Bildung im digitalen Wandel


Von Datenschutz, Pragmatismus und zeitgemäßer Bildung

Verhindert Datenschutz zeitgemäße Bildung? Darüber lässt sich trefflich streiten, wie das Gespräch mit René Scheppler und Philippe Wampfler zeigt.

Eine grüne Sprechblase for gelbem Hintergrund aus Papier. In der Sprechblase 3 gelbe Punkte, bestehenden aus zerknülltem gelben Papier,Nicht erst seit dem Fernunterricht wird darüber debattiert, in welchem Maß Datenschutz an Schulen umgesetzt werden muss. (© Foto: Volodymyr Hryshchenko unsplash.com)

Welchen Stellenwert hat Datenschutz an Schulen im deutschsprachigen Raum?

René Scheppler: Ich betrachte den Datenschutz als wichtigen Bestandteil der Digitalisierung, vor allem in der Schule. Weil wir es in der Schule mit staatlichen Institutionen zu tun haben, die mit staatlicher Gewalt agieren. Damit geht eine hohe Verantwortung für den Staat einher, dass das, was in den Schulen passiert, ordentlich passiert und unter Aufsicht passiert. Datenschutz betrachte ich in keiner Weise als einen Verhinderungsdiskurs, sondern als einen Ermöglicher. Nur mit Privacy-by-Design, also wenn Datenschutz von Anfang an mitgedacht wird, kann Digitalisierung überhaupt gelingen. Der Datenschutz ist deswegen so wichtig, weil er nach Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts als Recht auf informationelle Selbstbestimmung ein Grundrecht ist. Und aus meiner Sicht ist das gerade für die jetzt heranwachsende Generation eines der essentiellen Grundrechte. Ein sehr junges, aber eines, dass die junge Generation in ihrem Leben permanent begleiten wird.

Philippe Wampfler: Aus der schweizerischen Perspektive sieht man Dinge oft ein bisschen pragmatischer. In Deutschland ist der kulturelle Umgang mit Gesetzen ein anderer. Man investiert sehr viel, um gesetzeskonform handeln zu können, auch beim Datenschutz. Der Datenschutz hat in der deutschen Schulpolitik ein viel größeres Gewicht als in der schweizerischen Diskussion. Das begründet vielleicht meine andere Perspektive.

Aus philosophischer Sicht stellt sich die Frage: Was sind Daten überhaupt? Da ist mit der Vorstellung, dass Daten jemandem gehören können, in Bezug auf die Digitalisierung ein ganz großes Missverständnis aufgetaucht. Dass man sagt "Meine Daten gehören mir" oder "Wenn ein Dienst kostenlos ist, dann bezahlst du mit deinen Daten" – das ist kompletter Unsinn. Die Daten, die durch mein Handeln entstehen, die gehören nicht mir, sondern die entstehen in Interaktion mit anderen Menschen. Es gibt keinen Besitz an Daten. Und trotzdem basieren Gesetze oft auf dieser Vorstellung. Wem das gehört, ist gar nicht die relevante Frage, sondern: Wie wird das gespeichert? In welchen Kontexten werden diese Daten verwendet? Das sind die interessanten Punkte.

Dunkelhaariger Mann mit Drei-Tage-Bart sitzt vor Bücherregal und grinst. Er hält ein Smartphone hoch, darauf ist ein Foto von ihm vor dem Bücherregal zusehen. Vor ihm steht ein Laptop, auf dem Bildschirm ist auch ein Foto des Mannes vor dem Bücherregal zu sehen.Lehrer Philippe Wampfler Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (Florian Bachmann)
Was Schulen betrifft, mussten diese immer schon Daten von Lernenden verarbeiten. Im Zuge der Digitalität gibt es dafür nun ganz strenge Anforderungen, die es vorher nicht gab. Schulen müssen Noten machen, sie müssen Listen mit Namen haben. Schulen müssen also Daten von Lernenden verarbeiten und das mit zeitgemäßen Werkzeugen. Wenn Datenschutz das verhindert, dann ist das ein Problem, das die Aufgabe von Schulen erschwert. Weil sie dann mit den Methoden des letzten Jahrhunderts Daten verarbeiten müssen, die in einem aktuellen Kontext erhoben und benutzt werden.

