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Der Algerienkrieg

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Der Algerienkrieg Ein unvollendeter Aufarbeitungsprozess

Justine Bitam Katrin Sold

/ 10 Minuten zu lesen

Der Algerienkrieg markiert eine Zäsur in der französischen Geschichte und Politik des 20. Jahrhunderts. Er begann im Jahr 1954 und endete am 19. März 1962 durch das Abkommen von Évian mit einem Waffenstillstand und der Unabhängigkeit Algeriens. Anlässlich des 60. Jahrestages des Friedensabkommens steht das Jahr 2022 im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Konflikts. Doch der Aufarbeitungsprozess des Algerienkriegs ist bis heute unvollendet.

Während eines offiziellen Treffens mit Nachkommen von Betroffenen des Algerienkriegs erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Oktober 2021, dass die algerische Nation seit ihrer Unabhängigkeit auf der Grundlage eines verfälschten Vergangenheitsnarratives, das der algerische Staat gefördert habe, errichtet worden sei. Den Kern dieses Narratives bildet Macron zufolge die Schuldzuweisung an Frankreich für alle Missstände und Schwierigkeiten Algeriens. Zudem warf der Präsident die Frage auf, ob die algerische Nation vor der französischen Kolonialisierung (1830) überhaupt existiert habe. Als Reaktion auf die Äußerungen des Präsidenten rief Algier vorübergehend seinen Botschafter aus Paris zurück. Diese jüngste und wohl schwerste diplomatische Krise der letzten Jahre zwischen Frankreich und Algerien belegt das nach wie vor schwierige Verhältnis, das beide Länder zu ihrer gemeinsamen, leidvollen Vergangenheit haben. Nach einer langen Phase der Verdrängung verläuft der Aufarbeitungsprozess in Frankreich bis heute stockend. Der Algerienkrieg, der bis zu einer gesetzlichen Anerkennung des Begriffs im Jahr 1999 offiziell lediglich als die „Ereignisse von Algerien“ bezeichnet wurde, prägt das kollektive Gedächtnis und beeinflusst bis heute die französische Politik.

Algeriens Sonderrolle im französischen Kolonialreich

Algerien nimmt in der französischen Kolonialgeschichte eine Sonderstellung ein. Mit der Besetzung Algiers wurde im Jahr 1830 das zweite Kolonialreich Frankreichs begründet. Anders als Tunesien und ein Großteil Marokkos, die als französische Protektorate verwaltet wurden, wurde Algerien in die drei Départements Algier, Constantine und Oran aufgeteilt und im Jahr 1848 zu einem integralen Bestandteil des französischen Mutterlandes erklärt. Durch massive Siedlungsprogramme im Sinne einer colonie de peuplement (Siedlungskolonie) versuchte die Regierung in Paris, den französischen Einfluss im Land zu stärken. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten neben neun Millionen Algeriern/-innen etwa eine Million Europäer/-innen mit französischer Staatsbürgerschaft auf algerischem Gebiet.

Auch die algerische Bevölkerungsmehrheit besaß die Staatsangehörigkeit des Mutterlandes, doch blieben ihr die vollen französischen Bürgerrechte verwehrt, darunter insbesondere das aktive und passive Wahlrecht jenseits von Regionalgremien. Diese politische Ungleichheit und die wirtschaftliche Diskriminierung der algerischen Bevölkerung führten zu Spannungen in der Gesellschaft, die sich ab dem Jahr 1945 immer häufiger in Protesten und Aufständen entluden. Die Unruhen wurden von der französischen Armee gewaltsam niedergeschlagen, bis sie im November 1954 erstmals zeitgleich mehrere Landesteile erfassten. Eine Attentatsserie, die von der wenige Monate zuvor in Kairo gegründeten Nationalen Befreiungsfront Algeriens (FLN) koordiniert wurde, markierte den Beginn eines langen Befreiungskrieges, der erst mit der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 ein Ende fand.

27. Mai 1956: Französische Truppen riegeln die Casbah von Algier ab. (© AP)

Der Algerienkrieg besiegelt das Ende der Vierten Republik

Um den wachsenden Unruhen in den drei algerischen Départements zu begegnen, verabschiedete die französische Regierung Sondergesetze und erhöhte die militärische Präsenz. Doch angesichts der Guerillataktik der FLN, der die französische Armee in dem bergigen Gelände wenig entgegenzusetzen hatte, griff die Regierung in Paris bald zunehmend auf Elemente der psychologischen Kriegsführung zurück. Die Strategie umfasste gesteuerte Informationskampagnen, Zensur- und Spitzelsysteme sowie eine Militärdoktrin, die 1957 in der Schlacht um Algier erstmals Anwendung fand. Sie übertrug der Zehnten Fallschirmspringerdivision der französischen Armee alle zivilen und militärischen Vollmachten zur Bekämpfung von Widerstandszellen in der algerischen Hauptstadt und legitimierte Methoden wie Massenfestnahmen und Folter.

