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Von der Vergänglichkeit des französischen Sommermärchens: Fußball als Spiegel kollektiver Identität

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Von der Vergänglichkeit des französischen Sommermärchens: Fußball als Spiegel kollektiver Identität

Albrecht Sonntag

/ 7 Minuten zu lesen

Ein Blick auf die Seiten der Sport-Tageszeitung L’Equipe genügt, um den Rang des Fußballs in der Beliebtheitsskala der Sportarten in Frankreich abzumessen: wie in fast allen Ländern des Kontinents dominiert er die Sport-Berichterstattung. Dennoch reicht der gesellschaftliche Stellenwert des Fußballs nicht an den heran, den er in Deutschland, England, Italien oder Spanien erreicht hat.

Trikot der französischen Nationalmannschaft. ( korobokkuru) Lizenz: cc by/2.0/de

Auch nach fünfzehn Jahren ist die Erinnerung an das französische "Sommermärchen" von 1998 noch nicht verblasst. Es war der Sommer, in dem es dem Fußball gelang, eine Nation über alle sozialen, politischen und ethnischen Gegensätze hinweg für eine kurze Zeitspanne zu vereinen. Der lang ersehnte Titelgewinn im eigenen Land – gekrönt von einem 3:0-Finalsieg gegen Brasilien – ließ eine gänzlich unerwartete Welle der Euphorie und des Zusammengehörigkeitsgefühls über ganz Frankreich schwappen.

Frankreich im Juli 1998: ein französisches "Sommermärchen"

Hauptauslöser dieser intensiven Emotionen war dabei nicht einmal die Tatsache, dass es der Nationalmannschaft nach vielen vergeblichen Anläufen endlich gelungen war, die "Coupe du Monde" (Weltmeisterschaft) zu gewinnen. Entscheidend für den kollektiven Gefühlsausbruch war vielmehr die Identifikation mit dieser Mannschaft, die es in Frankreich in dieser Form und Intensität noch nie gegeben hatte. Dazu trug insbesondere der Eindruck bei, die als verschworenes Team auftretende Mannschaft verkörpere die Multikulturalität der französischen Nation in geradezu perfekter Weise. Tatsächlich hatte der Nationaltrainer Aimé Jacquet bei seiner Auswahl auf soziale Kompetenzen besonders geachtet und eine Gruppe sympathischer junger Männer zusammengestellt, die sich dem gemeinsamen Ziel unterordneten. Vor allem aber stellte das Team eine Mischung aus Individuen unterschiedlichster Herkunft und Lebensläufe dar. Die Spieler kamen aus diversen Regionen Frankreichs von der Normandie bis zum Baskenland, aus französischen Überseegebieten wie Guadeloupe oder Neukaledonien, sowie aus Familien mit verschiedenen Migrationshintergründen.

Dass der Fußball Einwanderern eine Chance zu sozialem Aufstieg und sichtbarer Integration bietet, war im Grunde nichts Neues. Bereits in den 50er Jahren hatte Raymond Kopa, Kind polnischer Einwanderer, den "Ballon d’Or" als Europas Fußballer des Jahres gewonnen. Michel Platini, Europas bester Mittelfeldspieler der 80er Jahre und heute Präsident des europäischen Fußballverbandes UEFA, ist der Sohn einer italienischen Immigrantenfamilie. Neu war jedoch 1998 das starke Bewusstsein der multikulturellen Problematik in der französischen Gesellschaft; neu war das Bedürfnis, den Globalisierungsängsten und der fremdenfeindlichen Rhetorik des rechtsextremen Front National mit konkreten Beispielen gelungener Integration Einhalt zu gebieten. Neu war auch der Wunsch nach nationaler Einheit und Solidarität und nach Persönlichkeiten, die in der Lage waren, symbolische Brücken zu bauen. In der Nationalmannschaft von 1998 fanden sich mit dem bodenständigen Trainer Aimé Jacquet und dem außergewöhnlichen Star des Teams, Zinédine Zidane, genau solche Identifikationsfiguren.

Grenzen der Symbolkraft des Fußballs

Natürlich sind Emotionen, die vom Fußball entfacht werden, nicht von Dauer. Sie entspringen einer momentanen Konstellation, die zu übereilten Interpretationen und Schlussfolgerungen verleitet. Seit dem zauberhaften Sommer von 1998 hatte Frankreich mehrere Rückschläge auf dem Weg in eine harmonische multikulturelle Gesellschaft zu verkraften. Die wiederholten sozialen Unruhen in den Pariser Vorstädten, die nach wie vor existierende Diskriminierung in verschiedenen Segmenten des Arbeitsmarktes, sowie der nachhaltige politische Erfolg des Front National haben die multiethnische Verbrüderung des Sommers 1998 als Selbsttäuschung entlarvt.