Außerdem wird Datenschutz oft als politisches Argument verwendet, um einen zeitgemäßen Einsatz von Digitalität an Schulen unmöglich zu machen. Das hat man beispielsweise im Zuge der Corona-Pandemie gesehen, als teilweise mit großer Vehemenz Videokonferenzen verhindert werden sollten. Hier ging es nicht um Datenschutz, sondern darum, eine neue Vorstellung von Unterricht und Schule zu verhindern. Und am besten kann man das mit der Vorstellung von Datenschutz als Grundrecht tun. In die Schule zu gehen und dort zeitgemäße Lernerfahrungen machen zu können, ist aber auch ein Recht – das Recht auf Bildung. Datenschutz absolut zu setzen ist deshalb aus meiner Sicht politisch problematisch. Es ist eine rhetorische Strategie, um bestimmte Prozesse zu blockieren.

René Scheppler: Ich setze mal bei der letzten Aussage an – zeitgemäße Bildung werde durch Datenschutz verhindert. Das sehe ich ganz anders. Bildung, die den Datenschutz und die Grundrechte der Schülerinnen und Schüler achtet und wertschätzt, nur das kann überhaupt zeitgemäße Bildung sein. Alles andere, was den Datenschutz diffamiert, zurückdrängt, für gering erachtet, all diese Bildungsansätze, die den Schülerinnen und Schülern suggerieren: "Habt euch mal nicht so, euren Daten passiert schon nichts" – das ist keine zeitgemäße Bildung, das ist unzeitgemäße Bildung. Weil sie nicht in diese Zeit passt, weil Datenschutz eines der Grundrechte ist, die im 21. Jahrhundert elementare Bedeutung haben.

Die Frage, wem Daten gehören, geht auf den Begriff "Datenschutz", also "Daten schützen", zurück. Mir gefällt der Begriff der informationellen Selbstbestimmung viel besser. Diese Souveränität zu ermöglichen – das ist es, was Datenschutz ausmacht. Deswegen muss man ihn von Anfang an mitdenken, wenn man zeitgemäße Bildung umsetzt: Ermögliche ich denjenigen, die ich bilden möchte, denen ich aufklärerisch-bildend gegenübertreten möchte, diese Selbstbestimmung? Oder nehme ich sie ihnen? In dem Moment, wo ich Menschen diese Souveränität wegnehme, sind sie nicht mehr selbstbestimmt und dann ist die Bildung auch nicht zeitgemäß.

Philippe Wampfler: Wir müssen den Ball mal kurz flachhalten. Was meine ich eigentlich mit zeitgemäßer Bildung? Ich meine, dass Schülerinnen und Schüler eine E-Mail-Adresse mit ihrem Namen erhalten, damit ich sehe, wem ich eigentlich eine E-Mail schreibe. Und Datenschutz, so wie von Herrn Scheppler vertreten, verhindert, dass ich eine E-Mail an eine Schülerin schreiben kann, weil ihr Name direkt Daten sind, über die sie selbst verfügt. Und das ist schlicht nicht zeitgemäß.

Mit der Rede von informationeller Selbstbestimmung gibt es zwei grundsätzliche Probleme: Zum einen wurde diese informationelle Selbstbestimmung in der Schulpraxis noch nie geachtet. Es ist nicht so, dass Schülerinnen und Schüler bestimmen, was beispielsweise mit ihren Antworten in Klausuren geschieht. Sie können darüber überhaupt nicht verfügen, sondern die Schule übernimmt diese Daten, verarbeitet und aggregiert sie. Darin sind Schülerinnen und Schüler überhaupt nicht souverän oder selbstbestimmt.

