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Wie sicher ist Deutschland? | Innere Sicherheit | bpb.de

Innere Sicherheit Innere Sicherheit: Grundlagen Warum ist innere Sicherheit ein großes Thema in der Gesellschaft? Wie sicher ist Deutschland? Wo häufen sich Straftaten? Wer ist für die innere Sicherheit in Deutschland zuständig? Wie wird in der Gesellschaft über Sicherheit gesprochen? Was passiert nach einer Straftat? Sicherheitsbegriff Dimensionen des Sicherheitsbegriffs Freiheit und Sicherheit Das Gewaltmonopol des Staates Innere Sicherheit in Parteiprogrammen Ethik der inneren Sicherheit Sicherheit im ländlichen Raum Sicherheitslage Kriminalitätslage in Deutschland Messung von Kriminalität Urbane Sicherheit Sicherheitsherausforderungen Jugendkriminalität Vorurteilskriminalität Sexualkriminalität Migration und Kriminalität Grafiken: Terrorismus Cyberkriminalität Wirtschafts- und organisierte Kriminalität "Ausländerkriminalität" Politisch motivierte Gewalt Wie entsteht kriminelles Verhalten? Kriminalitätsfurcht Sicherheitsarchitektur Polizeien Gewalt durch und gegen Polizistinnen und Polizisten Nachrichtendienste Europäisierung von innerer Sicherheit Das Zusammenwachsen von innerer und äußerer Sicherheit Jugendhilfe und Polizei Kontrolle der Polizei Sicherheitsproduktion Situative Kriminalprävention Stadtplanung als Kriminalprävention Technische Überwachungsmaßnahmen Strafe und Strafvollzug Debatte: Extremismus und Sicherheitsbehörden Glossar Redaktion

Wie sicher ist Deutschland?

Nicole Bögelein Gina Rosa Wollinger

/ 6 Minuten zu lesen

Um die Sicherheit Deutschlands zu bewerten, können unter anderem Polizeistatistiken und Dunkelfeldstudien betrachtet werden. Kriminalitätsraten weltweit zu vergleichen, ist schwierig.

Im Schaubild lassen sich Hinweise erkennen, welche Statistiken und Berichte es zur Kriminalitätslage in Deutschland gibt. Überlege einmal: Warum sollten verschiedene Statistiken betrachtet werden, um die Kriminalitätslage in Deutschland zu analysieren? Interner Link: Schaubild herunterladen (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Die Frage nach der Sicherheit in Deutschland dreht sich oft darum, wie sich Kriminalität entwickelt. Viele Menschen interessiert auch, ob Deutschland sicherer oder unsicherer ist als andere Länder. Wegen weltweit unterschiedlicher Gesetze ist es allerdings schwierig, Kriminalitätsraten zwischen Ländern zu vergleichen. Eine Zahl, die typischerweise herangezogen wird, ist die Tötungsrate. Denn dieses Verbrechen wird in fast allen Ländern erfasst. Die Externer Link: Vereinten Nationen vergleichen Länder danach, wie viele Tötungsdelikte pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner geschehen. Europa verzeichnete dabei 2021 deutlich weniger Tötungsdelikte als der weltweite Durchschnitt. Deutschland liegt unter dem europäischen Durchschnitt. 2024 gab es bei fast 84 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern knapp 600 vollendete Fälle von Mord und Totschlag in Deutschland. Fast 95 Prozent dieser Taten wurden aufgeklärt; ein Anzeichen für eine funktionierende Strafverfolgung bei schwerwiegenden Verbrechen.

Wie sich die Kriminalitätslage verändert

Das Interner Link: Gesamtaufkommen der Kriminalität in Deutschland bewegt sich seit den 1990er Jahren rund um die Marke von sechs Millionen Fällen. Seit 2017 liegt der Wert jedes Jahr unterhalb dieser Schwelle. Besonders niedrig waren die Zahlen während der Interner Link: Corona-Pandemie. Doch das waren Ausreißer, da es aufgrund geschlossener Geschäfte und ausgefallener Veranstaltungen weniger Kontakte und damit weniger Tatmöglichkeiten im öffentlichen Raum gab. Nach der Pandemie normalisierte sich das Kriminalitätsaufkommen. Für 2024 verzeichnete die Interner Link: Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die Grundlage für das Hellfeld der Kriminalität ist, rund 5,8 Millionen Delikte. Nicht alle davon sind vollendet, manchmal bleibt es beim Versuch. Mehr als die Hälfte der erfassten Verdachtsfälle betreffen Eigentums- und Vermögensdelikte wie Diebstahl oder Betrug. Gewaltstraftaten machen etwa 13 Prozent der polizeilich registrierten Fälle im Jahr 2024 aus. Insgesamt gab es einen leichten Anstieg der Gewaltdelikte im Vergleich zu 2023 und einen neuen Höchststand dieser Fälle seit 2007. Besonders auffällig war der Anstieg von Gewaltkriminalität bei tatverdächtigen Kindern (rund 11 Prozent) und Interner Link: Jugendlichen (rund 4 Prozent). Interner Link: Sexualdelikte stiegen um rund neun Prozent im Vergleich zu 2023. Unklar ist, ob es tatsächlich mehr Taten gibt oder Betroffene eher bereit sind, diese anzuzeigen.

