Die Route 66 in den USA

4.8.2021 | Von:
Julian Heissler

Strukturwandel in Pittsburgh:
Vom Kohlekumpel zum Pfleger

Im "Rust Belt" prägte früher die Kohle- und Stahlindustrie den Arbeitsmarkt – heute nehmen der Gesundheitssektor und soziale Berufe eine zunehmend dominante Rolle ein. Der Historiker Gabriel Winant spricht im Interview über den Strukturwandel der ehemaligen Industrieregion im Mittleren Westen der USA.

Ein Krankenhaus in Pittsburgh, Pennsylvania, hat auf einer Fassade den Schriftzug anbringen lassen: "Heroes work here" (deutsch: "Hier arbeiten Helden"). Aufnahme vom 17. Januar 2021.Ein Krankenhaus in Pittsburgh, Pennsylvania, hat auf einer Fassade den Schriftzug anbringen lassen: "Heroes work here" (deutsch: "Hier arbeiten Helden"). Aufnahme vom 17. Januar 2021. (© picture-alliance/AP, Keith Srakocic)

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Gabriel Winant

Gabriel WinantProfessor Gabriel Winant (© Gabriel Winant)
Gabriel Winant ist Geschichtsprofessor an der University of Chicago. Er forscht hauptsächlich über den Arbeitsmarkt, wirtschaftliche Ungleichheit und den Kapitalismus in den USA. Sein erstes Buch "The Next Shift: The Fall of Industry and the Rise of Health Care in Rust Belt America" ist im März erschienen. Derzeit arbeitet er an seinem zweiten Buch.

Herr Winant, in den vergangenen Jahren strömten Reporterinnen und Reporter aus aller Welt in den Rust Belt, um von überwiegend weißen, überwiegend männlichen Industriearbeitern mehr über die Probleme der Arbeiterklasse zu erfahren. Sie beschreiben in Ihrem Buch The Next Shift die Entstehung einer neuen arbeitenden Klasse, die sich hauptsächlich aus Women of Color in Pflegeberufen zusammensetzt und die zahlenmäßig die Kohlekumpel und Stahlkocher längst abgehängt hat. Haben die Medien die eigentliche Geschichte verpasst?

Interessanterweise treffen die Reporterinnen und Reporter in überraschend vielen solcher Geschichten aus ehemaligen Kohle- oder Stahlstädten auf ehemalige Industriearbeiter, die heute im Pflegesektor arbeiten. Das ergibt auch Sinn. Es gibt heute mittlerweile schließlich viel mehr Pflegehelfer als Kohlekumpel. Sie sind zwar selten der Fokus solcher Artikel, aber sie können rein zahlenmäßig nicht mehr ignoriert werden.

Sie beschreiben das Phänomen am Beispiel der ehemaligen Stahlmetropole Pittsburgh, wo früher 20 Prozent der Arbeitskräfte in der Schwerindustrie beschäftigt waren. Heute sind es 20 Prozent im Gesundheitssektor. Warum steht diese neue arbeitende Klasse trotz ihrer Größe nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit?

Die arbeitende Klasse verändert ihre Zusammensetzung ständig. Sie bildet sich durch den Arbeitsmarkt, der historisch betrachtet immer wieder kreative Zerstörung durchläuft. Das kulturelle Bild der arbeitenden Klasse wandelt sich allerdings viel langsamer. Das hängt auch damit zusammen, dass beispielsweise die politischen Ziele von Gewerkschaften oft darauf zielen, bestimmte Transformationen zu bremsen. Vereinbarungen zwischen Betriebsführung und Belegschaft zielen oft darauf ab, den Boss daran zu hindern, einfach so Prozesse und Arbeitsbedingungen zu verändern. Das bedeutet aber auch, dass es immer eine Verzögerung gibt, wer als Teil der arbeitenden Klasse anerkannt wird. Der niedrige Organisationsgrad von Arbeiterinnen und Arbeitern in der Privatwirtschaft verlangsamt, dass die Beschäftigten in der neuen arbeitenden Klasse Teil dieses Prozesses werden.

