Die Route 66 in den USA

11.6.2021 | Von:
Heike Paul

Erinnerungskultur zwischen Hegemonialgeschichte und Pluralismus

Der öffentliche Umgang mit der eigenen Geschichte folgt in den USA festen Ritualen. Doch die Anlässe zur Erinnerung werden zunehmend kritisch diskutiert. Neue Perspektiven werden in den Kanon des nationalen Gedenkens aufgenommen, einige der etablierten Nationalhelden grundsätzlich in Frage gestellt.

Arbeiter entfernen eine Christoph-Kolumbus-Statue an der Broad Street Seite des Rathauses von Columbus in Ohio, USA.Seit 1955 stand die Bronzestatue von Christopher Kolumbus vor dem Rathaus in Columbus, Ohio. Im Juli 2020 entfernen Arbeiter auf Geheiß des Bürgermeisters von Columbus die Statue. (© picture-alliance, ZUMAPRESS.com | Doral Chenoweth)

Erinnerungskulturen konstruieren spezifische Erzählungen von der Vergangenheit und formen zugleich sich verändernde Zugänge zur Vergangenheit. Immer wieder wird dabei auch "die Frage nach der Auswahl und Deutung identitätsbildender historischer Ereignisse und nach der Dynamik von Erinnern und Vergessen im Wandel der Geschichte"[1] aufgeworfen. Das Ergebnis dieser Prozesse schlägt sich im kulturellen Gedächtnis nieder. Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann beschreibt es als "kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewußtsein von Einheit und Eigenart stützt".[2] Dieses gemeinschaftsbildende Wissen besteht nicht nur aus (selektivem) Faktenwissen, sondern auch aus einer Art "Gefühlswissen".[3] Die affektive Dimension der Erinnerung und des Gedenkens ist überaus bedeutsam für die Erfahrung von Gemeinschaft und muss als zentraler Bestandteil eines Staatsbürgersentimentalismus und seiner kulturspezifischen Codes verstanden werden.[4]

Gedenktage im nationalen Kalender der USA

Nationen vergegenwärtigen ihre Geschichte über eine räumliche (Orte des Erinnerns) und eine zeitliche Schiene (Jahrestage). Während erstere von Namensgebungen im Raum (Städte, Straßen, Plätze) und von speziellen Gedenkstätten getragen wird, strukturiert letztere den zivilreligiösen Kalender der Nation, der uns mit festlichen Ritualen des Erinnerns durch das Jahr begleitet. In den USA beinhaltet der zivilreligiöse Kalender des nationalen Erinnerns traditionell den Unabhängigkeitstag (Fourth of July) und den Familienfeiertag Thanksgiving, aber auch Gedenktage, die den US-amerikanischen Kriegen und ihren Opfern (Memorial Day) sowie dem nationalen Führungspersonal gewidmet sind (der Presidents‘ Day wird zu Ehren von George Washington und Abraham Lincoln begangen). Diese Feiertage werden meist staatstragend mit rituellem Programm zelebriert. Die Auswahlkriterien für eine identitätsstiftende Erinnerungspolitik werden im Zuge einer breiten zivilgesellschaftlichen Diskussion zunehmend Gegenstand von Debatten – die Kulturhistorikerin Erika Doss spricht gar von einer Memorial Mania. Die Verbindlichkeit des gemeinsamen Erinnerns und der Konsens darüber, was gedenkenswert und erinnerungswürdig ist, stehen dabei mitunter grundsätzlich zur Disposition.
Paradebesucher sitzen auf den Treppen des Nationalarchivs bei der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung und der Independence Day Parade entlang der Constitution Avenue in Washington D.C., USA.Paradebesucher/-innen sitzen auf den Treppen des Nationalarchivs bei der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung und der Independence Day Parade entlang der Constitution Avenue in Washington D.C., USA. (© picture-alliance, Consolidated News Photos | Stefani Reynolds)

