Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

5.4.2016

M 03.02.01 Dejan Panić: Meine Familie

Dejans Eltern sind mit Nichts nach Deutschland gekommen und haben trotzdem viel erreicht. Die Familie spielt in seinem Leben eine ganz besondere Rolle. Obwohl seine Vorstellungen bezüglich der Zukunft stark von der seiner Eltern abwichen, hat das gemeinsam Erlebte die Familie sehr eng zusammen wachsen lassen.

Welche Bedeutung hat Familie für dich?

Ich weiß nicht, ob das kulturell bedingt ist, aber Familie hat bei uns einen ganz hohen Stellenwert. Familie hat für mich eine sehr große Bedeutung. Ich merke das insbesondere, wenn wir Weihnachten haben, weil nur ein kleiner Teil meiner Familie in Deutschland lebt. Ich vermisse dann alle. Familienfeste wie Weihnachten werden bei uns sehr ausgiebig gefeiert. An Weihnachten in Deutschland sind wir immer nur zu viert: Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und ich.

Würdest du die Flucht vor dem Krieg in Jugoslawien als Krise für deine Familie ansehen?

In der konkreten Situation, als Kind damals, habe ich die Flucht aus Jugoslawien nicht als Krise wahrgenommen. Aber im Nachhinein schon. Man reflektiert, was der Familie passiert ist. Man hört die Geschichten und sieht die Unfallbilder. Ich denke: „Oh mein Gott, was ist meinen Eltern passiert! Was haben die durchlebt!“ Und durch diese Reflexion erkennt man diese Krise, die man als Familie hatte. Diese Krise hat mich betroffen. Ich musste sie jedoch nicht alleine tragen. Heute weiß ich, weshalb ich hier in Deutschland bin. Weshalb wir erst in einer Zweizimmerwohnung gelebt haben. Warum ich anfangs nicht die neuesten Schuhe bekommen habe.

Würdest du sagen, dass die Erlebnisse deiner Eltern, also Unfall und Flucht, für dich einen Ansporn dargestellt haben, immer weiter zu machen? In Sport und Schule immer höhere Ziele zu erreichen?

Ja, definitiv. Allein dadurch, was die so erlebt haben. Ich meine, wir sind nun einmal in erster Linie meinetwegen hier. Ohne mich wäre mein Vater nie nach Deutschland gegangen. Auch meine Mutter nicht. Und ich habe mir gesagt: Wenn ich hier in Deutschland bin, meine Eltern hier in Deutschland sind und es so schwer haben, dann muss ich auf jeden Fall hier irgendwas hinkriegen. Und irgendwann wollte ich nicht mehr nur aus diesem Grund etwas erreichen, sondern weil ich auch selber etwas erreichen wollte.

Glaubst du, dass du deinen Eltern etwas schuldig bist?

Nun ja, nicht schuldig, in dem Sinne, dass ich sagen würde: Das Konto ist jetzt wieder ausgeglichen. Ich bin ihnen eher dankbar. Ich bin dankbar dafür, dass sie bis heute so viel für uns tun. Ich würde selbst nichts anders machen als meine Eltern, ich würde es genauso machen. Meine Eltern haben viel erreicht, dafür, dass sie wirklich mit gar nichts nach Deutschland gekommen sind.

Haben deine Eltern dich dabei unterstützt, Fußballprofi zu werden?

Nein, nicht so sehr. Die haben nicht so sehr an mich geglaubt. Die haben gesagt: „Mach Schule, das ist wichtiger.“ Klar, wenn ich Kinder hätte, würd´ ich denen auch sagen, dass Schule wichtig ist. Meinen Bruder, der inzwischen auch sehr gut spielt, unterstützen sie jetzt mehr. Auch, weil sie vielleicht durch mich gesehen haben, was man schaffen kann. Aber bei mir haben sie nicht wirklich so an mich geglaubt. Vielleicht dadurch bedingt, dass sie so viel erlebt haben, weil sie den sicheren Weg für mich nehmen wollten. Die haben mich zwar unterstützt, wenn ich mal zum Spiel gefahren werden musste als Kind, das ja. Aber die haben nie gesagt: „Du wirst Profi. Du schaffst das!“ Das haben die nie gesagt. Für mich war das ein Ansporn – nach dem Motto: Jetzt erst recht!

Du hast bereits gesagt, dass du immer das Gefühl hattest, deinen Eltern etwas zurückgeben zu müssen, weil sie so viel auf sich genommen haben. Glaubst du, dass deine Fußballkarriere dazu im Widerspruch gestanden hat?

Nein, weil ich mit Fußball niemandem geschadet habe. Ich habe niemanden Geld gekostet. Niemandem etwas genommen. Das klingt vielleicht hart, aber ich würde bis heute nichts machen, nur um jemandem zu gefallen. Am Ende macht man die Dinge, die man tut, doch für sich selbst.

Glaubst du, dass du durch die Erlebnisse von Flucht und Migration ein anderes Verhältnis zu deinen Eltern, Großeltern und deinem Bruder hast, als andere es haben?

Ich glaube alle Familienverhältnisse sind anders, aber ich glaube auch, dass das Erlebnis der Flucht nach Deutschland uns sehr stark verbindet. Jedes Mal, wenn wir nach Serbien fahren, sprechen wir über das, was passiert ist: Der Unfall. An den Grenzen hat man Angst. Ja, so ein Erlebnis, das verbindet einen schon. Besonders, was meine Großeltern betrifft. Wenn ich runter nach Serbien komme, wird nur daran gedacht, dass ich der kleine Junge war, der den Autounfall erlebt hat und erst einmal ohne Eltern aufwachsen musste.

Quelle: Interview mit Dejan Panić* vom 18.03.2016, durchgeführt von Lisa Schenkel (*Name von der Redaktion geändert)

Aufgaben:
  1. Analysiere, wie das Engagement von Dejans Eltern sein Selbstkonzept und seine Einstellung zum Leben beeinflusst haben.
  2. Arbeite heraus, wie die Eltern und der Sohn mit unterschiedlichen Vorstellungen über das Ziel, Profifußballer zu werden, umgegangen sind.
  3. Entwickle Hypothesen zu der Frage: Wie gelingt es Dejan Panić aus soziologischer Sicht, die Erlebnisse der Flucht zu verarbeiten?
  4. Vergleiche deine Hypothesen mit den Aussagen des Soziologen Prof. Grundmann zur Verarbeitung von Krisenerfahrungen (Materialien M 02.16 und M 02.17).
Das Arbeitsmaterial PDF-Icon M 03.02.01 Dejan Panić: Meine Familie ist als PDF-Dokument abrufbar.


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