Was den konkreten Schutz von Daten betrifft ist es wiederum eine komplette Illusion zu denken, Schulen könnten zum Beispiel den amerikanischen Geheimdienst daran hindern, auf Texte zuzugreifen – wenn er das denn möchte. Und deswegen ist es auch sehr gefährlich, wenn man Schülerinnen und Schülern vorgaukelt, sie könnten ihre Daten dadurch schützen, dass sie sich Microsoft verweigern oder dass sie keine E-Mail-Adresse mit ihrem Namen drin haben. Es ist gefährlich, weil es falsch ist zu denken, dass man sich so schützen könnte. Es ist ein Problem, dass Geheimdienste weitgehende Befugnisse haben, das ist ein echtes demokratisches Problem. Aber dieses Problem kann nicht in der Schule gelöst werden.

Portrait: Lächelnder Mann mit Bart und Halbglatze.Lehrer René Scheppler (© privat)
René Scheppler: Bei dem letzten Punkt sind wir sehr nah beieinander. Wenn Sie aber sagen, ich würde verhindern, dass Schülerinnen und Schüler E-Mails schreiben, dann ist das nicht wahr. Ich möchte, dass das im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung auf einer Rechtsgrundlage beruht. Mit einem Gesetz, in dem drinsteht, was gemacht werden muss. So wie wir auch ein Gesetz geschrieben haben, das sagt, dass Schülerinnen und Schüler in die Schule gehen müssen. Und hier würde dann in nachgeordneten Ausführungen den Betroffenen transparent gemacht werden: Wo sind diese E-Mails? Wer hostet die? Und wie sind Löschfristen? Es geht nicht darum jemandem Daten wegzunehmen oder sie als sein Eigentum hochzuhalten, sondern einfach um Transparenz. Die E-Mail an sich ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn die informationelle Selbstbestimmung beschnitten wird. Und von daher verhindere ich keine E-Mails. Ich will die E-Mails in den Schulen, aber ich will sie gescheit und richtig.

Mit welchen Herausforderungen sind Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, aber auch Eltern beim Thema Datenschutz im Alltag konfrontiert?

Philippe Wampfler: Grundsätzlich gehört es zum Berufsethos, dass ich als Lehrerin oder Lehrer weiß, wie ich mit vertraulichen Daten umzugehen habe. Im Unterricht passieren beispielsweise Dinge, die ich nicht einfach erzählen darf. Da habe ich berufliche Standards, die ich einhalten muss. Wenn aber Plattformen eingeführt werden und es um juristische Zusammenhänge geht, dann sollten Fachleute abklären, was Lehrkräfte dürfen und sie darüber informieren. Also wie von Herrn Scheppler bezüglich der E-Mail beschrieben – da habe ich nichts dagegen, dass das gesetzlich sauber geregelt ist. Aber das ist nicht die Aufgabe von Lehrkräften. Juristinnen und Juristen, die sich auch technisch auskennen, die müssen sagen: "Dieses Tool geht, das funktioniert so, so könnt ihr es jetzt machen."

Heute wursteln Schulen viel zu stark herum. Laien sind damit beschäftigt, technische Systeme aufzustellen, juristische Abschätzungen vorzunehmen, für die sie einfach nicht befähigt sind. Und das führt zu einem riesigen Aufwand. All diese Leute wollen es richtig machen und haben so viel Arbeit mit Dingen, die eigentlich auf Länderebene geklärt werden müssten. Wir diskutieren bei jeder Einführung von jeder Plattform an jeder Schule von neuem diese Datenschutzfragen. Das ist unglaublich ermüdend. Das bricht auch den Elan von Menschen, die neu einsteigen und versuchen, digitale Werkzeuge einzusetzen. Datenschutzfragen sind etwas, das unglaublich bremst und enorme Ängste auslöst. Eine Professionalisierung könnte diese Ängste abmildern.