Der Unabhängigkeitstag (Independence Day) hat sich als ein beständiger Anlass der Erinnerung an die vielfältig mythisierte Staatsgründung und dabei als ideologisch durchaus elastisch erwiesen – auch, weil er ein emanzipatorisches Streben beschreibt, das immer wieder von unterschiedlichen Individuen und Gruppen beansprucht wurde. So dient der symbolträchtige Feiertag nicht nur der Selbstvergewisserung der US-Bevölkerung als Bürgerinnen und Bürger einer souveränen Nation, sondern in der Populärkultur auch als Referenz für Unabhängigkeits- und Befreiungsnarrative anderer Art: gegen die existenzielle Bedrohung der Welt durch Aliens im Film "Independence Day" (1996), als Erinnerung an einen grausamen Krieg in Vietnam in der Autobiografie des Veteranen Ron Kovic mit dem Titel "Born on the Fourth of July" (1976, verfilmt von Oliver Stone 1989), als weibliche Ermächtigung gegen häusliche Gewalt im Country-Song "Independence Day" (1994) von Martina McBride, als Abschiedslied an den Vater im Kontext einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung im gleichnamigen Song von Bruce Springsteen (1978), aber auch als Überwindung der Midlifecrisis in Richard Fords preisgekröntem Roman "Independence Day" (1995).

Afroamerikanische Perspektiven im Erinnerungsdiskurs

In all diesen Filmen und Texten von überwiegend weißen US-Amerikanerinnen und US-Amerikanern ist der Unabhängigkeitstag nicht nur eine Chiffre für die nationale Geschichte, sondern auch für das damit verknüpfte individuelle Schicksal. Dabei war der Nationalfeiertag bereits früh auch Anlass zu heftiger Kritik. Der Abolitionist und Schriftsteller Frederick Douglass (1817-1895) fragte in einer seiner bedeutendsten Reden, die er am 5. Juli 1852 hielt: "Was bedeutet der 4. Juli für Sklaven?" ("What to the Slave is the Fourth of July?") – und er gab sich und seinem Publikum sogleich die Antwort darauf: In einem Land, in dem Sklaverei rechtmäßig existiert, ist der Unabhängigkeitstag ein Tag der Schande für die gesamte Nation.

Obwohl Frederick Douglass und andere bereits im 19. Jahrhundert die grundlegenden Defizite und Paradoxien des US-amerikanischen Freiheits-, Demokratie- und Glücksversprechens (pursuit of happiness heißt es in der Unabhängigkeitserklärung) anprangerten, dauerte es mehr als 100 Jahre, bis ein afroamerikanischer Aktivist zum ersten (und bisher einzigen) Mal Namensgeber für einen nationalen Feiertag wurde, der inzwischen zum festen Repertoire des Erinnerungsdiskurses gehört: Martin Luther King, Jr. (1929-1968). 1986 wurde der Martin Luther King, Jr. Day zum Gedenken an den ermordeten Bürgerrechtler als ein Feier- und Gedenktag an jedem dritten Montag im Januar (nahe zum Geburtstag des Erinnerten am 17. Januar) eingerichtet. Nur widerwillig etablierte der damalige Präsident Ronald Reagan diesen Tag im US-amerikanischen Festtagskalender. Damit wurde die Bürgerrechtsbewegung in den nationalen Kanon der Erinnerungsdiskurse überführt.

Ergänzungen zur Nationalgeschichte oder Revision?

Noch 2002 beschrieb der Historiker Matthew Dennis diesen Feiertag als "work in progress", weil er noch nicht von festen Traditionen geprägt sei. Bis heute hat sich dies jedoch geändert und der MLK Day verfügt mittlerweile über eine etablierte symbolische Bedeutung. Zusätzlich wurde 2011 das von Matthew Purnell gestaltete Martin-Luther-King-Nationaldenkmal als Teil der Erinnerungslandschaft in einer Parkanlage am Rande der National Mall in Washington, D.C. eingeweiht. Der chinesische Bildhauer Lei Yixin hat dafür die Skulptur "Stein der Hoffnung" gestaltet – eine Anspielung auf die "I have a Dream"-Rede des Bürgerrechtlers ("Out of the Mountain of Despair, a Stone of Hope"). Das Hollywood-Geschichtsdrama "Selma" (2014) und der Dokumentarfilm "MLK/FBI" (2020) sind zwei von zahlreichen Produktionen, die im Zuge der Erinnerungsarbeit die Geschichte des Theologen, Aktivisten und Friedensnobelpreisträgers – und insbesondere auch sein schwieriges Verhältnis zu den staatlichen Institutionen der USA – neu erzählen.
Das Martin Luther King, Jr. Memorial in Washington, D.C. Im Hintergrund das Washinton Monument.Das Martin Luther King, Jr. Memorial in Washington, D.C. mit dem Washington Monument im Hintergrund. (© picture-alliance, AA | Yasin Ozturk)

