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1.11.2021 | Von:
Ludmila Chládková

Die Betstube von Theresienstadt

Dieser Lagerraum eines früheren Beerdigungsinstituts wurde zu einem jüdischen Gebetsraum mit wertvollen Verzierungen von Artur Berlinger, einem Gefangenen aus Schweinfurt in Bayern, der in Auschwitz ermordet wurde.

Betstube in TheresienstadtBetstube in Theresienstadt, Shared History Projekt. (© Památník Terezín, Foto: Petr Osvald)

Das Objekt

Betstube in Theresienstadt
Das im November 1941 in Theresienstadt (Terezín) eingerichtete Ghetto, ein Sammel- und Durchgangslager für jüdische Gefangene, war Teil des nationalsozialistischen Systems für die "Endlösung der Judenfrage". In den Mauern der zwischen 1780 und 1790 von Kaiser Joseph II. erbauten Festungsanlage hielten die Deutschen Jüdinnen und Juden aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Dänemark, der Slowakei, Ungarn und vor allem aus dem Protektorat Böhmen und Mähren gefangen. Für die meisten Gefangenen war das Ghetto Theresienstadt ein Lager, von dem aus sie später in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. Zehntausende seiner Insassen starben dort in den Gaskammern, an Hunger, Krankheit oder der anstrengenden Zwangsarbeit. Nur wenige Gefangene verblieben im Ghetto und erlebten das Ende des Krieges.

Historischer Kontext

Im Bestreben, Ruhe und Ordnung zu wahren, tolerierten die Nazis gewisse Aktivitäten im Ghetto, einschließlich der Gottesdienste der überwiegend jüdischen Insassen.
Das Haus an der Dlouhá-Straße 17, in dem die jüdische Betstube aus der Zeit des Video-Icon Ghettos entdeckt und Ende des 20. Jahrhunderts der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg einem Mann namens František Bubák. Viele Jahre lang betrieb er dort ein Bestattungsunternehmen für die Einwohner Terezíns und der Umgebung. Die Leichenwagen waren in der Scheune im Hof seines Hauses untergestellt. In den Nebengebäuden baute und lagerte er Särge und verwahrte sonstiges für Beerdigungen benötigtes Gerät. Wie alle anderen Bewohner der Stadt musste auch die Familie Bubák ihr Haus und die Stadt verlassen, als diese 1942 in einziges großes Gefängnis umgebaut wurde.

Schon in den frühen Tagen des Ghettos, als die Gefangenen noch ausschließlich in Baracken lebten, suchten sie leer stehende Dachböden auf, um dort ihre Religion auszuüben. Während der gesamten Existenz des Lagers befanden sich die Anlaufstellen und Treffpunkte für jüdische und christliche Gottesdienste größtenteils in Dachböden. Die schlichte Ausstattung dieser Orte ermöglichte es in vielen Fällen, dass Jüdinnen und Juden verschiedener Glaubensrichtungen ihre Gottesdienste in ein und derselben Betstube halten konnten, gleich in welcher Form sie praktizierten. Es kam durchaus auch vor, dass nach dem Gottesdienst im Dachboden eine Aufführung kultureller Art stattfand, da es für diese ebenfalls keine geeigneten Räumlichkeiten gab.

Um im Ghetto Ruhe und Ordnung zu fördern, tolerierten die Deutschen manche Aktivitäten, darunter auch die Gottesdienste der größtenteils jüdischen Insassen. Im Vorfeld des Besuchs einer Delegation des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Theresienstadt starteten die Deutschen eine "Verschönerungskampagne". Die Insassen bekamen Bücher und verschiedene Gegenstände sowie liturgisches Gerät für Gottesdienste und technische Ausrüstung für kulturelle Veranstaltungen. Darüber hinaus wurde es den Gefangenen erlaubt, ihre Betstuben zu renovieren.

