Bildnachweis v. l. n. r.: Spielfigur „Blitzcrank“ aus „League of Legends“ (Quelle: Pixabay); Schutzbrief von Feist Hertz, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Leo Baeck Institute – New York | Berlin); Einsteinturm (Quelle: Wikimedia); Silberne Spielzeuglokomotive, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Jüdisches Museum Hohenems); „Der Vollkommene Pferdekenner“, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Leo Baeck Institute – New York | Berlin); Salvarsan-Ampulle, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Georg-Speyer-Haus); Stolpersteine für die Familie Frank in Aachen, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Volkshochschule Aachen); Siegel von Josel von Rosheim (© Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 56 U 15); Edikt von Kaiser Konstantin aus dem Jahr 321, Lizenz: CC-BY-NC-ND (Biblioteca Apostolica Vaticana); Motorroller "Schwalbe KR51" der Firma Simson, Lizenz: CC-BY-NC-ND (AKF Fahrzeugteile GmbH; Foto: Leo Baeck Institute – New York | Berlin)

20.10.2021 | Von:
Michah Gottlieb

Moses Mendelssohns Brille

Moses Mendelssohn hatte die Vision eines Europas, in dem Juden, Christen und Muslime ihre jeweilige Identität wahrten und einander dabei nicht nur tolerierten, sondern liebten.

Moses Mendelssohns Brille.Moses Mendelssohns Brille, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Leo Baeck Institute – New York | Berlin)

Das Objekt


Der Historiker Felix Gilbert schenkte diese Brille, die Moses Mendelssohn einst getragen hatte, Anfang der 1970er Jahre dem Leo Baeck Institute. Zu dieser Zeit war Gilbert als Fellow am privaten Forschungsinstitut Institute for Advanced Studies in Princeton tätig. Einer seiner Vorfahren war Moses Mendelssohn; Gilbert stammte in direkter Linie von seinem berühmten Enkel Felix Mendelssohn Bartholdy ab. Wie die Brille nach Amerika kam, lässt sich nur spekulativ rekonstruieren. Wahrscheinlich vererbte Felix Mendelssohn sie seinem Sohn Paul, einem der Gründer des Herstellers von fotografischen Produkten Agfa. Paul wird die Brille seinem Sohn Ludwig vermacht haben, der 1918 starb. Seine Witwe Edith Mendelssohn Bartholdy hat möglicherweise die Brille von ihrem Mann geerbt und sie 1936 auf ihrer Flucht nach England mitgenommen. Sie könnte dort die Brille ihrem Neffen Felix Gilbert geschenkt haben, der damals in London lebte. Er emigrierte noch im selben Jahr in die Vereinigten Staaten, um eine Professur am Scripps College in Kalifornien anzutreten.

Historischer Kontext

Moses Mendelssohn: Gelehrter, Philosoph und Geschäftsmann

Moses Mendelssohn - Porträt von Ernst Hader nach zeitgenössischem Bildnis.Moses Mendelssohn - Porträt von Ernst Hader nach zeitgenössischem Bildnis. (© picture-alliance/akg)
Brillen sind Sehhilfen, mit denen Schwächen des Sehvermögens korrigiert werden. Allerdings sind sie manchmal so stark, dass Brillenträger einen klareren Blick haben als Menschen ohne Sehschwäche. Die Brille von Moses Mendelssohn erinnert uns an einen der wichtigsten Protagonisten der deutschen Aufklärung und herausragenden Wegbereiter der Haskala, der jüdischen Aufklärung. Als Philosoph trug Mendelssohn in erheblicher Weise zum Diskurs über Fragen der Metaphysik, Ästhetik, politischen Theorie und Theologie bei. Als führende Persönlichkeit der jüdischen Gemeinschaft und als Intellektueller begründete er die moderne jüdische Philosophie, veröffentlichte die erste von einem Juden gefertigte Übersetzung des Pentateuch/der Torah und der Psalmen ins Deutsche und setzte sich mit ganzer Leidenschaft für die Bürgerrechte der Jüdinnen und Juden ein. Mendelssohns humanistische Sicht auf den deutschen Liberalismus und das moderne Judentum wirkt sich bis heute aus.
Moses Mendelssohn (1729-1786) gehörte zu den wichtigsten Intellektuellen Europas, zum Wegbereiter der jüdischen Aufklärung und war schon zu Lebzeiten weit über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt. (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

Moses Mendelssohn wurde 1729 in Dessau geboren; sein Vater Mendel war ein armer Torahschreiber. Einer legendenhaften Erzählung zufolge hat Mendel sein Kind auf den Schultern zum Lernen in die Synagoge getragen. Mendelssohn litt an einer Krümmung der Wirbelsäule, so dass er einen Buckel hatte. Gesundheitliche Probleme plagten ihn sein Leben lang. Mit Anfang vierzig litt Moses Mendelssohn an einer schweren Nervenerkrankung. Er starb 1786 im Alter von 56 Jahren.

