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Die Sehnsucht nach moralischer Autorität. Die Intellektuellen in Frankreich

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Die Sehnsucht nach moralischer Autorität. Die Intellektuellen in Frankreich

Frank Baasner

/ 8 Minuten zu lesen

Wo sind die Intellektuellen in Frankreich in der aktuellen Krise? In den folgenden Seiten werden die Grundzüge dessen, was man in Frankreich einen "intellectuel" nennt, nachgezeichnet. Drei wichtige Perioden werden dabei unterschieden. Und schließlich wird die Rolle des Intellektuellen in der mediatisierten Demokratie beleuchtet.

Voltaire (Porträt von Nicolas de Largillière). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die Europäische Union befindet sich in einem grundlegenden Transformationsprozess, den man getrost als Krise bezeichnen kann. Große und vor allem glaubwürdige Visionen der Zukunft Europas sind Mangelware. Auf nationaler Ebene beobachten wir in den meisten Mitgliedstaaten nationale oder sogar nationalistische Reflexe, populistische Parteien gewinnen an Einfluss. Und Frankreich? Kaum ein anderes Land in Europa hat in den vergangenen Jahren so viel und so oft über Bedeutungsverlust, über Reformunwilligkeit, über Stagnation der Gesellschaft gestritten. Unter dem Titel "La France qui tombe" ("Frankreich im freien Fall") hatte Nicolas Baverez schon 2003 ein wenig erfreuliches Bild gezeichnet. Nicolas Sarkozy war angetreten mit dem Anspruch, die Blockaden in Frankreich aufzubrechen und eine neue Dynamik in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu entfalten. Als der neue Staatspräsident François Hollande die Macht übernahm, war die Situation allerdings nicht wesentlich besser als 5 Jahre zuvor. Die volkswirtschaftlichen Kennzahlen sind für Frankreich ernüchternd, der Reformbedarf unbestritten und die politisch zu lösenden Aufgaben immens. In einer solchen Situation wird nach Orientierung, nach Führungsfiguren gerufen, die Vertrauen und Handlungswillen der französischen Gesellschaft stärken können. Die Politik leidet schon lange (parteiübergreifend) unter einem insgesamt schlechten Image. Hilfe suchend wartet man auf die Stimme jener Gruppe von Personen, die in der französischen Geschichte schon mehrfach eine moralische Führungsrolle hatte: die Intellektuellen.

Die Interner Link: französische Presse, aber auch die Feuilletons in Deutschland, Europa oder den USA, sind seit einiger Zeit mit der Frage beschäftigt, wo eigentlich in der tiefen Sinnkrise Frankreichs und Europas die "intellectuels" zu finden sind. Man scheint dieser schwer zu definierenden Gruppe von Personen zuzutrauen, auf alle großen Fragen der nationalen oder internationalen Politik wegweisende Antworten zu haben. Sind die Vorwürfe gegen die Intellektuellen gerechtfertigt? Stehlen sie sich tatsächlich aus ihrer Verantwortung, könnten sie überhaupt die Orientierung geben, die eingefordert wird?

Die Anfänge der Intellektuellen

Wenn heute beklagt wird, dass "les intellectuels" schweigen, bezieht man sich ganz offensichtlich auf ein goldenes Zeitalter, wo ihre Stimmen dem Land oder ganz allgemein der Welt eine Orientierung gaben. Bevor wir auf die berühmten Beispiele seit dem 18. Jahrhundert eingehen, müssen wir uns nach der Bedeutung des Begriffs "intellectuel" fragen. Wie soll man das ins Deutsche übersetzen? Natürlich liegt der Begriff "Intellektueller" nahe. Um die Konnotationen, die das Wort im Französischen (und vermutlich nur im Französischen hat), bewusst zu machen, könnte man ergänzend hinzufügen, dass es sich dabei nicht um eine Fachqualifikation handelt (man kann "Intellektueller" nicht studieren), sondern um eine enorme Zuweisung von moralischer Autorität. Der "intellectuel" rückt in die Position einer außerhalb der öffentlichen verwalteten Ordnung stehenden Orientierungsmacht, so wie es über Jahrhunderte die katholische Kirche war. Diese mächtige Position hängt unmittelbar mit der Entstehung der sozialen Figur des Intellektuellen zusammen.