Die Polizei dokumentierte 2024 außerdem das größte Ausmaß politisch motivierter Kriminalität seit 2001. Mehr als der Hälfte dieser Fälle sind politisch rechts motiviert und rund 12 Prozent politisch links motiviert. Religiös motivierte Gewaltstraftaten treten insgesamt selten auf. Sie fallen aber durch das Ausmaß an Gewalt mit durchschnittlich einer körperlich verletzten Person auf. Im Jahr 2024 wurden bei den islamistisch motivierten Messerangriffen in Mannheim und in Solingen vier Menschen getötet und weitere Menschen zum Teil lebensbedrohlich verletzt.

Nicht alle Menschen und Orte sind gleich betroffen

Das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, ist nicht für alle Menschen gleich. Es unterscheidet sich zum Beispiel je nach Alter oder Geschlecht. Auch bestimmte Gruppen, gegen die es Vorurteile gibt, sind gefährdeter. Denn im Bereich der Interner Link: Hasskriminalität steigen die Taten seit einigen Jahren deutlich an. Dabei handelt es sich unter anderem um antisemitische, rassistische, „ausländerfeindliche“, „fremdenfeindliche“ oder queerfeindliche Straftaten. Menschen, die sich einer dieser Gruppen zugehörig fühlen, haben also in den letzten Jahren an Sicherheit eingebüßt. Hasskriminalität trägt auch eine Botschaft an die gesamte Gruppe. Sie drückt aus, dass Personen mit diesem Merkmal nicht sicher sind.

Aber auch der Wohnort entscheidet durchaus darüber, wie sicher das unmittelbare Umfeld ist. Kriminalität ist im Vergleich vor allem ein Interner Link: urbanes Phänomen. In der Stadt geschieht mehr als auf dem Land, denn hier gibt es mehr Tatgelegenheiten. Und auch innerhalb einer Stadt ist das Kriminalitätsaufkommen räumlich ungleich verteilt und konzentriert sich auf sogenannte Hot Spots, etwa in zentralen Bereichen der Innenstädte und an Bahnhöfen. An diesen Orten wird oft die Polizeipräsenz erhöht, auch um das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung in den verschiedensten Lebensbereichen ist auch der Blick auf Cyberkriminalität relevant. Das Internet kann als Ort missbraucht werden, um Daten zu klauen oder mit illegalen Gütern oder Dienstleistungen in anonymen Netzwerken zu handeln. Im Internet kommt es außerdem zu Betrug, zur Verbreitung von Hassrede und Gewaltandrohungen sowie zur Verbreitung verbotener Inhalte. Taten im digitalen Raum können aus dem In- und Ausland erfolgen und sich etwa gegen den Staat, Unternehmen, die kritische Infrastruktur oder Einzelne richten. Das Dunkelfeld im Bereich der Cyberkriminalität ist groß.

Wie Sicherheit in der Politik diskutiert wird

Nach Straftaten, die gesellschaftlich und politisch viel Aufmerksamkeit bekommen, kommt es häufig zu politischen Debatten und Strafrechtsverschärfungen. Die immer wieder thematisierten Angriffe auf Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr, führten etwa in den vergangenen Jahren zu Forderungen nach einer weiteren Verschärfung des Strafrechts. Die politische Umsetzung dieses Vorhabens ist für 2026 geplant. Ein weiteres Beispiel ist die Interner Link: Kölner Silvesternacht 2015, bei der viele Taten sexualisierter Gewalt registriert wurden. Neben einer politischen Debatte um Migration und Kriminalität, da die polizeilich erfassten Tatverdächtigen größtenteils ausländischer Herkunft waren, wurde 2016 eingeführt, dass jede sexuelle Handlung gegen den „erkennbaren Willen“ eines Dritten unter Strafe steht. Damit wurde der Grundsatz „Nein heißt Nein“ im Strafgesetzbuch aufgenommen. Auch Taten in den Jahren 2024 und 2025 lösten Interner Link: sicherheitspolitische Debatten um Migration aus: Auf die islamistischen Terroranschläge von Solingen und Mannheim sowie auf eine Gewalttat in Aschaffenburg, bei der der Angreifer zum Tatzeitpunkt ausreisepflichtig war, folgten unter anderem Forderungen nach einer verschärften Migrationspolitik.