Die Muttersprache von Moses Mendelssohn war Jiddisch; als Schüler wurde ihm der traditionelle aschkenasische Lehrkanon vermittelt, der sich fast ausschließlich mit dem Talmudstudium befasst. Er wurde in keiner europäischen Sprache unterrichtet; an weltlichen Unterrichtsfächern gab es kaum etwas. Im Jahr 1743 wurde Mendelssohns Lehrer David Fränkel zum Oberrabbiner von Berlin ernannt und sein junger Jeschiwa-Schüler folgte ihm in die Stadt. In Berlin traf Mendelssohn auf Juden, die sich die in der Weltstadt damals aufblühende Kultur der Aufklärung zu Eigen machten.

Mendelssohn wollte an dieser Kultur teilhaben, musste aber bald erkennen, dass ihm das wegen seiner mangelnden Sprachkenntnisse anderer europäischer Sprachen nicht möglich war. Innerhalb kürzester Zeit lernte er Deutsch, Französisch, Englisch und Latein und begann, die großen Werke der europäischen Philosophie, Naturwissenschaften und Literatur zu lesen. An einer Universität hat er nie studiert.

Gotthold Ephraim Lessing - Gemälde, 1771, von Anton Graff.Gotthold Ephraim Lessing - Gemälde, 1771, von Anton Graff. (© picture-alliance/akg)
Anfänglich bestand der Freundeskreis Moses Mendelssohns ausschließlich aus Juden. Einige Jahre nach seiner Ankunft in Berlin stellte ihn allerdings ein Freund dem jungen christlichen Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing vor. Die beiden lernten sich beim Schachspiel kennen und schlossen lebenslange Freundschaft. Gegen Ende seines Lebens veröffentlichte er eine bewegende Betrachtung ihrer Beziehung, deren Kern in der Unterstützung des jeweils anderen auf emotionaler Ebene und bei seiner ethischen Fortentwicklung zu einem besseren Menschen gelegen hatte: „In diesem Heiligtum der Freundschaft eröffnet sich alsdann nicht nur Kopf gegen Kopf, sondern auch Herz gegen Herz, und lässt alle seine geheimen Winkel und Falten durchschauen. Der Freund deckt dem Freunde alle seine geheimsten Zweifel, Schwachheiten, Mängel und Gebrechen auf, um sie von freundschaftlicher Hand berühren und vielleicht auch heilen zu lassen. Wer die Wollust einer solchen Stunde der Herzensergiessung nie gekostet, der ist seines Lebens nie froh geworden.“

Bildnis der Frau von Moses Mendelssohn, Fromet.Bildnis der Frau von Moses Mendelssohn, Fromet. (© Public Domain, Wikimedia)
Im Alter von 33 Jahren heiratete Mendelssohn Fromet Gugenheim; die romantische Brautwerbung fand im Wesentlichen in Form von Liebesbriefen statt. Moses und Fromet entschieden sich entgegen den jüdischen Gepflogenheiten ohne konventionelle Eheanbahnung für einander und erschlossen somit einen neuen Weg für die Partnerwahl unter Jüdinnen und Juden: den der mündigen Liebesheirat. Das Paar bekam 10 Kinder, von denen sechs das Erwachsenenalter erreichten.

Mendelssohn erwarb als Philosoph immer größere Bekanntheit und gewann im Jahr 1763 vor Immanuel Kant den Ersten Preis der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften. Gerühmt wurde er für seinen schönen literarischen Stil in der deutschen Sprache. Das erstaunte seine Zeitgenossen; schließlich war das Deutsche nach Hebräisch die zweite Fremdsprache gewesen, die Moses gelernt hatte. Während seines ganzen Lebens hatte Moses Mendelssohn von Christen gehegte Vorurteile zu ertragen. In seinen Anfängen in Berlin musste er wie alle anderen Juden damals durch das sogenannte Viehtor gehen, durch das die Tiere zum Markt in der Stadt getrieben wurden. Doch auch nachdem er öffentliche Anerkennung als berühmter Philosoph genoss, hörte die Diskriminierung nicht auf. Er wurde zur Aufnahme in die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften vorgeschlagen, doch verweigerte der aufgeklärte Monarch Friedrich der Große aus Judenhass der Nominierung seine Zustimmung.