Indem die Regierung in Paris den Algerienkrieg zu einem innerfranzösischen Konflikt erklärte, umging sie das seit 1949 geltende Abkommen der Genfer Konvention zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten, was heftige Kritik der internationalen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen hervorrief. Die Schlacht um Algier endete im Oktober 1957 mit einem militärischen Sieg der französischen Armee. Die Methoden der Kriegsführung hatten das Land jedoch international diskreditiert und die Ablehnung des Krieges in der französischen Bevölkerung verstärkt, die zudem weitere Verluste der französischen Armee befürchtete. Die Unabhängigkeit Tunesiens und Marokkos 1956 und das Scheitern der französischen Intervention in Ägypten im Rahmen der Suez-Krise, wo Frankreich mit Präsident Gamal Abdel Nasser einen Unterstützer der algerischen FLN zu stürzen versucht hatte, hatten diese Stimmung weiter verstärkt.

Dennoch blieb trotz der wachsenden Zahl an Berichten zurückkehrender Soldaten und der Aufrufe einiger Intellektueller eine breite gesellschaftliche Debatte im französischen Mutterland aus. Erst ein gewaltsamer Aufstand der Algerienfranzosen im Frühjahr 1958 gegen die Ernennung Pierre Pflimlins zum Premierminister leitete eine Wende in dem Konflikt ein. Angesichts der Bereitschaft Pflimlins zum Dialog mit der FLN fürchteten die Algerienfranzosen eine schrittweise Loslösung Algeriens von Frankreich und forderten erfolgreich den Rücktritt des Premierministers und eine Rückkehr General de Gaulles an die Macht. Mit der Verabschiedung einer maßgeblich von de Gaulle geprägten neuen Verfassung durch ein Referendum im Oktober 1958 wurde wenig später die Fünfte Französische Republik begründet.

„Ich habe euch verstanden“ – diese Worte, die de Gaulle kurze Zeit nach seinem Amtsantritt in Algier sprach, wurden von vielen Algerienfranzösinnen und -franzosen als ein Versprechen zur Unterstützung ihrer Anliegen aufgenommen. Doch in der Folge vollzog de Gaulle, der erkannt hatte, dass ein Ende des blutigen und kostenintensiven Konflikts ohne eine Loslösung Algeriens nicht zu erreichen war, einen Wandel seiner Position, der von vielen Algerienfranzosen als Verrat empfunden wurde. Im September 1959 erhielt Algerien zunächst ein Selbstbestimmungsrecht und mit dem Abschluss der Verträge von Évian im Jahr 1962 die Unabhängigkeit. Begleitet wurden die Unabhängigkeitsverhandlungen von einer Vielzahl von Anschlägen in Algerien und Frankreich durch die Untergrundbewegung OAS (Organisation de l’armée secrète), die eine Loslösung Algeriens verhindern wollte und von Teilen der französischen Armee und der Polizei Unterstützung erfuhr. Höhepunkt der Gewalt war ein durch die französische Polizei am 17. Oktober 1961 an protestierenden Algeriern/-innen verübtes Massaker in Paris, das jedoch kaum Widerhall in der französischen Presse und Öffentlichkeit fand.

Oran, 31.12.1956: Des nationalistischen Terrorismus verdächtigte Männer warten auf eine Überprüfung ihrer Identität. (© ddp/AP)