Auch der Fußball blieb von derlei Unruhen nicht verschont. Schon im Herbst 2001, als das erste Länderspiel zwischen Frankreich und seiner ehemaligen Kolonie Algerien – im Vorfeld als Beitrag zur Stabilisierung und Verbesserung einer komplexen Beziehung beschworen – wegen Zuschauer-Ausschreitungen abgebrochen werden musste, kamen erste Zweifel an der Effizienz des Fußballs als Integrationsförderer auf. Tatsächlich wurde deutlich, dass er sowohl als Projektionsfläche für Verbrüderungswünsche wie auch als Bühne für die identitäre Zerrissenheit der französischen Gesellschaft herhalten musste. Zudem gab es im folgenden Jahrzehnt eine ganze Reihe von Gelegenheiten, das öffentliche Benehmen der Nationalspieler zu rügen, die ihrer Vorbildfunktion mehr als einmal nicht gerecht wurden und mit Vorfällen wie dem grotesken "Streik" bei der WM 2010 in Südafrika das Bild des harmonischen Miteinanders im Nationalteam nachhaltig beschädigten.

Dieser Image-Verlust des Fußballs schlägt sich auch ganz konkret in der Entwicklung des Amateurfußballs nieder. Seit fünf Jahren ist die Mitgliederzahl des nationalen Fußballverbandes FFF ("Fédération Française de Football") deutlich zurückgegangen und hat sich nun auf knapp unter zwei Millionen eingependelt (in Deutschland sind es 6,8 Millionen). Ein Zuwachs lässt sich lediglich bei den Frauen und Mädchen verzeichnen, bei denen die Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren auf 60 000 angestiegen ist (während in Deutschland mittlerweile die Millionengrenze überschritten wurde). Diese Zahlen machen deutlich, dass der Fußball in Frankreich nicht denselben gesellschaftlichen Stellenwert besitzt wie in Deutschland. Dabei ist seine Geschichte in beiden Ländern im Grunde in vielerlei Hinsicht vergleichbar.

Kulturgeschichtliche Entwicklungen

In beiden Nationen blickt der Fußball nunmehr auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück, seit er gegen Ende des 19. Jahrhunderts jeweils von englischen Handlungsreisenden eingeführt worden war. Beide Verbände sind Gründungsmitglieder der FIFA (1904) und der UEFA (1954). Beide können mit Fug und Recht behaupten, zu den großen Fußballnationen zu gehören, denn beide sind Mitglieder im recht exklusiven Klub der Nationen, die mindestens einmal eine Weltmeisterschaft und mehrere Europameisterschaften errungen haben. Ungeachtet der konjunkturellen Schwankungen, die dem Sport eigen sind, erfreuen sich beide eines Fußballbetriebs, der zu den führenden in der Welt gerechnet wird. Ihre jeweiligen Profi-Ligen gehören zu den fünf "Großen" in Europa, und ihre Verwaltungsstrukturen ähneln sich ebenfalls sehr: sie bestehen jeweils aus einem ehrenamtlich getragenen Sportverband, dem die Auswahlmannschaften und der Amateur-Fußball unterstehen, und einer Profi-Liga, die in großer Eigenständigkeit ihr Produkt vermarktet.

Doch trotz all dieser Gemeinsamkeiten ist es dem französischen Fußball nicht gelungen, dieselbe wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedeutung zu erreichen, die er in Deutschland oder auch in England, Italien oder Spanien innehat. Woche für Woche lockt die Bundesliga mit ihrem Durchschnittsbesuch von 45.000 Zuschauern pro Spiel mehr als doppelt so viele Menschen in die Stadien wie die französische Meisterschaft. Und da die französische Ligue 1 derzeit eine Strategie der exklusiven Vermarktung übers Bezahlfernsehen verfolgt, sind auch die Fernsehzuschauer weit weniger zahlreich als in Deutschland.

Die eigentlichen Gründe für einen geringeren gesellschaftlichen Widerhall des Fußballs in Frankreich sind allerdings in der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Spiels zu suchen. So ist der Fußball in Frankreich nie wirklich eine klassenübergreifende Leidenschaft geworden. Vom gebildeten Bürgertum und den intellektuellen Trendsettern der Pariser Elite wurde der Fußball jedenfalls immer schon eher herablassend als vulgäres Vergnügen der Arbeiterklasse betrachtet. An dieser grundsätzlichen Einstellung hat auch die Euphoriewelle des Sommers 1998 wenig geändert. Dagegen erfreut sich Rugby als bürgerliches Gegenstück zum proletarischen Fußball traditionell einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz, welche die Herrschaft von "König Fußball" unter den Sportarten durchaus einschränkt.

