Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Populäre Serien-Genres: Familie, Heimat, Ärzte, Sitcom

Familienserien im DDR-Fernsehen

Weißwasser - Sonnenberg-Siedlung
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Fotograf: Arno Burgi
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Caption: An einer Gebäudefassade in der Sonnenberg-Siedlung in
Weißwasser (Sachsen) ist ein Graffiti mit Herzen aufgebracht, aufgenommen
am 14.08.2015. Foto: Arno BurgiPlattenbau in der ehemaligen DDR (© picture-alliance, ZB)

In der DDR kamen Familienserien erst in den 1960er Jahren und weniger zahlreich ins Programm als in der Bundesrepublik. Es wurden dem Zuschauer vornehmlich Idealbilder von Familie präsentiert, in denen sich zugleich auch das Idealbild gesellschaftlichen Zusammenlebens spiegelte.

Diese Idee verhinderte, dass – anders als in vielen West-Serien – die Familien Nabelschau betrieben. Stattdessen fand sich die Hauptfamilie wie in "Heute bei Krügers" (DFF, 1960–1963) stets eingebettet in ein soziales Miteinander aus Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunden. In "Ein offenes Haus" (DDR-FS, 1979) ist die Familie, die ein Betriebsgästehaus führt, nur Bindeglied für alle möglichen Geschichten. Das multiple Erzählen, das im Westen erst mit den Ensemble-Soaps aufkam, fand als idealer Ausdruck sozialer Gemeinschaft früh Eingang in die Familienserie der DDR – gelegentlich sogar in Verbindung mit einer historischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte ("Dolles Familienalbum", DFF, 1969–1971). Die Geschichten gaben oft Anweisungen zu einer "richtigen" sozialistischen Lebensführung. Die vorbildlichen Haltungen von Figuren oder die soziale Moral einer Serienfolge wurden im Gegensatz zu West-Serien, die ihre Werte und Absichten unter der perfekten Oberfläche zu verstecken wussten, in der Regel deutlich exponiert.

In den Serien der DDR wurde Familie nicht als ein von der Gesellschaft abgegrenztes privates Refugium begriffen, sondern als ein Grundkollektiv, das in die Gesellschaft integriert war und sich ihr öffnete. Die Konflikte, die hier erörtert wurden, waren dann zumeist Anpassungsprobleme der Individuen an die gesellschaftlichen Normen und Anforderungen.

"Dolles Familienalbum" war die erste und eine sehr erfolgreiche Familienserie des DDR-Fernsehens. Rahmenhandlung: Willi Dolle fertigt in der Redaktion der Betriebszeitung seiner Arbeitsstelle nach Feierabend heimlich ein kommentiertes Fotoalbum seiner Familiengeschichte für seine Enkel an. Der Hausmeister Egon Krauthaar wird dabei auf ihn aufmerksam. Schließlich stellt sich heraus, dass die beiden alte Bekannte sind – und sie schwelgen gemeinsam in Erinnerungen, anhand der Fotos und Kommentare in Dolles Familienalbum. (Ausschnitt aus der vierten Folge der Serie, ausgestrahlt am 4.10.1969) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1969)


Allumfassende Solidarität mit Heimatgefühl

In der Reihe "Aus dem Tagebuch eines Minderjährigen" (DFF, 1965) beobachtete ein Junge seine Familie durch ein Ofenrohr und machte sich seine eigenen Gedanken zum Verhalten der Erwachsenen. Auch "Aber Vati!" (DDR-FS, 1974–1979) oder "Bei Hausers zu Hause" (DDR-FS, ab 1985) waren weitgehend aus der Perspektive und dem Erlebnishorizont von Kindern erzählt. War die breite Generationenpalette der bundesdeutschen Familienserien oft deutlich dem Kampf um die Einschaltquote geschuldet, zeigte sich in DDR-Serien eine andere Zielsetzung. Modellhaft wurde ein sozialer Mikrokosmos entworfen, in dem jeder wie im wirklichen Leben seinen Platz fand. Immer wieder ging es in Familienserien um allumfassende Solidarität und gegenseitiges Wohlwollen.

"Ein Zimmer mit Ausblick" (DDR-FS, 1978) zeigte einen jungen Arbeiter, der bei der Suche nach einer Unterkunft bald sogar Familienanschluss fand. Ähnlich erging es einem wohnungslosen Bauarbeiter in "Kiezgeschichten" (DDR-FS, 1987). Beide Serien hatten eine Hauptfigur, die sich durch die Freundlichkeit anderer weiterentwickelte. Auch der frustrierte Held in "Hochhausgeschichten" (DDR-FS, 1980–1981) beschloss im Laufe der Serie, dass er sein Leben ändern und Familienglück suchen müsse, anstatt sich wie seine in Scheidung lebenden Eltern das Leben schwer zu machen.

