Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Spiel- und Ratesendungen im Westen – Trends seit den 1960er Jahren

Robert Lembke, Hans Rosenthal, Lou van Burg


Titel: Robert LEMBKE und das 'Was bin ich?' Team
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Caption: 5523253 (9002126) Robert LEMBKE (deutscher Journalist und
Moderator) und das "Was bin ich" Rate-Team, vl. n.r.: Guido BAUMANN,
Anette von ARENTIN , Robert LEMBKE, Hans SACHS und Marianne KOCH .
2 Service:Robert Lembke und das "Was bin ich" Rate-Team, vl. n.r.: Guido Baumann, Anette von Arentin , Robert Lembke, Hans Sachs und Marianne Koch. (© picture-alliance, Keystone)

Robert Lembke veranstaltete ein "heiteres Beruferaten" in der Sendereihe "Was bin ich?" (nach der amerikanischen Gameshow "What's my line?" von Mark Goodson und Bill Todman), die es von 1955 bis 1989 im ARD-Programm gab und die eher zu den kleineren Unterhaltungssendungen gehörte. Die Summen, die in diesen Quizspielen gewonnen wurden, blieben bescheiden, es ging mehr um das Spiel an sich. Prominent wurde Hans Rosenthal mit zahlreichen Ratespielen, vor allem mit "Dalli Dalli" (ZDF, 1971–1987).

Diese Ratespiele oder Quizsendungen, wie sie dann genannt wurden, hatten in der Regel amerikanische Vorbilder, die für das deutsche Fernsehen angepasst wurden [3]. Aus "Take It or Leave It" wurde der TV-Dauerbrenner "Alles oder nichts" (1956–1988, ARD), "Twenty-One" hieß in Deutschland "Hätten Sie's gewußt?" [4] (1958–1969, ARD; 2004 NDR). Zeitweilig ging der Trend vom Allgemeinwissen zum Besonderen. In Quizsendungen wie "Die große Reise" (1968, ARD) oder "Erkennen Sie die Melodie?" (1969–1985, ZDF) war Fachkenntnis gefragt. Beim "Krimi-Quiz" (1964–1965, ZDF) konnte dagegen jeder miträtseln.

"Der Goldene Schuss" (ZDF) mit Lou van Burg

Die erste interaktive Live-Show des deutschen Fernsehens "Der goldene Schuss" – Moderator Lou van Burg mit Assistentinnen und ArmbrustDie erste interaktive Live-Show des deutschen Fernsehens "Der goldene Schuss" – Moderator Lou van Burg mit Assistentinnen und Armbrust (© picture-alliance, KPA)

Ein mit dem Erfolg von "Wetten, dass ...?" vergleichbarer Publikumsrenner gelang mit der ZDF-Show "Der Goldene Schuss", die von 1964 bis 1970 im ZDF ausgestrahlt wurde. Moderator war der niederländische Entertainer Lou van Burg ("Mr. Wunnebar"), der ab 1967, nach einem kleinen Skandal um van Burg (er lebte mit der Assistentin Marianne Krems zusammen, und seine frühere Ehefrau verweigerte die Scheidung), vom ZDF durch den Entertainer Vico Torriani ersetzt wurde. Ausschlaggebend, so der damalige ZDF-Intendant Karl Holzamer, war dabei vor allem die Thematisierung der Affäre in den Boulevardmedien, durch die das ZDF seinen biederen bürgerlichen Ruf gefährdet sah.

Im Zentrum der Show stand ein Wettschießen mit der Armbrust (nach dem Apfelschuss in Friedrich Schillers "Wilhelm Tell"). Das Schießen wurde durch eine Kamera verfolgt und die Kandidaten mussten per Anweisungen die Kamera und damit die Armbrust dirigieren. Die Sendung erwies sich als sehr populär und war 1967 die erste Show im deutschen Fernsehen, die am 25.08.1963 in Farbe ausgestrahlt wurde.

