Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Populäre Serien-Genres: Familie, Heimat, Ärzte, Sitcom

Die Sitcom

Die Sitcom ist ein aus dem Amerikanischen kommendes Genre, das sich als deutsche Eigenproduktion erst spät etablierte. Situationskomik meint eine humorvolle Auseinandersetzung von Figuren mit einer Situation und ist durch eine rasche Abfolge von Pointen und Gags im Rahmen eines Handlungsgeschehens gekennzeichnet. Das knapp 30-minütige Format entsprach Mitte der 1980er Jahre weder dem öffentlich-rechtlichen Programmschema noch den deutschen Sehgewohnheiten. Die Sitcom wurde goutiert als ein Genre, das durch seine stereotype Figurenzeichnung, die Transparenz der Charaktere und die Vorhersehbarkeit der Handlung zur schnellen Rezeption einlud, aber nicht intellektuellen Ansprüchen genügte. Die Sitcom, die auch Comedyserie genannt wird, zeichnet sich durch eine "zirkuläre Dramaturgie" aus: Die Figuren sind am Ende einer Episode so klug wie zuvor. Erst gegen Ende der 90er Jahre konnten einige Sitcoms auch die TV-Kritik überzeugen, die das Genre bislang eher skeptisch beurteilt hatte. Die kommerziellen Sender zeigten ein besonderes Interesse an diesem leicht konsumierbaren Genre, weil es als Studioproduktion preiswert herzustellen war und sich gut als Rahmenprogramm für TV-Werbung eignete.

Pointen statt realistischer Abbildung

Während die klassische Serie alltägliche Welten aufbaute und darstellte, kommentierte die Sitcom den Alltag in Familie und Beruf witzig und frech. Die Figuren handelten nicht möglichst realitätsgetreu, sondern eher überspitzt: Dialoge wurden auf Pointen zugeschnitten, Handlungskonstellationen dienten einem verbalen Schlagabtausch mit möglichst vielen Gags. Auch die Zusammensetzung und Ausformung der Charaktere war eher einem möglichst großen Witz-Potenzial geschuldet als einer realistischen Abbildung der Welt. Diese Form der fiktionalen Darstellung war für das deutsche Publikum eine Innovation.

"Ein Herz und eine Seele"

Eine Ausnahmestellung in der Geschichte der deutschen Sitcom nimmt "Ein Herz und eine Seele" (WDR, 1973–1976) ein. Die provokative Handlung um den chauvinistischen Kleinbürger Alfred Tetzlaff mit rechtskonservativer politischer Haltung überdeckte die ungewohnte Form. Sie zeigt stark überspitzt den Familienalltag in einem Arbeiterviertel in Bochum-Wattenscheid während der 1970er Jahre. Zentrale Figur ist der ewige Nörgler und Spießer Alfred Tetzlaff ("Ekel Alfred"), der durch seine provokativen Äußerungen mit den anderen Familienmitgliedern immer wieder in Konflikt gerät.

Weitere öffentlich-rechtliche Sitcoms

Die von 2006 bis 2008 in drei Staffeln in der ARD ausgestrahlte Fernsehserie "Türkisch für Anfänger" behandelt mit viel Humor und gefühlvollem Umgang mit ihren Protagonisten das interkulturelle Zusammenleben von türkischstämmigen und deutschen Familienmitgliedern. Die Serie erhielt zahlreiche Preise, darunter den Adolf-Grimme-Preis im Jahr 2007. (Ausschnitt aus der ersten Folge "Die, in der ich meine Freiheit verliere" vom 14.3.2006) (© Bayerischer Rundfunk/Degeto Film GmbH, 2006)

In den 1980er und frühen 1990er Jahren entwickelte sich über die Rezeption amerikanischer Sitcoms wie "Alf", "Eine schrecklich nette Familie" oder "Golden Girls" ein erstes Bewusstsein für das so undeutsche Genre. Erste Adaptionsversuche wie "Hilfe, meine Familie spinnt" (RTL ,1993) oder "Drei Mann im Bett" (WDR, 1994) scheiterten. Der Versuch von Wolfgang Menge, in "Motzki" (WDR/NDR, 1993) einen Seelenverwandten von Alfred Tetzlaff auf den Bildschirm zu bringen und an die Tradition von "Ein Herz und eine Seele" anzuschließen, brachte der Serie viel Aufmerksamkeit. Die ersten gelungenen Sitcoms kamen von den öffentlich-rechtlichen Sendern. Die Einfalt und Weltfremdheit eines saarländischen Ehepaares wurde in den 1990er Jahren zum größten seriellen Lacherfolg in der ARD: "Familie Heinz Becker" (SR/WDR, 1992–2003) setzte dem deutschen Michel ein Denkmal. So stimmig das Spießbürgertum in der Serie auch gezeichnet wurde, die Lacher entsprangen vor allem der Schadenfreude.