Gehemmt wurde die Entwicklung des Fußballs schließlich auch durch die demographische Struktur des Landes. Während sich in anderen westeuropäischen Nationen im 19. Jahrhundert neben der Hauptstadt eine ganze Reihe bedeutender urbaner Ballungszentren herausbildeten, in denen Traditionsklubs und loyale Fangemeinschaften heranwuchsen, litt der französische Fußball immer unter der demographischen Dominanz der nicht besonders fußballbegeisterten Pariser Region. Im Gegensatz zu mächtigen Industrie-Metropolen wie Manchester oder Liverpool, Mailand oder Turin, München oder dem Ruhrgebiet, wo eine dauerhafte Infrastruktur des Massenspektakels Fußballs entstand, wurde der französische Fußball zwischen den 30er und 80er Jahren hauptsächlich von kleinen und mittelgroßen Städten wie Sète, Nizza, Reims, Nantes oder Saint-Etienne dominiert. Wirtschaftlich starke und dauerhaft Identität stiftende "Fußballhochburgen" konnten sich so kaum entwickeln und es wundert entsprechend auch nicht, dass die Erfolgsbilanz der französischen Klubs in den Europapokalen mit gerade mal zwei Titeln recht dürftig ausfällt.

Ein neuer Aufschwung in Sicht?

Vive la France! (Osei) Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de

Es gibt allerdings keinen Anlass für die französischen Fußballfreunde, in Schwarzmalerei zu verfallen. Im Gegenteil: für die kommenden Jahre zeichnet sich durchaus ein neuer Aufschwung ab, für den es eine ganze Reihe guter Gründen gibt.

Zum Einen bietet die anstehende Europameisterschaft 2016, die in Frankreich stattfinden wird, nicht nur eine ausgezeichnete Gelegenheit, die in die Jahre gekommene Infrastruktur der Stadien auf einen Schlag zu modernisieren, sondern auch den angeschlagenen Ruf der Nationalmannschaft nachhaltig wiederherzustellen. Beides käme der Attraktivität des Fußballs sehr zugute! Dazu kommt die Tatsache, dass die neuen europäischen Regeln des "finanziellen Fair-Play" den recht vernünftig geführten französischen Klubs gegenüber den hochverschuldeten Vereinen in Spanien, Italien und England eine größere Chancengleichheit einräumen wird. Gleichzeitig bildet sich derzeit eine neue "Landkarte" des französischen Fußball heraus, in der die Millionen-Metropolen Paris, Marseille und Lyon wohl langfristig den Ton angeben werden. Nicht vernachlässigen sollte man auch die Entwicklung des Frauenfußballs. Lyon hat soeben zum zweiten Mal in Folge die Champions League der Frauen gewonnen, und die Nationalmannschaft, mittlerweile zu einem echten Sympathieträger herangewachsen, zählt zu den fünf besten der Welt. Hier besteht noch ein beträchtliches Entwicklungspotenzial.

Und international einflussreich ist der französische Fußball nach wie vor. Die erfolgreiche UEFA-Präsidentschaft von Michel Platini fügt sich in eine lange Tradition ein. Die Welt verdankt Frankreich nicht nur die Gründung einer globalen Fußball-Organisation (1904) und die Schaffung einer Fußballweltmeisterschaft (deren Trophäe viele Jahrzehnte lang den Namen ihres Initiators Jules Rimet trug), sondern auch die Europameisterschaft ("Coupe Henri Delaunay"), die Champions League, die 1955 von den Journalisten der Equipe aus der Taufe gehoben wurde und den "Ballon d’Or", den begehrten Preis, der alljährlich an den weltbesten Fußballer verliehen wird. Auf einem solchen soliden geschichtlichen Fundament lässt sich wahrlich aufbauen.

Weitere Inhalte

Albrecht Sonntag, geb. 1962, ist Professor für Europastudien an der ESSCA Ecole de Management in Angers, wo er das Centre d’Expertise et de Recherche en Intégration Européenne (CeRIE) leitet. Derzeit koordiniert er das kollaborative Forschungsprojekt FREE ("Football Europe in an Enlarged Europe"), bei dem neun Institutionen aus acht verschiedenen europäischen Ländern zusammenarbeiten (Externer Link: www.free-project.eu). Über den französischen Fußball schreibt er seit zehn Jahren eine regelmäßige Kolumne im kritischen Fußballmagazin Der tödliche Pass.