Der Lagerraum hinter dem ehemaligen Haus der Familie Bubák wurde zu einer jüdischen Betstube mit exquisiter Ausgestaltung seiner Mauern und Decke durch Artur Berlinger, einem aus dem fränkischen Schweinfurt stammenden Gefangenen, der schließlich in Auschwitz ermordet wurde. Mit den fachgerecht ausgeführten Wandmalereien und Inschriften schuf Berlinger eine Atmosphäre der Erbaulichkeit für die aus den Nachbarhäusern zum Gebet zusammenkommenden Gläubigen. In diesem Raum hatten sie Gelegenheit zur Versenkung im Gebet, hier konnten sie Gott im Geiste nahe sein, obwohl sie hinter den Mauern von Theresienstadt gefangen waren.

Die Qualität der Malereien machte den Raum unter den vielen provisorischen Betstuben im KZ einzigartig. Im Sommer 1942, als die ganze Stadt zu einem Ghetto verwandelt worden war, nutzten die Gefangenen auch andere Räume als Dachböden für religiöse Zwecke. Ehemalige Garagen, Keller, Lagerhäuser und die Schlafsäle in den Wohnhäusern wurden oft zu Gebetsorten umfunktioniert.

1943 fertigte Berlinger ein Selbstporträt an, auf dem er in seiner Betstube im Gewand eines Kantors zu sehen ist. Betend steht er einer Nische in der östlichen Wand des Raumes zugewandt, in die ein Gebetstisch gestellt worden war. Eine hebräische Inschrift schmückt die Wand: "Wisse, vor wem du stehst!" Die Zeichnung ist vom Künstler signiert.

Nach dem Krieg kehrte František Bubáks Familie in die Dlouhá-Straße 17 zurück. Sie gehörten zu den ersten Einwohnern von Terezín, die ihr Haus zurückbekamen. Das Bestattungsunternehmen bestand bis zum Jahr 1948, als alle Privatunternehmen der Tschechoslowakei verstaatlicht wurden. In den Jahren darauf nutzten Bubáks Nachkommen die ehemalige Betstube zur Aufbewahrung von allerlei nicht mehr benötigten ausrangierten Dingen. Der Raum wurde allerdings nie renoviert, sodass die Malereien an der Decke und die Texte an den Wänden unbeschädigt blieben.

Weil sie Angst vor Eingriffen des kommunistischen Regimes hatten, sprach die Familie in der Öffentlichkeit nicht über das besondere Baudenkmal aus der Zeit des Ghettos. So blieb die ehemalige Betstube unversehrt. Erst nach 1989 entschied sich die Familie, ihr Schweigen zu brechen.
Haus an der Dlouhá-Straße 17Haus an der Dlouhá-Straße 17 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Wikimedia)

Trotz der seitens der Gedenkstätte Theresienstadt in den frühen 1990er Jahren unternommenen Erhaltungsmaßnahmen an diesem besonderen Denkmal, sieht man doch, dass die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. Hinzu kommt die Flutkatastrophe vom August 2002, in der weite Teile des heutigen Terezíns überschwemmt wurden. Einige der Inschriften an den Wänden fielen der Flut zum Opfer. Nur die Fotos, die kurz nach der Wiederentdeckung des Denkmals und vor der Flut gemacht worden waren, zeigen den Zustand der Wände und der Decke noch so, wie man sie Ende des 20. Jahrhunderts vorgefunden hatte.

Persönliche Geschichte

Artur Berlingers Wandgemälde im Gebetsraum spendeten Gefangenen Trost auf der Schwelle zwischen Leben und Tod.
Artur (Ascher) Berlinger wurde am 30. Dezember 1889 in Würzburg; seine jüdisch-orthodoxe Familie gehörte zum angesehenen Bürgertum der Stadt. Artur schloss eine Ausbildung zum jüdischen Religionslehrer ab. Während des Ersten Weltkrieges diente er in der deutschen Armee. Nach seiner Rückkehr heiratete er und gründete eine Familie. Seine Frau Berta und er hatten zwei Töchter: Senta wurde 1921 und Rosie 1928 geboren. Sie lebten in Schweinfurt; in der unterfränkischen Stadt gab es eine große jüdische Gemeinde und eine höchst lebendige jüdische Kulturszene. Berlinger arbeitete als Religionslehrer, aber auch als Musiker und Musiklehrer. In der gesamten Region hatte er sich einen Ruf als Maler, Kalligraf und Kunsthandwerker erworben. Seine Arbeit ist Ausdruck seines tief empfundenen Glaubens, den er auch an seine Töchter weitergab.

