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Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Kulturpräsentation in Ost und West

Im Hallenser Fernsehtheater Moritzburg wird die Spielzeit 1981 eröffnet.Im Hallenser Fernsehtheater Moritzburg wird die Spielzeit 1981 eröffnet. (© Bundesarchiv, Bild 183-Z0206-022 / Fotograf: Thomas Lehmann)


Bildende Kunst, Musik und Theater

Mit dem Ausbau des Fernsehprogramms durch das Hinzukommen des ZDF und der Dritten Programme wurden in den westlichen Programmen auch die Kultur vermittelnden und Kultur präsentierenden Sendungen vermehrt produziert und ausgestrahlt. Die Sendungen, in denen nicht über Kultur gesprochen wurde, sondern in denen dem Zuschauer Kultur präsentiert und nahe gebracht werden sollte, behandelten vor allem die Künste. In diesem Kapitel sollen nur die Präsentationen der Bildenden Kunst, der Musik und des Theaters skizziert werden. Im DDR-Fernsehen finden sich Sendungen, die Kultur präsentieren, vor allem im Bereich der Musik, seltener im Bereich des Theaters, der Bildenden Kunst und der Literatur.

Bildende Kunst im DDR-Fernsehen

Die Malerin Lea GrundigDie Malerin Lea Grundig (© Bundesarchiv, Bild 183-R88551 / Fotograf: o.Ang.)

Im DDR-Fernsehen war die Thematisierung von Bildender Kunst sehr selten. Die Präsentation von Malerei und Plastik erschien den Programm-Machern als dem Medium der bewegten Bilder wenig angemessen. Bildende Kunst war vor allem dann im Programm zu finden, wenn Künstler der DDR (z. B. Fritz Cremer als "verdienter Bildhauer der deutschen Arbeiterklasse" (4.6.1973) oder die Malerin Lea Grundig ("Porträt Prof. Lea Grundig", 2.12.1973) porträtiert werden.

Ende der 1970er Jahre finden sich auch Sendungen wie "Meisterwerke der Dresdner Gemäldegalerie" (17.11.1978) im Programm. Offensichtlich war dies auch eine Reaktion auf das Abwehrverhalten von kulturellen Angeboten in der Bevölkerung, die z. B. in der Reportage "Lass mich doch mit Kultur zufrieden" (27.6.1972) angesprochen wurden.

Biografische Sendungen

Die Neigung des DDR-Fernsehens, die Künste über biografische Sendungen zu vermitteln, ist auffällig; immer wieder wird Kultur über die Lebensgeschichte der Autorinnen und Autoren vermittelt. Es sind hier vor allem DDR-Autoren wie Anna Seghers, die porträtiert werden, aber auch der westdeutsche Autor Martin Walser wird den DDR-Zuschauern vorgestellt ("Aus Dramen von Martin Walser", 24.10.1965).

Bildende Kunst im BRD-Fernsehen

In den Programmen des Westfernsehens war die Thematisierung der Bildenden Künste nur geringfügig umfangreicher, sie ist jedoch von der Fernsehgeschichtsschreibung deutlich besser erschlossen. Zu den Sendereihen, die sich der Bildenden Kunst seit den 1950er Jahren widmeten, gehörten "Wege zur Modernen Kunst", "Auf dem Weg zur Moderne", "Das Porträt", "Perspektiven amerikanischer Kunst heute", aber auch stilgeschichtliche Reihen wie "Europäisches Rokoko", "Michelangelo und seine Zeit" oder "Bausteine unserer Architektur"[1]. Dabei wurden diese Reihen vor allem in den Dritten Programmen, nur selten im Ersten und Zweiten Deutschen Fernsehen gezeigt. Sie waren zumeist mit einer Art informierendem (oft auch belehrendem) Vortrag verbunden.

