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Reaktionen in den 90er Jahren

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Ulrich Meyer, Journalist und Modertor der Sendung "Explosiv - Der heiße Stuhl". (© picture-alliance/dpa)

Erfolg beim Publikum

Die Ursache für die geballte Einführung von Reality-TV-Sendungen in den Jahren 1992 und 1993 hatte seine Ursache nicht zuletzt im Erfolg dieses neuen Genres beim Publikum. Der Neuheitswert dieser Form wurde herausgestellt, obwohl sie ja keineswegs ganz neu war. Ihre Vorbilder waren dem Publikum nur nicht mehr in Erinnerung. Bei einigen Reihen stellten sich relativ konstant hohe Einschaltquoten ein. "Notruf" erreichte 1992 einen durchschnittlichen Marktanteil von ca. 29 %, wobei die kritische Debatte über dieses Genre, die Mitte 1992 einsetzte, dem Publikumsinteresse keinen Abbruch tat. Vielmehr scheint sie die Aufmerksamkeit für diese Form noch gesteigert zu haben.

Auch die RTL-Reihe "Augenzeugen-Video" erreichte einen durchschnittlichen Marktanteil von 17 %, die anderen Reihen pendelten zwischen 4 und 6 %, wobei hier der oft späte, die Zuschauerzahl einschränkende Sendetermin berücksichtigt werden muss. Da die Reihen in der Regel nur einmal im Monat, vereinzelt auch alle 14 Tage ausgestrahlt wurden, trug die erregte publizistische Debatte zur Steigerung ihrer Bekanntheit und damit zu ihrer Popularität bei.

Auch Kinder sehen Reality-TV – Kritik von Medienpädagogen

Wie die damaligen Quotenmessungen ergaben, waren es vor allem Zuschauer im mittleren Alter von 30 bis 49 Jahren, die Reality-TV-Sendungen sahen, wobei in der Rezeption leichte Unterschiede zwischen den RTL- und den Sat.1-Sendungen bestanden: Die RTL-Sendungen wurden eher von jüngeren Zuschauern bevorzugt. Dass viele Kinder Reality-TV sahen, forderte die Kritik der Medienpädagogen heraus .

Kritik am Reality-TV: Vermischung von Fiktion und Dokumentation

Die Kritik richtete sich vor allem gegen die vorhandene Vermischung von Fiktion und Dokumentation, also die Aufbereitung von Tatsachen durch fiktionale Dramaturgien. Als Effekte wurden die starke Emotionalisierung, die auf Sensationsberichterstattung abzielende einseitige Auswahl der Themen und die Tendenz zum Voyeurismus kritisiert. "Was zählt, ist der Nervenkitzel, der zum TV-Voyeurismus führt", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" .

"'Reality-TV' setzt auf die Sensationsgier der Zuschauer", meinte die Zeitschrift "TV" . Reality-TV sei die "Befriedigungskiste für unsere niedrigsten Bedürfnisse", hieß es in den "Bertelsmann Briefen" 128/1992, und der "Spiegel" sah darin eine "Spirale aus Lügen und Selbstbetrug", "die einen solchen Sog entwickelt, dass sie noch den letzten Rest Realität verschwinden lässt" Der "Rheinische Merkur" schrieb: "Reality-TV ist die Fortsetzung des Boulevardjournalismus mit den Mitteln des Fernsehzeitalters" .

Gleichwohl hielten die kommerziellen Programmanbieter an dem Genre fest, weil es weiterhin hohe Einschaltquoten brachte. RTL setzte, ungerührt von aller Kritik, gerade auf die Vermischung von Dokumentation und Fiktion: "Reality-TV zeigt gefilmte Wirklichkeit" .

