Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Talkshows: Wissbegier und Wortwitz

Tägliche Talkshows


Moderator Hans Meiser in seiner ersten Sendung am 14. September 1992Moderator Hans Meiser in seiner ersten Sendung am 14. September 1992 (© RTL)

Ab 1989 wurde, zunächst mit "Talk täglich" (ARD), der Nachmittag mit Talkshows belegt. Die dann vor allem von den kommerziellen Anbietern produzierten "Daily Talkshows" präsentierten vor allem Menschen des Alltags mit ihren Konflikten und Beziehungsproblemen. Nach einigermaßen seriösen Anfängen kam es nicht zuletzt durch die verschärfte Konkurrenzsituation zu immer grelleren Auswüchsen ("Konfro-Talk"). Die Sendungen der kommerziellen Anbieter stießen teilweise auf heftige öffentliche Kritik und führten vereinzelt zu Sanktionen der Medienaufsicht der Landesmedienanstalten (ausführlicher unter "Reality TV").

Daily-Talk-Boom in den 1990er Jahren

Die Hoch-Zeit der Daily Talkshows wie "Hans Meiser" (1992–2001), "Ilona Christen" (1993–1999), "Bärbel Schäfer" (1995–2002) , "Vera am Mittag" (1996–2006), "Andreas Türck" (1998–2002) und anderen lag in den 1990er Jahren. Kennzeichen dieser Talkshows war eine besondere Emotionalisierung der Teilnehmer, aber auch des Publikums, weil es hier zum einen zu einer direkteren Ansprache des Zuschauers vor dem Bildschirm kam [4]. Zum anderen ging es um vorwiegend intime Details von Beziehungen, die von den Gästen ausgebreitet wurden, sowie um sehr private und persönliche Einstellungen und Haltungen anderen Menschen gegenüber. Dabei wurden Bloßstellungen, Beleidigungen, ein Lächerlichmachen nicht nur von den Moderatoren geduldet, sondern oft sogar bewusst provoziert. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts ebbte das Interesse des deutlich ab, die Gattung hatte sich erschöpft. Die letzte Daily Talkshow endete schließlich im Jahr 2013.

Late Night Shows


Eine werktägliche Late Night Show, die amerikanischen Mustern folgte [5], gelangte erst 1992 mit "Gottschalk täglich" (RTL) ins deutsche Fernsehen. Sie wurde nach anfangs täglicher Ausstrahlung bereits 1993 auf vier Sendungen pro Woche reduziert. Thomas Gottschalk unterhielt sich vor allem mit prominenten Gästen und betrieb weniger Comedy, als es in den amerikanischen Beispielen wie "Late Show with David Letterman" der Fall ist. Die Sendereihe lief bis 1995, bis RTL den Vertrag kündigte, weil Gottschalk zusätzlich für den Mitbewerber Sat.1 arbeiten wollte. Gottschalks Sendeplatz übernahm sein zeitweiliger Vertreter Thomas Koschwitz, aber die Einschaltquoten sanken, so dass die Sendereihe schließlich abgesetzt wurde.

Die "Harald Schmidt Show" (Sat.1/ARD/Sky)

Harald Schmidt mit Gast Joschka Fischer (li.) zwei Tage vor der Bundestagswahl 2002Harald Schmidt mit Gast Joschka Fischer (li.) zwei Tage vor der Bundestagswahl 2002 (© picture-alliance/dpa)

Näher an den Originalen, speziell an David Lettermans "Late Show", war die "Harald Schmidt Show" (Sat.1, 1995–2003 und 2011–2012, seit 2012 auf Sky). Die Sendereihe war – nach einigen Anlaufschwierigkeiten – erfolgreich und wurde von Kritikern und Feuilletonisten jahrelang begeistert gefeiert. Harald Schmidt, vom Jahr 2000 an im Gespann mit seinem Ko-Moderator Manuel Andrack, hatte eine eigene Form gefunden, Tagesereignisse zu kommentieren, satirische Situationen zu erzeugen und mit einem provozierenden Understatement zu argumentieren. Als im Dezember 2003 der Sat.1-Geschäftsführer Martin Hoffmann durch den Schweizer Roger Schawinski ersetzt wurde, verzichtete Schmidt auf die anstehende Verlängerung seines Vertrages und kündigte eine "Kreativpause" an.

