Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

1.11.2016 | Von:
Wolfgang Sander

Das Konzept von Sozialisation als Beziehungspraxis

In der Rollentheorie bedeutete Sozialisation vorrangig Integration des Subjektes in die Gesellschaft durch Rollenübernahme. Der Symbolische Interaktionismus erfasste auch Spielräume der Akteure bei der Gestaltung von sozialer Wirklichkeit, a) weil steuernde Erwartungen (Normen) immer Bedeutung haben, die von den Akteuren interpretiert werden müssen und b) weil soziale Beziehungen häufig ausgehandelt und gestaltet werden müssen, was ebenfalls eine Beteiligung der Akteure erforderlich macht.

Der sich andeutende Paradigmenwechsel von der Vergesellschaftungsfunktion zur Individualfunktion wurde dann im Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Subjektes in Gänze vollzogen. Die große Erklärungskraft der subjektorientierten Sozialisation wird besonders dort deutlich, wo es um die Lösungen von Entwicklungsaufgaben geht, die von den heranwachsenden Individuen in der "Risikogesellschaft" (Beck) zu erbringen sind. Allerdings führt dieser Ansatz zu einer Vernachlässigung der Meso- und Makroebene von Gesellschaft, also der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Strukturbedingungen von Sozialisation. Die individuelle Handlungsbefähigung und die struktur-genetische Voraussetzungen (Sozialstruktur, Milieu, Lebenswelten, Kultur) von Sozialisation werden im Konzept von Sozialisation als Beziehungspraxis stärker berücksichtigt (vgl. Grundmann 1999; ders. 2015).

Diese anspruchsvolle Aufgabe, die Entwicklung der Handlungsbefähigung der Subjekte an lebensbereichsspezifische Voraussetzungen zu knüpfen, stellt den programmatischen Kern dieses Sozialisationskonzeptes dar. Sie wird verknüpft mit der Feststellung, dass es in der Gesellschaft erstaunlicherweise immer wieder gelingt, trotz aller persönlichen Erfahrungsdifferenzen und –bedürfnisse "gemeinschaftliche Handlungspraxen" aufzubauen. Ohne diese Gemeinsamkeiten würde Gesellschaft nicht funktionieren und Kommunikation wäre unmöglich. Sozialisation ist der Motor, der diesen sozialen Zusammenhalt bewirkt und verstärkt: "Sozialisation verweist damit stets auf das Bemühen des Menschen, subjektive Wahrheiten, Zweifel, partikulare Interessen, Besonderheiten und soziale Tatsachen wie sprachliche Konventionen, Rollenerwartungen oder institutionelle Handlungsstrukturen, die die Handlungsoptionen von Akteuren rahmen, miteinander in Einklang zu bringen und so zu gestalten, dass sie als Handlungssicherheit und soziale Zugehörigkeit annoncieren." (Grundmann 2015 S. 165) Wurde bisher in der Sozialisationsforschung weitgehend darauf geachtet, wie sich der einzelne einpasst, wie Konformität erzeugt wird, so geht es jetzt darum, die Handlungsbefähigung der Subjekte zu untersuchen und zu stärken.

Der Erkenntnisgewinn dieses Ansatzes besteht darin, die Rationalität der jeweiligen sozialen Praxis eruieren zu können bzw. zu wollen – das ist vielfach noch ein Programm, das zwar im Bereich der Bildungsforschung schon gestartet wurde (vgl. Grundmann 1999), das es aber in vielen anderen Bereich noch einzulösen gilt. Die Sozialisationsforschung fragt nun: Was befähigt Heranwachsende, "mit den in ihren Lebenswelten vorherrschenden ‚Handlungsrationalitäten‘ und ‚Handlungsoptionen‘ umzugehen und selbst gegen die ‚Widrigkeiten‘ ihres Lebens eine Persönlichkeit auszubilden, die es ihnen ermöglicht, sich zu entfalten." (ebd. S. 21) In Fortführung des Capability-Ansatzes und im Anschluss an die politischen Philosophen Sen und Nussbaum geht es nach Grundmann dann nicht mehr nur um die egalisierende Bereitstellung von wichtigen Ressourcen zur Förderung der Benachteiligten (im Sinne von Wohlfahrtproduktion und –verteilung "von oben"), sondern darum, die Handelnden in ihrem je spezifischen Alltag zu befähigen, ihre soziale Situation selbst "besser" zu verstehen und ihren Vorstellungen gemäß selbstständig zu gestalten. Die Bewältigung von Krisen hängt eng mit dem Persönlichkeitsprofil und der Ressourcenausstattung zusammen: "Eine ausgeprägte Handlungsfähigkeit erhöht die Verwirklichung von Handlungszielen selbst unter restriktiven Bedingungen." (Grundmann 2010, S. 30)

Das ungelöste Normproblem belastet auch diesen empirisch-analytischen Forschungsansatz mit dem Vorwurf des normativen Defizits bzw. des Indifferentismus, da hier nur ein negativer Freiheitsbegriff erkennbar ist (Freiheit von Zwang). Die verbesserte Erkenntnis einer gemeinsamen Beziehungspraxis verbunden mit einer intendierten Erhöhung von Solidarität, Handlungssicherheit und Optimierung des sozialen Miteinanders führt nicht per se und automatisch zu einer humaneren Gesellschaft, denn Solidarität kann von oben und unten hergestellt werden, wie die Mobilisierung von Massen in der Neuzeit gezeigt hat, ist also kein Qualitätsmerkmal für verantwortliches Handeln.

Zur Analyse der Situation gehört es in diesem Konzept nicht nur, die Überlebensfähigkeit der Subjekte zu stärken (s. Resilienzansatz), sondern ausdrücklich auch, die Frage nach den strukturellen Voraussetzungen für krisenhafte Entwicklungen zu stellen, von denen die Menschen betroffen sind - mit der denkbaren Konsequenz, "dass die sozialen Verhältnisse verändert oder gar aufgekündigt werden müssen" (Grundmann 2015 S. 167). Aber das für die politische Bildung bedeutsame Problem, wann Anpassung und wann Widerstand geboten ist, wird innerhalb dieses Ansatzes nicht thematisiert. Insofern bleibt auch dieses Konzept, was die Lösung der normativen Orientierung in Krisensituationen angeht, unklar, wertneutral und indifferent. Aber es bereitet den Boden für eine Lösung vor, denn es attestiert den Menschen in ihrer sozialen Praxis tendenziell eine hohe Handlungsrationalität und dass sie grundsätzlich die Fähigkeit besitzen, in ihrem Alltag ihre Probleme verantwortlich zu lösen, wenn minimale Bedingungen (Existenzminimum) gegeben sind.


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