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Pittsburgh, Pennsylvania

Kaum ein anderer Ort verkörpert die Transformation der US-Wirtschaft besser als Pittsburgh. Die Stadt im westlichen Pennsylvania entwickelte sich im 19. Jahrhundert durch ihre Lage an mehreren Flüssen und Rohstoff-Vorkommen zum wichtigsten Zentrum der US-Schwerindustrie, insbesondere der Stahlproduktion. 1910 wurden 60 Prozent des US-amerikanischen Stahls in Pittsburgh produziert. Das zog viele Arbeitskräfte an, die sich schließlich im Zuge der New-Deal-Gesetzgebung in den 1930er-Jahren in Gewerkschaften organisierten. Doch mit dem Niedergang der Schwerindustrie rutschte auch die Stadt in eine Krise. 1950 lebten noch über 670.000 Menschen in Pittsburgh, mittlerweile hat sich die Bevölkerung mehr als halbiert. Anstatt auf gut bezahlten Industriejobs beruht die örtliche Wirtschaft heute vor allem auf Dienstleistungen zu deutlich niedrigeren Löhnen. Mitte des 20.Jahrhunderts arbeitete rund 20 Prozent der Arbeitskräfte in der Region in Jobs in Werken und Fabriken. Heute arbeiten rund 20 Prozent im Gesundheitssektor – inflationsbereinigt zu deutlich niedrigeren Löhnen. Das Median-Haushaltseinkommen in der Stadt ist von 1950 bis heute in 2021-Dollars von knapp 38.000 Dollar im Jahr auf gut 48.000 Dollar im Jahr gestiegen. Damals war in der Regel jedoch nur ein Haushaltsmitglied berufstätig – üblicherweise der Mann. Heute sind Doppelverdienerhaushalte die Norm.

Der Niedergang der Schwerindustrie und der Aufstieg des Dienstleistungssektors ist allerdings keine neue Entwicklung. Warum aber ist es für die arbeitende Klasse des Dienstleistungssektors – also Pflegekräfte und andere Beschäftigte im Gesundheitswesen – so schwer, sich Anerkennung zu verschaffen?

Das hat auch strukturelle Gründe. Zu New-Deal-Zeiten in den 1930er-Jahren schuf die Regierung einen rechtlichen Mechanismus, der Unternehmen verpflichtete, Gewerkschaften anzuerkennen. Das entsprechende Gesetz war allerdings so gestaltet, dass es gut auf große Strukturen anzuwenden war. Ein ganzes Stahlwerk, eine ganze Autofabrik oder gleich einen ganzen Industriezweig. Das war damals revolutionär, heute ist es angesichts eines fragmentierten Arbeitsmarkts zur Belastung geworden. Denn es hält die Arbeitskräfte beispielsweise in Pflegeberufen davon ab, sich besser zu organisieren.

Es fällt auf, dass sich die Arbeitenden im Pflege- oder Medizinsektor demografisch von dem Industrieproletariat der Vergangenheit deutlich unterscheiden: von überwiegend weißen Männern zu überwiegend Women of Color. Welche Auswirkungen hat diese Veränderung?

Auch das hat tiefe Wurzeln. Viele New-Deal-Gesetze schlossen beispielsweise Landarbeiterinnen und -arbeiter sowie Hausangestellte explizit aus – und damit Berufsgruppen, die einen hohen Anteil an Schwarzen oder Latinx hatten. Später kamen noch Pflegeberufe hinzu. Diese Sektoren haben sich also am Rand des Arbeitsmarkts entwickelt und zogen Arbeitskräfte an, die über den geringsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss verfügten – und damit in vielen Fällen Frauen und Angehörige von Minderheiten. Die Deindustrialisierung hat diesen Trend noch verschärft. Die zum großen Teil männlichen und weißen ehemaligen Industriearbeiter suchten nach neuen Jobs. Viele landeten in der Logistikbranche – also in Warenhäusern von Amazon. Dadurch wurde eine Abwärtsspirale auf dem Arbeitsmarkt in Gang gesetzt, in der viele Menschen plötzlich nach einem schlechteren Job Ausschau halten müssen. Neue Jobs entstehen vor allem in den Teilen der Wirtschaft, wo Arbeitsrechte kaum vorhanden sind und um die sich nicht durch erfolgreiche Streiks oder Arbeitskämpfe nachhaltige Identitäten aufgebaut haben.

Wie wichtig ist das Herausbilden einer solchen Klassenidentität?

Sehr wichtig. Heute gibt es kein eindeutiges kulturelles Bild der arbeitenden Klasse mehr, mit dem ihre Mitglieder ihre eigenen Erfahrungen abgleichen könnten. Das war früher anders. Mitte des 20. Jahrhunderts waren Arbeiter noch die Hauptfiguren in vielen Fernsehsendungen. Das änderte sich später mit "Friends" (1994–2004) oder "Seinfeld" (1989–1998) [populären TV-Titeln über die Mittel- und Oberschicht, Anm. d. Red.]. Kulturelle Symbole der neuen arbeitenden Klasse gibt es noch nicht – und das hat viel mit race und gender zu tun. Der Schatten der alten Klassenidentität – jener des weißen männlichen Stahlarbeiters – hängt über den Darstellungen der neuen.