Die Wissenschaft spricht von „Versicherheitlichung“, wenn Verhaltensweisen oder Delikte als Sicherheitsproblem gerahmt werden. Das tun Regierungen etwa, um ihre politischen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und ihr Vorgehen zu rechtfertigen. Im Rahmen der Versicherheitlichung kommt es auch zur „Verpolizeilichung“, also zum Eingreifen weit im Voraus einer Tat und ohne konkrete Gefahr. Mit dem Prinzip zu „Handeln, bevor etwas passiert“, dem sogenannten Pre-Crime, sollen zukünftige Straftaten verhindert werden. Diese Maßnahmen bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen der Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und der Wahrung der Grundrechte, wie Datenschutz und Unschuldsvermutung. Pre-Crime-Maßnahmen treten oft mit dem Begriff „Interner Link: Gefährder“ auf, mit dem insbesondere Personen beschrieben werden, bei denen Sicherheitsbehörden die Vorbereitung einer terroristischen Straftat vermuten. Zumeist sind damit Menschen gemeint, die sich im Bereich Interner Link: Islamismus mutmaßlich radikalisiert haben und somit von den Sicherheitsbehörden im Blick behalten werden.

Wie innere und grenzüberschreitende Bedrohungen die innere Sicherheit beeinflussen

Die gezielte Verbreitung von falschen Informationen (Interner Link: Desinformation) aus dem In- und Ausland gefährdet die innere Sicherheit, da sie zum Ziel hat, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Desinformation kann Wahlen beeinflussen, die Polarisierungen der Gesellschaft verstärken und Hass und Misstrauen gegenüber Medien und Wissenschaft verbreiten. Seit dem Beginn des Interner Link: russischen Angriffskriegs auf die Ukraine wird insbesondere auf die zunehmende Desinformation aus Russland als Bedrohung verwiesen. Im Jahr 2025 wurden auch vermehrt Drohnen über Flughäfen oder Militäranlagen in Deutschland gesichtet, die auf Spionage hindeuten. Sicherheitsbehörden gehen in einigen Fällen davon aus, dass Russland hinter den Vorfällen stecken könnte. Seit Dezember 2025 verfügt die Bundespolizei über eine spezialisierte Einheit zur Abwehr von Drohnen.

Auch die Organisierte Kriminalität ist eine Bedrohung für die innere Sicherheit. Zentrale Tätigkeitsbereiche sind der illegale Rauschgifthandel und die Wirtschaftskriminalität über Grenzen hinweg. Auch die versuchte Einflussnahme auf etwa Polizeibehörden, Justiz, Zulassungsstellen, Unternehmen und politische Mandatsträger wird von Gruppen der Organisierten Kriminalität festgestellt.

Die Sicherheit in Deutschland ist also …

Deutschland ist ein sicheres Land – das gilt mit Blick auf die relativ konstant bleibende und vergleichsweise niedrige Kriminalitätslage. Zugleich sollten verschiedene Bedrohungslagen in den Blick genommen werden, etwa der Anstieg einzelner polizeilich registrierter Deliktarten und Fälle der politisch motivierten Kriminalität oder die Verbreitung von Desinformationen.

Weitere Inhalte

PD Dr. phil. Nicole Bögelein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie an der Universität zu Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Strafen und soziale Ungleichheit sowie Justiz und Institutioneller Rassismus. Gemeinsam mit Prof. Dr. Wollinger veröffentlicht sie den Kriminologie-Podcast „True Criminology“.

Prof. Dr. Gina Rosa Wollinger hat seit 2018 eine Professur für Kriminologie und Soziologie an der HSPV NRW am Studienort Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Wohnungseinbruchdiebstahl, Cybercrime und Viktimologie. Gemeinsam mit PD Dr. Bögelein veröffentlicht sie den Kriminologie-Podcast „True Criminology“.