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Banken anders gedacht

Caspar Dohmen

/ 6 Minuten zu lesen

Die Rettung von Großbanken – oder auch systemrelevanter Banken – in Krisenzeiten ist für Staaten sehr teuer. Doch es gibt Ansätze für einen stabileren Bankensektor.

Jedes Jahr werden europaweit Banken auf ihre Widerstandfähigkeit getestet. Der letzte Stresstest der Europäischen Bankenbehörde hat ergeben: Europas Banken könnten einem schweren Konjunkturabschwung standhalten. (© picture-alliance, Geisler-Fotopress | Christoph Hardt)

Die Rettung von Banken hat sich für viele Volkswirtschaften immer wieder als teuer erwiesen, vor allem in der Interner Link: Finanzkrise nach 2007/2008. In einigen Fällen wäre die Bankenrettung billiger zu haben gewesen. In einem Gutachten des Finanzexperten Achim Dübel von 2013 ist die Rede von 35 Milliarden Euro, die die Staaten allein bei der Rettung von sieben Pleitebanken in Südeuropa hätten sparen können, wenn die Gläubiger entsprechend ihrer vertraglichen Verpflichtungen beteiligt worden wären. Trotzdem ist es weitgehend unstrittig, dass die Rettung systemrelevanter Banken notwendig war, um Schlimmeres wie eine neue große Weltwirtschaftskrise zu verhindern.

Stabilisierung von Banken

In akuten Krisensituationen ist der Spielraum gering, Politik und Aufsicht müssen meist schnell handeln. Wenn alles wieder seinen normalen Gang geht, also die Banken stabilisiert sind, die Zentralbanken ihre Stützungspolitik beenden können und sich die Wirtschaft in den Krisenstaaten erholt hat, kann man sich aber fragen, ob moderne Gesellschaften überhaupt Bankriesen des heutigen Zuschnitts brauchen oder Institute, die alle Finanzgeschäfte weiterhin unter einem Dach abwickeln. Theoretisch könnte man die Bankriesen zerlegen, beispielsweise in Einlagebanken, Investmentbanken und Vermögensverwalter.

Man spricht dann von einem Trennbankensystem im Unterschied zum Universalbankensystem. Womöglich wäre jedes einzelne Institut kleiner, weniger mächtig und weniger gefährlich. Außerdem gäbe es mehr Wettbewerb. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Bankenkrise in den Interner Link: USA, dass auch die Abwicklung von Regionalbanken manchmal gravierende Probleme bereiten kann, wie im Falle der Sillicon Valley Bank oder First Republic.

Werte statt Wert

In der Finanzkrise haben sich zwei Dutzend alternative Banken zu einem Bündnis zusammengeschlossen, der sogenannten Global Alliance for Banking on Values (GABV); darunter ist eine Stadtteilbank aus Kanada, die Bankdienstleistungen für Menschen anbietet, denen sie von herkömmlichen Banken verweigert werden; es gibt Mikrokreditbanken aus Entwicklungsländern, die armen Menschen die Möglichkeit bieten, sich eine eigene Existenz aufzubauen, oder Banken aus Europa, die sich für die Förderung sozialer und grüner Projekte einsetzen und das Ziel eines transparenten Bankgeschäfts verfolgen, etwa die niederländische Triodos Bank und die deutsche GLS Bank. Die GABV umfasst inzwischen mehr als 70 Banken und Bankgenossenschaften und hat 60 Millionen Kunden.

Wie vorteilhaft kleine Banken grundsätzlich sein können, zeigt ein Vergleich der Bankriesen mit alternativen Zwergen. Im Auftrag der GABV verglich die Rockefeller-Stiftung 22 dieser nachhaltigen Institute mit 29 Häusern, die allesamt von den Aufsichtsbehörden als systemrelevant eingeschätzt werden, also beispielsweise JPMorgan Chase, die Deutsche Bank oder die schweizerische, Anfang 2023 mit der Credit Suisse fusionierte UBS. Untersucht wurde der Zeitraum von 2001 bis 2011, also einige Jahre vor, während und nach der Finanzkrise.