Gehen wir für einen Moment zurück in die Zeit vor der Interner Link: französischen Revolution. Die absolutistische Monarchie beherrschte die Bevölkerung, Frankreich beherrschte politisch und kulturell Europa. Gleichzeitig war eine Bewegung in Frankreich und auch in vielen anderen Ländern Europas nicht mehr aufzuhalten, die man unter dem symbolträchtigen Begriff der "Aufklärung" zusammengefasst hat. Dabei ging es um die Infragestellung überlieferter Autoritäten, um den systematischen Zweifel am göttlichen Ursprung politischer Legitimation, um die Bekämpfung überlieferter Vorurteile. Es waren in erster Linie Literaten, aber auch Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, die sich in dem Bemühen zusammenfanden, das bestehende Regime zu hinterfragen, in seinen Grundfesten anzugreifen und dabei für das allgemeine Wohl des Volkes zu kämpfen.

Bis heute sind einige Namen mit der französischen Aufklärung untrennbar verbunden: Voltaire, Rousseau, Diderot, das Triumvirat in einer großen Gruppe von hunderten europäischer Vordenker und Vorkämpfer für Menschenrechte, Gleichheit vor dem Gesetz, Gewaltenteilung und Freiheit des Denkens. Damals nannte man diese freien Geister "philosophes", Philosophen also, wobei auch damit keine Fachqualifikation einer akademischen Disziplin gemeint war. Der "philosophe" des 18. Jahrhunderts war der "intellectuel" seiner Zeit. Vor allem Voltaire ist in der kollektiven Erinnerung in Frankreich lebendig geblieben, und dies nicht nur wegen seiner spitzen Feder und wegen seiner immer noch lesenswerten Texte. Voltaire als "intellectuel" ist auch derjenige, der stellvertretend für sprach- und machtlose Bürger deren Rechte eingefordert und erkämpft hat und sich für zu Unrecht verurteilte Bürger eingesetzt hat. Aus diesem Engagement für allgemeine, aus dem Naturrecht begründete Bürgerrechte rührt die höchste moralische Autorität, die Voltaire auf den Sockel eines Apostels für eine humane Weltordnung stellte. Von Anfang an gehörten bei der Intellektuellen-Bewegung also zur Konzeption des "intellectuel" die Opposition gegen die Herrschenden sowie der Entwurf einer besseren und gerechteren Ordnung dazu.

Die Affäre Dreyfus

Eine zweite fast mythische Referenz in der Diskussion um die Intellektuellen ist die international bekannte Affäre Dreyfus, in der Emile Zola die Hauptrolle spielte. Der aus dem Elsass stammende jüdische Offizier Alfred Dreyfus war in einer antisemitisch aufgeheizten Stimmung Ende 1894 zu Unrecht wegen Hochverrats verurteilt worden. In einem offenen Brief an den Staatspräsidenten mit dem programmatischen Titel "J’accuse…!" ergreift Zola Partei. Er wendet sich damit gegen die gesamte staatliche Macht; gegen die Regierung, die militärische Führung und die Justiz. Er wird damit gleichzeitig zum Vertreter einer Gruppe, die sich kollektiv als engagierte Intellektuelle verstand. Zola machte sich das damals noch verhältnismäßig neue Medium des Massenblatts zunutze. Im Unterschied zum vorrevolutionären Frankreich Voltaires konnte die Mehrheit der Franzosen am Ende des 19. Jahrhunderts lesen und partizipierte somit an einer der republikanischen Errungenschaften, der Pressefreiheit.

