Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Kerstin Zilm

USA

Die Soccer-Story

Amerikaner lieben Sieger

Die USA lieben Sieger. Über Goldmedaillengewinner, Tourniersieger und Weltmeister wird berichtet. Die männlichen Fußball-Profis haben noch kein WM-Finale erreicht, keine Goldmedaille gewonnen und keine Spieler mit charismatischer Starqualitaet hervor gebracht. Auch deshalb findet MLS – Major League Soccer - in den USA weder in Hauptsendezeiten noch auf Titelseiten statt. Selbst Sportfans in den USA haben kaum zur Kenntnis genommen, dass sich das Nationalteam unter Leitung von Bruce Arena auf den fünften Platz der FIFA-Weltrangliste spielte. 17 Plätze vor Deutschland. Fast unbemerkt von Sportredakteuren blieb der Erfolg der US-Nationalmannschaft in den WM-Vorbereitungsspielen dieses Jahres. Fast genauso unbemerkt und unkommentiert die Niederlage gegen die deutsche Mannschaft im März. Das Team erlaubte zuvor nur in einer einzigen Partie Gegentreffer: beim 3:2 Sieg gegen Japan. Gegen Norwegen gewannen die USA 5:0, gegen Guatemala 4:0 und gegen Polen in Kaiserslautern 1:0. Das Spiel gegen Kanada endete 0:0.

Die Reihe erfolgreicher Freundschaftsspiele folgte auf eine erfolgreiche WM-Qualifikation. Das US-Team überraschte Gegner und Zuschauer mit einem starken Auftreten und vor allem damit, dass es den ersten Platz in seiner Gruppe erreichte. Vor den als deutlich stärker eingeschätzten Profis aus der fussballbegeisterten Nation Mexiko. Platz drei ging in der Gruppe an den Gegner der Deutschen im Eroeffnungsspiel: Costa Rica. Trinidad/Tobago auf dem vierten Platz schaffte auch noch die Qualifikation. Guatemala und Panama haben sich nicht durchgesetzt.

Neues Selbstbewusstsein

Das US-Team ist zu einem unbequemen und selbstbewussten Gegner geworden, seit Bruce Arena nach der WM in Frankreich das Training der Mannschaft übernahm. Vor vier Jahren scheiterten die USA im WM-Viertelfinale unglücklich gegen Deutschland. Danach arbeitete sie sich langsam aber sicher in die Top-Ten der FIFA-Weltrangliste vor. "Bei der WM 2006 werden wir besser sein als bei der WM 2002", kündigte Coach Arena an. US-Verteidiger Steven Cherundolo, der in der Bundesliga für Hannover 96 spielt, brachte das Selbstbewusstsein der Mannschaft nach mehreren Siegen der WM-Vorbereitung auf den Punkt: "Wenn es bei uns gut läuft und wir den Ball in den eigenen Reihen laufen lassen können, sind wir eine sehr gefährliche Mannschaft. Immer gelten die gleichen Teams als Favoriten: Brasilien, Argentinien, Deutschland. Aber wir können es mit so ziemlich jedem Gegner aufnehmen." Stürmer und Spielmacher Landon Donovan warnt seine Teamkameraden einerseits davor, abzuheben. Gleichzeitig zeigt er Optimismus im Hinblick auf die Weltmeisterschaft: "Vom Teamgeist und der Fitness her sind wir besser als die meisten Mannschaften der Welt. Wenn Sie die drei Mannschaften in unserer Gruppe fragen: die sind nicht sehr glücklich darüber, dass sie gegen uns spielen müssen." Bei der deutlichen Niederlage gegen Deutschland stand für die USA nicht das beste Team auf dem Feld. Sieben Stammspieler fehlten, darunter die ehemaligen Leverkusener Landon Donovan, Frankie Hejduk und Claudio Reyna. Dem Team mangelte es an gemeinsamer Spielerfahrung und vor allem – noch vor Beginn der Fussball-Saison in den USA - an Fitness und Ausdauer. Das alles sorgte nicht für Schlagzeilen in den USA. Trainer Bruce Arena ist nicht annähernd dem Druck ausgesetzt, den Bundestrainer Jürgen Klinsmann aushalten muss. Arena konnte auch nach der deutlichen Niederlage in Dortmund von Medien weitgehend unbehelligt die WM-Vorbereitung fortsetzen. Spielberichte und Analysen der Testspiele finden Fans in kleinen Artikeln im letzten Teil der Sportseiten.