Pieds-noirs, Harkis und eine neue politique arabe

Nach der Unabhängigkeit Algeriens verließen hunderttausende Algerienfranzosen, sogenannte Pieds-noirs, das Land in Richtung Frankreich. Ihre (Re-)Integration in das ihnen oft unbekannte Heimatland gestaltete sich schwierig. Hinzu kamen mehrere Zehntausend algerische Schutzsuchende, die aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit der französischen Armee in Algerien Verfolgung und Massakern ausgesetzt waren. Zehntausende dieser Harkis fielen Racheakten ihrer Landsleute zum Opfer. Diejenigen, denen die Flucht nach Frankreich gelang – ungefähr 60.000, oft mithilfe französischer Soldaten –, wurden dort meistens in Durchgangslagern (sogenannten camps de transit et de reclassement) untergebracht und lebten mehrere Jahre lang isoliert vom Rest der französischen Gesellschaft. Algerien verlor mit der Auswanderungswelle nicht zuletzt auch seine Bildungselite und den wirtschaftlichen Mittelstand, was die sozioökonomische Situation des Landes nach der Unabhängigkeit belastete. Die blutige Terrorwelle der OAS, durch die die verlorene Algérie française mittels einer Taktik der verbrannten Erde zerstört werden sollte, kostete mehrere Tausend muslimische Algerier/-innen das Leben. Sie erschütterte auch de Gaulles Strategie, mit den Abkommen von Évian den Grundstein für enge künftige Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich zu legen.

Algerien sollte für Frankreich auch künftig die Brücke nach Nordafrika darstellen und den französischen Einfluss im Mittelmeerraum sichern. Im Gegenzug zu wirtschaftlichen Aufbauhilfen wurde Frankreich der privilegierte Zugang zu algerischem Erdöl und Gas sowie zu den Atomtestgebieten in der Sahara zugesichert. Trotz der verhärteten Fronten zwischen den Ländern, die sich beide gegen eine Aufarbeitung der Ereignisse sträubten, verfolgte de Gaulle sein Ziel einer neuen französischen politique arabe, die das bis heute herrschende französische Selbstverständnis als Mittelmeermacht prägt.

Zeit des Schweigens und beginnende Aufarbeitung

Auf die algerische Unabhängigkeitserklärung folgten in beiden Ländern drei Jahrzehnte der Verdrängung und Tabuisierung. Die Ereignisse der Jahre 1954 bis 1962 wurden entweder, wie in Frankreich, aus der offiziellen Erinnerungspolitik ausgeklammert oder, wie in Algerien, als Legitimationsmythos der Staatselite stilisiert.

In Frankreich wurden per Dekret französische Polizisten und Soldaten, die zwischen 1954 und 1962 in Algerien im Einsatz gewesen waren und Foltermethoden gegen FLN-Anhänger angewandt hatten, sowie später Mitglieder der OAS begnadigt. Die französische Politik der Verdrängung, die sich ab 1962 durchsetzte, folgte bestimmten Logiken. Zunächst bedeutete die algerische Unabhängigkeit das Ende des französischen Kolonialreiches und eine deutliche Schwächung des politischen und wirtschaftlichen Einflusses Frankreichs im internationalen Kontext. Eine Aufarbeitung des Algerienkriegs hätte zudem der Strategie des nationalen Gedenkens an die beiden Weltkriege widersprochen, bei der insbesondere der französische Widerstand unter der nationalsozialistischen Besatzung (1940–1944) glorifiziert wurde. Der Mythos des französischen Widerstandskämpfers und eines starken und mutigen Frankreichs sollte die französische Nation vereinen; die Erinnerungen an den Konflikt in Algerien und den kolonialen Machtverlust hätten dieser Strategie geschadet.

Doch nicht nur der französische Staat, auch die Gesellschaft breitete in den Jahrzehnten nach der algerischen Unabhängigkeit einen Mantel des Schweigens über die Geschichte. Exemplarisch hierfür steht der 1966 erschienene Film Die Schlacht von Algier, der in Frankreich zwar nicht offiziell zensiert wurde, doch infolge von Drohungen durch Veteranen- und Pieds-noirs-Verbände fast vierzig Jahre lang nur vereinzelt in Frankreich gezeigt werden konnte.

Erst in den frühen 1990er Jahren begann das Schweigen aufzubrechen. Unterschiedliche Faktoren trieben diese Entwicklung voran: Im Jahr 1991 entflammte in Algerien ein Bürgerkrieg zwischen der aus der Befreiungsbewegung hervorgegangenen Einparteienregierung FLN und islamistischen Gruppen. Der Unabhängigkeitskrieg bildete dabei für beide Lager, wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen, eine wichtige Referenz, was die Thematik ins Bewusstsein der französischen und internationalen Öffentlichkeit rückte. Zudem wurden durch die Öffnung der französischen Militärarchive im Jahr 1992 neue Details über den Militäreinsatz in Algerien bekannt und führten zu einer Welle geschichtswissenschaftlicher und künstlerischer Auseinandersetzungen mit dem Thema.

