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Yannick Jadot „Ich will der Präsident des Klimas sein“

Hatim Shehata

/ 4 Minuten zu lesen

Yannick Jadot wollte französischer Klimapräsident werden. Der Grüne gilt als Pragmatiker und zeigt sich bei der Verknüpfung von Ökologie und Ökonomie kompromissbereit. Manchen Mitgliedern seiner Partei ist Jadots Kurs nicht radikal genug. Doch sein Pragmatismus könnte den französischen Grünen einen dauerhaften Platz in der Landespolitik sichern.

Yannick Jadot blickt auf eine lange Karriere als Umwelt- und Klimaaktivist zurück. Als Leiter verschiedener Kampagnen von Greenpeace France im Zeitraum von 2002 bis 2008 hat sich der 54-Jährige einen Namen in den bislang eher überschaubaren grünen Kreisen Frankreichs gemacht. Doch auch darüber hinaus sorgten seine Aktionen für Aufmerksamkeit. So wurden Jadot und andere Aktivisten einst rechtskräftig für den Einbruch in die französische Militärbasis Île Longue in der Bretagne verurteilt. Ziel der Protestaktion war es, auf die von den dort gelagerten Nuklearwaffen ausgehenden Gefahren hinzuweisen.

Ein Aktivist macht Politik

Die Präsidentschaftskandidaten Yannick Jadot & Christiane Taubira bei einer Kundgebung zur russischen Invasion in der Ukraine in Paris, 24.02.2022 (© picture-alliance/AP)

Im Jahr 2009 gelang Jadot als Mitglied der Partei Europe Écologie – Les Verts (EELV) der Sprung ins Europaparlament. Seitdem ist er als Abgeordneter im Ausschuss für Umweltfragen tätig. Bei den Präsidentschaftswahlen 2017 wurde Jadot erstmalig als Kandidat der Grünen aufgestellt, gab seine eigenen Ambitionen jedoch nur wenig später zugunsten des Kandidaten des Parti socialiste, Benoît Hamon, auf. Bei den Kommunalwahlen 2020 galt der grüne Spitzenpolitiker als treibende Kraft für den historischen Wahlsieg der Grünen. Erstmalig war es der Partei, die bis heute keinen einzigen Abgeordneten in der französischen Nationalversammlung stellt, gelungen, die Rathäuser verschiedener Großstädte wie etwa Bordeaux, Lyon und Straßburg zu erobern. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung wird Yannick Jadot heute als versierter Politiker wahrgenommen, dem es auf sympathische Art und Weise gelingt, Unterstützer, vor allem aber die Medien für sich zu gewinnen.

Ein Realo unter den Grünen

Yannick Jadot will eine Umweltpolitik, die wirtschaftliche Interessen berücksichtigt. Er forderte, Unternehmen, die auf fossile Energien setzen, künftig von öffentlichen Fördermitteln auszuschließen. Frankreichs Industrie will er gezielt nachhaltig umbauen und setzt dabei auf grüne Technologien. Dieser gemäßigte Kurs könnte neue Wähler/-innen gewinnen, die sich zwar für den Umweltschutz interessieren, aber die bislang eher radikalen wirtschaftspolitischen Positionen der französischen Grünen, die bis hin zur Abkehr vom Kapitalismus reichen, ablehnen.

Innerparteilich brachten ihm seine Positionen den Ruf eines Realpolitikers ein, der sich im Zweifel nicht genug für die sozial-ökologische Transformation Frankreichs einsetzen würde. Im Streit um die Zukunft der französischen Atomkraftwerke befürwortet Jadot einen „verantwortungsvollen“ Ausstieg innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre und positioniert sich somit klar gegen die Pläne der Frankreich-2030-Strategie des amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron. Dieser kündigte zuletzt an, Investitionen in Milliardenhöhe im nuklearen Energiesektor tätigen zu wollen, um diesen weiterhin zu erhalten.