Gründe für den Erfolg

Entscheidend für den Erfolg war, dass Reality-TV nicht als eine Spielart fiktionaler Fernsehunterhaltung, sondern (von den Zuschauern) als Tatsachenbericht, als Teil der journalistischen Nachrichtenberichterstattung verstanden wurde. Die meisten Moderatoren kamen aus der Nachrichtenbranche. Die Herausstellung von Katastrophen, Unglücks- und Kriminalfällen steht in der langen Tradition der Nachrichtenberichterstattung, denn solche Ereignisse haben einen höheren Nachrichtenwert als langsame, strukturelle Veränderungen der Gesellschaft. Im Fernsehen kommt der Zwang zur Visualisierung hinzu, der den spektakulären Bildern eine höhere Wertigkeit einräumt als den eher alltäglichen. Dementsprechend ist auch jeder Krieg "fernsehgerechter" als Frieden, weil darin "Aktion", "Gewalttätigkeit" und "Überraschung" eher zu finden sind.

Dramatisierung nach den Mustern des Spielfilms

Hans Meiser am Set von "Notruf" (© RTL)

Reality-TV steigerte diese Akzentuierung sensationeller Ereignisse noch, indem das Genre sie zum alleinigen Inhalt machte. So entstand eine Ballung derartiger Ereignisse, die zu einer weiteren Intensivierung des Angebots führte. Damit verbunden war eine dramatisierende Aufbereitung, die den Mustern des Spielfilms folgte. Das Prinzip der traditionellen Höhepunktdramaturgie mit den Momenten Exposition, Steigerung, Höhepunkt, unverhoffte Wendung und Katastrophe bzw. Happy End, wie es durch Film und Fernsehen in ungezählten Filmen und Serien wieder und wieder als allgemeine Handlungsstruktur in den Köpfen der Zuschauer etabliert wurde, wurde und wird auch in vielen Reality-TV-Beiträgen bedient. Dadurch kommt es zu einer verstärkten Emotionalisierung des Dargestellten. Spannung und Entspannung wurden zu zentralen Gestaltungsprinzipien von Reality-TV gemacht.

Der Eindruck des direkten Miterlebens

Die Kürze der Beiträge führt zu einem raschen Wechsel der durch sie ausgelösten Gefühlsregungen bei den Zuschauern, zu einem Wechsel von Erregung und Befriedigung, wobei der besondere Reiz darin besteht, dass das Gezeigte den Anspruch der Authentizität, des Tatsächlichen erhebt. In der Kombination liegt die Steigerung der bis dahin jeweils nur einzeln verfolgten Vermittlungsstrategien: Der Zuschauer hat den Eindruck des direkten Miterlebens eines Geschehens, zum Beispiel eines Unglücksfalls. Er kann direkt dabei sein und Ereignisse verfolgen, die andere Menschen betreffen und die er ähnlich einmal selbst erleben könnte. Daraus resultiert bei vielen Zuschauern der Eindruck, man könne aus der Betrachtung solcher Sendungen etwas lernen, z. B. wie man sich vor Unglücksfällen, Schicksalsschlägen etc. "schützen" könnte .

Der Blick in die Intimsphäre

Reality-TV fügte sich in langfristige Veränderungen der Öffentlichkeitsstruktur ein – nämlich in das veränderte Verhältnis von öffentlicher und privater Sphäre. Durch die Herausstellung schicksalhafter Ereignisse, die in aller Regel einzelne Individuen betrafen, wurde das Private zusätzlich betont. Der Blick in die Intimsphäre wurde durch Reality-TV in seinen verschiedenen Spielarten verstärkt, aus ihm resultierte eine besondere Faszination. Reality-TV umfasste auch Sendereihen, in denen Lebenswege und Schicksalsschläge vorgeführt, Scheidungen ausgebreitet, Hochzeiten und Flirts arrangiert wurden. Paradoxerweise hat das Fernsehen auf dem Wege zu einer weltweiten aktuellen Berichterstattung vor allem mit solchen Formaten Erfolg, die dieser globalisierenden Tendenz entgegenstehen und Nähe und Intimität in den Vordergrund stellen.

