Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

5.4.2016

M 03.01.05 Erols Sozialer Raum

Als Erol vierzehn Jahre alt war, zog er von Marburg nach Frankfurt. Der soziale Raum um ihn herum veränderte sich schlagartig. Er musste sich in einer neuer Stadt, einer neuen Schule und einer neuen Umgebung zurechtfinden.

Warum seid ihr nach Frankfurt gezogen?
Frankfurter Rotlichtviertel bei Nacht an der Kreuzung Elbestraße / NiddastraßeFrankfurter Rotlichtviertel bei Nacht Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Arne Hückelheim )


Als ich vierzehn Jahre alt war, sind wir von Marburg nach Frankfurt gezogen. Meine Mutter hatte nach der Scheidung einfach keinen Bock mehr und hat zeitgleich meinen Stiefvater kennengelernt. Die haben sich kennengelernt und verliebt. Dann waren da schon die ersten Ausflüge nach Frankfurt, weil er halt am Frankfurter Bahnhof gearbeitet hat. Er ist dann immer hin- und hergetravelt. Morgens zur Arbeit nach Frankfurt und abends nach Marburg. Wir haben uns gesagt, lass mal ein neues Leben anfangen. Außerdem hat meine Mutter ihren Meister als Friseurin in Frankfurt gemacht.

War der Umzug für dich eine Belastung?

Auf einmal lässt man alles zurück. Es war eine sehr große Hürde, die ich nehmen musste. Ich weiß noch wie ich morgens in irgendeine Schule musste. Ich kannte niemanden und ich musste alleine hin. Mein Stiefvater hat mich begleitet. Er hat gesagt: "Wenn irgendwas ist - du bist nicht alleine." Ich bin auf den Schulhof und wusste nicht, welche Klasse, welcher Raum und wie die Leute sind. Die erste Aufregung hat sich schnell gelegt. Dann gab es die ersten Tests von den Leuten, die auf der Schule waren, im Sinne von Zankereien. Ich bin ein Junge aus einer kleinen Stadt. Aber wenn du mich ärgerst, ärger ich dich doppelt zurück. Dann gab es die ersten Zankereien und Drohungen. Aber die Leute, mit denen ich mich gezofft habe, mit denen hatte ich später etwas zu tun. In der Schule in Frankfurt ist mir aufgefallen, dass es Cliquen gab. Man wurde gefragt, woher man kommt, aber es war nicht die Herkunft gemeint, sondern der Bezirk, in dem man wohnte. So etwas gab es nicht in Marburg. In Frankfurt gab es: Bist du aus der Nordi, bist du aus Borkenheim und woher kommst du? Wenn die Leute dich fragen, dann fragen die nicht nach deiner ethnischen Herkunft, sondern wo du lebst. Ich weiß nicht, ob es immer noch so ist.

Nach meinen ersten zwei, drei Zankereien war alles cool, der typische Scheiß. Ich war halt der Neue an der Schule... Dann hatte ich auch meine erste Beziehung über ein halbes Jahr. Neue Sachen, neues Klima, neue Leute kennengelernt. Ich wusste nicht, dass es Marokkaner gibt. Wir hatten Arabs. Wir haben nicht unterschieden in Tunesier oder Algerier. Ich habe viele vom Balkan kennengelernt. Ich weiß, warum die Serben nicht mit den Kroaten und die Serben nicht mit den Bosniern können. Die Welt öffnet sich. Es kann mit dem Alter zu tun haben. Ich hätte auch in Marburg die Erfahrungen machen können. Bei mir hat es eins zu eins gepasst. Ich habe aber in Frankfurt einen Umschwung mitgemacht.

Du bist gut zurechtgekommen in der neuen Gegend?

In der Schule musste ich mich beweisen. Das wirklich Schwierige war der Freundeskreis außerhalb der Schule. Du hast niemanden und kennst niemanden. Ich bin nur noch am Bahnhof gewesen, weil mein Stiefvater dort gearbeitet hat. Ich wusste auch nicht, wo ich hin musste oder wie man von A nach B kommt. Irgendwann habe ich Leute aus Borkenheim kennengelernt, weil die mitbekommen haben, dass ich rappe. Meine Mutter hat einem Nachbarsjungen die Haare geschnitten und dann hat man Menschen kennengelernt.

Früh habe ich hier Kriminalität erlebt: - Mit 14 hatten wir die ersten Schlagringe zuhause. - Jungs, die gekifft haben und den ganzen Müll - man kriegt da alles mit. Aber durch meinen Stiefvater habe ich "subtrahieren" gelernt: Man lernt darauf zu achten, was man brauchen kann und was man nicht brauchen kann. Auch wenn es cool ist, ein Kleinkrimineller zu sein: Diese Reise brauche ich nicht mehr angehen! Ich kenne dies aus meiner eigenen Familie. Wenn es abends war, musste ich zuhause sein, und wenn es geklingelt hat, durfte ich nicht an die Tür gehen. [...]

Quelle: Interview mit Erol Peker (Credibil) vom 08.03.2016, durchgeführt von Cornelius Knab

Aufgaben:
  1. Benenne die Gründe, welche, laut Erol, für den Wohnortswechsel von Marburg nach Frankfurt a.M. maßgeblich waren.
  2. Arbeite heraus, welche Entwicklungsaufgaben Erol in Folge des Umzuges nach Frankfurt bewältigen musste, und erläutere, wie er diese Entwicklungsaufgaben gelöst hat.
  3. Entwickle für Entwicklungsaufgaben, die sich Erol nach dem Umzug stellten, einen alternativen Lösungsweg, den er hätte einschlagen können. Wie wäre sein Leben dann vermutlich verlaufen?
  4. Erläutere, was Erol unter „subtrahieren können“ versteht. Diskutiere, ob die Herausbildung dieser Fähigkeit zu den Entwicklungsaufgaben im Jugendalter gehört.
  5. Nimm Stellung zu folgender These: Der Umzug nach Frankfurt war für Erol nicht nur mit Krisen und Konflikten verbunden, sondern stellte auch eine Chance für seine Entwicklung dar.
Das Arbeitsmaterial PDF-Icon M 03.01.05 Erols Sozialer Raum ist als PDF-Dokument abrufbar.


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