"Salto Postale" (ZDF, 1993–1996) mit Wolfgang Stumph schaffte es, dem Ärger vieler ehemaliger DDR-Bürger eine Stimme zu geben, ohne dabei das Amüsement der Zuschauer im Westen zu mindern. Auch dem Spin-Off "Salto Kommunale" (ZDF, 1998–2002) gelang satirische Unterhaltung, die die Obrigkeit und nicht den Bürger selbst kompromittierte. Die erste Sitcom, der es gelang, die amerikanischen Vorgaben des Genres (Dialogwitz, Tempo und eine starke Hauptfigur) konsequent umzusetzen, ohne dabei die Nationalspezifik der Geschichten aus dem Auge zu verlieren, war "Lukas" (ZDF, 1996–2001) mit Dirk Bach. Dagegen wirkte "Lerchenberg" (ZDF, 2013/2015) eher bemüht.

Sitcoms bei RTL


Diese ersten erfolgreichen Comedyserien wurden noch im klassischen, preiswerten Produktionsstil hergestellt (Studio, drei elektronische Kameras, vor Publikum aufgezeichnet oder durch eingespielte Lacher ergänzt). RTL löste sich 1997 von dieser Produktionsweise. Der Kölner Privatsender hatte bislang von allen Sendern die meisten Versuche in Sachen Sitcom unternommen, aber nur Flops produziert. Mit "Die Camper" (1997–2005) und "Das Amt" (1997–2003) setzte man wie in US-amerikanischen Produktionen wie "Friends" oder "Seinfeld" auf 16mm-Film, auf professionelle Komödianten wie Jochen Busse und Heinrich Schafmeister und auf reale Schauplätze. Es folgten die Klinik-Parodie "Nikola" (1997–2005), die Kleine-Leute-Sitcom "Ritas Welt" (1998–2003) und die aus der Perspektive eines einzelgängerischen Teenagers erzählte Familienserie "Mein Leben & Ich" (2001–2007). Der produktionstechnische Aufwand, die sorgfältige Bucharbeit und das perfekte Casting lohnten sich, die Sitcoms von RTL gewannen Preise und die Sympathie der Zuschauer. Von der Serie "Der Lehrer", die 2009 den deutschen Fernsehpreis erhielt, wurden bis 2016 4 Staffeln gedreht.

Weitere (erfolgreiche) deutsche Sitcoms

Sat.1 konnte bislang nur mit der Studio-Serie "Hausmeister Krause" (1999–2010) reüssieren. Die selbstreferentielle, ironische Sitcom "Anke" (2000/ 2001) fand dagegen nur eine kleine Fan-Gemeinde. Erfolgreicher waren die Anwalts-Sitcom "Edel & Starck" (2002–2005, u. a. Dt. Fernsehpreis 2002) und "Pastewka" (7 Staffeln, 2005–14). Nachdem sich die Deutschen mit der Sitcom jahrelang schwer taten, gab es zuletzt sogar internationale Anerkennung. Die ARD trumpfte auf mit "Berlin, Berlin" (2002–2006), einer WG-Comedy, die voller verrückter dramaturgischer und filmischer Ideen steckte, und mit "Türkisch für Anfänger" (2006–2008, Dt. Fernsehpreis 2006 und Adolf-Grimme-Preis 2007), einer doppelbödigen Migrations-Sitcom, die klug und witzig mit ethnischen Vorurteilen spielt.

