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Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Unterhaltung in den 50er Jahren

Jürgen Roland, noch vor seiner Karriere als Regisseur, als Reporter im Versuchsprogramm des NWDR mit seiner Sendung "Was ist los in
Hamburg ?", Hamburg 1952 (picture alliance/United Archives)Jürgen Roland, noch vor seiner Karriere als Regisseur, als Reporter im Versuchsprogramm des NWDR mit seiner Sendung "Was ist los in Hamburg ?", Hamburg 1952. (© picture-alliance, United Archives)


Improvisiert und klein – die ersten Versuche ab 1950


Als ab 1950 der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) von Hamburg aus mit ersten Versuchssendungen des deutschen Fernsehens begann, hatten viele Fernsehmacher nur ungenaue Vorstellungen davon, wie Fernsehunterhaltung aussehen könnte. Andere, die beim Fernsehen des "Dritten Reiches" dabei gewesen waren, hatten bereits einige Unterhaltungsformen erprobt: das heitere Spiel, den Sketch mit wenigen Personen auf kleiner Studiobühne, die Gesprächsunterhaltung zwischen wenigen Personen, die musikalische Darbietung und Bunte Abende. Aufgrund der beengten Produktionsbedingungen – der Fernsehversuchsbetrieb war in einem kleinen Studio im Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg untergebracht – dominierten anfangs die kleinen Formen. Dafür wurden Entertainer aus den Varietees, Unterhaltungskabaretts und vor allem vom Hörfunk gewonnen. Viele Fernsehredakteure waren vom Hörfunk zum Fernsehen gestoßen und griffen auf Unterhaltungsformen zurück, die sie für fernsehtauglich hielten.

Fernsehunterhaltung entstand aus den Studioproduktionen, die neben den Außenübertragungen das wichtigste Standbein der frühen Fernsehproduktion bildeten. In den Studiosendungen wurde "etwas erzählt und dargestellt, später gesungen, getanzt und vorgeführt" und "geladene Gäste" brachten "etwas von draußen mit" [1]. Es wurde improvisiert und "aus dem Stegreif" gespielt und es unterhielten sich Leute vor der Kamera [2].

Abendliche Sendungen aus Hamburg und Berlin

Lebendig wirkten Sendungen wie die NWDR-Reihe "Was ist los in Hamburg" (1952), in der sich der damals junge Reporter Jürgen Roland mit Künstlern und Sportlern unterhielt, die zu Gastspielen in der Hansestadt weilten. Ähnlich agierten die zwischen 1951 und 1953 separat produzierenden und sendenden Berliner TV-Pioniere. Einer der Beteiligten erinnert sich: "Wer da immer Rang und Namen hatte, musste einfach damit rechnen, bei uns in 'Erscheinung getreten zu werden'" [3].

In dieser Experimentierphase des Fernsehens, die für West wie Ost bis Mitte der 1950er Jahre reichte, wurden die abendlichen Sendungen zumeist sehr kurzfristig zusammengestellt. Das vorwiegend live ausgestrahlte und selten pannenfreie Programm lebte von der Improvisationskunst der Redakteure und Moderatoren. Manche Experimente verfestigten sich zu wiederkehrenden Programmformen. So wurde aus dem ungeordneten Gäste-Stelldichein in dem Berliner TV-Studio die Sendereihe "Treffpunkt Telebar" (1961–1965). Denn: "Was bot sich besser zu Gesprächen mit Künstlern und anderen bekannten Leuten an, als diese in einer Art Bar zu versammeln und sie bei etwas Musik von einem Sprecher reihum ein wenig ausfragen zu lassen" [4].

Werner Höfer, Hans Hellmut Kirst und Margot Hielscher

In Köln rief der Journalist Werner Höfer 1954 die Sendung "Darf ich vorstellen? – Begegnungen zwischen Rhein und Ruhr" ins Leben und führte mit geladenen Gästen entspannte Gespräche vor kleinem Publikum, locker verbunden durch musikalische Einlagen des Pianisten Paul Kuhn. Die im selben Jahr eingeführten "Kölner Mittwochsgespräche" widmeten sich vieldiskutierten Themen wie dem Roman "Null-Acht Fünfzehn" von Hans Hellmut Kirst und unter dem Titel "reformirte ortografi" einer möglichen Rechtschreibreform. Ab Januar 1955 betrieb Leinwand-Star Margot Hielscher in ihrer vom Bayerischen Rundfunk produzierten Sendung "Zu Gast bei Margot Hielscher" (Untertitel: "Prominente – fast privat!", bis 1957) heitere Konversation mit Unterhaltungskollegen wie Romy Schneider, Maurice Chevalier oder Winnie Markus. Die Dekors des Studios entsprachen der Einrichtung ihres Schwabinger Appartements und vermittelten dem Publikum die Illusion, an einer privaten Zusammenkunft teilzunehmen.

