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Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

5.4.2016

M 03.03.03 Cornelia Dazer: Die Allmacht des Staates

Der Staat war in der DDR allgegenwärtig. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen System war nicht möglich, ohne Repressalien zu erdulden. Das Material beschreibt anschaulich, welche Konsequenzen Nonkonformität dort zur Folge hatten.

Wie war dein Verhältnis gegenüber anderen Jugendorganisationen bzw. Institutionen?

Kurz vor der Schule war ich der Meinung, dass ich nicht in die Jungpioniere muss, obwohl dort 99,9 Prozent eines Jahrgangs erfasst wurden. Da war schon so ein kleines bisschen Rebellion in mir. Ich war aber in etlichen Sportvereinen. Aber dieser Zwang sich mit politischen Themen auseinandersetzen zu müssen, ohne Kritik üben zu dürfen, das war fürchterlich. Das war einfach nichts für mich. Ich war im Mathe-Spitzen-Zirkel und im Chemieklub; im Sport war ich überall, lange Jahre Geräteturnen und Handball.

Was hat euch dazu bewogen einen Ausreiseantrag zu stellen?


In unserem Leben gab es viele Schikanen. Da ein Bruder meines Mannes in West-Berlin geblieben ist, gab es Sippenrache für alle. Das haben wir alle zu spüren bekommen. Mein Mann wurde dann zur Armee einberufen und kam ganz weit weg, soweit es nur eben ging. Da hat die Stasi auch ihre Finger drin gehabt. Er bekam auch keinen Urlaub. Als wir heiraten wollten, haben wir unseren Hochzeitstermin extra so gelegt, dass er einmal eine Woche Urlaub bekommen musste.

Ich wollte die Ausreise eigentlich schon immer. Meinen Mann musste ich überzeugen. Ausschlagend war, dass sein Onkel drüben geblieben ist und seine Brüder aus der Partei ausgetreten sind. Wir haben 1985 den Antrag gestellt. Die Verhaftung des Bruders meines Mannes war das i-Tüpfelchen. Er wurde auf offener Straße verhaftet, weil er öffentlich in der Zeitung Kritik betrieben hat. Die Zeitungskritik hat keinem wehgetan, aber es war ein Grund, ihn für über ein Jahr [in den Stasi-Knast] nach Bautzen zu schicken. Dann sind wir jede Woche zum Ministerium des Inneren und sind dort vorstellig geworden. Man wusste jedes Mal nicht, ob man dort wieder rauskommt. Deshalb ist meistens nur einer aufgrund unseres Kindes dorthin gegangen. Es lief immer gleich: Ein neues Schreiben, dieses wurde abgelehnt und so weiter. Dann wurde man wieder vorstellig zum Gespräch und so weiter. Es hat knapp drei Jahre gedauert bis zum Freitag den 5.Mai 1989. Es war genau zwei Tage vor der letzten Wahl. Zur Wahl gingen wir eh schon ewig nicht mehr. Vor der letzten Wahl sind wir an einem Freitagmittag zum Ministerium bestellt worden, wir sollten uns nun überall abmelden. Wasserwerke etc. Überall dort, wo du Freitag nach dem Mittag niemanden mehr antriffst. Das war ebenfalls reine Schikane. Dieser Zettel, auf dem alle Abmeldungen eingetragen werden sollten, wurde uns am Samstag von einem Mitarbeiter abgenommen, dieser schaute ihn nicht einmal an und nahm uns die Pässe weg. Wir sollten dann am Samstag bis 13 Uhr die DDR verlassen haben.

Quelle: Interview mit Cornelia Dazer vom 16.03.2016, durchgeführt von Cornelius Knab

Aufgaben:
  1. Beschreibe die Maßnahmen, mit denen der DDR-Staat versucht hat, normkonformes Verhalten bei der Schülerin Cornelia Dazer zu erzwingen.
  2. Erläutere, warum es gerade für eine gute Schülerin wie Cornelia Dazer schwer ist, die Willkür und Zwangsmaßnahmen des Staates zu ertragen.
  3. Charakterisiere, a) wie sich diese von Cornelia Dazer erlebten Maßnahmen auf die Identifikation mit dem Staat auswirkten und b) wie dadurch die Ausreiseabsicht gestärkt wurde.
  4. Erörtere, wie Cornelia Dazer mit ihrer Familie den staatlichen Druck in der DDR verarbeitet hat. Beachte dabei den Zusammenhang zwischen Sanktionen, Krisenerfahrungen und -verarbeitung, Zusammenhalt der Bezugsgruppe und Verlassen des Landes.
Das Arbeitsmaterial PDF-Icon M 03.03.03 C. Dazer: Die Allmacht des Staates ist als PDF-Dokument abrufbar.


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