Erneut war es ein bekannter und international viel beachteter Autor, ein wortgewaltiger Romancier, der in die Rolle des moralischen Gewissens der Nation schlüpfte und dabei seine Beliebtheit beim großen Publikum nutzen konnte. Und wieder ging es um die Opposition gegen eine staatliche Macht, die den hohen moralischen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Zola wurde verurteilt, ging vorübergehend ins Exil und erreichte das, was er wollte: die öffentliche Aufmerksamkeit für einen skandalösen Vorfall, bei dem durch antijüdische Emotionalisierung die Grundprinzipien der Wahrheit und Gerechtigkeit mit Füßen getreten worden waren. Die Solidarisierungswelle, die von Schriftstellern und Gelehrten ausging, konstituierte für alle sichtbar die Gruppe der kritischen, engagierten Intellektuellen. Die Affäre spaltete die französische Gesellschaft und kam erst 1906 durch die Rehabilitierung von Dreyfus zu einem Ende.

Das "goldene Zeitalter"

Simone de Beauvoir: Ihr Werk "Das andere Geschlecht" machte sie zur Mutter des modernen Feminismus. (© AP)

Wer heute über das skandalöse Schweigen der Intellektuellen klagt, der hat eine Norm vor Augen, die auch heute vermeintlich eingelöst werden sollte. Diese Norm ist mit den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs und mit den Namen Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus untrennbar verbunden. Der idealisierende Rückblick scheint dabei zu vergessen, dass weder Sartre noch Camus damals unumstritten waren, es gab keineswegs einen moralischen Konsens über ihre Aktionen, und zwar auch nicht auf der Seite der damaligen Linken, also der antiautoritären Kräfte. Im Rückblick scheinen die genannten Autoren die Garanten eines politischen Gewissens, das sich im Namen einer permanenten Revolte gegen die (korrupte) Macht stellte. Sartre selbst hat mehr als irgendein anderer Autor die Deutungshoheit über den Begriff des Intellektuellen beansprucht. In mehreren Vorträgen aus dem Jahr 1965 grenzt er den "wahren" Intellektuellen, womit er vor allem sich selbst zu meinen scheint, von den "falschen" Nachahmern ab. Der richtige Intellektuelle, so Sartre, ist notwendig radikal und damit revolutionär. Der "falsche Intellektuelle" – Sartre nennt es genau so – ist derjenige, der das bestehende politische Regime für reformierbar hält. Dem echten Intellektuellen bleibt somit gar keine andere Wahl als die Radikalisierung seines Denkens.

Was Sartre hier mit hohen Ansprüchen als einzig gültige Form absolut setzt, steht in einer Linie mit den Literaten der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts, die in ihrer Opposition zur politischen Macht kompromisslos waren. Gemeinsam ist den drei genannten Etappen und den für diese Epochen stehenden Namen auch die Tatsache, dass sie in einer Welt des geschriebenen Wortes lebten: Romane, Pamphlete, Satiren, Zeitungsartikel – dies sind die klassischen Gattungen des französischen Intellektuellen.

Damit wird deutlich, dass die Figur des Intellektuellen in der hier beschriebenen Form – und diese Form wird heute erneut eingefordert – an eine gewisse Periode der europäischen und französischen Geistesgeschichte gebunden ist. Es ist die Epoche des politischen Buches, des engagierten Textes von Autoren, die sich zu allen Themen der Menschheit mit rein moralischer Autorität zu Wort melden, auch wenn ihnen eine formelle wissenschaftlich-fachliche Qualifikation fehlen mag.

Mit den weltweit bekannten Namen Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Jacques Lacan oder Roland Barthes - um nur die bekanntesten zu nennen - hat es von Frankreich ausgehend eine breite und weltweite Beeinflussung der universitären Disziplinen der gesamten Humanwissenschaften gegeben. Allerdings haben diese Theoretiker nicht den Rang von "nationalen Symbolen" für eine breite Öffentlichkeit in Deutschland (und Europa) erlangt.

