Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:
Prof. Dr. Heinz Ickstadt

Kulturelle Selbstbehauptung

Eine kurze Geschichte der US-Literatur

Umweg über Europa

Obwohl Amerika das Land der Modernisierung schlechthin ist, begann die literarische Moderne in Europa. Allerdings waren es nach Europa ausgewanderte Amerikaner (Henry James, Gertrude Stein, Ezra Pound, T.S. Eliot, Ernest Hemingway), die zu zentralen Figuren der europäischen Moderne wurden, bevor diese nach dem Ersten Weltkrieg auch in Amerika Fuß fasste. Die Lyrik war zunächst ihr Genre: die visionären Gedichte Hart Cranes, der die Brooklyn Bridge als Ausdruck des schöpferischen Potentials Amerikas begriff; die visuelle Sprachkraft der Gedichte von William Carlos Williams oder die sinnliche Reflexionsdichtung eines Wallace Stevens. Im Bereich des Romans bildeten William Faulkner und Ernest Hemingway Pole modernistischer Innovation: In Romanen wie "The Sound and the Fury" (1929), "Light in August" (1932) und "Absalom, Absalom" (1936) erprobte Faulkner zugleich mit der Thematisierung von Schuld und Niedergang des Südens neue Formen des Bewusstseinsromans, wogegen Hemingways Prosa – in der Nachfolge Twains und unter dem Einfluss von Pound und Stein – eine sprachliche Oberfläche scharf beobachteter Wirklichkeit schuf, die Emotionen evozierte, ohne sie auszusprechen.

Zerplatzen des amerikanischen Traums

Mit "Manhattan Transfer" schrieb John Dos Passos 1925 den großartigsten Stadtroman der amerikanischen Moderne, der Dreisers Mythologie der Stadt zwar demontierte, aber deren Energien in neue Formen ihrer Darstellung übersetzte. Im gleichen Jahr ließ F. Scott Fitzgeralds in seinem Roman "The Great Gatsby" den amerikanischen Traum wie eine Seifenblase platzen – auch wenn dieser in der reinen Energie des Träumers weiterlebt. Der Kollaps von Gatsbys Traumwelt nahm die Große Depression vorweg und mit ihr die Abkehr des Romans von der Konsumkultur der Großstadt. Eine neue Generation von Schriftstellern, viele von ihnen Kinder jüdischer Immigranten, gaben der Literatur der 1930er und 1940er Jahre eine ethnische Perspektive, so etwa Henry Roth in "Call It Sleep" (1934), der den Leser das New Yorker Getto aus dem Bewusstsein eines Immigrantenkindes erfahren lässt. Nur wenig später fand die afroamerikanische Minorität literarische Stimme in den Romanen von Zora Neale Hurston und Richard Wright. Während Hurston auf die mündliche Erzähltradition schwarzer Kultur zurückgrifft, schaffte Wright in "Native Son" (1940) mit der Figur des Mörders Bigger Thomas einen naturalistisch determinierten Helden, der weiße Angstphantasien einlöst und zugleich der Wut über den Rassismus der weißen Gesellschaft verzweifelten Ausdruck gibt. Ein Jahrzehnt später zeigte der Erfolg der Romane Saul Bellows und Ralph Ellisons (mit "Invisible Man", 1952), dass inzwischen der ethnische Roman vom Rand ins Zentrum der amerikanischen Literatur gerückt war – eine Tendenz, die sich in den nachfolgenden Dekaden weiter verstärkte.

Protest gegen die Übermacht staatlicher Ordnung

Die politischen Turbulenzen der 1960er Jahre veränderten die Kultur und die Gesellschaft der USA nachhaltig. Zunächst war es die Konventionen sprengende Lyrik Allen Ginsbergs und der Beats, dann die Auflösung der Erzählordnung in den Romanen und Kurzgeschichten der Postmoderne, die den Protest gegen die Repression der staatlichen Ordnung in den Symbolraum der Literatur verlagerten. In Thomas Pynchons Kultroman "Gravity´s Rainbow" (1973) fungiert die deutsche V2-Rakete als gefräßiger Fetisch eines westlichen Fortschrittsdenkens, das in selbst zerstörerischem Wahn der Schwerkraft der Erde zu entfliehen versucht. Die postmoderne Hinterfragung dominanter (Erzähl-)Ordnung setzte sich wenig später fort in einem neuen Schub ethnischen Erzählens, das – wie etwa Toni Morrisons Aufarbeitung der Sklaverei in "Beloved" (1986) – die leidvolle Erfahrung der jeweiligen Gruppe vor dem kollektiven Vergessen bewahren wollte.

Inzwischen ist das Feld der amerikanischen Literatur so zergliedert, dass viele Kritiker nur noch im Plural von ihr sprechen. Doch gibt es immer wieder Integrationsfiguren, deren Werke – wie die Romane von Philip Roth, Toni Morrison oder Don DeLillo demonstrieren – über das Bewusstsein ethnischer Zugehörigkeit hinaus zwischen ethnischer Partikularität und gemeinsam erfahrener Wirklichkeit zu vermitteln verstehen.


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