Sie erwähnten die Notwendigkeit erfolgreicher Arbeitskämpfe für die Herausbildung einer solchen Identität. Warum gelingt das der neuen arbeitenden Klasse nicht?

Sie haben dafür schlicht nicht den richtigen Hebel. Die Arbeiterinnen und Arbeiter einer Auto-Fabrik konnten in den 1930er-Jahren mit einem Streik ihr ganzes Werk stilllegen und damit hohe Kosten für die Betriebe verursachen. Das ist in Pflegeberufen schwieriger. Der Sektor ist weniger kapitalintensiv, Arbeitskräfte sind leichter zu ersetzen. Hier ist die Abwärtsspirale zu spüren, von der ich vorhin gesprochen habe. All das bedeutet, dass es für Arbeitskräfte in diesen Sektoren schwieriger ist, durch wirtschaftliche Konfrontation Siege zu erkämpfen. Dieser Prozess ist aus meiner Sicht für die Entwicklung einer gemeinsamen politischen Identität aber wichtig.

In der Pandemie wurden Pflegekräfte allerdings zunehmend als systemrelevant, als essential workers wahrgenommen. Zeigt das nicht, dass es Schmerzpunkte gibt, die auch diese Berufsgruppe für sich nutzen könnte?

Man hört durchaus, dass Gewerkschaften im Gesundheitsbereich derzeit mehr Anrufe bekommen, und ich hoffe, dass daraus größere Klassenauseinandersetzungen in diesen Wirtschaftszweigen folgen werden. Aber ich denke auch, dass die Erfahrung der Pandemie für viele Arbeitskräfte im Gesundheitssektor ambivalent war. Zu Beginn hat es ihnen etwas bedeutet, als essential zu gelten. Der Begriff reflektierte ihren Mut und die Opfer, die sie gebracht haben. Aber nach Monaten ohne die passende Ausrüstung, nach gebrochenen Versprechen des Managements und ausbleibenden Gehaltszulagen klingt der Begriff für viele nur noch leer. In jedem Krankenhaus und Pflegeheim gibt es Geschichten über fehlendes Personal und erkrankte und verstorbene Kolleginnen und Kollegen. Und die Reaktion der Chefetage ist zumeist, den Heroismus der Belegschaft verbal zu würdigen und eine Runde Pizza auszugeben. Das ist beleidigend und wird auch so wahrgenommen. Aus diesem Widerspruch könnte eine gemeinsame Identität entstehen. In der Regel geschieht das jedoch erst, wenn die Arbeitenden ihre Unzufriedenheit gemeinsam artikuliert haben.

Das geschieht in den USA allerdings kaum noch. Die Gewerkschaften sind – außerhalb des öffentlichen Dienstes – denkbar schwach…

Das ist wirklich ein Problem. Auch im öffentlichen Sektor haben die Gewerkschaften einige Rückschläge einstecken müssen. In der Privatwirtschaft sind vielleicht noch fünf Prozent der Arbeitskräfte organisiert. Das macht es schwer, denn viele Arbeitskräfte haben keinerlei Erfahrung mehr mit Gewerkschaften. Zuletzt gab es Bestrebungen, die Beschäftigten in einem Lagerhaus von Amazon in Alabama zu organisieren – und das ist am Widerstand des Unternehmens gescheitert. Die Betriebe müssen nicht einmal mehr sonderlich überzeugend sein, um Arbeitskräfte von einer Gewerkschaft abzubringen. Sie müssen nur Unsicherheit schaffen. Denn sich zu organisieren bedeutet, gemeinsam ein Risiko einzugehen – und dafür braucht es Vertrauen. Ohne Vorbilder ist das schwierig. Wenn es allerdings Erfolge gibt, dann strahlen diese schnell aus. In West Virginia beispielsweise haben 2018 Lehrerinnen und Lehrer gegen ihre Arbeitsbedingungen gestreikt. Bald darauf gab es ähnliche Aktionen in rund zehn anderen Bundesstaaten. Die Leute müssen sehen, dass es funktionieren kann.

