Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

11.10.2008 | Von:

Der Kalte Krieg und das Wettrüsten

Das Zeitalter der Supermächte

Empfindlicher Rückschlag durch SS-20-Raketen

Der Abschluss von SALT I, vor allem aber die von der Bundesrepublik Deutschland mit der DDR, Polen, der UdSSR und der Tschechoslowakei ausgehandelten Ostverträge hatten 1972 auch den Weg zu einer Serie von Treffen über europäische Sicherheitsfragen geöffnet. Die erste Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die noch auf den Vorschlag des Ostblocks aus dem Jahr 1967 zurückging, begann am 22. November 1972 und endete am 1. August 1975 mit der sogenannten Schlussakte von Helsinki.

Nach der ersten KSZE-Folgekonferenz 1977 wurden die Menschenrechte zu einem wirksamen Hebel der amerikanischen Politik, da die UdSSR sehr sensibel auf die Veröffentlichung von Menschenrechtsverletzungen reagierte. Für US-Präsident Jimmy Carter stand die Entspannungspolitik in der Verknüpfung mit der Menschenrechtsfrage im Mittelpunkt seiner Politik. Umso schwerwiegender war der Rückschlag, als nach westlicher Interpretation die Entspannungspolitik 1977 mit der Stationierung von sowjetischen Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 in Mitteleuropa in Frage gestellt wurde. Im Kreml wiederum betrachtete man die Einführung der SS-20 als legitime Modernisierung, aber auch als Gegengewicht gegen überlegene westliche Flugzeugtypen.

Ende der Entspannung durch Einmarsch in Afghanistan

Zur Zäsur wurde die so genannte Nachrüstungsdebatte und am 12. Dezember 1979 der NATO-Doppelbeschluss, nach dem die Nachrüstung durch Pershing-II-Raketen 1983 beginnen sollte, wenn es keine Verhandlungen zu den Mittelstreckenwaffen gäbe. Als kurz danach die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte, war dies gleichbedeutend mit dem einstweiligen Ende der Entspannung. Der Kalte Krieg ging in eine neue, diesmal wieder offensive Runde.

Warum die UdSSR überhaupt das Risiko einging, eine Intervention zu beginnen, kann nur im Zusammenhang mit den sowjetischen Einkreisungsängsten und Sorgen vor innenpolitischer Destabilisierung erklärt werden. Viel war in den Begründungen von amerikanischer Infiltration die Rede, aber auch von den Sorgen vor dem Eindringen des Islamismus in die Sowjetunion. Man konnte den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan allerdings auch als Ausdruck amerikanischer Schwäche interpretieren. Trotz fünfmaliger Warnung aus den USA hatten die Sowjets ihre Militäraktion gestartet.

Ende des Kalten Krieges durch Untergang der Sowjetunion

Die USA reagierten in zweifacher Weise auf den Einmarsch in Afghanistan. Die offiziellen Proteste gipfelten 1980 im Boykott der Olympischen Spiele in Moskau durch den Westen. Die inoffizielle US-Reaktion bestand in einer geheimen, kontinuierlichen Unterstützung der antikommunistischen Widerstandsgruppen, die unter Reagan erhebliche Ausmaße annahm. Nicht nur in Afghanistan, sondern auch in anderen Ländern der Dritten Welt setzten die USA in seiner Amtszeit zur erfolgreichen Offensive an.

Ob die Offensive der USA und des Westens zum Untergang der Sowjetunion und zum Ende des Kalten Krieg führte, ob die UdSSR möglicherweise "totgerüstet" wurde, ist nach wie vor zu Recht heftig umstritten. Andere Erklärungen beziehen mehr die inneren Probleme der Sowjetunion ein. Man kann noch eine dritte Erklärung anbieten, die beide Auffassungen verknüpft, aber die Bedeutung einer zahmeren Version der Befreiungsidee stärker heraushebt, die John F. Kennedys "Strategy of Peace" oder Egon Bahrs "Wandel durch Annäherung" letztendlich waren.

Beide Ideen beruhten auf der Magnettheorie. Bahr hatte 1963 ausdrücklich die gezielte Erzeugung von Konsumwünschen im sowjetischen Machtbereich als Hebel zur Wiedervereinigung und letztendlich auch zur Auflösung des Ostblocks bezeichnet. Er sollte die Entwicklung kontrollierbar machen und weitere blutige Aufstände verhindern. Gezielte Informations- und Handelspolitik waren der Kern dieser Strategie. Man kann nicht bestreiten, dass sich dies zumindest für Europa als erfolgreich erwies.

Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow (links) und US-Präsident George H. Bush (rechts) reichen sich auf dem Kreuzfahrtschiff Maxim Gorki vor Malta die Hände. Im Hintergrund Fotografen.Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow (links) und US-Präsident George H. Bush (rechts) reichen sich auf dem Kreuzfahrtschiff Maxim Gorki vor Malta die Hände. (© AP)

Maßgebliche Rolle Michail Gorbatschows

Die Verknüpfung aller drei Thesen trifft wahrscheinlich am ehesten die historische Wahrheit: Die Sowjetunion stand in den 1980er Jahren innen- wie außenpolitisch vor enormen Herausforderungen. Gleichzeitig schien auf die bisherige Weise keine tragfähige Lösung mehr möglich. Zu den Verstärkern der Krise gehörten neben dem vom Westen angekündigten, immens teuren SDI-Programm, das die über die Jahre angehäuften und modernisierten Nuklearwaffen auf einen Schlag nutzlos gemacht hätte, insbesondere die intensiver geäußerten Konsumansprüche der Bevölkerung im gesamten sowjetischen Machtbereich. Sie waren durch die elektronischen Medien des Westens erheblich forciert wurden. Mit ihnen verband sich schließlich die Forderung nach mehr persönlicher Freiheit und politischer Selbstbestimmung.

Die Gemengelage der Krise und die Notwendigkeit komplexer Erklärungen für das Ende des Kalten Krieges hat auch der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger ausdrücklich betont. Sicher ist aber auch, dass der risikobehaftete Weg der Reformen von der Sowjetunion nicht zwangsläufig hätte beschritten werden müssen. Dass er nicht beendet wurde, ist dem letzten sowjetischen Generalsekretär und Staatoberhaupt der UdSSR, Michail Gorbatschow, zu verdanken. Ihm kommt damit wohl am ehesten der Verdienst zu, den das letzte Jahrhundert maßgeblich prägenden Kalten Krieg endgültig beendet zu haben.