René Scheppler: Das sehe ich in der Grundlinie genauso. Es gibt einen Webfehler in der Struktur bei der Umsetzung der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung in nationales Recht. Und daraus resultiert eine Problematik, die Herr Wampfler richtig beschrieben hat: nämlich die vollständige Verantwortung für die datenverarbeitenden Prozesse bei der einzelnen Schulleitung. Das ist eine maximale Überforderung, mit der Schulleitungen nicht gut umgehen können, weil sie ohnehin belastet sind bis unters Dach. Das darf kein Dauerzustand sein. Die Verantwortlichkeiten müssten deutlich höher gelagert werden. Für Schulleitungen und für Schulen muss eine Anlaufstelle da sein.

Bei so etwas wie einer Lernplattform brauchen wir natürlich eine vom Land bereitgestellte Infrastruktur, mit der Schulen verlässlich arbeiten können und für Feinheiten Ansprechpartner haben, die ihnen helfen. Aber im Moment ist eben die Schule die verantwortliche Stelle. Und auch da müssen wir das Grundrecht wahren. Das kann man jetzt wieder als Verhinderungsstrategie auslegen, weil man sagt, das können die Schulen ja eh nicht schaffen. Oder wir müssen begreifen, dass es tatsächlich ein wichtiges Grundrecht ist, das wir stärken müssen – im Moment halt an den falschen Stellen angedockt. Deswegen kocht die Diskussion immer so hoch, weil wir momentan im gesellschaftlich-politischen Aushandlungsprozess darüber stecken, wer da jetzt eigentlich mal endgültig die Verantwortung übernimmt.

Philippe Wampfler: Es gibt noch ein weiteres Problem: Zwar gibt es saubere Open-Source-Lösungen, die verantwortungsbewusste Datensouveränität erlauben würden. Aber es ist technisch herausfordernd diese aufzusetzen. Daraus resultiert ein technisches Vakuum, das kommerzielle Anbieter füllen, die oft nach US-amerikanischem Recht operieren. Hier fehlen seriöse staatliche Angebote. Das sieht man auch bei der Corona-Pandemie, wo plötzlich alle Schulen Videokonferenzen durchführen wollen. Damit das stabil läuft, ist man auf kommerzielle Anbieter angewiesen, die sich strukturell, wirtschaftlich und juristisch gar nicht hundertprozentig darauf einlassen können, die Datenschutzvorgaben einzuhalten.

René Scheppler:
Da spielt neben dem Datenschutz die ökonomische Frage mit rein. In dem Moment, wo Schülerinnen und Schüler Daten in ein kommerzielles System liefern und ein Anbieter daraus Wettbewerbsvorteile für sich gewinnt, wird der Schüler letztendlich zum Clickworker für einen kommerziellen Konzern. Und das darf nicht sein. Und ja, natürlich dauert es länger, eine sichere Infrastruktur aufzubauen. Es ist aber kein Hexenwerk. Im Lockdown im Frühjahr 2020 waren wir nicht so weit, aber inzwischen sind wir in der Lage Videokonferenzsysteme à la BigBlueButton oder Jitsi zu betreiben. Die Lernplattformen werden hochgezogen. Die sind nicht ganz so "klicki bunti" wie die Plattformen, die jetzt schon jahrelang erarbeitet worden sind. Aber sie haben den Vorteil, dass sie für Schulen entwickelt wurden und wir in der Weiterentwicklung mitbestimmen können.

Wir sind die Experten für Lernen und Lehren. Wir sollten entscheiden, wie eine Lernplattform aussieht, welche Funktion wir brauchen und welche nicht. Und ich möchte mal sehen, wie wir zum Beispiel auf Microsoft zugehen und sagen: "Die Funktion, die schalten wir jetzt ab." Das wird glaube ich relativ schwierig. Im Gegensatz zu digital souveränen Anbietern, deren Angebote ästhetisch ein bisschen weniger ansprechend sind, die aber langfristig die besseren Lösungen haben.