Als das öffentliche Leben der Jüdinnen und Juden durch die Nürnberger Rassengesetze 1935 erheblich eingeschränkt wurde, richtete Berlinger in Schweinfurt eine Einraumschule für die Kinder der jüdischen Gemeinde ein und erteilte dort Unterricht. Dies endete mit den Novemberpogromen am 9. November 1938. Berlinger wurde festgenommen und im KZ Dachau interniert. Obwohl er das Lager vermutlich auf Grund seiner Verdienste und militärischen Auszeichnungen nach kurzer Zeit wieder verlassen durfte, schickte er seine Töchter Senta und Rosie mit dem Kindertransport nach England. Beide überlebten den Zweiten Weltkrieg; da sie viele Arbeiten ihres Vaters mitgenommen hatten, blieben diese der Nachwelt erhalten.

Berlinger leitete noch mehrere Jahre die jüdische Gemeinde seiner Stadt, bis fast alle Schweinfurter Jüdinnen und Juden deportiert worden waren. Er und seine Frau waren unter den letzten Personen, die am 21. September 1942 einen Befehl zum Abtransport nach Theresienstadt erhielten. Ihr aus München abgegangener Transport mit 681 Menschen kam am 24. September in Theresienstadt an. Nur 26 von ihnen sollten überleben.

Aus Urkunden des Archivs der Gedenkstätte Theresienstadt geht hervor, dass Artur Berlinger und seine Frau nach ihrer Ankunft in einem ehemals von Zivilisten bewohnten zweistöckigen Haus untergebracht wurden. Dort hausten 400 Menschen in 25 nach Geschlechtern getrennten Schlafsälen. Am 28. Januar 1943 wurden Artur und Berta Berlinger aufgefordert, sich zum Abtransport zu melden. Doch am nächsten Tag wurden sie von der sogenannten "Schleuse", einem Sammelpunkt für die Deportationen, wieder zurück in ihre Schlafsäle transportiert – ein Glücksfall für das Paar, da sie so weitere 20 Monate verschont blieben.

Mit seinen 53 Jahren gehörte Artur Berlinger zur Kategorie der Gefangenen, die zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde. Höchstwahrscheinlich arbeitete er in den Werkstätten des Lagers, in denen kunstgewerbliche Gegenstände, Galanterien und Kartonagen hergestellt wurden. Hier bekam er vermutlich Zugriff auf hochwertige Farben und sonstiges Künstlermaterial. Mit der Unterstützung seiner Mitgefangenen entdeckte Artur Berlinger einen leeren und unbewohnten Raum in einem eher kleinen Anbau im Hof des Hauses in der heutigen Dlouhá-Straße 17. Er entschied, den ungefähr 4 mal 5 Meter großen Raum mit Malereien und Texten zu verzieren und zu einer jüdischen Betstube umzugestalten. Durch seine vielfältigen Tätigkeiten im Dienste der Religion in Theresienstadt spendete Artur Berlinger vielen Menschen Trost und Zuspruch, deren Leben auf Messers Schneide stand.

Am 28. September 1944 wurde Artur Berlinger nach Auschwitz deportiert, wo er starb. Seine Frau Berta wurde acht Tage später, am 6. Oktober 1944, nach Auschwitz verschleppt. Auch sie kehrte nie zurück.

Im Jahr 2002 reiste Rosie Baum, die Tochter von Artur und Berta Berlinger, mit ihrer eigenen Tochter nach Terezín und besichtigte die Betstube ihres Vaters. Sie kannte seine früheren Arbeiten und seinen Stil und war überzeugt, dass ihr Vater der Urheber sowohl der Dekorationen an der Decke als auch der Inschriften an den Wänden dieses einzigartigen Raumes war.

Über die Tätigkeiten ihres Vaters im Dienste der Religion in der Betstube während seiner zweijährigen Gefangenschaft im Ghetto Theresienstadt sagte sie: "Es war seine Art, seinen unerschütterlichen Glauben an eine höhere Autorität zu bezeugen. […] Er und Mutter mussten ihre Kinder und all ihren Besitz aufgeben. Das einzige, was ihnen noch blieb, war ihr Glaube […]."

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.

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