Neue Präsentationsformen der Bildenden Kunst Ende der 60er Jahre

Diese Präsentationsform veränderte sich bei Themen der Gegenwart allerdings deutlich. Vor allem die zeitgenössische Moderne forderte andere Präsentationsformen, setzten doch viele Gegenwartskünstler auch selbst moderne Medien in ihren Arbeiten ein. Berühmt wurden deshalb Sendungen über und mit der westdeutschen Gruppe ZERO (Mack, Ücker, Piene) mit dem Titel "Tele-Mach, Tele-Mack, Tele-Mach" (WDR, 1969) oder Gerry Schums "Fernsehgalerie" beim SFB (1968–1970), in der Schum Land Art präsentierte (eine Kunstform, in der es um Zeichen, Spurenbildungen und Vermessungen usw. im geographischen Raum als Kunstwerk geht). Fernsehen schien sich – hier noch als ein vor allem elektronisches Aufzeichnungsverfahren und weniger als ein institutionalisiertes Programm-Medium verstanden – optimal als Medium der Visuellen Kunst, ja als Weiterentwicklung der Bildenden Kunst verwenden zu lassen [2].

Einfluss der Bildenden Kunst auf das Fernsehen

Die Reihe der Beispiele lässt sich verlängern: Die Revolten in der Bildenden Kunst
  • mit der Pop Art (eine Kunstform, die sich mit der Konsumkultur auseinandersetzt),
  • mit Fluxus (eine Aktionskunst mit zeitgenössischen Phänomenen der Öffentlichkeit),
  • mit der Happening Art (bei der es um die Erzeugung von öffentlichen Performances geht),
  • mit der Land Art
und anderen schienen sich mit den gesellschaftlichen Umbrüchen zu verbinden und gaben auch der Fernsehentwicklung immer wieder neue Impulse. Die Weiterentwicklung der Fernsehästhetik mit der Entwicklung der Stanztechniken, mit Blue Screen, Solarisationseffekten und anderem mehr (davon lebten dann Unterhaltungssendungen wie z. B. die Musiksendung "Der Beatclub") verdankte viele Anregungen der Bildenden Kunst und ihren Versuchen, sich auch der Bewegtbilder anzunehmen, z. B. in der entstehenden Videokunst (Nam June Paik u. a.).

Niedrige Einschaltquoten für ambitionierte Kultursendungen

So euphorisch die Nähe zwischen Bildender Kunst und Fernsehen zunächst schien, die Ernüchterung erfolgte in den 1970er Jahren, nachdem die Sender durch Zuschauermessungen feststellten, dass die Einschaltquoten ambitionierter Kultursendungen insbesondere in den Dritten Programmen sehr niedrig lagen oder gar nicht mehr messbar waren [3]. Das heißt nicht, dass sie keine Zuschauer hatten, aber bundesweit bedeuteten etwa 400.000 Zuschauer 1 % Einschaltquote, und Zuschauerzahlen, die darunter lagen, konnten in der Zuschauermessung nicht mehr erfasst werden. Kultursendungen waren also Minderheitenprogramme und fielen nun der stärker werdenden Quoten-Orientierung der Rundfunkanstalten nach und nach zum Opfer.

"100(0) Meisterwerke" (ARD)

1980 gab es noch einen Versuch, mit einer Sendereihe über die Bildende Kunst ein breiteres Publikum anzusprechen: Der WDR produzierte nach einem Vorbild der BBC eine Fernsehserie mit jeweils 10 Minuten dauernden Folgen zu "100 Meisterwerke aus den großen Museen der Welt", die dann aufgrund ihres Publikumserfolges als "100(0) Meisterwerke" verlängert wurde. Ausgestrahlt wurde sie bis 1994 von der ARD, dem ORF und den Dritten Programmen BR und WDR. Redakteurin war Wibke von Bonin. In jeder Folge wurde ein Bild von einem renommierten Kunstwissenschaftler besprochen, zum Vergleich wurden auch andere Bilder herangezogen, so dass kunsthistorisches Wissen vermittelt wurde. Die Darstellungen wurden dann auch in mehreren Büchern zusammengefasst und publiziert.