Häufig wurde in den DDR-Familienserien thematisiert, wie sich Heimatgefühl erzeugen und ausdrücken ließ. Als effektive Methode erwies sich eine Liebenswürdigkeit des Alltags, die sich in kleinen, unprätentiösen Geschichten widerspiegelte, selbst wenn ein didaktischer Hintergedanke wie in "Die Lindstedts" (DDR-FS, 1976), einer Serie, die vom Großfamilienalltag eines Genossenschaftsbauern erzählte, offensichtlich darin bestand, für das Leben in der LPG und das Zusammenstehen in einer großen Gemeinschaft wie dem DDR-Staat zu werben.

Helden des Alltags

Private oder berufliche Veränderung spielte in DDR-Familienserien eine große Rolle ("Familie Neumann", DDR-FS, 1984). DDR-Helden gingen darin das Leben aktiv an und waren offen für Entwicklungen. Selbst im Alter sprühten sie noch vor Lebenskraft. In "Rentner haben niemals Zeit" (DDR-FS, 1978) setzten Ursula Damm-Wendler und Horst Ulrich Wendler den Alten – als Nicht-Arbeiter in der DDR-Gesellschaft eher an den Rand gedrängt – ein Denkmal. Wie im wahren Leben würde ohne sie das Familienleben der Kinder und Enkel nur unzureichend funktionieren. Das Zusammenleben verschiedener Generationen in einer Hausgemeinschaft thematisierten die Wendlers bereits in der Serie "Die lieben Mitmenschen" (DDR-FS, 1972), in der sie eine Frau bürgerlicher Herkunft ihre Vorurteile gegenüber der DDR-Gesellschaft abbauen ließen. Ihr größter Erfolg wurde "Geschichten übern Gartenzaun" (DDR-FS, 1982). Im Mittelpunkt dieser alltagsorientierten, undramatischen Ensembleserie stehen die Bewohner einer Kleingartenanlage. Der große Erfolg dieses Serien-Idylls zog die Fortsetzung "Neues übern Gartenzaun" (DDR-FS, 1985) nach sich.

Plattenbaukritik bei "Einzug ins Paradies"

Auf weniger Gegenliebe bei der Staats- und Parteiführung der DDR stieß "Einzug ins Paradies" (DDR-FS, 1985) nach einem Roman von Hans Weber. Fünf Familien zogen in dieser Serie in ein gerade fertig gestelltes Hochhaus, bei dem jedoch einige Steine in den Balkonabsperrungen fehlten, so dass sie sich auch unkonventionell besuchen konnten. Das taten zunächst die Kinder. So wuchsen sie in sechs Tagen, die eine Art von Schöpfungsgeschichte darstellten, zu einem "Kollektiv" zusammen. Was als Lehrstunde gedacht war, in der für das DDR-Wohnungsprogramm geworben werden sollte, entpuppte sich als plattenbaukritisch und problemthemenoffen. 50 Details mussten vor der Ausstrahlung zwangsweise verändert werden, nachdem die Serie über drei Jahre auf Eis lag. Die Serie wurde dann 1989 auch im ARD-Fernsehen gezeigt und wirkte vor dem Kontext des sich ankündigenden Endes der DDR merkwürdig disparat, weil im Programmumfeld, das von der Flucht zahlreicher DDR-Bürger nach Ungarn und in die bundesdeutsche Botschaft in Prag berichtete, die Serie von einem neuen Zusammenstehen in der DDR erzählte.

Krankenhaus- bzw. Arztserien


"Doktor Stefan Frank", Szenenfoto mit Sigmar Solbach und Christiane Brammer"Doktor Stefan Frank", Szenenfoto mit Sigmar Solbach und Christiane Brammer (© RTL)

Als umfangreichste der berufsbezogenen Serien kann die Arztserie gelten. Sie zeigt in der Regel ein Team, dessen Mitglieder in engen Beziehungen zueinander stehen, die aber jeweils durch unterschiedliche 'Fälle' immer wieder in neue Herausforderungen zwischenmenschlicher Art gebracht werden. Tod, schwere Krankheit, tiefes Leid, Gesunden und Glücklichsein liegen hier dramaturgisch eng beieinander.

Die deutsche Arztserie ist eine Spielart des Familien-Genres. Serien aus allen historischen Phasen wie "Alle meine Tiere" (SWF, 1962/63), "Der Landarzt" (ZDF, ab 1986), "Bereitschaft Dr. Federau" (DDR-FS, 1988) oder "Der Bergdoktor" (Sat.1, 1992–1999; ZDF ab 2008) sind um einen zentralen Familienverband entwickelt. Je rudimentärer die private Familienstruktur ausgebildet ist, umso stärker übernimmt das berufliche Umfeld die Funktion der "Familie". Serien, die auf einen einzelnen Arzt fixiert sind wie "Frauenarzt Dr. Markus Merthin" (ZDF, 1994–1997) oder "Doktor Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen" (RTL, 1995–2001), stehen in der Tradition des trivialen Arztromans und der (melo)dramatischen Arztserie, die die Amerikaner mit "Dr. Kildare" (USA, 1961–1966) etablierten und auf die sich "Ein Chirurg erinnert sich" (SWR) bereits 1972 bezog.