Mockumentary

Christoph Maria Herbst wird 2006 für seine Rolle in der Fernsehserie "Stromberg" mit dem Adolf-Grimme-Preis geehrt.Christoph Maria Herbst wird 2006 für seine Rolle in der Fernsehserie "Stromberg" mit dem Adolf-Grimme-Preis geehrt. (© ddp/AP)

Von diesen Formen ist eine andere Mischung der Darstellungs- und Sprechweisen (dokumentarisch und fiktional) abzugrenzen, die mit dem englischen Begriff des 'Mockumentary' (engl. 'to mock' – sich lustig machen, 'documentary' – Dokumentation) bezeichnet werden. Ein Mockumentary gibt vor, eine Dokumentation oder ein Dokumentarfilm zu sein, ist es jedoch nicht, weil er auf einem Drehbuch beruht und eine ausgedachte Geschichte erzählt. Dabei wird häufig das Spiel mit den scheinbar dokumentarischen Mitteln übertrieben, so dass der Zuschauer auch die Parodie und damit die Fiktionalität erkennen kann. Prototypen dieser Mockumentarys im deutschen Fernsehen sind Sendereihen wie "Stromberg" und "Dittsche". Sie geben vor, eine Art von Reportage zu sein, arbeiten mit bewusst überzogener Darstellung, verwackelter Kamera, verrutschten Bildausschnitten, undeutlichem Ton, schlechter, manchmal auch improvisiert erscheinender Ausleuchtung und benutzen bekannte Klischees.

"Stromberg" (ProSieben)

Den Status einer Kultserie erlangte "Stromberg" (Pro Sieben, 5 Staffeln, 2004–2012), einer psychologisch klugen Sitcom, die intelligent Doku-Charakter vortäuscht (Original: "The Office", BBC, 2001). "Stromberg" handelt vom Büroalltag in einem Versicherungsunternehmen: Es geht um die Beziehungen der Angestellten untereinander und zu dem unfähigen Abteilungsleiter Bernd Stromberg (gespielt von Christoph Maria Herbst). Immer wieder wird durch das Verhalten der Figuren deutlich, dass sie die Kamera, die die Serie aufnimmt, wahrnehmen (entweder, etwa in privaten Gesprächen, als störend – oder als Motivation, sich 'bewusst' in Szene zu setzen). Die Aufzeichnung ist also ein Teil der erzählten Geschichte, auch wenn das Kamerateam selbst nie gezeigt wird und sich auch nicht selbst äußert. Die Serie, von der nach einer zögerlichen Annahme durch das Publikum inzwischen bereits drei Staffeln mit 25 Folgen produziert wurden, erhielt unter anderem den Grimme-Preis und hat einen Kultstatus erreicht.

"Dittsche" (WDR/Das Erste)

Von "Dittsche – Das wirklich wahre Leben" (WDR/Das Erste, seit 2004) wurden bisher 179 Folgen in 19 Staffeln (Stand März 2013) produziert. Die Sendung zeigt einen Hamburger Imbiss ("Eppendorfer Grillstation" im Eppendorfer Weg 172), in dem sich der Arbeitslose Dittsche (gespielt von Olli Dittrich) Bier holt und mit dem Imbiss-Wirt Ingo (Jon Flemming Olsen) und dem Stammgast Schildkröte (Franz Jarnach) in einer Art Wochenrückblick über die Welt räsoniert. Dittsche schlurft im blau-braun-weiß gestreiften Bademantel herein, wirkt ungepflegt und immer etwas verwirrt. Er gibt seine Sicht auf die Dinge der Welt zum Besten; die Bild-Zeitung und das Fernsehen dienen ihm dabei als wichtige Quellen für seine Theorien und Problemlösungsansätze. "Dittsche" wird live gesendet, ohne Drehbuch und mit zuvor festgelegten Kameraeinstellungen. Die Benutzung von kleinen Digitalkameras, die zum Teil in Sepia-Tönen senden, bringt zusätzlich "dokumentarische" Effekte. Die Figur des Dittsche gibt sich als Realitätsfigur, die gleichwohl in der Tradition der fiktionalen Räsonierer Alfred Tetzlaff ("Ein Herz und eine Seele", ARD/WDR, 1973–1976) und Motzki ("Motzki", ARD/WDR, 1993) steht.

Deutlich zeigt sich hier, wie die Grenzen verschwimmen, denn ebenso wie "Dittsche" ließe sich "Blind Date" (ZDF, 2001–2005) mit Olli Dittrich und Anke Engelke als eindeutige Fiktion kennzeichnen: Es geht immer darum, dass sie Personen darstellen, die sie nicht selbst sind, und sich die entstehenden Geschichten – ob mit Drehbuch oder ohne – deutlich als eine Form des audiovisuellen Erzählens verstehen lassen.


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