Die Reihe "100(0) Meisterwerke" war ein bedeutender Höhepunkt der Kunstpräsentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Mit dem Aufkommen der kommerziellen Programme ab Mitte der 1980er Jahre reduzierte sich der Anteil der Kunstsendungen – er war ohnehin nie sehr groß – in den öffentlich-rechtlichen Programmen, weil diese glaubten, vor allem im Unterhaltungsbereich mit den privaten Sendern mithalten zu müssen.

Kaum Programmplätze für Videokunst

Erstaunlich ist, dass sich in den 1980er Jahren die Videokunst, also die Arbeiten von Künstlern, die mit der elektronischen Kamera arbeiteten – die es seit den 1970er Jahren auch im semiprofessionellen Bereich (Videokamera, U-Matic-Kamera) gab – in den Fernsehprogrammen nur selten behaupten konnten. Ausnahmen gab es vor allem spätabends in den Dritten Programmen. Sie blieben auch einem kulturell anspruchsvollen Publikum fremd, das zwar Kunstsendungen sah, die Videokunst mit ihren wenig narrativen Formen jedoch kaum akzeptierte.

Musik im Fernsehen

Musik im Fernsehen der DDR

Titel: Gisela May
Bildrechte: Verwendung weltweit
Rechtevermerk: picture alliance / Universität Jena
Fotograf: Universität Jena
Notiz zur Verwendung: picture alliance/dpa-Zentralbild
Caption: Gisela May, Schauspielerin und berühmte Brechtinterpretin zu Gast
im Studentenkeller "Zur Rosen" in Jena. (Bild undatiert, Mängel in der
Bildqualität vorlagebedingt). Foto: Walter StreitDie goldene Note galt als Fernseh-Konzertreihe und zeigte u.a. Konzertübertragungen aus dem Gewandhaus Leipzig, dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt - aber auch Chansonreihen mit der berühmten Brecht-Interpretin Gisela May. (© picture-alliance, Universität Jena)

Musik wurde im DDR-Fernsehen deutlich umfangreicher präsentiert als die Bildende Kunst. Dazu gehörte, dass bei den Programm-Machern ein umfassendes Verständnis einer alle Menschen verbindenden Musikkultur bestand. So gab es neben den schon erwähnten Jazz-Sendungen die regelmäßig präsentierte Sendereihe "Die goldene Note", dann auch Konzert-Übertragungen und Gala-Abende, die vom Fernsehen gemeinsam mit der Oper veranstaltet wurden ("Theo Adam lädt ein", 1982). Auch wurde häufiger "Aus Oper und Konzert" berichtet. Konzerte von Mozart und anderen Klassikern und Opern-Aufführungen waren in regelmäßigen Abständen im Programm vertreten, seit den 1970er Jahren vermehrt auch im II. Programm des DDR-Fernsehens.

Musik im Fernsehen der BRD ab 1950

In der Bundesrepublik konzentrierte sich die Präsentation von Musik im Fernsehen bereits in den 1950er Jahren bei der ARD auf die Ausstrahlung von Musiktheater-Sendungen. Dies waren Übertragungen und später Mitschnitte von Opern-, Operetten-, Singspiel- und Musical-Aufführungen (z. B. die Übertragung der Oper "Die Gärtnerin aus Liebe" von Mozart durch den BR im Rahmen des ARD-Programms am 6.11.1954, also unmittelbar nach dem offiziellen Beginn des ARD-Gemeinschaftsprogramms am 1.11.1954). Die Einrichtung und Bearbeitung von Aufführungen für das Fernsehen wurde schnell üblich, d. h. es wurden unterschiedliche Kameraperspektiven gewählt und mehrere Kameras eingesetzt, um einen filmischen Eindruck zu erzeugen. "Das Fernsehen hat an allen bedeutenden Ereignissen der Opern-, der Musikgeschichte teilgenommen", konstatiert der Musikwissenschaftler Lothar Mattner [4]. Hinzu kamen Konzertübertragungen. Zu einer Routine wurden schon in den 1960er Jahren die Übertragungen von Neujahrskonzerten berühmter Orchester (etwa der Berliner oder der Wiener Philharmoniker).