Die 1970er und 1980er Jahre

Sendungen mit Rudi Carrell

Die "Rudi Carrell Show" war eine der großen Shows der ARD, die zunächst von Radio Bremen und später mit Beteiligung anderer ARD-Sender produziert wurde. Sie wurde live ausgestrahlt, von 1965 bis 1973. Typisch für die Show waren die Dekorationen nach Motiven aus dem Alltagsleben, die nicht angekündigten prominenten Gäste (hier: Camillo Felgen) sowie das Fehlen von Quiz-, Spiel- oder Talk-Einlagen. (Ausschnitt aus der Sendung mit einem Auftritt von Camillo Felgen) (© Radio Bremen, 1965 bis 1973)

Zu den bedeutenden Entertainern gehörte des weiteren der Niederländer Rudi Carrell, der aus einer Entertainer-Familie stammte, bereits als Kind auf der Bühne stand und seit 1961 in den Niederlanden als Fernsehunterhalter arbeitete und rasch populär wurde. 1965 sendete Radio Bremen die erste "Rudi Carrell Show" im ARD-Fernsehen. Carrell verstand es durch seine Art, eine leichte Conférence zu entwickeln, dabei eigene Sketche und Gesangsdarbietungen zu platzieren. Mit einem Regenduett mit Heinz Erhardt und einer Darbietung "Ein Loch ist im Eimer" mit Heidelinde Weis wurde er berühmt. 1974 wurde die Sendung durch die aus den Niederlanden importierte ("Een van de acht") Spiel-Reihe "Am laufenden Band" (RB) ersetzt. Eines der Spiele bestand darin, dass die Kandidaten alle Gegenstände mit nach Hause nehmen durften, an die sie sich erinnern konnten, nachdem die Artikel auf einem laufenden Band an ihnen vorbeigezogen waren.

1979 startete "Rudis Tagesshow" (WDR, bis 1987), eine auf englischen Vorbildern basierende Persiflage auf die "Tagesschau". Als er in der Sendung vom 15.02.1987 in einem sechs Sekunden dauernden Spot durch einen manipulativen Filmschnitt den Eindruck erweckte, der sittenstrenge iranische Religionsführer Ayatollah Chomeini wühle mit beiden Händen in einem Berg von Damenunterwäsche, kam es zu diplomatischen Verwicklungen mit dem Iran. Deutsche Diplomaten wurden ausgewiesen, das Goethe-Institut in Teheran geschlossen, Rudi Carrell musste sich entschuldigen und wurde unter Personenschutz gestellt.

Ab 1984 bis 1987 moderierte er die in Spanien erfundene Show "Die verflixte Sieben" ("Un, dos, tres"), mit der er schon im niederländischen Fernsehen aufgetreten war ("1-2-3-Show"). Ab 1987 folgte bis 2005 die auf einem US-amerikanischen Vorbild basierende Partnervermittlungs-Show "Herzblatt" und von 1988 bis 1992 noch einmal "Die Rudi Carrell Show", nun mit dem neuen Untertitel "Lass Dich überraschen", deren Vorbild aus Großbritannien stammte und um Elemente der niederländischen Reihe "Surprise Show" erweitert worden war.

Trends in den 1980er Jahren


Titel: Jürgen von der Lippe bei Donnerlippchen
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Caption: Moderator Jürgen von der Lippe mit u.a. seinen beide Assitenten die
Situationskünstler Dr. Klinker-Emden und Chappy, der Vollstrecker in der ARD
Show Donnerlippchen , aufgenommen am 15.11.1987 in Köln. Foto: Horst
GaluschkaModerator Jürgen von der Lippe mit u.a. seinen beide Assitenten die Situationskünstler Dr. Klinker-Emden und Chappy, der Vollstrecker in der ARD Show Donnerlippchen ,1987 in Köln. (© picture-alliance, Horst Galuschka)

In den 1970er Jahren wurden auf Tagungen und in der Fachpresse wiederholt Beispiele einer "gesellschaftsorientierten Unterhaltung" [5] diskutiert. Neue Formate betonten psychologische und soziale Aspekte. In "Sie und Er im Kreuzverhör" (1971–1973, ZDF) wurden prominente Ehepaare einem unterhaltsamen Ehetest unterzogen. Das "Elternspiel" (1973–1974, ARD) widmete sich Fragen der richtigen Kindererziehung.