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Über die Gesprächspartner

René Scheppler ist Lehrer für Deutsch und Gesellschaftslehre an einer Gesamtschule in Wiesbaden. Außerdem ist er in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aktiv und betreibt den Blog "BildungsRadar. Ökonomisierung der Bildung unter Beobachtung".

Philippe Wampfler ist Deutschlehrer an einem Gymnasium in Zürich und lehrt außerdem als Dozent für Deutsche Didaktik an der Universität Zürich und bildet Lehrkräfte aus. Seit einigen Jahren beschäftige er sich mit den Möglichkeiten der Digitalität in der Bildung.


Wurde das Recht auf Bildung in der Zeit der Corona-bedingten Schulschließungen aufgrund des Datenschutzes beschnitten?

René Scheppler: Ich sehe keinen fundamentalen Widerspruch zwischen dem Recht auf Bildung und dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Das schließt sich nicht aus. Wir hatten zu Beginn der Corona-Krise Situationen, in denen die Beschulung schwierig war. Das lag aber nicht am Datenschutz, sondern an der Neuheit der Situation und daran, dass wir alle nicht wussten, was wir eigentlich machen, wenn die Schulen zu sind. Datenschutz war sicherlich ein Aspekt, der ins Spiel gekommen ist, hat aber nicht diametral dem Recht auf Bildung entgegengestanden. Auch in der aktuellen Situation, in der wir weiter auf digitale Strukturen angewiesen sind, sehe ich nicht, dass das Recht auf Bildung durch das Recht auf informationelle Selbstbestimmung eingeschränkt wird.

Ich gebe zu, manche Sachen kann ich nicht machen. Aber Bildung kann stattfinden, und das auch datenschutzkonform. Man hat mir noch nie plausibel erklären können, dass Bildung gerade aufgrund des Datenschutzes nicht funktioniert. Aufgrund von Corona, aufgrund von Schulschließungen funktioniert Bildung und Lernen und Lehren gerade sehr, sehr anders als wir das bisher kennen. Aber der Datenschutz verhindert nicht die Bildung, sondern sie findet einfach anders statt.

Philippe Wampfler: Die Zeit des Notfallunterrichts hat Übersprungshandlungen ausgelöst, sodass teilweise Dinge möglich wurden, die lange Zeit nicht möglich waren. Viele Verantwortliche haben versucht pragmatische Lösungen zu finden. Diese Vision habe ich auch in Bezug auf den Datenschutz: dass Ansprüche auf Datensouveränität pragmatisch angegangen werden. Hundertprozentige Verfügung über die eigenen Daten kann es im Netz gar nicht geben, weil diese Daten immer von unterschiedlichen Systemen gesehen, gespeichert und verarbeitet werden. Wir müssen Lösungen finden, die für alle Beteiligten denkbar sind.

Wie sollte Datenschutz im Unterricht als Teil der Medienkompetenzvermittlung eingebettet werden?

Philippe Wampfler: Es sollte ein lustvollerer Umgang mit Datenschutz gelebt werden. Wenn wir schauen, was Kinder und Jugendliche im Netz machen, dann sind sie eigentlich viel vorsichtiger als Erwachsene meinen. Sie wissen, dass andere ihre Daten speichern und auswerten können. Vielleicht können sie es nicht völlig durchschauen. Aber in der Schule wird oft ein Bild verwendet, bei dem man sagt: "Du musst total asketisch und vorsichtig sein, du darfst keine Daten mit irgendjemandem teilen." Und gleichzeitig wird damit angenommen, dass junge Menschen total unvorsichtig sind. Das müsste sich aus meiner Sicht beides ändern.

Man muss Jugendlichen mal zuschauen, wie sie Screenshots von Unterhaltungen machen und mit wem sie sie teilen, welche Regeln sie dafür kennen, an welche Kodizes sie sich halten. Die haben einen inneren Kompass, was richtig ist in der Verarbeitung von Informationen und was nicht. Sich damit auseinanderzusetzen, das ist ganz wichtig. Aber sich in der Schule hinzustellen und zu sagen: "Ihr dürft keine Daten mit irgendwem teilen" – und die Jugendlichen haben alle TikTok und Instagram, das ist absurd und auch nicht hilfreich. Es müssen realitätsnahe Angebote entstehen, die sich näher an der medialen Alltagserfahrung von Jugendlichen orientieren.