Revuen und Großveranstaltungen

Neben den kleinen Formen gab es vereinzelt größere Unterhaltungssendungen und Übertragungen großer Saalveranstaltungen. Der NWDR übertrug aus Hamburg und aus den Veranstaltungsorten rund um den Sender Unterhaltungsveranstaltungen: aus dem Park "Planten un Bloomen", dem Curio-Haus, der Ernst-Merck-Halle. "Mit Musik geht alles besser", hieß 1953/54 eine Fernsehrevue, die viele Nachahmungen fand [5]. Man lud den Zirkus ins Fernsehstudio ein (26.12.1952: "Rund um die Manege") und produzierte magische Revuen [6]. Beim NWDR Berlin nutzte man bei gutem Wetter den Hof des Gebäudes, in dem das 60-qm-Studio untergebracht war.

Am 28. Mai 1952 übertrug der NWDR die beliebte Ratesendung "Das ideale Brautpaar" parallel zur Rundfunkausstrahlung live im Fernsehen: "Zum ersten Mal wird man den "idealen Brautvater" im Kreis der Brautpaare auf den Bildschirmen der Fernseh-Empfänger erblicken können", hieß es dazu in der NWDR-Zeitschrift "Die Ansage". In dem in der Schweiz eingekauften Unterhaltungsformat unterzog der Moderator Jacques Königstein junge Brautleute verschiedenen (nicht ganz ernst gemeinten) Aufgaben bzw. Tests. So stellte er ihnen z. B. in Abwesenheit abwechselnd gleichlautende Fragen, wobei es für jede übereinstimmende Antwort Punkte gab. Im hier gezeigten Programmausschnitt des NWDR aus dem Jahr 1959 mussten die Brautleute für sie ungewohnte Aufgaben erledigen: "'Er' sollte seine Geschicklichkeit beim Beziehen eines Bettes unter Beweis stellen, 'Sie' ihr technisches Verständnis beim Einregulieren eines Fernsehapparates. Erzielte Königstein nicht das gewünschte Amüsement, wusste er, was er zu tun hatte: Ich ging (...) mehr ins Intime" [7].

Anfänge im DDR-Fernsehen


Ankündigung der SchlagerrevueAnkündigung der Schlagerrevue (© Bundesarchiv, B 285 Plak-061-005 / Grafiker: KM)
In den Versuchssendungen des DDR-Fernsehens wurde zunächst erprobt, was im Fernsehen unterhaltend sein könnte. Hier orientierte man sich ebenfalls zunächst am Hörfunk. "Im Bereich der Unterhaltung war das Fernsehen vor allem ein 'Radio mit Bildern'", konstatieren Steinmetz/Viehoff [8], wobei es hier frühe Versuche gab, sich von den nur auf das Akustische ausgerichteten Radiounterhaltungen abzusetzen. Unterhaltung hatte im DDR-Fernsehen anfangs jedoch keinen Eigenwert, sie diente als "Wirkungskomponente ohne Genrebindung" dazu, publizistische Zielsetzungen besser zu vermitteln. 1952 konstatierte eine Studie des Deutschen Fernsehfunks, das Programm "müsse das Bedürfnis der Werktätigen nach Unterhaltung und Entspannung befriedigen" [9].

Verbindung von Unterhaltung und Publizistik

Im Deutschen Fernsehfunk wurde gerade in den Anfangsjahren Unterhaltung immer in Verbindung mit der Publizistik gesehen, die "publizistischen Inhalte sollten dem Zuschauer mithilfe einer emotionalen Gestaltung, die als 'Zusätzliches' gedacht wurde, vertieft werden. Umgekehrt wurden Unterhaltungssendungen für publizistische Aufgaben genutzt" [10]. Wunschmusiksendungen übermittelten Glückwünsche an Betriebe und ihre Mitarbeiter, die Sendereihe "Schlagerrevue" sollte das Publikum gegen die "amerikanische Unkultur auf dem Gebiet der Tanzmusik" immunisieren. Rätselsendungen sollten das "Bildungsniveau unserer Werktätigen" heben und "Betriebsabende", die das Fernsehen zusammen mit einzelnen Betrieben gestaltete ("Tags Arbeit – Abends Gäste", 1955–56), sollten unterhalten und über den gastgebenden Betrieb informieren [11].