Eine zunehmend vielstimmige Erinnerungskultur ordnet die kanonischen weißen und männlichen Helden der nationalen Geschichte in ein pluralistischeres Geschichtsverständnis ein. Einerseits führt dies zur Ergänzung bestehender Ensembles, wie es beispielsweise am zentralen Gedenkort der USA, an der National Mall in Washington, D.C. zu beobachten ist, wo über die Jahrzehnte immer wieder neue Erinnerungsorte und Museen hinzugefügt wurden: 1982 etwa das Vietnam Veterans Memorial, das von Maya Lin, einer asiatisch-amerikanischen Künstlerin, damals noch Studentin an der Yale University, entworfen wurde; 2004 das National Museum of the American Indian; 2016 das National Museum of African American History and Culture. Die Ergänzungen hatten immer wieder auch eine Reakzentuierung des gesamten Areals zur Folge. Andererseits führt eine Neuauslegung historischer Ereignisse und Entwicklungen im Zeichen pluralistischer Erinnerungskulturen aber auch dazu, dass manche der bestehenden Feiertage und etablierten Erinnerungsorte höchst problematisch erscheinen. Hier geht es um mehr als ein additives Korrekturverfahren, das Vergessenes oder Verdrängtes hinzufügt, sondern um eine grundlegende Revision des Bedeutungskanons nationaler Geschichte, wie er über bestehende Feiertage und Denkmäler vermittelt wird.

Erinnerungspolitik im Kontext der Kolonisierung

An keiner Figur wird dies so deutlich wie an Christoph Kolumbus. Im Jahr 2020 ging es zahlreichen Statuen des vormals gefeierten "Entdeckers" buchstäblich an den Kragen. Kolumbus war seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA als Nationalheld verehrt worden – mit Statuen und Plätzen überall im Land und seit 1909 auch mit einem nationalen Feiertag: Der Columbus Day wird seitdem am zweiten Montag im Oktober zelebriert – in zeitlicher Nähe zum verbürgten Datum seiner Landung in der "Neuen Welt" am 12. Oktober 1492.[5] In den letzten Dekaden wurde die Ehrung dieser historischen Figur zunehmend kontrovers. Heutzutage sieht ein Teil der Gesellschaft Kolumbus weniger als heldenhaften Entdecker denn als rücksichtslosen Kolonisator – und einige seiner Statuen wurden 2020 spektakulär entfernt, so zum Beispiel vor dem Rathaus in Columbus, Ohio und am Coit Tower in San Francisco. Die Kolumbus-Statue im Hafen von Boston wurde von Protestierenden geköpft und viele weitere wurden bemalt, besprüht oder beschädigt.

Die Stadt Berkeley beispielsweise begeht den Columbus Day bereits seit 1992 als Indigenous Peoples' Day. Sie gedenkt somit nicht des Seefahrers aus Italien, der unter spanischer Flagge den Seeweg nach Indien erkundete und dabei in der Karibik landete, sondern der indigenen Völker der amerikanischen Kontinente, die in der Folge der europäischen Kolonisierung Unterdrückung, Vertreibung und Tod erleiden mussten und deren Nachfahren mit den Konsequenzen heute noch leben. Vorschläge, den Columbus Day generell umzubenennen, sind bisher nicht erfolgreich gewesen. Allen voran Donald Trump hatte während seiner Präsidentschaft das "Heldentum" des Kolumbus wieder uneingeschränkt gelobt und propagiert, sehr zum Gefallen der italienisch-stämmigen Bevölkerung. Der offizielle Native American Day wird, am oder in zeitlicher Nähe zum Columbus Day, nur in einzelnen (und zunehmend mehr) Bundesstaaten begangen, darunter Kalifornien, South Dakota (hier bereits seit 1989), Tennessee und Wisconsin.