Weniger E-Musik in den 1970er und 1980er Jahren

Anneliese Rothenberger stellt den kleinen Pianisten Billy Bowman vor.Anneliese Rothenberger stellt den kleinen Pianisten Billy Bowman vor. (© picture-alliance, KPA)

Gab es in den 1950er und 1960er Jahren ganze Opernabende in den Hauptprogrammen, die als besondere festliche Veranstaltungen und Programmhöhepunkte gefeiert wurden, reduzierte sich die Zahl solcher Übertragungen in den 1970er Jahren. Die musikalische Darbietung von ernster Musik ging mehr und mehr über in die Form von musikalischen Sendungen, die Arien, Couplets etc. aus dem Kontext der Operndarbietungen herauslösten und sie in ein Nummernprogramm einbrachten (z. B. "Anneliese Rothenberger stellt vor", 1975–1986, ZDF oder "Erkennen Sie die Melodie?", 1969–1985, ZDF, mit Unterbrechungen), das sich an der Darbietung unterhaltender populärer Musik orientierte.

In den 1980er Jahren wurden dann die Übertragungen ganzer Opern und Operetten in die Dritten Programme verlagert, und in den 1990er Jahren – mit dem Umbau der Dritten Programme zu regionalen Vollprogrammen – in die Kultur-Spartenprogramme wie arte, 3sat,den ZDFtheaterkanal (bis 2011) und arte. Auch hier war der Grund die abnehmende Zuschauerzahl von häufig nur einem Prozent [5]. Die Ursache dafür lag vor allem darin, dass solche theatralen Darstellungen im Fernsehen, das sich in seinen Darstellungskonventionen ansonsten stark am Film orientierte, immer etwas schwerfällig, statisch und vor allem künstlich wirkten.

Fernsehen als Archiv der neueren Musikgeschichte

Die öffentlich-rechtlichen digitalen Spartenprogramme wie ZDFkultur (bis September 2016) und ARD-alpha (seit 2014, vorher BR-alpha) hingegen leb(t)en von den zahlreichen Mitschnitten und Aufzeichnungen von Musiktheater- und Konzertsendungen, die – nun meist in Reihen oder thematischen Programmabfolgen zusammengestellt – einen Einblick in das Musikleben der Bundesrepublik seit den 1950er Jahren geben. Das Fernsehen wird damit zum Archiv der neueren Musikgeschichte und stellt damit ein kollektives kulturelles Gedächtnis des Musiklebens dar.

Theater im DDR-Fernsehen

Schriftsteller Bernhard Seeger (re.) mit Erich HoneckerSchriftsteller Bernhard Seeger (re.) mit Erich Honecker (© Bundesarchiv, Bild 183-T0529-0037 / Fotograf: Gabriele Senft)

Wie das Musiktheater diente auch das Sprechtheater dem Fernsehen anfangs als Hilfe, für das Fernsehen verwendbare Formen der fiktionalen Darstellung zu finden (im Fernsehspiel). Im DDR-Fernsehen wurde dabei der Weg zu den direkt für das Fernsehen inszenierten Aufführungen rascher gewählt als im West-Fernsehen. Die DDR-Fernsehmacher sahen im Fernsehen eine dem Theater ebenbürtige Bühne, so dass sie sehr rasch der Auffassung waren, für ihre speziellen Belange besser mit eigenen Inszenierungen operieren zu können, anstatt Aufführungen aus Theatern zu senden. Gleichwohl gab es auch im DDR-Fernsehen in den 1950er Jahren wiederholt Theaterübertragungen.