René Scheppler: Pädagogik funktioniert doch immer ein Stück weit so, dass sich Schülerinnen und Schüler an Erwachsenen orientieren: positiv, negativ, reibend, annehmend, abwehrend, wie auch immer. Wenn Pädagoginnen und Pädagogen erklären und beschreiben können, warum sie etwas tun oder nicht tun, dann können Schülerinnen und Schüler damit umgehen und zu einem eigenen Verständnis, einer eigenen Wertvorstellung von Datenschutz und informationeller Selbstbestimmung kommen.

Philippe Wampfler: Das hat nichts mit Digitalität zu tun. Wenn man diese Forderung an Schule hat, dann muss das für alle Daten, die Schule erhebt und verarbeitet gelten. Das gilt beispielsweise auch für Gespräche im Lehrerzimmer, wo ich dann nicht mehr einfach sagen kann: "Die Schülerin aus der 4b, die hat mir das und das erzählt." Wenn ich diesen Anspruch habe, dass Schule Schülerinnen und Schülern erklärt, wie Daten verarbeitet werden, dann gilt das für alles und nicht nur für Daten, die irgendwie noch digital gespeichert werden. Wann werden Schülerakten gelöscht? Wann werden Notenlisten wieder vernichtet? Da bin ich völlig einverstanden. Das wäre eine gute Schule, wenn sie das transparent machen würde. Aber auf der ganzen Breite und nicht einfach nur, wenn ein digitales Tool eingesetzt wird.

René Scheppler: Vielleicht ist das ein Missverständnis, das sich schnell ausräumen lässt. Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung, Datenschutz-Grundverordnung, all das bezieht sich auf systematische Datenverarbeitung. Das beschreibt die DSGVO in den ersten Artikeln. Der Austausch im Wort, das flüchtige Wort, ist davon nicht betroffen. Erst in dem Moment, wo ich Daten systematisch digital oder analog zum Beispiel in Akten verarbeite, sind wir auf dieser Stufe. Natürlich sollte eine Schule seinen Schülern erklären, dass Lehrer sich über ihr Lernverhalten austauschen und Konferenzen führen. Aber da greift Datenschutz noch nicht.

Philippe Wampfler: Das ist ja ein juristisches Argument. Aber wenn es darum geht, die Schule als Institution ethisch so aufzustellen, dass man sagt: "Die Kinder müssen lernen, dass sie ein Recht darauf haben zu wissen, was mit ihren Daten passiert" – dann hat das nichts mit systematischer Datenerfassung zu tun, sondern damit, wie ich pädagogisch mit Daten umgehe. Und ob ich die Ansprüche, die ich in einem Bereich gegenüber Microsoft stark mache, auch im Lehrerzimmer respektiere oder nicht. Und daher hat das für mich nichts mit juristischen Vorgaben zu tun, sondern mit Werten, für die man tatsächlich einsteht.

René Scheppler: Ja, das ist richtig. Natürlich sollte man sich auch im Austausch mit anderen Kolleginnen und Kollegen immer wieder bewusst sein, was man redet. Ich glaube, wir haben beide schon mal in Konferenzen gesessen, wo wir uns gefragt haben: "Um Gottes willen, was erzählt der Kollege da gerade?" Das passiert, das ist menschlich. Ich sehe das wie Philippe, dass man das Bewusstsein in den Alltag übernehmen muss. Und das ist nicht nur ein Learning bei den Schülern. Zu diesen Erkenntnissen im Umgang mit privaten, intimen Daten von anderen müssen wir alle miteinander kommen. Ich glaube, da lernen wir als Gesellschaft gerade ganz viel. Und in diesem Lernprozess ist Schule mittendrin.