Mit der Anerkennung des algerischen Unabhängigkeitskampfes als Krieg durch das französische Parlament im Jahr 1999 wuchs der Druck auf die französische Regierung unter Jacques Chirac, bestimmter Opfergruppen des Algerienkriegs zu gedenken und, allgemeiner, den offiziellen Umgang mit dem Erbe der Kolonialzeit zu hinterfragen. Im November 2000 schockierten zudem die Geständnisse über Folter und Exekutionen zweier führender Generäle des Algerienkriegs in der französischen Zeitung Le Monde die französische Öffentlichkeit. Infolge dieser Ereignisse wurde im Jahr 2001 erstmals der 25. September als nationaler Gedenktag an die Harkis eingeführt, deren Einsatz an der Seite der französischen Armee im Laufe des Algerienkriegs seither jährlich geehrt wird. 2002 weihte Präsident Chirac zudem in Paris eine Gedenkstätte zur Erinnerung an den Konflikt sowie an die Kämpfe in Marokko und Tunesien (1952–1962) ein.

Die Debatte über den Algerienkrieg ist somit seit der Jahrtausendwende in Frankreich präsenter und offener geworden und hat Eingang in die offizielle Erinnerungskultur gefunden. Auch der Stellenwert des Themas in den Schulbüchern und im Lehrplan hat sich seit den neunziger Jahren gewandelt, obgleich Form und Ausgewogenheit der Darstellung immer wieder Gegenstand von Debatten sind.

Versöhnung in Sicht?

Seit dem Amtsantritt Emmanuel Macrons im Jahr 2017 ist ein weiterer Wandel des offiziellen Umgangs Frankreichs mit dem Thema Algerien zu beobachten. Macron ist der erste französische Präsident, der nach dem Ende des Algerienkriegs geboren wurde, weshalb es ihm offenbar leichter fällt, die Tabus der konfliktreichen französisch-algerischen Vergangenheit zu brechen. Bereits während des Präsidentschaftswahlkampfs 2017 bezeichnete der damalige Kandidat in einem Interview mit einem algerischen Fernsehsender die französische Kolonialisierung Algeriens als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Damit sorgte er bei vielen Pieds-noirs und ihren Nachkommen sowie bei französischen Politikern/-innen für Empörung. Als erster französischer Staatschef gestand Emmanuel Macron 2018 zudem ein, dass die französische Armee im Laufe des Algerienkriegs systematisch Foltermethoden gegen Unterstützer/-innen der Unabhängigkeit eingesetzt hatte – mit stillem Einverständnis der damaligen französischen Regierung. Nicht zuletzt beauftragte er im Sommer 2020 den Historiker Benjamin Stora mit dem Verfassen eines Berichts über die französisch-algerische Vergangenheit, der mögliche Ansätze für die Förderung der Versöhnung zwischen beiden Ländern beinhalten sollte.

Durch die heutige Anerkennung der Verbrechen Frankreichs an den Algeriern/-innen verfolgt Macron nach eigenen Angaben auch das Ziel, Französinnen und Franzosen algerischen Ursprungs mit der französischen Nation zu versöhnen. Tatsächlich sei die jahrzehntelange Verdrängung der Kolonialzeit in Algerien durch Frankreich ein Grund für das heute noch fehlende Nationalbewusstsein vieler Französinnen und Franzosen mit algerischen Wurzeln. Die schwache Identifizierung mancher mit dem französischen Mutterland betrachtet Macron wiederum als potenzielle Gefahr für die nationale Einheit und als Nährboden für islamistisch motivierten Terrorismus. Somit wird die Relevanz der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit in Algerien auch im Nachgang zu den Attentaten, die Frankreich seit 2015 getroffen haben, neu bewertet.