Fernsehdramatik als Teil der DDR-Literatur

Die Inszenierung von Drehbüchern nach literarischen Vorlagen und dann die Inszenierung von direkt für das Fernsehen geschriebenen Texten wurden als eine Form der Präsentation von Literatur angesehen. Es ist deshalb kein Zufall, dass in der großen DDR-Literaturgeschichte, die 1976 zum IX. Parteitag der SED vorgelegt wurde, die Fernsehdramatik mit ihren Autoren Bernhard Seeger, Benito Wogatzi, Gerhard Bengsch, Helmut Sakowski und anderen als Teil der DDR-Literatur gefeiert wurden [6]. Fernsehen war hier dem Theater als Institution der Literaturpräsentation gleich gestellt.

Theater im BRD-Fernsehen

Das Deutsche Schauspielhaus in HamburgDas Deutsche Schauspielhaus in Hamburg (© picture-alliance/dpa)

In den bundesdeutschen Programmen bestand schon früh der kulturelle Anspruch, besonders herausragende Aufführungen zu zeigen – herausragend sowohl in Bezug auf die aufgeführten Dramen als auch im Hinblick auf die Prominenz der aufführenden Theater [7]. Klassiker-Inszenierungen von Goethe, Schiller, Lessing, Kleist, Büchner, aber auch die sogenannten Klassiker der Moderne von Gerhart Hauptmann bis Ödön von Horváth spielten deshalb seit den 1950er Jahren eine zentrale Rolle. Die großen Theaterregisseure waren alle mit namhaften Aufführungen vertreten. "Das Ansehen der Regisseure (Stroux, Sellner, Wälterlin) und der Bühnen (Burgtheater Wien, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Schauspielhaus Zürich u. a.) fielen ebenso ins Gewicht wie der jeweilige Aufführungsrahmen (Bad Hersfelder Festspiele, Ruhrfestspiele)"[8].

Magnetaufzeichnung erleichtert die Übertragung

Vor allem die 1960er Jahre wurden zu einem Jahrzehnt der Theatermitschnitte im Fernsehen, weil seit 1960 die Magnetaufzeichnung eingesetzt wurde. Sie erleichterte die Übertragung von Theateraufführungen sehr, weil die Aufzeichnungen nun nicht mehr live hergestellt, sondern 'vorproduziert' wurden und zumeist ohne Publikum stattfanden. Das ZDF schuf 1963 die Reihe "und heute ins Theater", in der anfangs monatlich eine Aufführung aus den verschiedenen deutschen Theatern gezeigt wurde. Es ging um eine breite Repräsentanz des bundesdeutschen Theaters. Ambitionierter waren die Reihe von Henning Rischbieter "Theater heute" in N III, in der die großen Inszenierungen der jungen Theaterregisseure von Peter Stein bis Peter Zadek übertragen wurden, sowie die ZDF-Reihe "Die aktuelle Inszenierung", in der auch unkonventionelle Inszenierungen gezeigt wurden.

Kultur als "Bürgerrecht"

Dahinter stand letztlich das Konzept, Theater als besondere kulturelle Darbietung einem breiten Publikum näher zu bringen. Es entsprach dem vor allem von sozialdemokratischen Kulturpolitikern (wie dem Nürnberger Hermann Glaser) geforderten "Bürgerrecht Kultur" und der vom Frankfurter Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann propagierten Strategie, "Kultur für alle" zu vermitteln, wozu sich das Fernsehen besonders anbot[9]. Gerade das Theater, das bisher in lokal begrenzten Aufführungen die Interessen der Kulturpolitik manifestierte, schien nach einer Verbreitung durch das Fernsehen als Massenmedium zu drängen.

