30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Zeit der Comedy-Formate

Lächerliches sichtbar machen


Stefan Raab, Moderator von TV-TotalStefan Raab, Moderator von TV-Total (© picture-alliance, Eventpress)

Comedy ging und geht es darum, nicht mehr nur politische Sachverhalte aufzuspießen, sondern vor allem das Alltägliche und damit Dinge, die den Lebenszusammenhang betreffen, in ihrer Lächerlichkeit sichtbar zu machen. Comedy will nicht nur nachdenklich machen, sondern "ein fortgesetztes 'Ablachen' und damit ein verstärktes Abreagieren von Enttäuschungen und Frustsituationen über kulturelle und soziale Phänomene" ermöglichen. "Ein nicht-intellektuelles und jüngeres Publikum (eben jene als werbeträchtig erkannten Gruppen der 14- bis 49-Jährigen) soll damit erreicht werden" [2].

Comedy-Boom

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts etablierte sich eine große Zahl von Comedy-Serien, die werktags oft mehrfach am Tage auf dem Bildschirm präsent waren, darunter viele Sitcom-Serien, die oftmals aus den USA importiert wurden, z . B. "King of Queens". Dazu gehör(t)en Comedyshows wie beispielsweise "7 Tage – 7 Köpfe" (RTL, 1996–2005) oder die "heute-show" (ZDF, seit 2009), die häufig auf ausländischen Vorbildern basierten, oder Eigenentwicklungen wie "Schillerstraße" (Sat. 1, 2004–2007, 2009–2011) und "Genial daneben – die Comedy-Arena" (Sat. 1, 2003–2011) , ferner "Fun-Night", "Switch", "NightWashUltra" und Kabarett- und Comedy-Verbindungen ("Otis Schlachthof" (BR, 1995–2012), "Männer allein zuhaus" (WDR, seit 2004) sowie Comedy-Talks ("Blond am Freitag" (ZDF, 2001–2007). Inzwischen gab und gibt es zahlreiche weitere (Stand-Up-)Comedians, deren Bühnenprogramme mit teilweise sehr unterschiedlichem Anspruch vom Fernsehen übertragen oder aufgezeichnet werde (z. B. Kaya Yanar: "Was guckst du?!", Sat.1, 2001–2005; Cindy aus Marzahn, RTL, 2009–2014; Bülent Ceylan, RTL, seit 2009; Mario Barth, u. a. "Mario Barth deckt auf!", RTL, seit 2013).

Im Comedy-Visier: Wohlstands- und Mediengesellschaft

Viele Comedy-Formate widmen sich vor allem den Nebensächlichkeiten der Wohlstandsgesellschaft und karikieren sie – durchaus kritisch, aber lustvoll – als absurde Nichtigkeiten. So können sich über solche Sendungen Zuschauer abgrenzen von den konventionellen Vermittlungen der Realität im Fernsehen. "Comedy im weitesten Sinn der heutigen Programmpraxis überschreitet bewusst die Grenzen des Mainstream-Humors, weil damit bei speziellen Teilgruppen des Publikums ein comedybasiertes Selbst- und Einverständnis erzeugt wird. Auf eine Integration breiter Publikumsschichten wird kein Wert mehr gelegt; Integration geschieht hier durch Abgrenzung von anderen und durch eine mediale Milieu-Bildung" [3].

Stefan Raab vertrat von 1999 bis 2015 mit "TV total" eine besondere, immer weiter kultivierte Form, durch drastische Wiederholungen und Überzeichnungen die Mediengesellschaft vorzuführen. 1999 auf ProSieben gestartet, wurde die Serie bis zu vier Mal pro Woche ausgestrahlt. Sie war sehr populär und Raab hatte um die Sendung – wie andere Entertainer auch – eine eigene Produktionsgruppe aufgebaut. Er moderierte und produzierte bis zu seinem Ausstieg aus dem Fernsehgeschäft 2015 noch weitere Unterhaltungssendungen für ProSieben, die mit großem Erfolg gelaufen sind, zum Beispiel die "TV total Wok-WM" (2003–2015, "Die große TV total Stock Car Crash Challenge" (2005–2015) oder Einzel-Events wie die Boxkämpfe gegen Regina Halmich.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt "Der ideale Rentner - heute-show vom 02.12.2016 | ZDF - YouTube" von www.youtube.com.Ich bin damit einverstanden, daß externe Inhalte von www.youtube.com nachgeladen werden. Damit werden personenbezogenen Daten (mindestens die IP-Adresse) an den Drittanbieter übermittelt. Weiteres dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

