Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

5.4.2016

M 03.02.05 Dejan Panić: Wie ich in Deutschland zurecht kam

Die erste Zeit in Deutschland war für Dejan und seine Familie sehr schwierig. Sie mussten sich an ein neues Umfeld gewöhnen und hatten mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Dieser Interviewausschnitt geht ausführlich auf die Gründe ein, welche ein Verlassen des „Sozialen Raumes“ bedingen. Es lassen sich Parallelen zur heutigen Flüchtlingskrise ziehen.

Warum habt ihr euch dazu entschlossen, Jugoslawien zu verlassen?

1988, als ich geboren bin, hat sich die Krise in Jugoslawien bereits abgezeichnet. Man hat zwar noch nicht vom Krieg gesprochen, aber eine schwierige Zeit stand bevor. Daher sind wir, als ich etwa ein Jahr alt war, bereits einmal nach Deutschland aufgebrochen. Die Eltern meines Vaters, also meine Großeltern, lebten schon dort. Wir haben also unsere ganzen Sachen eingepackt und haben uns auf den Weg gemacht. In Österreich hatten wir dann einen sehr schweren Autounfall, da ein LKW-Fahrer hinter uns eingeschlafen und voll reingefahren ist. Meine Eltern waren lebensgefährlich verletzt. Nach dem Unfall waren meine Eltern zehn Monate im Krankenhaus und ich wurde von meinem Opa und meinem Onkel abgeholt und bin mit denen zurück nach Serbien, bzw. Jugoslawien. Weil in der Zwischenzeit der Krieg ausgebrochen war, konnten wir nicht direkt wieder nach Deutschland reisen, es war zunächst zu gefährlich, die Grenze im Norden Serbiens zu überqueren. Meine Eltern haben daher noch etwas gewartet.

Dann sollte mein Vater zur Armee eingezogen werden, obwohl er durch den Unfall sehr schwer verletzt worden war. In Deutschland wäre er vermutlich ausgemustert worden, aber dort, in Serbien, hätte er in den Krieg gemusst. Er hatte Angst, politisch verfolgt zu werden, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre. Weil die Eltern meines Vaters in Deutschland lebten, hatte er aber das Recht, nach Deutschland auszureisen. Und dann hätten die ihm nichts tun können. Meine Mutter hat meinen Vater dann überredet zu gehen. Sie hat gesagt: „Denk an das Kind! Stell dir vor, dir passiert etwas im Krieg. Dann muss er ohne Vater aufwachsen.“

Als ich fünf Jahre alt war, sind wir daher nach Deutschland gekommen. Ich weiß noch, dass wir auf der Flucht an der ungarischen Grenze angehalten wurden, von serbischen Soldaten. Die haben meinen Vater, mit Maschinengewehren auf jeder Seite, aus dem Auto geholt. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Er musste sich an eine Wand stellen und wurde kontrolliert. Ich dachte: „Die erschießen den jetzt!“ Und ich erinnere mich an den Blick meiner Mutter. Ich habe gesehen, dass sie sehr große Panik hatte. Wir mussten dann auch an der Grenze übernachten, im Auto allerdings. Mein Vater musste die Soldaten begleiten. Die haben nochmal alle Papiere kontrolliert. Da die Papiere in Ordnung waren und mein Vater legal nach Deutschland reisen durfte, haben die ihn dann schließlich gehen lassen, und wir sind nach Deutschland.

Hat deine Nationalität nach der Flucht nach Deutschland eine Rolle gespielt?

Ja, direkt am ersten Tag im Kindergarten war das ein Thema, weil mit mir noch ein Kroate und ein Albaner ihren ersten Tag dort verbrachten. Alle drei Nationen, denen wir angehörten, waren Konfliktparteien des Krieges. Unsere Eltern sind zur Erzieherin gegangen und haben gesagt: „Die drei könnt ihr nicht zusammenstecken. Das gibt Mord und Todschlag.“ Und dann hat die Erzieherin nur gesagt: „Die drei sind Kinder. Die wissen davon gar nichts.“ Und so war es dann auch. Wir wurden sogar beste Freunde, im Kindergarten.

Gab es in Deutschland nach eurer Flucht Situationen, die für deine Familie und dich besonders schwierig waren?

Ja. Durch den Unfall konnte mein Vater nicht in seinem alten Beruf weiterarbeiten, er musste eine Umschulung machen. Wir sind dann in eine Stadt in Westfalen gezogen. Meine Mutter war unter der Woche immer allein mit mir. Die Zeit war für meine Eltern sehr, sehr schwierig. Wir haben nur in einer kleinen Zweizimmerwohnung gelebt. Ich habe mit meinen Eltern in einem Zimmer geschlafen, bis ich zehn war. Es hat lange gedauert, bis wir finanziell auf eigenen Beinen stehen konnten. Als wir dann in eine neue Wohnung umgezogen sind, ging es bergauf.

Hast du als Kind gemerkt, dass es für dich schwieriger war als für andere Kinder?

Schon. Mein erster deutscher Freund in der Grundschule, der neben mir gewohnt hat, hatte immer die tollsten Sachen. Damals war das die Playstation. Der hat das immer sofort gekriegt und wir nicht. Ich wollte aber nie erzählen, dass meine Eltern kein Geld hatten. Ich wusste ja, woran das lag. Ich hab immer versucht, das cool rüber zu bringen. Ich hab gesagt, dass ich all das nicht brauche. Ich wollte das natürlich schon, aber ich habe versucht, mich zurück zu nehmen. Das ging nicht immer, aber bei den teuren Sachen schon. Ich habe auch kein Taschengeld bekommen. Für mich war Taschengeld etwas ganz Untypisches. Ich kannte sowas gar nicht. Als die anderen Kinder gesagt haben, sie bekommen im Monat 10 Mark, war das für mich was ganz Neues.

Quelle: Interview mit Dejan Panić* vom 18.03.2016, durchgeführt von Lisa Schenkel (*Name von der Redaktion geändert)

Aufgaben:
  1. Stelle anhand dieses Falles dar, wie politische Ereignisse und Kriege die Sozialisation eines Jugendlichen beeinflussen und Krisen verursachen können.
  2. Beurteile die Entscheidung der Erzieherin, die Kinder der Konfliktparteien auf dem Balkan zusammen spielen zu lassen - berücksichtige dabei, was du über Sozialisation weißt. Welche Alternativen gäbe es?
  3. Erörtere am Beispiel der finanziellen Situation von Dejan Panić den Zusammenhang zwischen sozialem Milieu und Sozialisation. Beachte dabei die aktive Strategie, die Dejan Panić für sich gewählt hat, um die „Benachteiligungen“ zu überstehen.
  4. Formuliere im Anschluss an die soziologische Analyse des Falles Dejan Panić Thesen zu der Frage: Worauf sollten wir achten, wenn fremde Jugendliche in eine Klasse, Gruppe oder in ein Wohngebiet kommen?
Das Arbeitsmaterial PDF-Icon M 03.02.05 Dejan Panić: Wie ich in Deutschland zurecht kam ist als PDF-Dokument abrufbar.


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