Dennoch ist der Prozess der Aufarbeitung und Versöhnung zwischen Algerien und Frankreich noch lange nicht beendet. Die Weigerung Emmanuel Macrons und seiner Vorgänger, eine offizielle Entschuldigung für die im Laufe der Kolonialzeit begangenen Verbrechen zu formulieren und somit einer Forderung Algeriens nachzukommen, belastet bis heute die Beziehungen zwischen beiden Ländern. Und selbst wenn inzwischen eine neue, von den Ereignissen relativ unbelastete Politikergeneration die Regierungsverantwortung übernommen hat, so behält das Thema Algerien doch bis heute in Frankreich seine politische Brisanz. Bereits kleine Gesten der Anerkennung stellen für französische Politiker/-innen einen Balanceakt zwischen unterschiedlichen Facetten der Erinnerungskultur, aber auch zwischen konkreten politischen Interessen dar. Insbesondere die Pieds-noirs-Verbände, in denen inzwischen eine neue Generation den politischen Kampf der Eltern um Anerkennung übernommen hat und die mehrheitlich zum rechten und rechtsextremen politischen Lager tendieren, stellen eine nicht unbedeutende Lobbygruppe dar. Expertenschätzungen zufolge haben bis heute sieben Millionen in Frankreich ansässige Menschen eine direkte Verbindung mit der französischen Kolonialgeschichte in Algerien. Viele dieser Menschen, etwa Nachkommen von Harkis, Pieds-noirs und algerischen Immigranten/-innen, bilden insbesondere im Wahlkampf vielumworbene Zielgruppen.

Im Präsidentschaftswahlkampf im Frühjahr 2022 droht das Thema Algerien erneut instrumentalisiert zu werden. Insbesondere die rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Marine Le Pen und Éric Zemmour zeichnen sich beide durch eine sehr konservative Haltung in erinnerungspolitischen Fragen und mit Blick auf die Algérie française aus. In ihren Programmen vertreten sie zudem einen radikalen Kurs, was die Immigrationsquoten algerischer und weiterer nordafrikanischer Einwanderer/-innen in Frankreich betrifft. Ein Wahlsieg von Marine Le Pen oder Éric Zemmour im Frühjahr 2022 hätte daher einen erheblichen Einfluss auf den offiziellen Umgang Frankreichs mit der Kolonialzeit in Algerien und auf die Zukunftsperspektiven für einen ohnehin schleppenden französisch-algerischen Versöhnungsprozess. Doch auch unabhängig vom Wahlergebnis wird die Aufarbeitung des Algerienkriegs die französische Gesellschaft und Politik in der Zukunft noch lange beschäftigen.

Quellen / Literatur

„Algérie: confronter les récits personnels et officiels.“ Les mémoires vives de la guerre d’Algérie, France Culture, 6. Mai 2021, www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/ algerie-les-ineffables-memoires-44-guerre-dalgerie-recits-individuels-et-recit-national.

Bouchène, Abderrahmane ; Jean-Pierre Peyroulou, Ouanassa Siari Tengour und Sylvie Thénault (Hrsg.): Histoire de l’Algérie à la période coloniale. La Découverte, 2014.

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Branche, Raphaëlle: La torture et l’armée pendant la Guerre d’Algérie. 1954–1962. Gallimard, 2016.

Khadra, Yasmina. What the Day Owes the Night. Aus dem Französischen übersetzt von Frank Wynne. Vintage Books, 2011.

Les questions mémorielles portant sur la colonisation et la guerre d’Algérie. Benjamin Stora, 2021.

Pervillé, Guy: La Guerre d’Algérie, Reihe „Que sais-je?“, 2. Auflage, Paris 2012.

Riegler, Thomas: „Die Schlacht um Algier und die ‚französische Doktrin‘: Eine Wirkungsgeschichte“, in: Zeitgeschichte, Nr. 3/35, Mai/Juni 2008, S. 138–152.

Rochebrune, Renaud de und Benjamin Stora. „La guerre d’Algérie n’est pas vraiment finie“, in : Esprit, Nr. 434, 2017, S. 24–29.

Stora, Benjamin: „Guerre d’Algérie: 1999–2003, les accélérations de la mémoire“, In: Hommes et migrations, Nr. 1244, Juli/August 2003, S. 83–95.

Stora, Benjamin: Le mystère De Gaulle: son choix pour l’Algérie, Paris 2009.

Fussnoten

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Justine Bitam ist Deutsche, Französin und Algerierin. Nach einem deutsch-französischen Bachelor im Fach europäische Medienkultur studierte sie zwischen 2018 und 2021 den Master Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg. Ihre Masterarbeit verfasste sie zum Thema der französisch-algerischen Versöhnung infolge der algerischen Unabhängigkeit. Justine Bitam ist heute bei der Europäischen Akademie Otzenhausen im Bereich europäische Jugendbildung tätig.

Katrin Sold ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität Marburg sowie dem Merian Centre for Advanced Studies in the Maghreb (MECAM) in Tunis. Ihre Forschungsschwerpunkte sind politische und sozio-ökonomische Transformationsprozesse in Nordafrika mit einem besonderen Fokus auf der Transformation von Arbeitsmärkten und der Zukunft von Arbeit.