Vorwahl der politischen Linken

Es war ein Richtungsstreit der französischen Grünen, der Yannick Jadot die Kandidatur um das Präsidentenamt Frankreichs bescherte. In einer parteiinternen Abstimmung setzte er sich gegen seine Kontrahentin, die radikale Öko-Feministin Sandrine Rousseau, durch – allerdings mit einem äußerst knappen Ergebnis. Nur 51 Prozent der Stimmen entfielen auf Jadot – ein knappes Votum, das seine Stellung innerhalb der Partei, aber auch seine Chancen schwächen dürfte.

Yannick Jadot tritt im Präsidentschaftswahlkampf als Kandidat einer zersplitterten politischen Linken an. Neben ihm wollen Anne Hidalgo vom Parti socialiste und der linksradikale Jean-Luc Mélenchon von der Bewegung La France insoumise in den Élysée-Palast einziehen. Auf sich allein gestellt, werden jedem der Kandidaten eher schlechte Chancen auf einen Wahlsieg eingeräumt. Eine Lösung könnte die jüngst von Hidalgo vorgeschlagene Vorwahl der französischen Linken für eine gemeinsame Kandidatur darstellen. Ein solches Prozedere lehnt Jadot bislang jedoch ab. Ähnlich wie seinem Kontrahenten Mélenchon wird Jadot diesbezüglich Ignoranz und Sturheit nachgesagt.

Wahlkampf in Rouen, 21.02.2022 (© picture-alliance)

Europa und Ökologie

In der Europapolitik sieht Jadot eines der größten Gestaltungsfelder für eine ökologische Politik. Die französische Ratspräsidentschaft 2022 begreift er als Chance, über das bisher formulierte Ziel einer 65-prozentigen Reduzierung der Treibhausgase bis 2030 hinauszugehen oder die europäischen Klimaziele auf EU-Importe zu übertragen. Zudem forderte er zuletzt, Frankreich müsse im Rahmen seiner Ratspräsidentschaft ein Verbot des Pflanzenschutzmittels Glyphosat auf den Weg bringen.

Die Beziehungen zu den anderen EU-Mitgliedsstaaten will der erklärte Europäer künftig stärken. So misst Jadot gerade den deutsch-französischen Beziehungen große Bedeutung bei. Die Zusammenarbeit beider Staaten solle noch enger werden. Dies wird anhand von Jadots Vorschlag, einen deutsch-französischen Bürgerkonvent zu gründen, deutlich. Auch will er im Falle seiner Präsidentschaft gegen Mitgliedsstaaten vorgehen, die die gemeinsamen europäischen Werte ignorieren und den Rechtsstaat untergraben.

Außen- und Sicherheitspolitik

Jadots Verhältnis zur NATO ist ambivalent. Sie gleiche in ihrer heutigen Form einer "leeren Hülle". Unlängst forderte er deshalb den Aufbau europäischer Kapazitäten in der Außen- und Sicherheitspolitik. Vor diesem Hintergrund machte sich Jadot Macrons Narrativ einer „europäischen Souveränität“ zu eigen. Europa müsse geeint sein, um für seine Werte und Interessen in Zeiten aufstrebender Mächte einzustehen.

Der grüne Präsidentschaftskandidat Jadot wertete die russische Invasion in der Ukraine im Februar 2022 klar als Völkerrechtsbruch und verurteilte sie in der Öffentlichkeit. So bezeichnete er den russischen Präsidenten Putin unter anderem als Kriegsverbrecher. Die ukrainische Bevölkerung hingegen verteidige Europa und die Demokratie. Vor diesem Hintergrund befürwortete Jadot die Waffenlieferungen an die Ukraine zur Selbstverteidigung. Zugleich warf er insbesondere seinem linken Mitbewerber um das französische Präsidentenamt, Jean-Luc Mélenchon, vor, angesichts der russischen Invasion politisch zu „kapitulieren“.

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Hatim Shehata ist wissenschaftlicher Assistent im Programm Frankreich/deutsch-französische Beziehungen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er studierte internationale Beziehungen im Kooperationsstudiengang der Freien Universität Berlin, der Humboldt Universität zu Berlin und der Universität Potsdam.