Als Indikator für die Bedeutung von Banken für die Realwirtschaft gilt der Anteil des Kreditgeschäfts an ihrer Bilanz. Während die nachhaltigen Geldhäuser im Schnitt 70 Prozent ihrer Bilanzsumme als Kredite an Unternehmen und Privatpersonen ausgaben, waren es bei den systemrelevanten Häusern nur knapp 38 Prozent, der überwiegende Teil wird in spekulative Geschäfte investiert. Laut dieser Studie von 2011 existiert auch kein Zielkonflikt zwischen nachhaltigem Bankgeschäft und Geldverdienen. Vielmehr war die Gesamtkapitalrendite der nachhaltigen Banken mit durchschnittlich 0,72 Prozent sogar höher als bei den systemrelevanten Instituten. Außerdem blieb die Gewinnmarge während des Zehnjahreszeitraums fast konstant, es gab keine Schwankungen wie bei den Bankriesen. Neuere Zahlen, die von der GABV selbst für den Zeitraum von 2008 bis 2012 veröffentlicht wurden, zeigen mit 77,42 Prozent (nachhaltige Banken) und 39,2 Prozent (systemrelevante Banken) an Kreditanteilen in der Bilanz eine noch größere Schere.

Ansätze zur Regulierung

Die USA haben sich 2013 entschieden, zumindest ein Stück weit wieder auf eine Trennung zwischen dem allgemeinen Kundengeschäft und dem Interner Link: Investmentbanking zu setzen. So bewerten zumindest Expertinnen und Experten die sogenannte Volcker-Regel, die nach einer Übergangsfrist Mitte 2015 in Kraft trat. Kern der Reform: Der Eigenhandel der Banken wurde weitgehend verboten.

Investmentbanken sind Spezialbanken, deren Geburtsstunde nach dem Börsencrash 1929 schlug. Nach dem Crash und der folgenden schweren Interner Link: Weltwirtschaftskrise verordnete die US-amerikanische Regierung beim Bankgeschäft eine strikte Trennung von Einlagen- und Investmentbanken. Erstere sammelten fortan Spareinlagen und vergaben vor allem Kredite, während sich die Investmentbanken auf Dienstleistungen rund um die Kapitalmärkte spezialisierten: Sie verwalteten etwa Vermögen, berieten Unternehmen bei Börsengängen und Firmenübernahmen oder handelten mit Wertpapieren aller Art.

In Europa gab es diese Trennung nie, die 1999 auch in den USA wieder aufgehoben wurde. Seither drängten Universalbanken wie die Deutsche Bank stark in das Geschäftsfeld des Investmentbanking. Die Finanzkrise wurde 2008 durch die Schieflage der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ausgelöst. Nach deren Pleite und den Notverkäufen von Bear Stearns und Merrill Lynch blieben von den damals fünf größten reinen US-Investmentbanken nur noch JPMorgan Chase, Goldman Sachs und Morgan Stanley übrig.

Außerdem prüft die Interner Link: US-Notenbank („Fed“) seit 2013 bei systemrelevanten Banken jährlich mit einem Stresstest, ob diese über ausreichend (Eigen-)Kapital verfügen, um einen ökonomischen Schock zu verkraften. Die Institute sollten sich wieder auf den volkswirtschaftlichen Kern ihres Geschäfts konzentrieren müssen: Geld einzusammeln und zu verleihen, um neue Werte zu schaffen. Im Jahr 2018 hat die US-Regierung die Regulierung allerdings wieder gelockert: Die Schwelle, ab der eine Bank als systemrelevant eingestuft und deshalb strenger überwacht wird, verfünffachte sie von einer Bilanzsumme von 50 Milliarden Dollar auf 250 Milliarden US-Dollar. Nun sind mehr als ein Dutzend Banken von Stresstests befreit. Damit können sie wieder verstärkt Eigenhandel betreiben und damit als Investmentbank tätig sein. Beim Stresstest für das laufende Jahr 2023 sollen insgesamt 23 Banken geprüft werden.

Regulierung Schattenbanken

„Die Regulierung des Bankensektors kann ihre volle Wirksamkeit nur entfalten, wenn wir auch den Interner Link: Schattenbankensektor endlich international umfassend regulieren und beaufsichtigen“, warnte Elke König, die ehemalige Chefin der Interner Link: Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), bereits 2013. Sie gab zu, dass die Regulierung von Interner Link: Hedgefonds noch „mitten in den Überlegungen der internationalen Aufseher steckt.“ Auch zehn Jahre später sind die Regulierungsergebnisse überschaubar – zuletzt drängte der aktuelle BaFin-Chef Mark Branson im Dezember 2022 auf eine schärfere Überwachung von Hedgefonds.