Klinikserien

Wegweisend für das Subgenre Klinikserie war der tschechische Überraschungserfolg "Das Krankenhaus am Rande der Stadt". 1979 wurde die Serie im DDR-Fernsehen ausgestrahlt, ein Jahr später zog die ARD nach und beteiligte sich bei einer zweiten Staffel sogar als Koproduzent. Einfluss auf das Genre hatten auch die amerikanischen Soap Operas, die seit "Dallas" (Ausstrahlung ARD, ab 1981 mit Unterbrechungen bis 1991; Produktion USA, 1978–1991) gelegentlich im Hochglanz-Look einer Drama-Serie auftraten. 70 Folgen lang fesselte "Die Schwarzwaldklinik" (ZDF, 1985–1989) die Zuschauer. Zum Erfolgsrezept gehörten eine Erzählweise, die Familienleben und Klinikalltag, dramatische und entspannende Momente auf wirkungsvolle Weise kombinierte – wie es bisher in einer deutschen Serie noch nicht zu sehen gewesen war, aber auch der hohe Menschlichkeitsfaktor und die Problemfälle, die die Serie gelegentlich zum öffentlichen "Aufreger" machten. So übte in der Folge "Gewalt im Spiel" von 1986 eine vergewaltigte junge Frau Selbstjustiz und verletzte den Täter mit Stichen in den Unterleib. In "Steinschlag" wurde eine Kindesmisshandlung gezeigt; die Folge lag ein Jahr auf Eis, bevor sie 1987 ausgestrahlt wurde. Die von Wolfgang Rademanns Fernsehproduktionsfirma professionell produzierte Serie reizte die Genremuster weitgehend aus, indem sie sie sehr stark emotionalisierte.

Physischer Realismus und Seifenoper-Elemente

Nur im Hinblick auf Dramatik und Ästhetik war noch mehr möglich. Tempo machten die an ein jüngeres Publikum gerichteten Serien wie "Die Flughafenklinik" (RTL, 1995/96) oder "Klinikum Berlin Mitte" (ProSieben, 1999–2002), die den physischen Realismus der US-Kultserie "Emergency Room" (ProSieben, 1995–2009) imitierten, deren visuelle Raffinesse und dramaturgische Dichte aber nicht erreichten (RTL, 1994; ab 1995 auch auf ProSieben). Mitte der 1990er Jahre wurde die Klinikserie mit Seifenoper-Elementen durchsetzt und auch produktionstechnisch stärker standardisiert. Elektronisch gedrehte wöchentlich erscheinende Serien wie "Für alle Fälle Stefanie" (Sat.1, 1995–2004), "Alphateam" (Sat.1, 1997–2005) oder der ARD-Dauerbrenner "In aller Freundschaft" (ab 1998; seit 2015 auch: "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte") setzten auf ein umfangreiches Ensemble mit bis zu 20 wiederkehrenden Rollen, eine sterile Innenraum-Anmutung und die typische Zopfdramaturgie (miteinander verknüpfte parallele Handlungsstränge) der Soap-Opera. Während nur noch wenige neue deutsche Produktionen laufen (z. B. "Dr Klein", ZDF, seit 2014; "Bettys Diagnose", ZDF, seit 2015), gibt es jedoch permanent Wiederholungen alter Serien – gerade in kleinen Spartensenden – sowie die Ausstrahlungen US-amerikanischer Serien, z. B. "Grey’s Anatomy – Die jungen Ärzte" (ProSieben, seit 2006).

Arztserien in der DDR

"Barfuß ins Bett" war eine 14teilige Familienserie des DDR-Fernsehens, in der auch soziale Probleme, Beziehungskonflikte und moralische Fragen thematisiert wurden. (Ausschnitt aus der ersten Folge aus dem Jahr 1988) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1. Folge 1988)

In der DDR spielten Arztserien keine große Rolle. "Bereitschaft Dr. Federau" (1988) war ein Versuch, die psychologische Zwickmühle, in der sich eine allein erziehende Notaufnahme-Ärztin befindet, in einer Drama-Serie zu verarbeiten. Das Konzept wurde nach der Wiedervereinigung von der ARD-Reihe "Ärzte" aufgegriffen. "Barfuß ins Bett" (1988–1990), gemäß gängiger Serien-Standards von der DEFA produziert, war die Antwort des DDR-Fernsehens auf die ZDF-Quotenhits "Die Schwarzwaldklinik" und "Der Landarzt". Dagegen sah die elektronisch gedrehte Familien-Arzt-Serie "Zahn um Zahn – Die Praktiken des Dr. Wittkugel" (1985–1988) aus wie eine Mischung aus "Lindenstraße" und den späteren wöchentlich erscheinenden Klinik-Serien.


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