Welche Rolle spielen Geschlechterverhältnisse in diesem Prozess? Sogar Barack Obama sprach von Pflegeberufen einmal als "Women’s Work", die viele Männer nicht als identitätsstiftend wahrnehmen würden…

Das ist leider immer noch wahr. Und das hat natürlich Auswirkungen auf die Möglichkeiten dieser Gruppe. Sie rekrutiert sich nun einmal größtenteils aus Menschen, die bisher nicht die Macht im politischen System der USA hatten. Alltäglicher Sexismus und Rassismus beeinflusst, wie über die Beschäftigten in diesen Sektoren nachgedacht wird. An sie werden Erwartungen gestellt, servil zu sein und ihre Aufgaben klaglos zu erfüllen. Gerade in der ambulanten Pflege zeigt sich das deutlich. Mehr als 85 Prozent der Jobs in diesem Bereich werden von Frauen ausgeführt, der Großteil von ihnen Women of Color. Und man hört ständig Geschichten darüber, dass sie von Patientinnen und Patienten mit Vorurteilen überzogen werden. Das ergibt sich auch aus der Logik eines privatisierten Pflege-Systems, das eine hierarchische Beziehung zwischen Patientin bzw. Patient und Pflegekraft geradezu erzwingt. Hinzu kommt, dass Pflegekräfte von der Gesellschaft auch aufgrund ihrer Identität lange als kollektiv verfügbarer Pool betrachtet wurden – und nicht als Individuen, mit denen man ordentlich umgehen sollte. Daraus ist ein gewisses kollektives Selbstverständnis erwachsen, das sich von der Erfahrung der Industriearbeiter allerdings deutlich unterscheidet.

Zurück zum Beispiel Pittsburgh: Die Stadt beheimatet ja auch erstklassige Universitäten und konnte einige Hightech-Unternehmen anziehen. Lässt sich die Transformation der Stadt also auf andere Teile des Rust Belts übertragen?

Die Zahl der Jobs, die Tech-Unternehmen in die Stadt gebracht haben, ist überschaubar. Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass auch Pittsburgh eine massive Wandlung hinter sich hat. Die Einwohnerzahl ist heute nur noch halb so hoch wie in den 1950er-Jahren. Sie ist von über 670.000 auf rund 300.00 gesunken. Und wenn man das Umland mit einbezieht, sieht es noch düsterer aus. Pittsburgh hat vor allem Glück, dass die Stadtgrenze verläuft, wo sie verläuft. Die verfallenen Vorstädte, in denen heute teils noch 3.000 Menschen leben, wo früher noch 50.000 wohnten und arbeiteten, tauchen in den Wirtschaftszahlen von Pittsburgh schlicht nicht auf. Betrachtet man also die Region und nicht nur die Stadt, geht es Pittsburgh nicht viel besser als beispielsweise Detroit.

Kann die Transformation der arbeitenden Klasse von der Schwerindustrie hin zum medizinischen Pflegebereich den Rust Belt aus der Krise holen?

Ich denke schon, aber es liegt an der Politik. Die Sektoren, in denen die neue arbeitende Klasse beschäftigt ist, ist eng mit dem Staat verknüpft. Wenn die Regierung die staatlichen Krankenversicherungsprogramme Medicare und Medicaid und den Pflegesektor stärkt, dann hat das sehr konkrete Auswirkungen auf das Leben der dort Beschäftigten und damit auf die Region. Es geht hier immerhin um Billionen von Dollar. Man könnte sich Lösungen vorstellen, die das Leben der Bevölkerung wirklich verändern, etwa eine bessere öffentliche Förderung oder Auflagen, die das Lohnniveau der Beschäftigten erhöhen würden. Davon würden nicht nur die Arbeitskräfte profitieren, sondern auch die Patientinnen und Patienten.

Ist es der Demokratischen Partei bereits gelungen, in dieser Schicht neue Wählerinnen und Wähler zu erschließen – etwa bei der Wahl von Joe Biden im vergangenen Herbst?

Der organisierte Teil der neuen arbeitenden Klasse ist wesentlich für den Zusammenhalt der Demokraten. Die Gewerkschaft der Hotelangestellten spielte bei der Präsidentschaftswahl etwa in den meisten Swing States eine entscheidende Rolle. Viele Mitglieder bleiben allerdings eher passiv. Die meisten Menschen im Niedriglohnsektor sind nicht organisiert. Und selbst die, die es sind, bringen sich häufig nicht aktiv in ihre Gewerkschaften ein. Eine gut organisierte und kämpferische Dienstleistungsklasse wäre viel unabhängiger von Politikerinnen und Politikern der Demokratischen Partei. Das Machtverhältnis würde sich umkehren.

Dieses Interview wurde redaktionell bearbeitet und gekürzt.


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