Weniger Theateraufführungen im Fernsehen der 1970er Jahre

An den Formen, die das neuere Regietheater im Fernsehen präsentierten und damit auch einem breiten Publikum zeigten, knüpfte auch der WDR an, der künstlerisch ambitionierte und dem modernen Regietheater verpflichtete Aufführungen ausstrahlte. Insbesondere der Redakteur Volker Canaris bemühte sich darum (im ZDF war es Siegfried Kienzle), er musste jedoch bereits in den 1970er Jahren resigniert erkennen, dass damit nur eine Minderheit der Zuschauer erreicht wurde. Das Theater blieb in seinen Aufführungen und vor allem in seinen szenischen und darstellerischen Gestaltungsmitteln 'sperrig' gegenüber anderen fiktionalen Darbietungen wie dem Spielfilm und dem Fernsehspiel, so dass die Zahl der Theateraufführungen im Fernsehen Ende der 1970er Jahre drastisch abnahm. Zwar versuchte das ZDF noch mehrfach, durch Reihen wie "Theater im Gespräch" (1967–1970) und "Theaterwerkstatt" ein größeres Interesse am Theater im Fernsehen zu wecken, doch wurde auch damit nur ein Teil des theaterinteressierten Publikums erreicht.

Theaterfilme in den 1980er Jahren

Mitte der 1980er Jahre gab es noch einen Versuch, durch sogenannte Theaterfilme das Potenzial des Theaters für das Fernsehen zu nutzen. Sie setzten mit den Mitteln und der Ästhetik des Films Dramen um, die gleichzeitig auch für die Bühne realisiert wurden. Die Theaterfilme hatten den Anspruch, ästhetische Elemente des Theaters im Fernsehen zu erhalten [10]. Theaterproduktionen wie Hans Neuenfels' Verfilmungen "Die Familie oder Schroffenstein" (ZDF, 1984) oder "Heinrich Penthesilea von Kleist" (ZDF, 1984) zeichneten sich wie andere Theaterfilme dadurch aus, "dass sie in das filmische Gefüge von Raum und Zeit theatrale Darstellungsmodi einbringen und so für Film und Fernsehen die unter dem Realismusprimat abgedrängten Expressionen zurückgewinnen" wollten [11].

Auch wenn hier ganz neue Wege der ästhetischen Gestaltung gegangen wurden, blieben diese Versuche vereinzelt und konnten sich in der ab Anfang der 1990er Jahre einsetzenden Veränderung der öffentlich-rechtlichen Programme – oft auch im Vorgriff auf kommende kommerzielle Herausforderungen durch die ab 1984 zugelassenen Programme der Privatsender – langfristig nicht halten.

Kultur in den Spartenprogrammen

In den 1990er Jahren wurden mit der Neugründung kultureller Spartenprogramme von ARD und ZDF neue Programmplätze für anspruchsvolle Kultursendungen geschaffen – was gleichzeitig dazu führte, dass solche Kultursendungen aus den Hauptprogrammen von ARD und ZDF verschwanden. Zu den kulturellen Spartenprogrammen gehören neben dem europäischen Kulturkanal arte (seit 1992, gemeinsam betrieben von ARD, ZDF und dem französischen Kulturkanal La Sept) noch 3sat (als deutsch-österreichisch-schweizerische Gründung von ZDF, ORF und SFG seit 1984; ab 1993 kam noch die ARD hinzu) sowie die Satellitenprogramme ZDFtheaterkanal (1999–2011) bzw. ZDFkultur (bis September 2016), ZDFinfo (vor 2011 ZDFinfokanal), Einsfestival (1997 bis September 2016; danach "ONE" für junge Zuschauer) und ARD-alpha (seit 2014).