Skandalformate

In den 1980er Jahren verloren sich derartige Aspekte von Gesellschaftsorientierung. Grenzen wurden gesprengt, Skandalformate kamen auf, nicht nur bei kommerziellen Sendern. In der ARD-Reihe "4 gegen Willi", moderiert von Mike Krüger (1986–1989, ARD), wurde mal das Auto eines Kandidaten zertrümmert, mal musste eine Mitspielerin über leicht bekleidete Männer hinweg steigen. Das Prinzip Schadenfreude beherrschte Jürgen von der Lippes "Donnerlippchen" (1986–1988, ARD). Zehn Jahre später wurden in "Showlympia" (1996, ARD) Kandidaten unter Strom gesetzt, andere mussten an nackten Hintern schnüffeln – wenngleich 'nur' in Einspielfilmen, die aus Unterhaltungssendungen anderer Länder stammten. Bei der "Glücksspirale" (1995–2001, ZDF, später Sat.1) sollten die Mitspieler ihre Phobien überwinden. So wurde eine Kandidatin, die an Höhenangst litt, über eine schmale Hochbrücke geschickt, die Kamera immer hautnah aufs schreckverzerrte Gesicht gerichtet. "Showlympia" wie die erwähnte Variante der "Glücksspirale" wurden von der niederländischen Firma Endemol produziert, die mit "Big Brother" weithin bekannt werden sollte. In Sendungen wie "Ihr seid wohl wahnsinnig" (2000, RTL) und "Fear Factor" (2004, RTL) wurden die Extreme nochmals weiter getrieben.

Sendungen mit versteckter Kamera

Zu den eher humoristischen Shows gehörten (und gehören) die Sendereihen, die mit dem Prinzip der versteckten Kamera arbeiten. Dabei werden Alltagsmenschen, oftmals Passanten, mithilfe eines "Lockvogels" in eine Situation gebracht, in der sie mit überraschenden und ganz ungewohnten Dingen konfrontiert werden: Türen, die sich nicht wieder öffnen lassen, verrücktspielende elektrische Geräte (der Toaster spielt Musik, beim Einschalten des Radios wird das Licht gelöscht) und anderes mehr. Dabei werden sie heimlich gefilmt, um ihre Reaktionen später in der Sendung als Einspielfilm vorzuführen. Es ist das Prinzip des Missgeschickes, der Schadenfreude, das hier wirksam wird. Sendungen wie "Vorsicht Kamera!" (ARD, 1961-1992), dann "Verstehen Sie Spaß?" (seit 1980) und schließlich "Pleiten, Pech und Pannen" (ARD, 1986–2003) gehören dazu (ausführlicher unter "Reality TV").

"Wetten, dass…?"

Der TV-Moderator Thomas GottschalkDer TV-Moderator Thomas Gottschalk (© picture-alliance/dpa)

Von den großen traditionellen Unterhaltungsshows ist – außer "Verstehen Sie Spaß?" – keine mehr übrig geblieben. Am längsten gehalten hat sich die ZDF-Sendung "Wetten, dass ...?". Von 1981 bis 2014 wurde sie ausgestrahlt, Spielleiter waren Frank Elstner, Wolfgang Lippert, Thomas Gottschalk und zuletzt Markus Lanz. "Wetten, dass ...?" gilt als die erfolgreichste Show in Europa und wurde als Format ins Ausland verkauft. Es geht hier um unterschiedliche Wetten, die zwischen Gästen und dem Moderator und ebenso zwischen einer Stadt und dem Moderator geschlossen werden. Das Konzept wurde von Frank Elstner entwickelt, jedoch seither mehrfach verändert. Entscheidend waren die Originalität der Wette und die dabei gezeigte Geschicklichkeit. So gelang es einem Kandidaten, während einer Autofahrt ein Rad des Autos auszutauschen, einem anderen, mit einem sehr leistungsstarken Motorrad einen abgeschossenen Pfeil einzuholen. Ein schweres Unglück in der 192. Sendung im Jahr 2010 bewog Gottschalk dazu, die Moderation der Show abzugeben. Viele Stars der Unterhaltungsbranche nutzen die Sendereihe, um für sich, einen neuen Film, eine neue CD oder anderes zu werben.

Fußnoten

3.
Vgl. Hallenberger 1994.
4.
Vgl. Hallenberger/Kaps 1991, S.11f. und 103.
5.
Vgl. Prager 1971, S.141.

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