Moses Mendelssohn hatte die Vorstellung, es könnte ein Europa geben, in dem Juden, Christen und Muslime ihre jeweiligen Identitäten beibehielten und einander im Zusammenleben nicht nur tolerierten, sondern auch liebten. Als Erwiderung auf die erste von drei öffentlichen Aufforderungen, er möge zum Christentum übertreten, schrieb Mendelssohn: "Ich habe das Glück, so manchen vortreflichen Mann, der nicht meines Glaubens ist, zum Freunde zu haben. Wir lieben uns aufrichtig, ob wir gleich vermuthen, und voraussetzen, daß wir in Glaubenssachen ganz verschiedener Meinungen sind. […] Niemals hat mir mein Herz heimlich zugerufen: Schade für die schöne Seele!"

Seinem Engagement für kulturelle und religiöse Vielfalt verlieh Moses Mendelssohn am Ende seines 1783 erschienenen Werks “Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum“ in folgenden poetischen Worten Ausdruck: "Brüder! ist es euch um wahre Gottseligkeit zu thun; so lasset uns keine Übereinstimmung lügen, wo Mannigfaltigkeit offenbar Plan und Endzweck der Vorsehung ist. Keiner von uns denkt und empfindet vollkommen so, wie sein Nebenmensch; [...] Warum uns einander in den wichtigsten Angelegenheiten unsers Lebens durch Mummerey unkenntlich machen, da Gott einem jeden nicht umsonst seine eigenen Gesichtszüge eingeprägt hat?"

Mendelssohn war kein blauäugiger Idealist. Er wusste, dass die Verwirklichung seines Traums eines weltläufigen, menschlichen Europa nur im Kampf zu erringen sei. Mutig setzte er sich für die Rechte der bedrückten jüdischen Gemeinden in ganz Europa ein.

Alexander Altmann hat bemerkt, dass Moses Mendelssohn für viele deutsche Jüdinnen und Juden zum "Schutzheiligen" geworden war. Mit seinem Beitrag zur deutschen Kultur und Sprache, seiner treusorgenden Freundschaft zum Christen Lessing, seiner Verteidigung der Toleranz und Liebe unter den Religionen, seiner auf einer eigenen Wahl und romantischer Liebe gründenden Ehe, seinem stolzen Festhalten am Judentum auf der Grundlage seiner freien geistigen Überzeugung und seinem Eintreten für jüdische Bürgerrechte war er für sie ein Vorreiter, der sie lehrte, wie man zu modernen deutschen Jüdinnen und Juden wird.

Moses Mendelssohn träumte von einer besseren Welt als der, in der er lebte. Das heutige Europa, die Vereinigten Staaten und Israel sehen diesem Traum sicherlich ähnlicher als das Europa, in dem er im Jahr 1786 verstarb. Doch bleibt noch viel zu tun, wenn die neue Welt geschaffen werden soll, die der weitsichtige deutsche Jude mit der starken Brille zuerst ausgemacht hat.

Persönliche Geschichte

Eine Brille als Hilfsmittel für Studium und Geschäft

Porträt von Moses MendelssohnPorträt von Moses Mendelssohn (1818) (© picture-alliance, Fine Art Images/Heritage Images)
Die Brille Moses Mendelssohns hat auch eine eigene Geschichte zu erzählen. Seehilfen sind mindestens schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt, doch wurden sie im 18. Jahrhundert durch Innovationen wie Bügel und Rahmen verbessert. Die Brille des Philosophen spiegelt diese Entwicklungen wieder. Wir wissen nicht genau, wann er sie erwarb und aus welchem Grund. Hatte er seine Augen überanstrengt? Als Jugendlicher hatte Mendelssohn nächtelang die überlieferten jüdischen Texte gelesen. Er bemerkte einmal, seine bucklige Gestalt hätte er den vielen Stunden zu verdanken, die er über den Werken von Maimonides gesessen hatte. Hatte das womöglich auch seinen Augen geschadet?

Auch wenn Moses Mendelssohn als junger Mann keine Brille gebraucht hatte, so wird er möglicherweise mit steigendem Alter Bedarf nach einer Sehhilfe gehabt haben, denn seine legendäre Gelehrsamkeit gab er nicht auf. Zwar bestand seine Lektüre nun mehrheitlich aus europäischer Literatur und Philosophie. Doch las er immer noch die tradierten jüdischen Texte und wandte sich der Übersetzung der Bibel und ihrer Kommentierung zu.

Möglicherweise waren seine Studien nicht der einzige Grund für sein nachlassendes Augenlicht. Als er Mitte 20 war, wurde von einem Seidenfabrikanten als Buchhalter angestellt – und die Verbuchung von Belegen, die Inventarisierung der Waren und Bearbeitung der Lieferungen erforderten das genaue Hinschauen auf die Geschäftsunterlagen.

Wir können uns Moses Mendelssohn mit seiner Brille über einem philosophischen Traktat gebeugt vorstellen, einen Kommentar zu einer Bibelstelle entwerfend, oder mit der Prüfung eines Kaufvertrags in einem schwach beleuchteten Berliner Kontor.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.

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