Kulturprogramm bei arte

Ein kulturell besonders anspruchsvolles Programm sendet arte mit zahlreichen Kulturmagazinen, Dokumentationen, ausgewählten Theateraufführungen, Musik- und Kunstsendungen sowie außergewöhnlichen Filmen. Zu den Besonderheiten gehören auch ein Kurzfilm-Magazin ("Kurzschluss") und Sendungen, die sich mit Themen und Kulturangeboten jenseits des Mainstreams beschäftigen. Wichtig wurde auch das Musik- und Kulturmagazin "Tracks", das über Entwicklungen in verschiedenen Subkulturen berichtet und vor allem auch ein jüngeres Publikum erreicht. Arte informiert aufgrund seiner deutsch-französischen Konstruktion auch umfangreich über das französische Kulturleben und besticht besonders durch sein ungewöhnliches Programmdesign.

Kulturprogramm bei 3sat

3sat wurde 1984 als Gemeinschaftsprogramm vom ZDF, dem Österreichischen Rundfunk (ORF) und der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) als Satelliten-Kulturprogramm gegründet. In den Jahren 1990/91 beteiligte sich auch der Deutsche Fernsehfunk bis zu seinem Ende am 3sat-Programm, ab 1.12.1993 kam die ARD hinzu, die zuvor ein eigenes Satellitenprogramm ("Eins Plus" – nicht zu verwechseln mit dem Service- und Ratgeberkanal gleichen Namens, der Ende 2016 eingestellt wurde) ausgestrahlt hatte. Neben zahlreichen Übertragungen anspruchsvoller Theateraufführungen, Konzerte und Festivalveranstaltungen sowie herausragenden Filmen (3satfestival u. a.) jenseits des kommerziellen Mainstreams, strahlt(e) 3sat auch die Kulturmagazine "Bilderstreit" (Diskussionssendung über Bildende Kunst, bis 2010), "Foyer" (Theatermagazin, seit 2001) und "Kulturzeit" (seit 1995), ein täglich gesendetes Kulturmagazin umfassender Art, aus.

Der ZDFtheaterkanal

Von den verschiedenen öffentlich-rechtlichen Satellitenprogrammen von ARD Digital (tagesschau24 /vor 2012 EinsExtra, EinsPlus (bis Herbst 2016) und Einsfestival (bis 2016, danach "ONE") und ZDFvision (ZDFinfo, ZDFdokukanal – heute ZDFneo; ZDFkultur, bis 2016) war vor allem der Theaterkanal des ZDF von 1999 bis 2011 im Kontext der Kulturvermittlung besonders erwähnenswert. Hier wurden zahlreiche Theateraufführungen, die das ZDF in seiner mehr als 40-jährigen Geschichte produziert hat, wiederholt. Der Kanal bildete eine Art von kulturellem Gedächtnis der deutschen Theatergeschichte, indem er regelmäßig Aufzeichnungen von Theater-, Konzert-, Tanz- und andere Aufführungen der letzten Jahrzehnte gesendet hat.

Inzwischen sind die Satellitenprogramme in die digitalen Spartenprogramm ZDFinfo ("mit den inhaltlichen Schwerpunkten Politik, Europa, Zeitgeschichte, Wissen und Service"), ZDFneo ("Zielgruppe sind Berufstätige und junge Eltern; gesendet werden vor allem Serien, Filme und Dokumentarformate") und ZDFkultur (bis Herbst 2016; für "Popkultur sowie verschiedene Formen des Spiels, vom Theaterspiel bis zu Internet- und Computerspielen", so jeweils die TV-Senderdatenbank der Landesmedienanstalten) umstrukturiert oder wegen des neuen Internet-Angebots "Funk" eingestellt worden.

Fußnoten

1.
Vgl. Winter/Dobbe/Schreier 1994, S.97.
2.
Vgl. ebd. S.110ff.
3.
Frank/Maletzke/Müller-Sachse 1991.
4.
Mattner 1994, S.145.
5.
vgl. ebd., S.146.
6.
Haase u. a. 1976, S.69ff.
7.
Vgl. Seibert 1990.
8.
Rosenstein/Gompper 1994, S.176.
9.
Vgl. Glaser/Stahl 1974.
10.
Vgl. Gompper 1992.
11.
Hickethier 1985, S.117.

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