Die heutige Situation

Wir leben seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und seit der Krise des Finanzkapitalismus in einer Zeit ohne dominante, kohärente Ideologie, die für sich die Erklärung der Menschheit, ihrer Geschichte und Ziele in Anspruch nehmen könnte. Gleichzeitig ist die Globalisierung eine Realität geworden, die sich vor noch 10 Jahren kaum jemand hätte ausmalen können. Die Gleichzeitigkeit der Verfügbarkeit von Informationen durch die neuen Medien und die polyzentrische Dynamik der Welt, wo das alte Europa und selbst die USA nur noch Machtzentren unter vielen anderen sind, haben auch die Rolle der schreibenden Zunft vollständig verändert. Die Welt schaut und wartet nicht mehr auf die Sprecher von Saint-Germain des Prés, und das Buch hat seine Funktion als privilegierter Träger von Sinn eingebüßt.

Stephane Hessel. (© AP)

Die Deutungshoheit über die großen gesellschaftlichen Fragen haben heute eher die Moderatoren der mit hohen Einschaltquoten einher gehenden Talkshows, oder aber die spontan auftretenden Massenphänomene in den sozialen Medien wie Facebook. In der Mediendemokratie – und dazu gehört natürlich auch Frankreich – fehlt es absolut nicht an Persönlichkeiten, die sich in ihrer Rolle als "Experten" zu allen erdenklichen Fragen äußern. Damit ist schon angedeutet, dass sich heute eher eine fachliche Spezialisierung durchgesetzt hat, gerade weil der Schwund allumfassender Ideologien den Bezug auf die eine absolute Wahrheit verbietet. Natürlich gibt es auch heute in Frankreich einige Namen, die einem bei dem Begriff "Intellektueller" sofort in den Sinn kommen: das immer noch einflussreiche Triumvirat des ausgehenden 20. Jahrhunderts waren (und sind in gewissem Sinne bis heute) Bernard-Henri Lévy, André Glucksmann und Alain Finkielkraut. Aber sie haben im Vergleich zur Zeit Sartres nicht mehr den alleinigen Vertretungsanspruch, wenn es um die moralische Deutung der Welt geht. Ein überraschendes Phänomen, das übrigens sehr deutlich zeigt, dass auch in der heutigen medialisierten Welt die persönliche individuelle Erfahrung eine enorme Rolle spielen kann, ist die Position von Stéphane Hessel, der mit seinem kleinen Werk "Empört euch!" 2010 großen Ruhm erlangt hat.

Als Fazit kann man sagen, dass der französische Intellektuelle klassischer Prägung von der Geschichte überholt worden ist. Trotzdem braucht man sich um die intellektuelle Kraft der öffentlichen Debatte in Frankreich und Europa keine Sorgen zu machen. Und niemand kann seine eigene Verantwortung für das Gemeinwohl hinter dem vermeintlichen Schweigen der Intellektuellen verstecken.

Quellen / Literatur

Dosse, François: La marche des idées. Histoire des intellectuels – histoire intellectuelle, Paris: La découverte, 2003.

Julliard, Jacques / Winock, Michel (Hrsg.): Dictionnaire des intellectuels français, Paris: Seuil, 1996.

Jurt, Joseph: Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu, Göttingen: Wallstein Verlag, 2012.

Fussnoten

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Weitere Inhalte

Frank Baasner ist in Paris, Bonn und Mons aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Studium der Romanistik und Psychologie in Bonn, Bologna, Tübingen und kurzen Studienaufenthalten in Perugia, Salamanca und Paris promovierte er 1986 in Tübingen. 1993 erhielt er einen Ruf an die Universität Erlangen und 1995 nach Mannheim. Seit 2002 ist er Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg. Frank Baasner ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften Mainz.