Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

1.11.2016 | Von:
Wolfgang Sander

Die Rollentheorie

Die Physik hat in der Mechanik ein hervorragendes begriffliches Instrumentarium geschaffen, um bestimmte Vorgänge in der Natur, die mit Kraft, Arbeit, Masse, Energie und Beschleunigung zu tun haben, zu verstehen und berechenbar zu machen, ja sogar zu gestalten. In ähnlicher Weise sucht die Soziologie nach Elementarkategorien, um zu verstehen, wie Gesellschaft funktioniert und wie wir unser Verhalten untereinander zuverlässig abstimmen können. Die Rollentheorie bietet nach Auffassung des Soziologen R. Dahrendorf diese Begrifflichkeit.

Quellentext

Die Rollentheorie nach Auffassung des Soziologen R. Dahrendorf

(1) Soziale Rollen sind … quasiobjektive, vom Einzelnen unabhängige Komplexe von Verhaltensvorschriften.
(2) Ihr besonderer Inhalt wird nicht von irgendeinem Einzelnen, sondern von der Gesellschaft bestimmt und verändert.
(3) Die in Rollen gebündelten Verhaltenserwartungen begegnen dem Einzelnen mit einer gewissen Verbindlichkeit des Anspruches, so dass er sich ihnen nicht ohne Schaden entziehen kann.

Quelle: Dahrendorf, R. (1965): Homo sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle, 5. Aufl., Köln – Opladen: Westdeutscher Verlag (1. Aufl. 1958), S. 27 f.
Die Stabilität des Verhaltens wird entsprechend der Verbindlichkeit durch Muss-, Soll- und Kann-Erwartungen gesteuert. Abweichungen von der Norm werden kontrolliert und sanktioniert. Aus der Sicht der Rollentheorie ist Sozialisation genau der Vorgang, indem der Akteur (bewusst oder unbewusst) eine Rolle übernimmt und bereit ist, die Erwartungen der wichtigen Bezugsgruppen und –personen zu beachten und unter Berücksichtigung der geltenden Normen sowie der möglicherweise drohenden Sanktionen adäquates Verhalten zu zeigen. Rollenkonflikte entstehen dann, wenn die Erwartungen der Bezugsgruppen bzw. -personen sich widersprechen und der Rolleninhaber gehalten ist, nach einem (Druck-)Ausgleich zu suchen. Eine Krise entsteht für den Rolleninhaber dann und in dem Maße, als ein Ausgleich der widersprüchlichen Erwartungen nicht möglich erscheint. Das Rollenkonzept macht deutlich, wie der einzelne, indem er eine Rolle übernimmt, sich in der sozialen Umwelt orientiert und zu sozial angepasstem Verhalten gelangt. Die Übernahme sozial vorgeformter Rollen gibt ihm und der sozialen Umwelt Berechenbarkeit und soziale Sicherheit.

Das rollentheoretische Sozialisationskonzept ist zur Analyse sozialer Bereiche wie Polizei, Militär, Verwaltung, Betriebe und sozialer Einrichtungen mit "uniformiertem Personal" oder auch Straßenverkehr durchaus einsetzbar, da hier klare Rollenbeschreibungen vorliegen und die Durchsetzung der Vorschriften durch rigide Sanktionen bei Abweichungen erreicht wird, was in hohem Maße Sicherheit und Berechenbarkeit garantiert. Aber viele soziale Beziehungen in unserer Zivilgesellschaft sind eher das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, die sich dann auch schnell wieder ändern können. Auch viele soziale Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, der Jugendlichen untereinander wie auch die des Kultur- und Freizeitbetriebes sind eher von der Art, dass sie flexibel und individuell gestaltet und weitgehend durch die Akteure bestimmt und ausgehandelt werden. Es ist ein Kennzeichen der zivilen Gesellschaft, dass viele soziale Vereinbarungen in hohem Maße auf freiwilliger Übereinkunft beruhen. Es wäre daher verfehlt, das statische Rollenmodell zur Analyse dieser Teile der Gesellschaft einzusetzen und die so gewonnenen sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Grundlage von Gestaltungsvorschlägen zu machen. Freiwillige Vereinbarungen sind ein hohes Gutes in einer Zivilgesellschaft. In der Familie, Schule und im Unterricht lernen Jugendliche, wie solche zivilen Prozesse zu gestalten sind und wie auf dieser Basis "gute Gewohnheiten" entwickelt, ausgehandelt, verändert und etabliert werden können. Um soziale Vorgänge dieser Art adäquat beschreiben zu können bedarf es eines offeneren Sozialisationskonzeptes.

Außerdem: Die Rollentheorie führt zwar holzschnittartig in die Mechanik der in hohem Maße berechenbaren Teile der Gesellschaft ein, aber Innerhalb dieses Konzeptes können die Akteure (z.B. Jugendliche) nicht einmal ansatzweise erörtern, ob das Verhalten verantwortlich (fair, gerecht, solidarisch, moralisch vertretbar) ist oder nicht, da es eine rein analytisch funktionale Betrachtungsweise unterstützt und wertende Stellungnahmen völlig ausklammert, was angesichts von Phänomenen wie Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Fundamentalismus, Radikalismus, Unterdrückung und Sexismus für die Vermittlung von Orientierungswissen deutlich von Nachteil ist.


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