Der "Bunte Abend" – Wortwitz und zirzensische Attraktionen in der BRD


Clown Oleg Popow und Heinz Rühmann bei der Wohltätigkeitsgala "Stars in der Manege" im Münchner Circus Krone im Jahr 1980. Die letzte Folge wurde 2008 übertragen.Clown Oleg Popow und Heinz Rühmann bei der Wohltätigkeitsgala "Stars in der Manege" im Münchner Circus Krone im Jahr 1980. Die letzte Folge wurde 2008 übertragen. (© picture-alliance/dpa)

"Bunte Abende" sind Veranstaltungen, die ursprünglich im 19. Jahrhundert (in Vereinen) unter Beteiligu ng aller Anwesenden mit Tanz und Gesellschaftsspielen sowie Gesangsdarbietungen und Rezitationen durchgeführt wurden. Sie waren im Varietee und in der Music Hall vertreten und wurden dort zu einer Darbietungsform, bei der größere Zuschauermengen nur zuschauten. In dieser Variante kamen sie in den Hörfunk. Bunte Abende wurden in der Regel vor einem meist gering oder gar nicht beteiligten Saalpublikum durchgeführt und dann im Radio übertragen. Geboten wurde eine nummerierte Abfolge unterschiedlicher Beiträge: eine Nummernrevue. Ein Conférencier, also Moderator, übernahm die Ansagen und überbrückte die Pausen zwischen den Auftritten durch launige Zwischentexte und Ansprachen an die Zuschauer.

Vom Radio ins Fernsehen

Für das Radio produzierte Unterhaltungssendungen wurden früh – schon in den 1950er Jahren – von Fernsehkameras aufgenommen, Musikdarbietungen, szenische und kabarettistische Darstellungen (früher "Lebende Bilder", dann Sketche), Zauberkunststücke und artistische Präsentationen gehörten dazu. Als additive Form, die gleichzeitig ein Publikum – zumindest als Stimmungshintergrund – mit einbezog, war der Bunte Abend eine ideale Programmform für das Fernsehen, weil er vielfältige Angebote in sich vereinte, so wie sich das Medium insgesamt in seiner Programmstruktur aus unterschiedlichen Sendeformen zusammensetzte.

Varietees und Conférenciers

1952 beklagte die Rundfunkzeitschrift "HÖRZU", man sei im NWDR-Fernsehen "auf dem Gebiet der Unterhaltung" zurückgeblieben: "Hier hat man die Form des herkömmlichen Kabaretts oder Varietees bisher nur selten überwinden können" [12]. Doch Varietee und Kabarett blieben auf Jahre hinaus verlässliche Zulieferbetriebe der Fernsehunterhaltung. Varietees waren Bühnentheater mit kleinteiligen Programmen aus zirzensischen und künstlerischen Darbietungen, Slapstick-Nummern und Sketchen, zusammengehalten von einem Conférencier, der, teils in Zusammenspiel mit einem Stichwortgeber (engl. "Sidekick"), mit pointierten Ansagen Übergänge schuf und Umbaupausen überbrückte. Meist gehörte ein längeres Solo zum Programm. Diese sogenannten Conférencen entsprachen dem, was man im englischsprachigen Bereich und seit einigen Jahren in Deutschland als "Stand-up" bezeichnet, umfassten also wesentlich mehr als z. B. die Moderation einer Quizshow.

Publikumserfahrene Conférenciers besaßen das nötige Rüstzeug, um Hörfunk- und Fernsehsendungen zu moderieren. Einige, wie Peter Frankenfeld, Hans Joachim Kulenkampff, Lou van Burg, Rudi Carrell bis zu Thomas Gottschalk machten entsprechende Karrieren. Mit dem Siegeszug des Fernsehens ging die ursprünglich vorhandene Infrastruktur aus Kleinkunstbühnen und Varietees, von denen das Fernsehen der Anfangsjahre lebte, verloren.

Spezielle Zirkusübertragungen und Tiersendungen

Die zirzensischen und artistischen Darbietungen verschwanden jedoch nach und nach aus den Bunten Abenden im Fernsehen und wurden in spezielle Varietee- und Zirkusübertragungen verlagert (beispielsweise "Varieté, Varieté", ab 1963, ARD, und "Varieté-Zauber", ab 1967, ZDF, oder in die jährliche Benefiz-Veranstaltung "Stars in der Manege", seit 1959, ARD). Die Beschäftigung mit Tieren führte zu eigenen Tiersendungen mit Moderatoren wie Bernhard Grzimek und anderen.

Fußnoten

1.
Hickethier 1998, S.81.
2.
Vgl. Bleicher 2008, S.320ff.
3.
Schöne 1984, S.35.
4.
Ebd.
5.
Vgl. Hickethier 1998, S.87f.
6.
Vgl. Bleicher 2008, S.323.
7.
Königstein 1952, S.28.
8.
Steinmetz/Viehoff 2008, S.77.
9.
Ebd., S.79, Mühl-Benninghaus 2006.
10.
Steinmetz/Viehoff 2008, S.80.
11.
Ebd.
12.
HÖRZU 1952, Nr.35, S.2.

Materialien zu "Unterhaltung in den 1950ern"

PDF-Icon Hans-Joachim Kulenkampff

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