Für die EU hatte eine Kommission unter Leitung des finnischen Politikers Erkki Liikanen ebenfalls eine Art Trennbankensystem vorgeschlagen (Liikanen-Report). Danach sollten die riskanten Geschäftsbereiche wie Investmentbanking und Wertpapierhandel von den weniger riskanten Teilen wie den Einlagen der Sparerinnen und Sparer organisatorisch getrennt werden. Beide Bereiche müssten sich dann gesondert finanzieren, also jeweils eigene Anleihen herausgeben. Zudem ließe sich der riskante Bereich im Krisenfall leichter abwickeln, da dann kein Sparergeld mehr bedroht wäre. Aber diese Ideen hat die EU nicht umgesetzt. Von den großen Reformplänen blieb nicht viel übrig. Zwar gibt es Einschränkungen für die Banken beim Handel mit Finanzpapieren auf eigene Rechnung. Der Gesetzgeber hat diesen sogenannten Eigenhandel aber so eng definiert, dass der Handel in großem Umfang weitergehen dürfte. Die neuen Regeln betreffen zudem nur einen Bruchteil der rund 6.000 Geldhäuser in der Eurozone. Die Politik muss aber nicht zwangsläufig Banken zerschlagen, um ein Größenwachstum zu verhindern. Die Regierungen könnten auch eine Wachstumsbremse einführen, indem die regulatorischen Anforderungen – beispielsweise für die Höhe des Eigenkapitals – automatisch mit der Höhe der Bankbilanz ansteigen würden. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, da das ganze Finanz- und Bankensystem von Menschen konstruiert ist.

Mehr Eigenkapital

Offensichtlich erwies sich das geringe Eigenkapital von Banken in der Finanzkrise 2007/2008 als deren Achillesferse. Auch die Politik erkannte, dass die Banken sicherer würden, wenn sie wieder mehr Eigenkapital vorhielten. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht bedeutet dies aber steigende Kosten, weswegen die Bankeigentümer und deren Lobbyisten versuchten, allzu starke Auflagen zu verhindern. Aus volkswirtschaftlicher Sicht spricht vieles dafür. Für eine deutliche Erhöhung des Eigenkapitals plädieren auch die beiden Wissenschaftler Anat Admati und Martin Hellwig: „Eine Eigenkapitalanforderung von 20 bis 30 Prozent der Bankaktiva würde die Sicherheit der Banken und die Stabilität des Finanzsystems deutlich erhöhen. Bei dieser Höhe des Eigenkapitals wären die meisten Banken in der Lage, auch größere Verluste selbst zu tragen, sodass sie allenfalls hin und wieder eine vorübergehende Liquiditätshilfe bräuchten.“ Tatsächlich sind Finanzinstitute seit der Finanzkrise schon stärker reguliert. Auch Anforderungen an das Eigenkapital der Banken wurden deutlich verschärft, und Kreditinstitute haben ihr Kapital aufgestockt.

Die finanziellen Risiken für die Welt waren sogar vor der Interner Link: Corona-Pandemie schon groß. Folgenreich war die Finanzkrise von 2008. Seitdem war die öffentliche Verschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung der westlichen Industrienationen drastisch gewachsen: 69 Prozent betrug sie vor der Krise, 105 Prozent zehn Jahre später. Infolge der Rettungsmaßnahmen für Unternehmen und Menschen stiegen die Schulden mit den staatlichen Rettungsmaßnahmen während der Coronapandemie noch einmal drastisch an. Die Regulatoren hatten nach der Finanzkrise Fehler behoben, aber nicht die Grundfrage beantwortet, wie Finanzmärkte aussehen sollen, die den Menschen dienen. Stattdessen hat sich infolge der Finanzkrise die ökonomische und gesellschaftliche Ungleichheit in Europa verschärft, ein Grund für den Aufstieg der Populisten. Die aktuellen Bankenpleiten zeigen, wie instabil das Finanzsystem in Teilen weiterhin ist.

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Caspar Dohmen ist Wirtschaftsjournalist. Nach seinem Studium der Volkswirtschaft und Politik arbeitete er als Redakteur für den Wiesbadener Kurier, das Handelsblatt und die Süddeutsche Zeitung. Heute schreibt er als freier Wirtschaftsjournalist für die SZ, verfasst Hintergrundberichte für den Deutschlandfunk und die ARD-Sender und arbeitet als Buchautor und Dozent u.a. an den Universitäten Witten-Herdecke und Siegen.