 Externen Inhalt einbinden


Die Ventilfunktion von Comedy-Shows

Die Comedy-Shows im deutschen Fernsehen, so die These von Knut Hickethier, versuchen bei dem – vor allem jugendlichen – Publikum eine "Entlastung von der Bedeutungsüberproduktion in der Realität" zu schaffen. Sie liefern eine Möglichkeit der 'Abreaktion' und der Befreiung von den "angestauten Problemen" und sie haben damit eine "Ventilfunktion" für die Zuschauer, sich von dem individuellen Ärger in der Gesellschaft zu befreien [4]. Fernsehen "bietet durch Comedy-Angebote die Perspektive, die als sinnlos erfahrene Welt durch Unsinn ertragbar zu machen" [5].

Fließender Übergang von Kabarett, Satire und Comedy

Mit (geselschafts-)politischem Anspruch agieren in der ARD z. B. "extra 3" (seit 1976 NDR und mit Moderator Christian Ehring erfolgreich seit 2014 auch in Das Erste), die Sendung "Nuhr im Ersten" (seit 2009, von und mit Dieter Nuhr) sowie Carolin Kebekus in "Pussy TerorTV" (2015, WDR, seit 2016 auch Das Erste). Alle drei wurden beim "Deutschen Comedypreis 2016" ausgezeichnet.

An die Tradition des (politischen) Kabaretts knüpft das ZDF seit 2007 nach langer Abstinenz zunächst mit "Neues aus der Anstalt" wieder an. Seit Anfang 2014 läuft die Nachfolgesendung "Die Anstalt" mit Max Uthoff und Claus von Wagner. Sie wurde 2015 einen "Grimme Preis Spezial" und 2016 mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Comedy/Kabarett" ausgezeichnet.

Ebenfalls im ZDF schafft es Jan Böhmermann seit 2013, mit seinem "Neo Magazin Royale" zu provozieren und insbesondere jüngere Zuschauer anzusprechen (z. B. Beiträge zu Yanis Varoufakis 2015, Tayyip Erdogan 2016).

i

Qualität in Kabarett/Comedy

Ausgezeichnetes, politisches Kabarett gibt es, wenn auch selten. In den letzten Jahren wurden zwei Sendungen mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Laut Grimme-Institut werden "mit einem Grimme-Preis Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind".

Grimme-Preis 2015 in der Sparte Unterhaltung/Spezial für

Dietrich Krauß, Max Uthoff und Claus von Wagner für den kalkulierten Bruch mit den Konventionen des Kabaretts in der Sendung "Die Anstalt" am 18.11.2014 mit ihrer klaren Haltung zur Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen durch einen emotionalen Moment (ZDF). In der Begründung heißt es u. a.: "Hier sind welche am Werk, die sich nicht zufriedengeben mit dem aus dem Mainstream sprudelnden Meinungsgemisch. Sie möchten sich die entscheidenden Details herausfischen und diese dann ihrem Publikum präsentieren."


Grimme-Preis 2016 in der Sparte Unterhaltung/Spezial/Innovation für

#Varoufake der Sendung "Neo Magazin Royale" am 19.03.2015 (ZDFneo). In der Begründung heißt es u. a.: "Für eine Nacht hat Jan Böhmermann die Medienrepublik in Aufruhr versetzt. […]Schließlich hat die Mediennation gerade wieder erfahren, dass man nicht jeder Information blind vertrauen darf. Schon gar nicht, wenn sie aus dem Netz kommt. Quälend langsam lüftet sich schließlich der Schleier. Das mit Varoufakis war nur ein #Varoufake.Es ist Jan Böhmermann und seinem brillanten Team zu verdanken, dass es für die deutsche Medienlandschaft 2015 einen Moment des Innehaltens gab. Einen winzigen Moment nur, aber immerhin, den gab es."

Fußnoten

2.
Hickethier 2008a, S.201.
3.
Ebd., S.203.
4.
Ebd., S.203f.
5.
Ebd., S.206.

Ausprobiert "Tele-Visionen. Wenn Fernsehen verbindet"

Die DVD-ROM “Tele-Visionen – Fernsehgeschichte Deutschlands in Ost und West” können Interessierte aus dem Bildungsbereich "Tele-Visionen" kostenlos testen!

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Dossier

Medienpolitik

Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

Mehr lesen