Kontroversen um Konföderierten-Denkmäler

In einer Tradition mit Kolumbus und seinem kolonialistischen und rassistischen Erbe sehen zivilgesellschaftliche Protestbewegungen, darunter Black Lives Matter, auch die gesamte politische und militärische Führungselite der Konföderierten Staaten von Amerika, den sogenannten Südstaaten. Die Konföderierten hatten mit ihrer politischen Abspaltung von der Union (den Vereinigten Staaten) und im darauffolgenden Bürgerkrieg (1861-1865) für den Fortbestand der Sklaverei gekämpft. Heute zählen die Symbole der Konföderierten (unter anderem die Confederate flag) zu den Insignien der politischen Rechten und Ultrarechten in den USA. Daher wird vielfach der Abbau der Statuen von Jefferson Davis, dem ersten und einzigen Präsidenten der Konföderation, und Robert E. Lee, dem Oberbefehlshaber des Konföderierten Militärs, gefordert. Um eine Statue des Letzteren gab es bei Demonstrationen in Charlottesville, Virginia im August 2017 gewaltsame Auseinandersetzungen. Eine Koalition rechtsextremer Gruppen hatte zu der Veranstaltung unter dem Slogan "Unite the Right!" aufgerufen – bei der anschließenden Eskalation starb eine Gegendemonstrantin. Kritikerinnen und Kritiker des Südstaatenkults sehen in der Bewahrung der Monumente eine Verharmlosung von Rassismus und Menschenverachtung.
Auf dem Sockel der Statue von General Robert E. Lee in Richmond, Virginia, wird ein Weihnachtsbaum geschmückt.Der Sockel der Statue von General Robert E. Lee, dem Oberbefehlshaber des konföderierten Heeres im Amerikanischen Bürgerkrieg, in Richmond, Virginia, ist mit Graffiti und Farben verschmiert. (© picture-alliance/AP, Jacqueline Larma)

Mit Blick auf die Statuen und Denkmäler für die Konföderierten und ihre Kriegshelden formuliert die Schriftstellerin Siri Hustvedt in ihrem Essay "Tear them down" ("Reißt sie nieder") eindeutige Forderungen und zieht explizit einen Vergleich zu Deutschland.[6] Was, so Hustvedt, würde ein US-amerikanischer Tourist denken, wenn er beim Bummeln durch deutsche Städte an jeder Ecke Statuen von Hitler, Goebbels und Göring, Hakenkreuzen an Häusern und Nazi-Fahnen an offiziellen Gebäuden und Sportstadien begegnen würde? In Deutschland, so Hustvedt weiter, sei mit gutem Grund eine solche Zurschaustellung illegal. Der diesem Denkexperiment unterliegende Vergleich ist freilich gewagt und soll provozieren.

Die US-amerikanische Erinnerungskultur steht bald wieder vor der Herausforderung, "affektive Dissonanzen"[7] und andere Widersprüche zu bearbeiten, wenn es um die Feiern zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit geht: Die Planungen für den 4. Juli 2026 haben bereits begonnen. Auch hier geht es wieder um Fragen der Zugehörigkeit und Inklusion, die bereits die Herausgeber des Bandes "Whose American Revolution Was It?"[8] beschäftigt hat: Wessen Unabhängigkeit soll hier gefeiert werden? Wer sind die Idole dieses Ereignisses? Wie kann ein Programm aussehen, das rückblickend dem Ereignis der Staatsgründung multiperspektivisch allen Bevölkerungsgruppen, Staatsbürgerinnen und -bürgern gleichermaßen gerecht wird? Ob dies gelingen kann und wird, bleibt abzuwarten.

Fußnoten

1.
Assmann, Aleida. Die Wiedererfindung der Nation: Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen. München: C.H. Beck, 2020, S. 14-15.
2.
Assmann, Jan. "Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität." In: Kultur und Gedächtnis, hrsg. von Jan Assmann und Tonio Hölscher. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1988, S. 9-19.
3.
Frevert, Ute et al. Gefühlswissen: Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 2011.
4.
Paul, Heike. Amerikanischer Staatsbürgersentimentalismus: Zur Lage der politischen Kultur der USA. Göttingen: Wallstein Verlag, 2021.
5.
Bushman, Claudia L. America Discovers Columbus: How an Italian Explorer Became an American Hero. Hanover, NH: UP of New England, 1992.
6.
Hustvedt, Siri. "Tear Them Down: Old Statues, Bad Science, and Ideas that just won’t Die." In: Common Grounds? American Democracy after Trump, hrsg. von Cedric Essi, Heike Paul und Boris Vormann. Sonderausgabe Amerikastudien/American Studies 66, Bd. 1, 2021, S. 37-45.
7.
Ladino, Jennifer K. Memorials Matter: Emotion, Environment and Public Memory at American Historical Sites. Reno: U of Nevada P, 2019.
8.
Young, Alfred F. und Gregory H. Nobles. Whose American Revolution Was It?: Historians Interpret the Founding. New York: New York UP, 2011.