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Kommentare anderer Nutzer

Bodo | 23.03.2021 um 06:39 [Antworten]

Spannender Diskurs

So weit auseinander empfinde ich beide Parteien gar nicht. Bei Herrn Schepplers Argumentation müsste man jedoch ergänzen, dass das Recht auf informelle Selbstbestimmung nicht schrankenlos ist. Sonst könnten Schüler:innen auch jeder Schulplattform und schulischer Verwaltung die Verarbeitung von Daten untersagen.

Das Privacy Shield ist zwar gekippt, aber die EU-Standardvertragsklauseln nicht. Zweitere werden gerade im Sinne der DSGVO angepasst und könnten so die hier geforderte Rechtsgrundlage für den Datentransfer in Drittländer bilden.
Nebenbei erwähnt: Das hier erwähnte Microsoft hat schon die momentan bekannten Entwürfe der neuen Standardvertragsklauseln umgesetzt.

Dr. Norman Pohl | 24.03.2021 um 15:27 [Antworten]

Bildung unter Einsatz digitaler Formate

Die Diskussion der Herren Scheppler und Wampfler ist wichtig und muss auf alle Fälle fortgeführt werden. Als stellvertretender Sprecher des Elternbeirats einer sächsischen Grundschule und Mitglied im Kreiselternbeirat bewegt mich aber das Problem der technischen Ausstattung mehr. Die Frage lautet: Warum ist es nicht möglich, alle Schulkinder durch das jeweilige Bundesland ab einer festgelegten Klassenstufe zum Beispiel ab der 5. oder der 8. Klasse mit einem einheitlichen Endgerät auf der Basis der aktuellen technischen Standards auszustatten? Das würde verhindern, dass es auf Grund der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Elternhauses zu einer Vertiefung der sozialen Ungleichheit kommt. Die Geräte könnten einheitlich seitens des Schulträgers technisch ausgestattet werden, auch mit einem jährlichen up-date. Damit wäre auch eine Diskussion um die Verankerung digital vermittelter Inhalte, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu führen, die die didaktische Verankerung eben nicht in das völlige Belieben und Vermögen der jeweils einzelnen Lehrkraft stellt. Der Ertrag der oben geführten Diskussion wäre problemlos zu erhalten, weil er bei der allfälligen Programmierung berücksichtigt werden könnte. Und viele andere Vorteile mehr, beispielsweise auch, dass die Kinder zunächst einmal eine lesbare Handschrift entwickeln können. Und im historischen Rückblick ist das zur Verfügung gestellte Endgerät eben der Schulatlas des 21. Jahrhunderts. Am Ende meiner Schulzeit bekam ich diesen übrigens geschenkt.

Birgit Müller-Closset | 29.03.2021 um 20:59 [Antworten]

einheitliche professionelle IT-Plattformen für Schulen in ganz

Ich kann nur bestätigen, dass Schulen in Deutschland immer noch viel "herumwursteln" müssen, um einen optimalen Online-Unterricht durchführen zu können. Laien, sprich auch engagierte Lehrer*innen, sind an vielen Schulstandorten damit beschäftigt, technische Systeme in unseren Schulsystemen aufzustellen, zu verbessern und ggf. juristische Abschätzungen in Bezug auf Datenschutz vorzunehmen. Das stellt einen riesigen Aufwand dar. All dies müsste endlich auf Bundesebene durch Experten geklärt werden statt wie im föderalen System vorgesehen auf Länderebene und deren unterschiedlichen Voraussetzungen.

Sophie Lüttich | 14.04.2021 um 13:50 [Antworten]

Hinweis zur Lesbarkeit dieses Artikels

Ich möchte kurz einen Hinweis geben zur Lesbarkeit dieses Artikels. In längeren Textpassagen wäre der eine oder andere Abschnitt gut und würde das Erfassen des Textes am Bildschirm sehr vereinfachen. Vielen Dank!


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