Fußball - Sport der Zuwanderer aus Lateinamerika

Unvergleichlich höher ist der Grad der Begeisterung und Vorfreude auf die Weltmeisterschaft bei US-Fussballfans mit lateinamerikanischen Wurzeln. Auf spanisch-sprachigen Radio- und Fernsehstationen wird über mögliche Ergebnisse spekuliert, werden in Preisausschreiben Eintrittskarten und Flüge nach Deutschland verlost, werden die Tage bis zum Auftaktspiel gezählt, die deutschen Spielstätten und interessante Spieler aus aller Welt vorgestellt. Auf improvisierten Fußballfeldern in Parks, Hinterhoefen, neben Baustellen, Werkstätten, Restaurants und am Strand gibt es seit Wochen nur ein Thema: La Copa Mundial – die Weltmeisterschaft. Die Einwanderer identifizieren sich nicht mit dem US-Team. Sie zittern mit den WM-Mannschaften aus ihren Heimatländern: Mexiko, Ecuador, Paraguay, Argentinien, Brasilien und Costa Rica. In der regulären Saison verfolgen sie die Ligen in der Heimat und nicht die US-Fussball-Profiliga. Dort interessiert sie nur ein Team: CLUB DEPORTIVO CHIVAS USA aus Los Angeles. Die Mannschaft existiert seit gut einem Jahr und ist ein Ableger des Teams von Guadalajara in Mexiko. Ihre Spieler sind Einwanderer aus Mexiko. Das Team hat nach einer Saison in der Profiliga bereits eine breite, treue Fanbasis. Obwohl die Mannschaft im vergangenen Jahr auf dem letzten Platz der Liga landete, füllen bei Heimspielen regelmaessig tausende von Fans mit mexikanischen Fahnen das Stadion in Carson, südlich von Los Angeles. Ein lokales spanisches Fernsehprogramm erreicht mit einer wöchentlichen CHIVAS USA-Sendung höchste Einschaltquoten. Spielt das US-Nationalteam in den USA gegen die Mannschaft aus Mexiko, ist das ein Heimspiel für die Mannschaft aus dem Süden. Mexiko mobilisiert in den USA mehr Fans, enthusiastischere und lautere Fans als die US-Profis. Deren Team zieht vor allem Familien an, die mit ihren Kleinbussen und Geländewagen aus vorwiegend von Weißen bewohnten Vorstädten zu den Stadien fahren. In denselben Fahrzeugen kutschieren an Werktagen und Wochenenden Mütter ihre Kinder zum Fussballtraining und zu Fußball-Turnieren auf gut gepflegten Rasenplätzen. Sie sind die berühmten ‚Soccer-Moms', in US-Wahlkamepfen identifiziert als heiß umkämpfte Gruppe von Frauen, für die Bildung und Sicherheit die wichtigsten Themen bei politischen Entscheidungen sind. US-Fußball fehlt die Fanbewegung ‚von unten' mit Kindern und Jugendlichen, die auf der Strasse Tor- und Feldmarkierungen improvisieren und mit allem spielen, was einem Ball ähnlich ist. Jugendliche träumen nicht davon, durch Fußball Armut zu entfliehen, als Fußball-Profi Millionen zu verdienen und durch die Welt zu reisen. Die berühmtesten Vorbilder für Träume vom Aufstieg durch sportliche Leistung spielen auf Basketball- und Footballfeldern.