Von 2005 bis 2011 sah man ihn in der ARD mit der Late-Night-Show "Harald Schmidt", von 2007 bis 2009 zusammen mit dem Comedian Oliver Pocher ("Schmidt und Pocher"). Bei Sat.1 konnte sich Anke Engelke als Nachfolgerin Schmidts nicht durchsetzen. Ihre Late-Night-Show wurde vorzeitig eingestellt. 2011 kehrte Harald Schmidt wieder zu Sat.1 zurück, um dort seine alte Show – nun allerdings ohne permanenten Sidekick – zu moderieren. Anfang Mai 2012 wurde die Sendung wegen zu geringer Einschaltquoten eingestellt. Harald Schmidt wechselte daraufhin zum Pay-TV Sender Sky, wo die Show von September 2012 bis Anfang 2014 dreimal wöchentlich lief. Nach dem Ende erklärte Schmidt seinen Rückzug aus dem Fernsehgeschäft.

Kaum Talkangebote im DDR-Fernsehen


Die Gesprächssendung ist eine Form, die genuin dem Medium entspricht: Mehrere Leute setzen sich in einem Studio zusammen vor die Kameras und unterhalten sich miteinander, damit die Zuschauer unterhalten werden. Die Zuschauer werden also mit anderen Menschen konfrontiert, die sich via Bildschirm quasi bei ihnen zu Hause einfinden. Dennoch hat es im Fernsehen der DDR kaum solche Sendungen gegeben. Zwar gab es im Unterhaltungsbereich immer wieder kulturell orientierte Gesprächssendungen neben unterhaltsamen und porträtierenden Talkshows wie das live ausgestrahlte "Porträt per Telefon" (1969–1990), "Treff mit O. F." (Otto Franz Weidling, 1979–1984) und "Klönsnack aus Rostock (1987–1991). Hier ging es um die Befragung von mehr oder weniger prominenten Kulturschaffenden der DDR, die auf diese Art und Weise dem Fernsehpublikum vorgestellt wurden. Größere Formen, in denen frei 'durcheinander' gesprochen werden konnte, gab es jedoch selten, so etwa in der Nische des Jugendprogramms [6].

Fernsehen als Verkündigungsinstrument

Das hängt mit dem Medienverständnis der DDR zusammen, wonach das Fernsehen letztlich im Lenin'schen Sinne ein "kollektiver Organisator" der Massen zu sein hatte, der die Bevölkerung auf die wichtigen Aufgaben und Anforderungen hinlenkte, die notwendig und politisch gewünscht waren. So konnte sich das Fernsehen – trotz aller Formenvielfalt und historischen Veränderungen – dann zumeist doch nur als eine Art Verkündigungsinstrument der "Avantgarde der Arbeiterklasse", der Partei, und in ihr wieder der Parteispitze, verstehen. Oder um es einfacher, nämlich mit den Worten des SED-Funktionärs Günter Schabowski zu sagen, der forderte: "Talkshow oder Sozialismus!".

Fehlende öffentliche Gesprächskultur

Es bestand hier ganz offensichtlich ein Defizit, Fernsehen als ein öffentliches Forum unterschiedlicher Interessen und Positionen zu verstehen, die in einer Fernsehrunde miteinander ins Gespräch gebracht werden, und ungesteuerte und vorher nicht abgesprochene Fragerunden zwischen den Politikern und den Zuschauern zuzulassen. Das zeigt sich daran, dass erst am 24. November 1989 mit "elf99 – Talk mit open end" eine live gesendete Polit-Talkshow Premiere hatte, aus der der kurzlebige "samsTALK" hervorging. 1990 wurden "Klartext" und das "Donnerstag-Gespräch" – Untertitel: "Zuschauer fragen – Politiker antworten" – ins Programm genommen. Diese Reihen erregten großes Aufsehen und wurden als Foren der Verständigung über den Umbruch in der DDR genutzt, nach der Wiedervereinigung aber umgehend eingestellt. Eine öffentliche 'Gesprächskultur' im demokratischen Sinn hatte sich im DDR-Fernsehen nicht entwickeln können.

Fußnoten

4.
Plake 1999, S.51.
5.
Vgl. Keller 2009.
6.
Vgl. Keller 2009.

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