte ich nicht. Umso aufgeräumter fühle ich mich heute, wenn ich um 7:00 Uhr zur Schule fahre und weiß, dass ich ein bestimmtes Material per Globalsuche sofort finde und mit einem Klick für alle Schülerinnen und Schüler freigeben kann. Teilweise trete ich den Schulweg heute ohne Tasche an.

Leistungsbewertung: Von der Hoheitsentscheidung zur Selbstreflexion

Leistungsbewertung war 2003 ein nahezu hoheitlicher Akt. Sie galt als der Abschluss des Lernens, als ein Qualitätsausweis der Lehrkraft gegenüber Schulleitung und Eltern. Ermöglichung oder Verhinderung künftiger Bildungsschritte. Heute dagegen diagnostiziere ich in digitalen Klausuren, wie die Schülerinnen und Schüler ihre Textproduktion organisieren. Die Bewertung der mündlichen Mitarbeit (sofern sie überhaupt noch praktiziert wird) wird zur Selbstreflexion der Lernenden genutzt. Produkte des Lernens (z. B. eigene multimediale Plakate, Videos, visuell angereicherte Texte auf Blog-Plattformen etc.) erreichen nach Möglichkeit eine (digitale) Öffentlichkeit anstatt auf dem obersten Regalbrett in der Bibliothek des Fachbereichs zu verstauben. Immer werden diese Möglichkeiten natürlich nicht eingelöst, aber ich merke, dass sie im Vergleich zu früher den Lehrerehrgeiz und den der Schülerinnen und Schüler beflügeln können.

2003 hatte ich bei den Deutschklausuren immer ein Reservepäckchen königsblauer Tinte dabei, heute habe ich bei den digitalen Klausuren mein Smartphone als Not-Hotspot dabei. In den Fachkonferenzen wird heute genau wie damals über Sinn und Unsinn einzelner Klausurformen und über Klausurlängen gestritten. Neu ist aber, dass meine Kolleginnen, Kollegen und ich in Netzwerken und Arbeitsgruppen über gängige Leistungsbewertung an sich nachdenken und dass wir immer öfter auch Konzepte umsetzen, in denen Schülerinnen und Schüler selbst über Form, Zeitpunkt und Gestaltung ihrer Leistungsbewertung entscheiden können. Viele Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler sowie engagierte Lehrkräfte sind sich einig, dass die Reflexion des eigenen Lernens bei der Beurteilung wichtiger ist, als die klassische Selektion, die die Beurteilung z. B. für einen Studienplatz oder den Berufswunsch in Form der Abiturnote hat. Im Klartext: Dem angehenden Medizinstudierenden nutzt das klassische Notensystem mehr als notenfreie Reflexionssysteme (noch). Und: Alternative neue Formen der Leistungsbewertung setzen oftmals auch ein Schülerklientel voraus, das entweder schon derart sozialisiert wurde oder in der Lage ist, so etwas schnell für sich zu adaptieren. Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen, nicht immer kommt man sofort zum Ziel.

Workflow: schneller, intuitiver, preiswerter als 2003

Die digitale Verfügbarkeit bietet Chancen und Risiken für meine Arbeitsabläufe. Auf der einen Seite ist es für mich eine große Bereicherung, dass ich Ideen, Material und Anregungen sofort in meine Unterrichtsplanung integrieren kann. Sehe ich beispielswese im Fernsehen einen Bericht über eine umstrittene Frage der Schwangerschaftsdiagnostik, denke ich: "Das wäre doch gut geeignet für die Erörterung in meiner 10. Klasse." Also steuere ich auf dem Tablet die ARD-Mediathek an und kopiere den Link zum Beitrag in den Stream der Lernplattform. Damit ist das Material direkt in meiner Unterrichtsplanung und für die Schülerinnen und Schüler verfügbar (beziehungsweise als Entwurf gespeichert, wenn ich noch mehr Material dazu sammeln möchte).

Kein Vergleich zu 2003. Damals sah ich in der Tagesschau einen Beitrag über das geplante Eingreifen der UNO in Liberia. Das Thema passte gut zu meinem Unterricht und ich wollte den Beitrag gern verwenden. Also schrieb ich einen Brief an den NDR, um eine Kopie des Beitrags anzufordern – es gab hierfür eine postalische Adresse. Drei Wochen nach Eingang der Überweisung einer hohen Gebühr erhielt ich dann eine VHS-Kassette, die ich rechtssicher zeigen konnte. Im Unterricht kam wegen technischer Schwierigkeiten dann der Ersatz-Rekorder zum Einsatz.

Die Vorbereitung von Unterricht war damals ein zeitlich und örtlich abgeschlossener Vorgang und fand zum Beispiel an einem Donnerstagnachmittag von 16 bis 18 Uhr am Schreibtisch statt. Heute merke ich, wie diese Grenzen zeitlich und örtlich verschwimmen. Die Arbeit findet inzwischen auch auf dem Arbeitsweg im Zug statt: nicht nur das Korrigieren, sondern mitunter die komplette Gestaltung des Unterrichts. Der Workflow gestaltet sich heute also insgesamt schneller, intuitiver und sogar preiswerter. Auf der anderen Seite ist das Smartphone immer in der Hosentasche und kaum ein privater Moment ist sicher vor der eigenen Unterrichtsplanung, die interessante Einfälle sofort verwertet wissen möchte. Das kann stressig, im Extremfall sogar ungesund werden. Davor kann nur bewusstes Abschalten schützen.

Wer sich hier als erwachsene Person angesprochen fühlt, kann zum Beispiel darüber nachdenken, die Regeln, die wir den Jugendlichen gerne auferlegen, auch auf sich selbst anzuwenden: keine elektronischen Geräte im Wohnzimmer, Handyverbot während der Mahlzeiten, nächtliches Aufladen der Geräte in der Küche etc. Noch besser sind natürlich positive Reize, etwa in Form von Aktivitäten, bei denen das Smartphone automatisch außen vor bleibt: Treiben Sie regelmäßig Sportarten, die nicht getrackt werden (können), besuchen Sie Smartphone-freie Ausstellungen oder Konzerte. Bei den Schülerinnen und Schülern beobachte ich heute sehr deutlich, dass diejenigen, die vielseitig interessiert sind, selbständig ihre Meinung vertreten können und sportlich und/oder musikalisch aktiv sind deutlich gesünder mit den digitalen Kommunikationsmöglichkeiten umgehen. Lassen Sie uns also diesen vermeintlichen Gefahren nicht mit Verboten oder durch patriarchalische Abschirmung begegnen, sondern lieber Persönlichkeiten im beschriebenen Sinne stärken.

Fußnoten

1.
Padlet: Online-Tool zum kollaborativen Arbeiten und interaktive Pinnwand.
2.
Eine Erklärung, wie Videofeedback funktioniert, gibt Björn Nölte hier: https://medium.com/@Noelte030/digital-marking-feedback-717ac2807f1 (Zuletzt aufgerufen: 15.10.2018).
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Kommentare anderer Nutzer

Christian Bauer | 07.11.2018 um 21:42 [Antworten]

Lernplattform

Welche Lernplattform ist denn im Artikel gemeint?


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