Fesselnde Schicksale und Angstlust

Reality-TV bereitet Glück und Unglück von einzelnen Menschen massenhaft auf, entindividualisiert sie und zeigt sie als den Kanon des im Leben Möglichen. Dabei gewinnen jedoch bestimmte Aspekte besondere Bedeutung, die im realen Alltag immer nur Ausnahmen darstellen: Gewalt und Kriminalität werden in besonderer Weise herausgestellt. Die individuellen 'Schicksalsschläge' waren und sind das, was das Publikum besonders erregt, weil es selbst – als 'Couch-Potato' ungefährdet im Fernsehsessel sitzend – davon nicht betroffen ist. Die Angstlust, mit der das Medium hier in besonderer Weise spielt, so kann man es thesenhaft zuspitzen, ist eine, die immer nur eine medial erzeugte ist, die zugleich damit kompensatorisch auf die Gewohnheiten und Gleichförmigkeit des modernen Alltags reagiert.

Reality-TV und Emotionen der Zuschauer

Emotionen: Dimensionen des Gefühlslebens beim Reality TV

Mitleid

Mitleid mit dem Schicksal anderer wird vor allem durch die Darstellung seelischer Verstörungen der Opfer und Betroffenen ausgelöst. Mitleid ist eine sozial positive Haltung. Sie wird jedoch nur dann sozial wirksam, wenn sie sich direkt in Handlungen für die Opfer umsetzen kann. Das Magazinprinzip der meisten Reality-TV-Sendungen verhindert jedoch durch die Ballung der verschiedenen, aber letztlich immer gleich stark emotionalisierenden Fälle, dass sich das beim Zuschauer hervorgerufene Mitleid auch wirklich in praktisches Handeln umsetzt.

Entsetzen

Zum Muster der Gefühlsregungen gehört das Moment des Entsetzens. Es wird insbesondere bei Aktionsdarstellungen und Gewaltszenen ausgelöst und ist vor allem bei kleineren Kindern und bei älteren Menschen beobachtet worden (vgl. Theunert/Schorb 1995). Das Entsetzen ist eine punktuelle Erregung, ist der 'Thrill', mit dem gerade die Angstlust angesprochen wird.

Angst

Ein weiteres angesprochenes Gefühl ist die Angst. Weil die Welt nur noch voller Bedrohungen erscheint, werden latente Angstgefühle, die bereits durch andere mediale Berichterstattungen oder durch individuelle Erfahrungen vorhanden sind, bestätigt und verstärkt. Da Hintergründe und politische Dimensionen in der Regel keine Rolle spielen, wird hier auch nicht in größeren Zusammenhängen gedacht, sondern die jeweilige Geschichte auf ein Muster von Gewalt und Gegengewalt reduziert. Daher ist vielen Reality-TV-Sendungen eine Tendenz zur Law-and-Order-Haltung zu eigen.

Ekel

Schließlich wird gerade durch die visuelle Präsentation von Verletzungen, von Verwundeten und Toten auch Ekel bei den Zuschauern ausgelöst. Diese Form der emotionalen Distanzierung findet sich vor allem bei Darstellungen, wie sie vor allem bei den Augenzeugenvideos zu finden waren und sind. Reality-TV wird nachgesagt, zu einer Gewöhnung an derartige Schreckensbilder beizutragen und eine Enttabuisierung des Darstellbaren im Fernsehen voranzutreiben. Noch in den 1970er Jahren war es ein Tabu, im Fernsehen direkt Tote zu zeigen und lange mit der Kamera auf zerstörte Körper 'draufzuhalten'. Diese Tabus sind inzwischen unter dem Druck, möglichst sensationelle Bilder zu bieten und damit die Konkurrenz der anderen Programme auszustechen, weitgehend gefallen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Theunert/Schorb 1995.

  2. Süddeutsche Zeitung, 23/24.4.1992.

  3. TV, 12.6.1992.

  4. Der Spiegel 26/1992.

  5. Rheinische Merkur, 17.1.1992.

  6. RTL Info plus, Nr.16 v. 21.8.1992.

  7. Vgl. Theunert/Schorb 1995.

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